Hallo Freunde

Hier findet ihr hunderte Gute Nacht Geschichten, die ich für euch zum Vorlesen oder selber schmökern geschrieben habe. Egal, ob ihr etwas mit Prinzessinnen, Kindern, Tieren, Cowboys, Weltraumabenteuern oder anderen spannenden Geschichten sucht, hier werdet ihr bestimmt etwas Passendes finden.

Solltest du einmal keine passende Geschichte zu einem Thema deiner Wahl gefunden haben, dann entschuldige ich mich jetzt schon dafür. Um dir so schnell wie möglich deine Wunschgeschichte nachzuliefern, melde dich einfach bei mir. Ich schreibe nämlich auch „auf Bestellung“. Alles Weitere dazu findest du hier.

In dieser Sammlung befinden sich derzeit:
553 Geschichten, 6 Podcasts, 29 Hörgeschichten
und es kommen regelmäßig Neue hinzu. Sie sind alle im Inhaltsverzeichnis nach Kategorien sortiert, damit du schneller findest, was du gerade suchst.
Und nun viel Spaß beim Lesen.

Der Marco


Aktuelle Geschichte: 553. Das kleine Geschenk

Letztes Update: Mittwoch, 07.12.2016

Der Adventskalender 2016
Hier findest du ab dem 1. Dezember jeden Tag eine neue Weihnachtsgeschichte. Insgesamt 26 Stück. Damit hast du nicht nur bis zum Heiligabend jeden Tag etwas zum Lesen, Vorlesen oder Zuhören, sondern für die Feiertage auch noch.Komm einfach täglich vorbei und klick dich rein in meine wundervolle Weihnachtswelt.

Adventskalender 2016

553. Das kleine Geschenk

Das kleines Geschenk

Am Nordpol liefen die Weihnachtsvorbereitungen auf Hochtouren. In der Wichtelwerkstatt des Weihnachtsmanns liefen sekündlich große und kleine Geschenke vom Band, die seine Wichtel in liebevoller Arbeit hergestellt und wunderschön verpackt hatten. Nach und nach wurden sie alle in den großen Sack, der sich bereits auf dem Weihnachtsschlitten befand, geladen.
Seit Anfang Dezember gab es kaum noch Pausen. Ständig kamen mit der Post neue Wunschzettel von Kindern auf der ganzen Welt. Jedes von ihnen hatte einen ganz besonderen Wunsch, der erfüllt werden wollte.
Rund um die Uhr lasen die Wichtel Briefe der Kinder und gaben neue Geschenke in Auftrag.
Der Weihnachtsmann saß derweil in einem großen Ohrensessel in seinem Büro und blätterte in seinem goldenen Buch. Dort drin standen die Namen aller Kinder. Jedes von ihnen würde er besuchen. Jedem würde ein Geschenk mitbringen. Die artigen Kinder bekamen große Geschenke, die nicht ganz so artigen Kinder bekamen kleine Geschenke. Bestraft, wie es manche Eltern gern vor Weihnachten erzählten, wurde natürlich kein einziges Kind. Weihnachten sollte auch in Zukunft das Fest der Liebe, der Familie und der Freude sein und kein Fest der Angst.
Ungeduldig warf der Weihnachtsmann einen Blick auf die kleine Uhr, die auf dem Schreibtisch vor ihm stand. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Schon in wenigen Stunden musste er sich auf den Weg machen. Also stand er auf, steckte das goldene Buch in seine große Manteltasche und begab sich auf einen Rundweg durch die Wichtelwerkstatt. Alles lief ordnungsgemäß nach Plan. Fast alle Geschenke waren bereits fertig. Das ließ er sich auch noch einmal von seinem Oberwichtel bestätigen.
»Wir liegen voll und ganz im Zeitplan, Chef. Weihnachten kann kommen. In einer Stunde wird der Sack gefüllt sein. Dann spannen wir die Rentiere an und du kannst starten. Es gibt dieses Jahr allerdings ein kleines Problem.«
Er holte hinter sich ein kleines Geschenk hervor.
»Dieses kleine Geschenk ist vom Fließband gefallen und hat wohl seinen Namenszettel verloren. Wir haben bereits alle Listen und Wünsche kontrolliert, finden aber nicht heraus, für welches Kind es bestimmt ist. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als dass du es mit nimmst und schaust, welches Kind am Ende übrig bleibt.«
Der Weihnachtsmann nickte. Leichte Aufgabe. Das sollte er mit Links schaffen. Es hatte noch kein einziges Weihnachtsfest gegeben, an dem er nicht alle Kinder glücklich gemacht hatte. Also machte er sich auf seinen langen und anstrengenden Weg.
Sein Flug ging um die ganze Welt. Von einem Land zum nächsten, von Stadt zu Stadt und von Haus zu Haus. Überall kletterte er durch die Kamine und legte Geschenke für die Kinder unter die Weihnachtsbäume.
Der Geschenkesack wurde von Stunde zu Stunde leerer, bis er zum Ende der Nacht komplett ausgeräumt war. Zufrieden warf der Weihnachtsmann noch einen Blick in sein goldenes Buch. Er hatte jedes einzelne Kind beschenkt. Er war fertig und konnte nach Hause zurück.
Doch dann fiel ihm etwas ein. Da war noch das kleine Geschenk, das keinen Namenszettel trug. Der Weihnachtsmann strich sich nachdenklich über den Bart.
»Du scheinst niemandem zu gehören. Ich habe kein Kind vergessen. Sehr seltsam ist das. Ich nehme dich erstmal mit. Vielleicht haben meine Wichtel mittlerweile etwas über dich heraus gefunden.«

