006. Die Wichtel-AG

Die Wichtel AG

Unsere Erde birgt viele Geheimnisse von denen wir nichts wissen oder vielleicht nur erahnen können, hinter die wir aber nie gelangen werden. Es gibt vieles von dem wir uns fragen, ob es das wirklich gibt oder uns unser Auge nur einen Streich gespielt hat.
Im Himalaja sucht man immer noch vergebens nach dem Schneemenschen Yeti. Andere wollen seinen nahen Verwandten Bigfoot oder Sasquatch, wie er auch genannt wird, in den Wäldern der kanadischen Rocky Mountains gesehen haben. Die Schotten suchen weiterhin nach dem Monster von Loch Ness und in Bayern beharren die Menschen steif und fest auf die Existenz des Wolpertingers, einem Wesen das Körperteile aller Tiere in sich vereint. Auf der ganzen Welt kennt man Geschichten von Riesen, Zwergen, Elfen, Einhörnern, Meerjungfrauen und anderen Fabelwesen. Sie alle haben etwas gemeinsam. Man kennt sie seit Urzeiten in allen Ländern und Kulturen und jeder weiß wie sie aussehen und würde sofort eines von ihnen erkennen, würde es ihm nur über den Weg laufen. Aber da liegt gerade das Problem. Nie hat sie jemand zu Gesicht bekommen, auch wenn einige es behaupten. Doch hat es nie richtige Beweise dafür gegeben.
In der folgenden Geschichte geht es ebenfalls um solche Wesen, von denen viele sofort sagen würden schon von ihnen gehört zu haben. Allerdings sind sie noch lange nicht so bekannt wie die zuvor genannten.
Zu Beginn sei aber noch angemerkt, dass jedes Wort der Wahrheit entspricht und nicht ausgedacht ist, auch wenn ich das, wie das so üblich ist, nicht beweisen kann.

 Auf unserer Erde lebten und leben zwei große Völker. Das eine ist das der Menschen. Sie leben auf der Oberfläche unter der warmen Sonne und dem kühlen Nachthimmel. Dort gingen sie früher Tag für Tag ihren Beschäftigungen nach, um sich Geld zu verdienen, damit sie genug zu Essen hatten, so wie das heute auch noch ist. Doch da sie das täglich auf Neue machen mussten waren viele von ihnen sehr gelangweilt und hatten keine Freude an ihrem Leben.
Das zweite Volk ist das der Wichtel. Sie leben tief in der Erde, weit weg von den Menschen. Dort unten ist es durch den nahen Erdkern immer gleich warm. Dafür scheint dort nie die Sonne und Sterne funkeln auch nicht des Nachts. Ihre Höhlen werden lediglich von vielen Kerzen und Öllampen beleuchtet.
Auch sie gingen jeden Tag ihrer Aufgabe nach. Sie fuhren mit Loren, das sind kleine Transportzüge, in lange dunkle Stollen. Dort schlugen sie mit Spitzhacken Edelsteine aus dem Felsen, die sie in großen Schatzkammern aufhäuften. Auch sie waren sehr gelangweilt und selten fröhlich.
So lebten diese beiden Völker lange nebeneinander ohne sich über den Weg zu laufen. Die Menschen hatten noch nie von den Wesen unter ihren Städten und Dörfern gehört. Sie machten sich dafür viel mehr Gedanken um böse Riesen und Feuer speiende Drachen, die vielleicht irgendwann einmal auftauchen könnten um sie zu bedrohen und ihre hübschen Prinzessinnen und Töchter zu rauben.
Die Wichtel hingegen wussten von den Menschen über ihnen. Denn vor langer Zeit war eine Gruppe von ihnen, auf der Suche nach neuen Edelsteinlagern, an die Oberfläche geklettert. Dort stellten sie fest, dass sie viel kleiner waren als die dortigen Bewohner. Sie reichten den Menschen lediglich bis zu den Knien. Deswegen verwechselt man sie in alten Geschichten und Legenden auch oft mit Zwergen, obwohl jeder weiß, dass Zwerge Gold suchen und keine Edelsteine.
Dieser Suchtrupp kehrte schnell in die tiefen Höhlen zurück. Dort verbreitete sich die Entdeckung der riesenhaften Menschen in Windeseile, wodurch jeder vor ihnen Angst bekam. Fortan wurden die Kinder in den Schulen vor der Oberfläche gewarnt. Es wurde jedem gesagt, dass es dort für einen Wichtel viel zu gefährlich wäre.
Also blieben sie alle fortan unter sich, arbeiteten fleißig in den langen Stollen und schlugen Juwelen aus dem Felsen.
