001. Die Geschichte des kleinen Leuchtturms

Die Geschichte des kleinen Leuchtturms

Vor langer Zeit lebte ein großer Leuchtturm auf einer Nordseeinsel. Seine Aufgabe war es, den Seeleuten in der Nacht den Weg zu weisen, damit sie ihre Schiffe auch im Dunkeln sicher in den Hafen steuern konnten, ohne am Ufer zu stranden oder an einem Felsen zu zerschellen.
Jeden Abend, wenn die Menschen von der Arbeit kamen und die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand, sagte der große Leuchtturm seiner Familie Lebewohl und verrichtete dann seine Arbeit.
Das tat er sehr gut. Noch nie war ein Schiff gesunken. Sein helles Licht war auf der ganzen Insel zu sehen und bis weit hinaus auf das Meer. Immer wenn er seiner Aufgabe nachging saß sein kleiner Sohn am Fenster und sah ihm dabei zu.
»Ich möchte auch einmal auf einer Insel stehen und den Schiffen den Weg weisen.«, schwärmte er.
Seine Mutter lächelte ihn dann an und brachte ihn zu Bett.
Morgens, wenn die Sonne ihre ersten hellen Strahlen über die Erde schickte, war die Arbeit des Leuchtturms getan und er kam zurück nach Hause. Der kleine Leuchtturm wartete dann schon, um ihm, wie jeden Tag, zu sagen, dass er auch irgendwann einmal den Schiffen den Weg weisen wollte. Aber der Vater lachte dann nur und sagte, dass nur ein richtig großer Leuchtturm diese wichtige Aufgabe übernehmen könnte, sein kleiner Sohn aber viel zu klein wäre.
Das machte den kleinen Leuchtturm natürlich sehr traurig, denn er sah seinem Vater nur zu gern beim Leuchten zu. Trotzdem blieb es immer sein größter Traum dies auch eines Tages machen zu können.
Nach einigen Jahren war der kleine Leuchtturm alt genug, um in die weite Welt hinaus zu ziehen. Er wollte sich eine eigene Insel suchen, auf der er leuchten und den Schiffen den Weg weisen konnte. Doch mit der Größe war es nie etwas geworden. Er war so klein geblieben wie er es früher schon war. Trotzdem brannte in ihm sein Wunsch weiter.
Also erzählte er seinen Eltern davon, packte seine Sachen und verabschiedete sich.
Sein Vater hatte sich in der ganzen Zeit nicht verändert und lachte immer noch darüber. Er bot ihm sogar eine Arbeit als Schreibtischlampe an. Aber der kleine Leuchtturm lies sich davon nicht abschrecken.
Schon bald traf er auf die erste Insel. Doch zu seinem Bedauern stand dort bereits ein Leuchtturm. Der war viel größer und prächtiger als er. Also zog er weiter. Das Gleiche passierte ihm allerdings bei jeder weiteren Insel.
Nach einer recht langen Suche wollte er schon aufgeben und nach Hause zurückkehren. Doch dann kam er in einen sehr kleinen Teil der Nordsee. Und dort fand er tatsächlich eine Insel, die noch keinen Leuchtturm hatte. Das lag vor allem daran, dass sie selber sehr klein war, zu klein für einen normalen Leuchtturm.
Die beiden freuten sich sehr sich getroffen zu haben und freundeten sich schnell an. Seitdem leuchtet ein neues Licht über das Meer. Und jede Nacht weist der kleine Leuchtturm den ganz kleinen Schiffen den Weg, die im Dunkeln um die kleine Insel herum fahren.

(c) 2004, Marco Wittler

Die Geschichte des kleinen Leuchtturms – gelesen von Marc Schröder

Die Geschichte des kleinen Leuchtturms – gelesen von Marco Wittler

01 Die Geschichte des kleinen Leuchtturms

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10 thoughts on “001. Die Geschichte des kleinen Leuchtturms

    • Vielen Dank Alex. 🙂
      Da ist etwas Wahres dran, auch wenn ich vor 15 Jahren nicht darüber nachgedacht habe, als ich diese Geschichte schrieb. Dafür war sie aber für mich der Anfang meines eigenen Traums. Mit ihr hat hier alles angefangen. Deswegen wurde der Leuchtturm auch zu meinem Logo. Dies ist allerdings schon eine Neufassung, weil sich mit der Zeit mein Schreibstil und mein Anspruch an mich selbst verändert hat und mir gerade diese Geschichte schon sehr am Herzen liegt.

  1. Ach Mist, einer meiner heimlichen Träume ist es, Leuchtturmwärterin zu sein. Nachts das Leuchten des Turms zu überwachen und dabei gruselige Geschichten zu schreiben.

    Aber wenn die Türme gar keine Wärter brauchen, ist mein Traum ja dahin. Da muss ich doch wohl nach Alaska ziehen 😀

    • Alaska ist doch auch eine traumhafte Gegend. Aber lass mal. Träumen darf man immer. 🙂 Ich hab auch schon Geschichten über Leuchtturmwärter geschrieben. Es gibt sie bei mir also noch.

  2. Sehr schöne Geschichte. Träume sollte man nie verlieren. Es ist mehr möglich, als man denkt. Ich bin ein Fan vom Meer, den Leuchttürmen, der guten Luft im Norden und der Landschaft. Gerne würde ich mal in einem Leuchtturm übernachten. Vielleicht klappt das ja.

    Lieben Gruß
    Renate

    • Übernachtungen in Leuchttürmen gibt es tatsächlich. „Roter Sand“ in der Außenweser kann für eine Übernachtung angemietet werden. Man wird mit einem Boot rüber gebracht und hat eine tolle Zeit. Habe ich allerdings auch noch nicht gemacht. Ein Fan vom Norden und dem Meer bin ich aber auch.

      Lieben Gruß,
      der Marco

  3. Hey! Schöne Geschichte, ich musste ein bisschen an das Sprichwort „auf jeden Topf passt ein Deckel“ denken. Man darf die Suche nur nicht aufgeben.
    LG Annika

  4. Hallo Marco,
    eine wirklich schöne erste Geschichte für Deinen Blog. Eine wichtige Botschaft so kurz und prägnant auf den Punkt gebracht: Wenn man nur fest daran glaubt und die nötige Ausdauer hat, kann man alle Träume verwirklichen. Finde auch das Bild des Leuchtturms schön gewählt – sie haben einfach ihre ganz eigene Faszination.
    Viele Grüße
    Katharina

    • Hallo Katharina.
      Als ich die Geschichte vor über 16 Jahren geschrieben habe, hab ich mir noch nicht so viel dabei gedacht. Sie kam sozusagen einfach aus meinen Fingern. Die Botschaft dahinter habe ich erst später selbst bemerkt. 😉
      Das Bild selbst ist meine allererste Illustration. Nicht ganz so gelungen, wenn ich das mit heute vergleiche. Aber jeder fängt mal klein an. Mittlerweile habe ich ein neues Bild dafür, muss es nur mal hochladen.

      Lieben Gruß,
      der Marco

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