Als der Weihnachtsmann endlich zu Hause war, fand er keinen seiner Wichtel in seiner Werkstatt vor. Sie hatten so lange und viel gearbeitet, dass sie wohl schon alle in ihren Betten lagen. Sie hatten es sich mehr als verdient.
Ein Grinsen stahl sich auf das Gesicht des Weihnachtsmanns. Er sah wieder auf das kleine Geschenk.
»Weißt du was? Ich nehm dich einfach mit zu mir. Du wirst mein persönliches Weihnachtsgeschenk – das erste, dass ich mir in der langen Zeit als Weihnachtsmann gönne.«
Voll Vorfreude ging er in sein Haus, setzte sich in seinen gemütlichen Sessel und stellte das kleine Geschenk vor sich auf den Tisch. Stundenlang besah er sich die glänzende Verpackung und genoss diesen Anblick. Er bekam nicht genug von den vielen Gedanken, was sich im Innern befinden könnte.
Irgendwann hielt er die Spannung nicht mehr aus. Er öffnete die Verpackung, sah hinein und freute sich über sein Geschenk wie kein Mensch zuvor.
Zur gleichen Zeit wurde er durch ein Fenster beobachtet. Draußen im Schnee stand sein Oberwichtel, der vor sich hin grinste. Sein Plan war aufgegangen. Schon oft hatte er versucht, den Weihnachtsmann zu beschenken. Jedes Jahr hatte dieser aufs Neue sein Geschenk abgelehnt.
»Die Geschenke sind für die Kinder gedacht.«, war immer wieder seine Ausrede gewesen.
Aber nun hatte der Oberwichtel endlich einmal Glück gehabt. Davon musste er gleich den anderen Wichteln erzählen.

(c) 2016, Marco Wittler

552. Der Nikolaus kommt in unser Haus

Der Nikolaus kommt in unser Haus

Finn lag in seinem Bett und hatte Angst. Große Angst sogar.
Er dachte über die letzten Monate nach. Zu oft hatte er auf Mama und Papa nicht gehört. Zu oft hatte er seine große Schwester geärgert. Und viel zu oft hatte er in der Schule gequatscht und Blödsinn gemacht, statt seinen Lehrern zuzuhören. Würde er heute dafür Ärger bekommen?
Unruhig wälzte er sich im Bett hin und her. An Schlaf war überhaupt nicht zu denken.
Da! Ein Geräusch! War er das?
Finn schluckte. Sein Herz pochte bis in seinen Hals hinein. Ein unangenehmes Gefühl.
»Ich muss was tun.«, flüsterte er zu sich selbst.
Unsicher stand er aus seinem Bett auf, schlich sich durch die Wohnung bis zum Flur. Dort öffnete er die Tür und spähte nach draußen.
Er hatte richtig gehört. Auf der Treppe war jemand. Ein Fremder mühte sich Stufe für Stufe nach oben.
»Er kommt!«, war sich Finn mehr als sicher und machte sich auf alles gefasst.
Und schon kam er um die letzte Ecke. An seinem Mantel erkannte ihn Finn sofort: Der Nikolaus. Schwer atmend stützte sich dieser auf seinem Stab auf. Immer wieder machte er Pausen. Doch schließlich erklomm er auch die letzte Treppenstufe und stand Finn mit ernstem Gesicht gegenüber.
»So so.«, sagte er in ruhigem Ton. »Da steht der Finn, den ich suche, gerade vor mir und wartet schon auf mich.«
Finn schluckte. Er sah unsicher auf den Boden. Seine Hände zitterten. Was sollte er jetzt sagen? Was sollte er tun? Würde er ein paar Schläge mit der Rute auf den Hintern bekommen, wie es ihm Mama immer wieder angedroht hatte? Tränen quollen aus seinen Augen hervor.
»Es tut mir Leid, Nikolaus.«, versuchte er sich zu entschuldigen. »Ich weiß, dass ich kein artiges Kind war. Ich weiß auch nicht, was dieses Jahr mit mir los war. Aber ich will das alles wieder gut machen. Ich werde immer auf meine Eltern hören. Ich werde mich bei Lina entschuldigen und sie nie wieder ärgern. Und in der Schule werde ich ab heute viel besser aufpassen.«
Der Nikolaus kniete sich vor dem Jungen nieder und grinste.
»Ja sowas. Das hätte ich gar nicht erwartet. Es freut mich immer sehr, wenn ein Kind seine Fehler einsieht und sich bessern möchte. Das freut mich wirklich sehr.«
Finn sah nun das erste Mal auf und seinem Gegenüber direkt ins Gesicht.
»Ich bekomme also nicht die Rute?«
Der Nikolaus bekam einen ernsten Gesichtsausdruck.
»Rute? Wer hat dir denn so einen Blödsinn erzählt? Eine Rute? Wer macht denn sowas? Ich haue keine Kinder. Nein, nein. Vergiss diesen Blödsinn.«
Er richtete sich wieder auf.
»Das erzählen viel zu viele Eltern ihren Kindern. Dabei besitze ich nicht mal eine Rute. Nein, nein, nein.«
Er öffnete seinen Sack und holte einen Schokoladennikolaus daraus hervor, den er Finn in die Hand drückte.
»Der ist für dich. Ich bereite Kindern lieber Freude, als ihnen etwas auf den Hintern zu geben. Aber nur die artigen Kinder bekommen ein Geschenk von mir – oder diejenigen, die bereit sind, ihre Fehler einzugestehen und sich zu bessern. Das ist mir dann selbst immer eine sehr große Freude.«
Finn lächelte und bedankte sich.
»Ich verspreche dir, dass ich von nun an ein artiges Kind sein werde.«
Dann verabschiedeten sie sich voneinander. Der Nikolaus packte seinen Sack zurück auf die Schulter und ging die Treppe wieder hinunter. Finn schlich zurück in sein Bett und konnte endlich ruhig und glücklich schlafen.