So hätte es bin in alle Ewigkeit weiter gehen können, wenn das nicht Wickett gegeben hätte.
Wickett war ein junger Wichtel gewesen, der, wie alle seine Mitwichtel, jeden Morgen zur Arbeit fuhr. Obwohl er noch nicht so lange in den Stollen arbeitete langweilte er sich schon sehr. Jeden Tag das Gleiche. Das konnte doch nicht alles sein, dachte er sich immer.
Morgens stand er früh auf und machte sich nach dem Waschen schnell ein paar Brote für den harten Tag fertig. Dann musste er auch schon los, denn draußen vor der Tür wartete schon sein Freund Hoppitt auf ihn. Gemeinsam gingen sie zum Bahnhof, setzten sich, mit Spitzhacken und Grubenhelmen bewaffnet, auf eine Lore und fuhren in einen der Stollen. Dort schlugen sie stundenlang Edelsteine aus dem Felsen und luden sie in den Zug zum Abtransport. Am Abend brachten sie ihre Ausbeute in die großen Schatzkammern, die mittlerweile so voll waren, dass andere Wichtel in Schweiß treibender Arbeit schnell neue bauen mussten.
Nach der Arbeit ging Hoppitt mit in Wicketts Wohnung, wo sie gemeinsam das Abendessen verputzen und sich bei einem schönen Pfeifchen bis tief in die Nacht Geschichten erzählten, bis sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnten und krochen in ihre Betten. Am nächsten Morgen mussten sie dann völlig übermüdet wieder aufstehen.
So war es auch an diesem Tag. Hoppitt gähnte laut vor sich hin. Da es Wickett nicht besser erging gähnte er herzhaft mit. Beide grinsten sich an. Doch dann fielen Wicketts Mundwinkel wieder herab.
„Wenn die Arbeit bloß nicht so langweilig wäre. Jeden Tag fahren wir in den Stollen und schuften uns ab. Die vielen Juwelen schmeißen wir nur auf einen Haufen, wo sie einfach liegen bleiben. Niemand macht etwas mit ihnen. Warum arbeiten wir überhaupt so hart dafür?“
Er kratzte sich dabei wie immer am Kopf, aber trotzdem wollte ihm keine Antwort einfallen. Hoppitt sagte ihm dann, wie er das jedes Mal tat, dass das immer schon so gemacht wurde und es deswegen bestimmt einen Grund geben und ihn auch jemand wissen würde. Nur wusste er nicht wer. Doch damit wollte Wickett sich nicht abfinden. Das reichte ihm nicht als Erklärung. Ihm kam die Arbeit völlig sinnlos vor. Langweilig war sie zusätzlich auch noch.
„Ich glaube es ist Zeit für ein Abenteuer.“
Das war das letzte was Hoppitt von ihm hörte. Dann sprang Wickett wieder vom Zug und verschwand um die nächste Ecke. Doch so schnell beginnt kein Abenteuer, denn so etwas muss gut vorbereitet sein. Der Wichtel lief auf direktem Weg nach Hause. Dort zog er sich Wanderkleidung und fest Schuhe an und packte sich viel zu Trinken und zu Essen in einen Rucksack. Kurz darauf ging er festen Schrittes zum Stadt- und Höhlenrand und verschwand in einem unbenutzten Stollen über dem viele Warnschilder hingen.
Der Weg, den er sich ausgesucht hatte war schon seit Jahrhunderten nicht mehr benutzt worden. Er führte nicht, wie die anderen Stollen, zu Edelsteinlagern oder in tiefer gelegene Teile der Stadt, sondern schnurstracks nach oben. Dies war der Weg zu den Menschen. Wickett wusste, dass er damit ein Risiko einging, aber ein Abenteuer ohne Risiko war nun einmal kein Abenteuer. Außerdem wollte er schon immer wissen wie ein Mensch aussah. Deswegen war er bereit, die Gefahren auf sich zu nehmen.
Es dauerte eine ganze Weile bis er oben angekommen war. Wickett kletterte durch eine schmale Felsspalte hinaus an das Tageslicht und befand sich auf einer großen Wiese nicht weit von einer kleinen Stadt entfernt. Zum ersten Mal sah er die Sonne und die schönen Blumen um ihn herum. Er war begeistert von der Schönheit der Menschenwelt. Aber er wollte mehr sehen. Und so machte er sich auf den Weg in Richtung der Häuser, die er am Horizont sehen konnte.
Kurz bevor er ankam lief er geduckt weiter, damit ihn das hohe Gras etwas verdeckte. Trotz seiner Neugierde wollte er nicht gesehen werden. Beim ersten Haus versteckte er sich hinter einem dichten Busch und wartete gespannt, was passieren würde.