(c) 2016, Marco Wittler

551. Der weise Wal erklärt Weihnachten

Der weise Wal erklärt Weihnachten

An einem kalten Dezembertag liefen die Menschen schnellen Schrittes durch die verschneiten Straßen. so geschäftig und gestresst sah man sie nicht oft im Jahr. Das fiel sogar den kleinen Fischen auf, die regelmäßig in das nahe Hafenbecken schwammen, um die Menschen zu beobachten. Und jedes Mal, wenn sie etwas nicht verstanden, kehrten sie zurück ins Meer um den weisen Wal zu fragen, der schon die ganze Welt bereist und schon alles einmal gesehen hatte.
»Weiser Wal, wir haben die Menschen in der Stadt beobachtet.«, begannen die Fische ihre Frage. »Wir haben uns sehr gewundert, weil sie plötzlich so beschäftigt sind, auf den Straßen der Stadt hin und her laufen und ihre Bäume vom Wald in die Häuser holen. Sind die Menschen verrückt geworden? Sind sie vielleicht krank oder stimmt etwas nicht mit ihnen?«
Der weise Wal lächelte. »Bevor ich euch auf eure Frage eine Antwort geben kann, muss ich eine Weile darüber nachdenken.«
Dann schloss er seine Augen und ließ sich ein paar Stunden mit der Strömung des Meeres treiben.
Irgendwann öffnete er seine Augen wieder und sah die kleinen Fische, die geduldig gewartet hatten, der Reihe nach an.
»Wir haben eine ganz besondere Zeit. Das Weihnachtsfest steht bei den Menschen an. Sie stellen sich Bäume in ihre Häuser, schmücken sie rundherum, singen Lieder und machen sich gegenseitig Geschenke. Die Vorbereitungen kosten viel Zeit. Deswegen sind sie so gestresst.«
»Was ist denn dieses Weihnachten? Warum feiern die Menschen dieses Fest?«, kam sofort die Frage.
»Auch darüber muss ich wieder eine Weile nachdenken.«
Wieder warteten die kleinen Fische geduldig. Sie wussten, dass der weise Wal erst nach dem richtigen Wissen in seinem Kopf suchen musste. Also trieben sie gemeinsamen mit der Strömung.
»Weihnachten ist für die Menschen ein ganz besonderes Fest. Sie feiern ein Ereignis, dass schon sehr lange zurück liegt, für sie aber noch immer sehr wichtig ist.«
»Kannst du uns davon erzählen?«
Der weise Wal lächelte und begann zu erzählen.

Es begab sich aber zu der Zeit, als Kaiserfisch Augustus Herrscher aller bekannten Meere war. Da erließ er ein Gesetz, dass jeder Bewohner der Meere in seine Heimat zurückkehren sollte, um sich zählen zulassen. so wollte der große Kaiserfisch feststellen, wie viele Bewohner zu seinem Reich gehörten.
Zur gleichen Zeit bekam der Herrscher des östlichen Mittelmeeres, Königsfisch Herodes unerwarteten Besuch von drei weisen Walen, die ihn nach dem rechten Weg fragen wollten.
»Wohin führt euch euer Weg, wenn nicht in den prunkvollen Königspalast?«, wollte Herodes wissen.
»Wir sind auf der Suche.«, erklärte einer der drei Weisen. »Wir beobachteten einen ungewöhnlichen, leuchtenden Seestern. er kündigte uns einen neuen König an, der in diesen Tagen geboren wurde. Er wird eines Tages über dieses Reich herrschen. Nach ihm suchen wir.«
Der Königsfisch war erstaunt und erbost zugleich. Ein neuer König? Ein König, der über sein Reich herrschen sollte? Nein! Das konnte Herodes nicht zulassen.
Trotz seiner Wut behandelte er die weisen Wale freundlich. Er nahm sie mit sich vor seinen Palast und zeigte ihnen den Weg. Dieser war aber falsch, denn er sollte die Weisen direkt in eine tote Einöde führen, aus der es kein Zurück gab.
Kurz darauf rief Herodes seine Soldatenfische zu sich. er gab ihnen den Auftrag, nach dem neuen König zu suchen und zu töten.
Die weisen Wale hingegen hatten den freundlichen Worten des Königsfischs sofort misstraut. Sie hatten sich nicht in die Einöde schicken lassen. Stattdessen folgten sie weiter dem leuchtenden Seestern. Nicht lange danach trafen sie in einer kleinen Stadt ein, die völlig überfüllt war.
Zu dieser Zeit waren viele Meeresbewohner gekommen, um sich zählen zu lassen. Zwei kleine, einfache Fische gehörten ebenfalls dazu, eine Frau und ein Mann. Für die beiden war der weite Weg hierher besonders mühsam gewesen, denn sie hatten auf ihren Nachwuchs gewartet, der nun endlich geboren worden war. Nur zu gern hätten sie eine gemütliche Unterkunft gefunden, um in ihr die Nächte zu verbringen. Aber jedes einzelne Koralle war bereits vergeben. Aus diesem Grund waren sie in einem einfachen, alten Schneckenhaus untergebracht, das hier und da schon erste Risse und Löcher hatte Zwischen Kuh- und Ziegenfischen lagerten sie.
Eng war es hier. Die Tiere standen dicht an dicht. Für das winzige, neu geborene Fischlein blieb nur ein kleiner Platz: ein einfacher Futtertrog.
Und genau zu diesem Ort geleitete der leuchtende Seestern die drei weisen Wale. Andächtig und ergriffen schwammen sie um das Schneckenhaus herum. Durch die einzelnen Löcher warfen sie immer wieder einen Blick ins Innere.
»Wir sind gekommen, um den neu geborenen König zu huldigen. Wir sind gekommen, um den neuen König des östlichen Mittelmeeres und aller Ozeane der Welt und Ehre zu erbieten.«, sagten sie mit sanfter Stimme.
Die beiden Fische kamen hervor und sahen die Wale an.
»Ihr müsst euch getäuscht haben, ihr weisesten Bewohner der Meere. Hier in diesem alten Schneckenhaus gibt es nur ein paar Tiere und uns einfache Fische. Einen König werdet ihr hier vergebens suchen.«
Da begannen die Wale zu erzählen. Sie berichteten vom leuchtenden Seestern, der ihnen den Weg gewiesen hatte. Sie berichteten von ihren Seesterndeutungen, die ihnen die Geburt eines neuen und großen Königs angekündigt hatten. Einem König, der über alles, was im Meer lebte, herrschen würde und das er von ganz gewöhnlicher Herkunft wäre.
Die beiden Fische waren überrascht. Aber sie glaubten den Walen. Sie brachten das Neugeborene vor die Tür. Die Wale verbeugten sich vor dem kleinen Fischlein und überreichten ihm wertvolle Geschenke: goldene Muschelschalen, edlen Seetang und teure Seegrasblätter.
In diesem Moment kamen immer mehr Meeresbewohner der nahen Korallen heran. Sie alle hatten davon gehört, dass ein König unter ihnen weilte. Sie alle wollten ihn sehen und sich vor ihm verbeugen.
Die Mutter des kleinen Fisches behielt alles, was sie an diesem Abend sah und hörte, in ihrem Herzen und würde es nie vergessen.

»So ist das damals gewesen.«, beendete der weise Wal seine Erzählung. »So oder so ähnlich. Die Menschen erzählen sich diese Geschichte vielleicht ein wenig anders.«
»Und deswegen feiern die Menschen dieses großartige Fest?«, fragten die kleinen Fische.
»Ja.«, antwortete der Wal. »Jedes Jahr um diese Zeit feiern sie den neu geborenen König. Den König, der über uns alle wacht und uns beschützt. Egal wer wir sind. Ob Mensch, ob Fisch, ob Seestern oder kleine Muschel. Ob wir schwarz sind oder weiß, rot oder blau, grün gestreift oder blau gepunktet. Ob wir aus dem Meer stammen oder dem fernen Ozean, ob wir aus einem großen Strom kommen, einem Bach oder einem kleinen Tümpel. Dieser König liebt uns alle, egal wer wir sind, woher wir stammen oder wie wir aussehen.«
Die kleinen Fische sahen sich an und grinsten.
»Dann werden wir ab jetzt auch ein großes Weihnachtsfest feiern und uns über die Geburt des großen Königs aller Lebewesen freuen.«
Sie schwammen auseinander und sammelten alle Seesterne die sie finden konnten. Damit schmückten sie einen großen Seetangbusch und begannen Weihnachtslieder zu singen, die sie bei den Menschen gehört hatten.

(c) 2016, Marco Wittler

550. Der Schneesturm

Der Schneesturm

Es war einmal an einem sehr kalten Weihnachtsabend.
Zuhause hatte Mama bereits alle ihre Vorbereitungen abgeschlossen. Der Baum war festlich geschmückt. An jedem Ast glitzerten und glänzten bunte Glaskugeln, Sterne und Lametta, zwischen denen immer wieder Strohsterne hingen und kleine Weihnachtsfiguren. Rundherum war eine Lichterkette gespannt, die das Wohnzimmer in ein warmes Licht tauchte.
Auf dem Herd dampften die Töpfe und der Ofen wachte über einen leckeren Braten.
Die Kinder saßen aufgeregt in ihren Zimmern. Sie lasen sich noch einmal die Gedichte durch, die sie vor der Bescherung aufsagen wollten.
Der einzige, der jetzt noch fehlte, war Papa.
Papa hatte, nicht wie in den letzten Jahren, frei bekommen. Bis zum Mittag hatte er gearbeitet und war nun mit dem Auto unterwegs nach Hause. Die lange Fahrt quer durchs Land sollte er bald geschafft haben.
Doch dann klingelte im Flur das Telefon.
Max hörte es in seinem Kinderzimmer. Er öffnete die Tür, stürmte die Treppe hinunter und nahm das Gespräch entgegen.
»Hallo, hier spricht Max. Wer ist dort am anderen Ende der Leitung?«
Inzwischen waren auch seine kleine Schwester Lea und Mama hinzu gekommen.
»Wie?«, fragte Max nach.
»Was? … Hm! … Achso! … Ehrlich? … Na gut. … Wann? … In Ordnung.«
Er legte auf und atmete einmal tief durch, bevor er den anderen erzählte, was er gerade gehört hatte.
»Das war Papa. Auf der Autobahn liegt viel Schnee und es geht nur langsam voran. Überall sind lange Staus. Er kommt etwas später nach Hause. Er versucht aber, einen anderen Weg zu finden, damit er rechtzeitig zum Essen da ist.«
Mama warf einen Blick auf die Wanduhr. »Das wird aber knapp. Ich bin mit dem Essen schon fast fertig. Hoffentlich fährt er vorsichtig und braucht nicht mehr zu lange.«

Die Zeit verging. Immer wieder sahen Mama und die Kinder auf die Uhr. Bei jedem Geräusch auf der Straße sahen sie zum Fenster heraus. Aber Papas Auto war nirgendwo zu sehen.
»Hoffentlich ist er nicht irgendwo im Stau stecken geblieben.«, machte sich Lea große Sorgen. »Im Fernsehen war mal ein Bericht über eine gesperrte Autobahn. Da mussten dann Helfer Decken und warmen Tee an die Autofahrer verteilen, damit sie nicht erfrieren. Die kamen erst drei Tage später zu Hause an. Könnt ihr euch das vorstellen?«
Vorstellen wollten sich Mama und Max so etwas ganz gewiss nicht. Sie wollten Papa zu Hause haben.

Zur gleichen Zeit saß Papa hinter seinem Lenkrad und kam nur noch sehr langsam vorwärts. Wie wild flogen dicke Schneeflocken um sein Auto herum. Die weiße Decke auf der Straße wurde immer dicker. Die Reifen drehten immer wieder durch.
»Mist.«, fluchte Papa. »Wäre ich doch bloß im Stau auf der Autobahn geblieben. Vielleicht wäre ich dann schon zu Hause.«
Stattdessen hatte er eine Abfahrt genommen, um sich einen Heimweg über eine Landstraße zu suchen. Doch hier war das schlechte Wetter, dass mittlerweile ein echter Schneesturm geworden war, noch schlimmer.
Irgendwann war dann Schluss. Zwischen zwei Hügeln kam das Auto zum Stehen. Papa kam nicht mehr vor und nicht zurück. Für die Reifen war es zu glatt. Irgendwo im Nirgendwo war er nun gelandet und kam nicht mehr weiter.
»Oh, nein. Hier wird mich doch niemand finden. Was mache ich denn jetzt?«
Verzweifelt sah er sich um. Aber wegen des dichten Schneetreibens konnte man nur wenige Meter weit sehen.
»Wenn es hier nur ein Haus oder einen Bauernhof gäbe, in dem ich mich warm halten könnte, bis der Sturm sich gelegt hat. Aber bei dem Wetter kann ich auch nicht einfach drauf los marschieren. Dann verlaufe ich mich und werde erfrieren.«
Also wartete Papa. Eine Stunde. Zwei Stunden. Drei Stunden. Regelmäßig hatte er in dieser Zeit auf sein Handy geschaut. Aber hier draußen, weit weg von jeder Stadt hatte es keinen Empfang. Er konnte nicht einmal Bescheid geben, dass er stecken geblieben war.
Irgendwann wurde es Papa zu kalt. Seine dicke Jacke hatte er angezogen, Handschuhe und Mütze auch. Sogar eine Decke hatte er aus dem Kofferraum geholt. Aber das nützte schon lang nichts mehr. Er musste sich Bewegung verschaffen.
Widerwillig verließ er das Auto und hüpfte etwas im Schnee auf und ab, um sich aufzuwärmen.
»Nanu? Was ist denn das?«
Papa kniff die Augen zusammen. Irgendwas stand doch da auf der Straße. War da vielleicht noch ein Auto stecken geblieben?
»Hallo? Ist da wer? Können sie mich hören?«
Papa ging ein paar Meter, bis er überrascht stehen blieb. Mit allem hätte er gerechnet. Damit aber nun wirklich nicht.

Mama sah wieder auf die Uhr. Es wurde immer später. Noch immer konnte sie Papa nicht erreichen. ‚Kein Empfang‘ sagte ihr die Computerstimme im Telefon.
»Wo steckt der denn? Er sollte doch schon längst hier sein. Hoffentlich ist ihm nichts passiert.«
In diesem Moment hörte sie ein Rumpeln vor dem Haus. Sofort sprangen die Kinder von ihren Stühlen auf und liefen zum Fenster. Dort bekamen sie große Augen.
»Mama, komm schnell her!«, rief Max. »Das musst du dir anschauen, sonst wirst du es nie glauben.«
Nun kam auch Mama ans Fenster. Auch wenn sie sah, was dort draußen vor sich ging, wollte sie es nicht glauben.
»Das ist doch nicht möglich.«
Ein Schlüssel wurde in die Haustür gesteckt. Ein paar Sekunden später kam Papa herein. Er war allerdings nicht allein gekommen. Hinter ihm stand ein Überraschungsgast.
»Ich habs geschafft.«, schnaufte Papa glücklich. »Endlich bin ich wieder zu Hause. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schlimm dieser Schneesturm ist. Mein Auto wollte einfach keinen Meter mehr fahren. Zum Glück hat mich der Weihnachtsmann von oben gesehen. Er war so freundlich, mit abzuschleppen. Zum Dank hab ich ihn zum Essen eingeladen.«
Welch eine Überraschung. Der echte Weihnachtsmann. Und vor der Tür stand sein Schlitten und die Rentiere. Einfach unglaublich.
Ich konnte ihren Mann unmöglich da draußen im Schnee stehen lassen. Er irrte schutzlos auf der Straße umher. Wäre ich nicht zufällig vorbei gekommen, hätte er sein Auto niemals wieder gefunden und wäre erfroren.«
Der Weihnachtsmann trat ein, legte seine Mütze, Mantel, Handschuhe und Stiefel ab. Dann ließ er sich von den Kindern ins Wohnzimmer an den Esstisch führen, wo sie gemeinsam einen unvergesslichen Abend verbrachten.

(c) 2016, Marco Wittler

549. Der dicke Bauch

Der dicke Bauch

Klaus, der Weihnachtsmann, stöhnte erschöpft, als er mühsam aus dem letzten Kamin heraus kletterte. Er hatte das letzte Geschenk des Jahres abgeliefert und war fix und fertig.
»Ich weiß auch nicht, aber irgendwie wird die Arbeit jedes Jahr anstrengender und die Kamine immer enger. Ich passe da kaum noch durch. Wenn das so weiter geht, kann ich mich nicht mehr heimlich in die Häuser schleichen und muss stattdessen anklingeln. Das ist doch nicht Sinn der Sache.«
Während er in seinen Schlitten kletterte, holte der Weihnachtsmann ein paar Kekse aus seiner Manteltasche, die ihm ein paar Kinder an den Kamin gestellt hatten.
»Mh, sind die lecker. Schade, dass sich die Kinder der Welt beim Backen mehr Mühe geben, als beim artig sein.«
Er nahm die Zügel in die Hände und trieb seine Rentiere zum Abflug an.
»Endlich Feierabend. Endlich Urlaub.«
Der Weihnachtsmann dachte jetzt nur noch an das Flugticket, dass ihn schon Morgen in den Süden an einen warmen Sandstrand bringen würde, wo er unter der Sonne schön braun werden konnte.

Am nächsten Nachmittag, Klaus war gerade, nur mit einer Badehose bekleidet, am Strand angekommen, breitete er sein großes Badehandtuch auf dem Sand aus und ließ sich mit einem lauten Plumps darauf fallen. Mit einem wohligen Seufzer legte er sich auf den Rücken, faltete seine Hände auf dem Bauch und schloss die Augen.
»Jetzt erstmal ein paar Stunden entspannen und nichts tun. Das hab ich mir nach dem anstrengenden Weihnachtsfest mehr als verdient.«
Doch dann fiel ihm ein, dass er sich letzten Urlaub einen äußerst schmerzhaften Sonnenbrand eingefangen hatte. Darauf hatte Der Weihnachtsmann keine Lust mehr. Also holte er eine Flasche Sonnencreme aus seiner Badetasche und begann, seinen Bauch einzucremen.
»Du, meine Güte.«, war Klaus erschrocken. Bin ich wirklich so dick? Mein Bauch war doch sonst nicht so riesig. Kein Wunder, dass ich nicht mehr so gut durch die Kamine mehr passe. Ich glaube, ich muss dringend etwas unternehmen.«
Er sah sich und entdecke zwei andere Männer, die am Strand joggten und ziemlich sportlich und schlank aussahen.
»Hm.«, murmelte der Weihnachtsmann. »Ich kann es ja mal mit Laufen versuchen. Vielleicht werde ich dann auch etwas dünner.«

Einen Tag später hatte sich Klaus ein paar Sportklamotten und Laufschuhe gekauft. Nun stand er startbereit vor seinem Hotel und überlegte, in welche Richtung er laufen sollte. Er entschied sich für den Weg, der nach links führte.
»Hoffentlich ist die Strecke lang genug. Ich will nicht alle paar Minuten hin und her laufen müssen. Das wäre bestimmt zu langweilig.«
Er spurtete los. Schon nach wenigen Minuten blieb er stehen. Der Weihnachtsmann war völlig außer Atem. Ein schmerzhaftes Seitenstechen hatte er auch.
»Und ich kann nicht mehr. Ich bin jetzt schon fix und fertig. Dabei bin ich doch erst zweihundert Meter weit gekommen. Warum ist Sport bloß so anstrengend?«
Enttäuscht ging Klaus zurück zum Hotel, legte sich in sein Bett und schlief vor Erschöpfung sofort ein.

Zwei Tage später versuchte Klaus einen neuen Lauf. dieses Mal er schon ein paar hundert Meter weiter. Darüber war er so glücklich, dass er sich vornahm, von nun an jeden zweiten Tag joggen zu gehen.
»Außerdem werde ich viel weniger Kekse essen, sonst bringt der Sport auch nichts.«
Und so kam es, dass der Weihnachtsmann in den nächsten Monaten regelmäßig Sport trieb, die Finger von den Süßigkeiten ließ und immer schlanker wurde.

Irgendwann kam dann das nächste Weihnachtsfest. Klaus, der mittlerweile sehr sportlich und schlank geworden war, hatte sich einen neuen roten Mantel kaufen müssen, da der Alte mittlerweile viel zu groß war.
Zu seiner Überraschung fiel ihm die Arbeit viel leichter als jemals zuvor. In den Kaminen hatte er nun sehr viel Platz und den schweren Geschenkesack konnte er ebenfalls ohne einen einzigen erschöpfen Schnaufer über der Schulter tragen.
Aber schon beim fünften Geschenk gab es die ersten Probleme. Wie in jedem Jahr hatte sich ein neugieriges Kind hinter dem Sofa auf den Weihnachtsmann gewartet.
»Wer bist du und was machst du in unserem Haus?«, hörte Klaus die Stimme eines Jungen hinter sich.
Er drehte sich um und lächelte. »Weißt du das denn nicht? Ich bin der Weihnachtsmann und bringe gerade die Geschenke.«
»Du bist der Weihnachtsmann? Das Märchen kannst du deiner Oma erzählen. Der Weihnachtsmann ist viel dicker als du.«
Klaus seufzte. Während der letzten Monate hatte er gar nicht daran gedacht, dass ihn kein einziges Kind auf der Welt als schlanken Mann kannte. Kein Wunder, dass ihn der Junge nicht erkannte.
»Ich bin aber trotzdem der echte Weihnachtsmann. Ich habe abgenommen.«
Zum Beweis trat er an den Kamin und pfiff einmal. Nur wenige Sekunden später grinste Rentier Rudolf nach unten und zwinkerte dem Jungen zu.
»Du bist tatsächlich der Weihnachtsmann.«, staunte dieser. »Aber das geht nicht. Du bist schon immer dick gewesen. Du darfst nicht schlank sein.«
Er holte einen Teller Kekse vom Wohnzimmertisch und hielt ihn Klaus unter die Nase.
»Los, aufessen! Du musst ganz schnell wieder dick werden.«
Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf. »Mit einem dicken Bauch passe ich aber nicht mehr durch die engen Kamine. Außerdem ist es dann viel anstrenger die vielen Geschenke über die Dächer zu schleppen. Ich will nicht mehr dick sein.«
Der Junge verdrehte die Augen. »Ein dünner Weihnachtsmann ist trotzdem nicht in Ordnung.«
Er flitzte zum Sofa, nahm eines der Kissen und brachte es Klaus.
»Dann steck dir das unter den Mantel. Dann erkennt man dich wenigstens.«, sagte er grinsend. »Das schenke ich dir.«
»Vielen Dank.«, freute sich Klaus und stopfte sich tatsächlich das Kissen vor den Bauch.
»Du bist ein toller Ratgeber. Wenn ich noch einmal ein Problem habe, komme ich direkt zu dir und frage nach.«
Klaus verabschiedete sich und war glücklich, schlank und sportlich bleiben und trotzdem ganz der Alte bleiben zu können.
»Der Kleine hat absolut Recht. Der Weihnachtsmann muss dick sein, denn nur so kennt man ihn. Dass der dicke Bauch nicht echt ist, muss ja keiner Wissen. Ho, ho, ho!«
Klaus nahm die Zügel in die Hand und flog mit seinem Schlitten zum nächsten Haus.

(c) 2016, Marco Wittler

548. Engelshaar oder „Papa, warum hängen die Engel Lametta an den Weihnachtsbaum?“

Engelshaar
oder »Papa, warum hängen die Engel Lametta an den Weihnachtsbaum?«

Papa und Sofie standen zusammen im Wohnzimmer und bereiteten gemeinsam das Weihnachtsfest vor. Der Christbaum stand bereits an seinem Platz und an seinen Ästen glänzten die bunten Glaskugeln in allen Farben des Regenbogens. Dazwischen hingen Strohsterne, gehäkelte Engelchen, glitzernde Eicheln und Tannenzapfen. Eine lange Lichterkette mit kleinen Leuchten und ein großer Stern auf der Baumspitze rundeten den Baumschmuck ab.
Sofie trat ein paar Schritte zurück und betrachtete voller Stolz den Weihnachtsbaum. Doch dann zog sie die Stirn in Falten.
»Irgendwas fehlt da noch. Mir fällt nur nicht ein, was es sein könnte.«
Sie dachte nach, machte abwechselnd Schritte nach links und rechts. Und dann hatte sie es.
»Jetzt weiß ich es wieder. Da muss noch Lametta an den Ästen hängen, sonst ist der Baum nicht perfekt.«
Sie sah sich um, kramte durch die vielen Pappkartons, die Papa im Wohnzimmer verteilt hatte. Lametta war in ihnen aber nicht zu finden.
»Weißt  du vielleicht, wo das Lametta geblieben ist? Ich will es noch aufhängen.«
»Lametta?«, fragte Papa verwirrt. »Das kommt heute Nacht an den Baum. Das ist nämlich nicht unsere Aufgabe.«
»Nicht?«
Sofie stemmte die Hände in die Seiten.
»Wessen Aufgabe ist es denn dann?«
»Dafür sorgen heute Nacht die Engel. Wenn wir schlafen kommen sie in unser Haus, schleichen sich ins Wohnzimmer und hängen das Lametta an den Baum.«
Sofie stand für einen kurzen Augenblick vor Staunen der Mund auf. Doch dann grinste sie.
»Ja klar. Fast hätte ich dir das sogar geglaubt. Aber du erzählst mir so oft Blödsinn, dass das mit dem Lametta auch nicht wahr sein wird.«
Papa schüttelte den Kopf.
»Nein, das ist wirklich wahr. Die Engel sind für das Lametta zuständig. Das ist schon sehr lange ihre Aufgabe.«
»Aha. Und warum hängen die Engel Lametta an unseren Weihnachtsbaum?«
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Weihnachtsgeschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Engeln und einem großen Berg Lametta. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte nun wieder über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Weihnachtsgeschichte.«
»Und wie fängt eine Weihnachtsgeschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal zur Weihnachtszeit‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal zur Weihnachtszeit …«

Es war einmal zur Weihnachtszeit, dass sich die Engel auf ihren Wolken im Himmel langweilten. Den ganzen Tag saßen sie dort, spielten auf ihren Harfen oder sahen den Menschen auf der Erde zu.
»Es ist so langweilig hier über den Wolken.«, beschwerten sie sich immer wieder. »Jeden Tag machen wir die gleichen Sachen. wir spielen Lieder auf unseren Harfen und schauen den Menschen auf der Erde zu. Wenn wir doch bloß mehr Abwechslung hätten.«
Die einzige Abwechslung, die sich die Engel von Zeit zu gönnten, war ein Besuch beim Friseur, um sich die Spitzen schneiden zu lassen. Doch damit konnte man keinen ganzen Tag verbringen.
Irgendwann saß einer der Engel im Friseurstuhl auf Wolke 17, blickte in den Spiegel und betrachtete seine wallende Frisur. Lange, blonde, gewellte Haare umspielten ein gelangweiltes Gesicht.
»Ich bin es einfach so leid.«, beschwerte sich der Engel seufzend. Ich möchte endlich einmal etwas Neues probieren, einmal etwas erleben.«
Der Engel drehte sich zum Frisör um und grinste.
»Na los. Nimm die grösste Schere, die du hast und schneid mir die Haare ab. Ich will eine neue Frisur.«
Der Friseur machte große, ungläubige Augen. Ein Engel mit kurzen Haaren? Das hatte er noch nie erlebt. Deswegen musste er auch etwas länger nach einer großen Schere suchen. Mit zitternden Händen band er die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und setzte sein Werkzeug an. Dann schloss er die Augen und schnitt die blonde Mähne entzwei.
Der Zopf fiel zu Boden und verschwand augenblicklich in der weichen Wolke.
»Nanu, wo sind meine Haare?«, wunderte sich der Engel, stand aus dem Stuhl auf und legte sich auf den Boden. Mit den Gänden zerteilte er die Wolke und sah dem fallenden Zopf nach.
»Wie schön sich die Haare im Wind bewegen.«, schwärmten Engel und Friseur gemeinsam, bis die Blonde Pracht auf einem verschneiten Tannenbaum im Garten einer Familie landete und an den Ästen hängen blieb. Dort glitzerten sie im Mondlicht und sandten ein traumhaftes Glitzern durch die nahen Hausfenster.
Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis neugierige Blicke das Glitzern entdeckten. Die Familie kam in den Garten und betrachtete das Haar am Baum.
»Wie schön es glänzt und glitzert.«, freuten sich die Kinder. »Können wir es mit rein nehmen und damit unseren Weihnachtsbaum schmücken?«
Sie durften. Der Vater pflückte das gefundene Haar vorsichtig vom Baum und gab es seinen Kindern, die es begeistert ins Haus brachten.
Der Engel im Himmel war hoch erfreut. Mit so einem tollen Erlebnis hatte er niemals gerechnet. Sofort flitzte er durch den Himmel, sauste von einer Wolke zur nächsten und berichtete von seinem tollen Friseurberuf.
Sofort wurden die anderen engel von dieser Freude angesteckt. jeder von ihnen wollte sich sofort die Haare schneiden lassen, damit die Menschen ein noch schöneres und glanzvolleres Weihnachtsfest feiern konnten.

Ein weiteres Mal stand Sofie der Mund auf, während Papa seine Geschichte beendete.
»So entstand das Lametta. Es ist echtes Engelshaar. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit gehen sie zum Friseur, lassen sich die Haare schneiden und verteilen sie auf den Christbäumen.«
Sofie staunte noch immer. Doch nach ein paar Sekunden begann sie zu grinsen.
»Das war eine tolle Geschichte.«
Sie drückte Papa an sich.
»Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Dann nahm sie seine Hand und zog ihn hinter sich her.

(c) 2016, Marco Wittler
»Und jetzt bringe ich dich in dein Bett, damit die Engel in Ruhe ihr Haar an unseren Tannenbaum hängen können.

547. Endlich ist es so weit

Endlich ist es so weit!

Tim war aufgeregt. Er hatte die ganze Nacht kaum schlafen können. Und wenn er mal nicht wach im Bett gelegen hatte drehten sich seine Träume immer nur um diese eine ganz bestimmte Sache.
Und jetzt war es endlich so weit.
Kaum hatte der Wecker geklingelt, sprang er aus seinem Bett, flitzte ins Bad und machte sich für den Tag fertig. Nach dem Waschen und Zähne putzen zog er sich seine Klamotten an und ging hinunter in die Küche. Mama und Papa saßen bereits am Tisch und bereiteten das Frühstück vor.
»Endlich ist es so weit!«, rief Tim, als er durch die Tür kam.
»Endlich darf ich …«
Doch dann wurde er von Mama unterbrochen.
»Erstmal darfst du dich an den Tisch setzen und mit uns frühstücken. Danach schauen wir weiter.«
Tim seufzte und setzte sich auf seinen Stuhl. Geduldig füllte er seine Schüssel mit Müsli und Milch und aß alles auf. Mit dem letzten Bissen ließ er den Löffel fallen. Er schluckte noch einmal, putzte sich mit einer Serviette den Mund ab und sprang auf.
»Aber jetzt ist es endlich so weit!«, rief er wieder.
»Na gut.«, seufzte Mama. »Jedes Jahr das Gleiche.«
Grinsend lief Tim zur gegenüber liegenden Wand. Dort hing sein Adventskalender. Heute durfte er das Türchen mit der ‚1‘ öffnen. Mit einem Ruck riss er die dünne Pappe heraus, nahm die Schokolade und stopfte sie sich in den Mund. Genüsslich schloss er die Augen und lutschte das kleine Stück, bis es komplett geschmolzen war.
»Wie lange habe ich darauf warten müssen.«
Mama lachte. »Es ist doch nur Schokolade. Davon gibt es das ganze Jahr oft genug etwas.«
»Nein, Mama. Das hier ist Adventsschokolade. Die gibt es nur einmal im Jahr. Die ist was Besonderes. Die kann ich nur vierundzwanzig Mal im Jahr genießen.«, erklärte Tim, der sich bereits auf Morgen freute.
Mama hingegen seufzte ein weiteres Mal. Die übertriebene Freude würde es jetzt jeden Morgen nach dem Frühstück geben.

(c) 2016, Marco Wittler

546. Gewitterdisco

Gewitterdisco

Nele sah zum Himmel hinauf und verzog das Gesicht.
»Das sieht aber gar nicht gut aus. Mama sagt bestimmt gleich, dass wir rein gehen müssen, damit uns nichts passiert.«
Und so kam es dann auch ein paar Minuten später.
»Nele, Mila, packt eure Sachen in den Keller. Es zieht ein Gewitter auf. Danach gehen wir rein. Draußen ist es zu gefährlich. Wenn euch der Blitz trifft, könnt ihr schwer verletzt werden oder sogar sterben.«
Nele verdrehte die Augen.
»Es ist doch nur ein Gewitter. Das macht doch nur Blitz und Donner. Was soll daran gefährlich sein? Ich will mal bei Gewitter im warmen Regen tanzen und toben. Das ist bestimmt wie eine Discodusche.«
Also erklärte Mama noch einmal, dass Blitze viel gefährliche seien, als sie aussehen.
»Ein Blitz besteht aus ganz viel Strom. Wenn man davon getroffen wird, bekommt man starke Verbrennungen auf der Haut und es kann einem das Herz stehen bleiben. Damit ist wirklich nicht zu spaßen.«
Nele und Mila schnieften traurig. Dann begannen sie, ihre Gartenspielsachen in den Keller zu räumen.
Eine halbe Stunde später regnete es so heftig wie nur selten. Man konnte draußen kaum noch etwas sehen. Nur die vielen Blitze erhellten immer wieder den Garten.
Nele verstand nun auch, dass es draußen sehr gefährlich und ungemütlich war. Immer wieder blies der kräftige Wind Laub und ganze Äste durch die Gegend. Immer wieder fielen dicke Hagelkörner vom Himmel.
»Dann spielen wir eben Gewitterdisco.«, entschied sie und zog ihre Schwester Mila hinter sich her.
Nach ein paar Minuten hörte Mama ein Rauschen und laute Musik aus dem Badezimmer. Neugierig sah Mama nach und entdeckte ihre Nele voll bekleidet unter der laufenden Dusche. Wild tanzte sie hin und her und jubelte laut. Auf der Toilette stand ein Radio das laut dudelte. Mila hatte die Hand auf dem Lichtschalter und ließ es blitzen.
»Ihr seid ja echt verrückt.«, lachte Mama. »Eines habt ihr aber vergessen. Wo ist denn der Donner?«
Sie schloss die Tür und klatschte nach dem Lichtblitz mit der Hand auf die Tür.

(c) 2016, Marco Wittler

545. Eine echte Superheldin

Eine echte Superheldin

Endlich war es wieder so weit. Die letzte Woche hatte lange genug gedauert. Endlich konnte Emma wieder eine Folge ihrer Lieblingsserie Supergirl sehen.
»Hach, ist sie nicht toll?«, schwärmte sie immer wieder, bis das Abenteuer ausgestanden und die Sendung zu Ende war.
»Ich wäre auch so gern eine Superheldin.«, sagte sie schließlich. »Ich will auch Superkräfte haben und den Menschen in meiner Stadt helfen.«
Sofort lief sie in Begleitung ihrer großen Schwester nach draußen in den Garten und probierte aus, was Besonderes in ihr steckte.
Zuerst sprang sie immer wieder in die Luft. Mehr als ein paar Zentimeter waren allerdings nicht drin.
»Mist. Fliegen kann ich nicht. Dann bin ich bestimmt sehr stark.«
Sie lief zu Papas Auto und packte es an der vorderen Stoßstange. Sie hob den Wagen hoch, dass heißt, sie versuchte es, bis ihr Gesicht rot anlief.
»Och nö. Superstark bin ich auch nicht. Aber vielleicht hab ich einen Hitzeblick oder Laseraugen.«
Angestrengt sah sie auf deinen Stein am Boden. Es tat sich aber nichts.
»Oder ich bin das schnellste Mädchen der Welt.«
Emma lief los. Sie lief so schnell, wie sie es noch nie in ihrem Leben getan hatte. Das war allerdings nicht sehr viel mehr wie im Sportunterricht.
»Ich hab nicht mal Superpuste. An meinem letzten Geburtstag hab ich eine Ewigkeit gebraucht, bis alle Kerzen auf der Torte aus waren. Ich bin keine Superheldin.«
»Sei nicht traurig, Schwesterchen.«, tröstete Lisa. »Nicht jeder Mensch kann eine Superheld sein. Dann wäre es ja auch nichts Besonderes mehr. Außerdem gibt es sowas nur im Fernsehen.«
Emma schüttelte den Kopf. »Ach Quatsch. Superhelden gibt es wirklich. Und wenn ich keine Superkräfte habe, dann suche ich halt jemand anderes. Ich werde einfach Superheldenhelferin. Jeder Superheld braucht Freunde, die ihn bei seinen Aufgaben unterstützen und alles dafür tun, seine geheime Identität zu schützen. Wenn ich bloß wüsste, wer von meinen Freunden ein Superheld ist.«
Sie flitzte zurück ins Haus und lief in ihr Kinderzimmer. Dort sah sich Emma die Telefonliste ihrer Mitschüler und Freunde genau an.
»Irgendwer von euch muss doch ein Superheld mit Superkräften sein.«
Nur leider konnte sie sich nicht daran erinnern, dass jemals eines der anderen Kinder etwas Besonderes getan hätte.
»Ich werde auch keine Superheldenhelferin. Das ist so gemein.«
Traurig setzte sie sich auf ihr Bett und zog ihre Decke über den Kopf.
»Das macht doch nichts, kleine Schwester.«, tröstete Lisa zum zweiten Mal an diesem Tag.
»Man muss keine Superkräfte haben, um Gutes zu tun und anderen Menschen zu helfen. Das geht auch ganz ohne. Es gibt sogar Superhelden, die ganz einfache Menschen sind.«
»Ja, du hast Recht. Und ich glaube, einen davon hab ich gerade gefunden.«
»Wen denn?«, fragte Lisa.
»Na dich. Du kannst ganz super anderen Menschen trösten und sie wieder glücklich machen. Du bist eine echte Superheldin. Und ich werde deine Superheldenhelferin.«
Überglücklich drückte Emma Lisa an sich.

(c) 2016, Marco Wittler