Es dauerte nicht lange, bis ein Mensch vor die Tür kam. Dieser sah sich kurz um ,aber niemand war auf der Straße zu sehen. Dann warf er einen Blick in seinen Briefkasten, aber der war leer. Traurig sah er sich ein zweites Mal um und verschwand wieder im Innern seines Hauses.
Der Wichtel war erstaunt. Er hatte nicht damit gerechnet einen so traurigen Menschen zu sehen. Immerhin lebten sie in einer traumhaft schönen Welt. Er sah sich schnell nach einem neuen Busch um und beobachtete dann das nächste Haus. Doch musste er sich hier das Gleiche anschauen. Selbst bei den nächsten Behausungen bot sich ihm der selbe Anblick. Überall waren die Menschen unglücklich.
Wickett ging zurück auf die Wiese, setzte sich ins Gras und dachte eine Weile darüber nach. Da musste doch etwas getan werden. Und nach einiger Zeit hatte er einen Einfall. Er stand wieder auf und begann Frühlingsblumen zu pflücken. Dann lief er zu dem ersten Haus, das er beobachtete hatte, legte den Strauß vor die Tür und klopfte an. Er flitzte schnell hinter den Busch und versteckte sich wieder.
Der Mensch kam zum Vorschein und sah noch immer traurig aus. Dann fiel sein Blick auf die Blumen und plötzlich fingen seine Augen an zu leuchten. Er freute sich sehr, nahm die Blumen an sich und schaute sich etwas verwirrt um. Da niemand zu sehen war verschwand er glücklich in seinem Haus.
In diesem Augenblick spürte Wickett zum ersten Mal ein ganz neues, starkes Gefühl in sich. Sein Herz war erfüllt von Freude.
Sofort flitzte der Wichtel zur Blumenwiese und pflückte noch mehr Sträuße, die er vor die anderen Häuser legte. Auch hier waren die Menschen sehr glücklich über das unerwartete Geschenk, was Wickett umso mehr erfreute.
Am Abend machte er sich auf den Weg zurück in seine Welt.
Auf einem Marktplatz traf er auf seinen Freund Hoppitt, dem er sofort erzählte was er gerade erlebt hatte. Noch währenddessen kamen weitere Wichtel hinzu und lauschten den Erzählungen.
In den Abendstunden waren nur wenige von ihnen zu Hause beim Essen. Stattdessen gaben sie Wicketts Geschichte an jeden weiter der sie hören wollte. Und das war praktisch jeder. Innerhalb kürzester Zeit wusste jeder in der Stadt bescheid.
Am nächsten Morgen gingen Wickett und Hoppitt wie gewohnt zur Arbeit. Allerdings stimmte etwas nicht. Die Straßen waren leer. Nicht ein Wichtel war zu sehen. Auch am Lorenbahnhof war niemand. Also nahmen sich die beiden Freunde ebenfalls den Tag frei und erzählten sich wieder in Wicketts Wohnung neue Geschichten.
Doch am Nachmittag wurden sie von lautem Krach gestört. Auf der Straße vor dem Haus waren viele Leute und redeten alle durcheinander. Wickett ging an das Fenster und sah hinab. Alle sahen ihn sofort böse an und schimpften ihn aus. Zuerst wusste er gar nicht warum. Doch dann wurde es ihm schließlich klar.
Alle anderen Wichtel waren an der Oberfläche gewesen, um das Gleiche zu tun und zu fühlen wie er am Tag zuvor. Doch hatte es dabei wohl einige Probleme gegeben. So viele Leute konnten sich nicht gleichzeitig vor den Menschen verstecken. Sie liefen ihnen sogar ständig vor den Füßen her, so dass die Menschen fast über sie stolperten.
Das nächste Problem war die Blumenwiese. Schon nach kurzer Zeit war nicht eine Blüte mehr zu finden. Sie waren alle gepflückt worden. Dafür quollen die Häuser der Menschen buchstäblich über. Sie konnten teilweise ihre Behausungen nicht mehr betreten, so vollgestopft waren sie.
Dieses Erlebnis hatte keinem Wichtel die erhoffte Freude ins Herz gebracht. Vielmehr waren sie alle frustriert und sauer. Die Schuld an diesem Chaos gaben sie Wickett, denn er hatte diese Idee verbreitet und in ihre Köpfe gesetzt. Nun sollte er dafür büßen und sich etwas einfallen lassen.
Wickett setzte sich in seinen großen Sessel und dachte angestrengt bis tief in die Nacht darüber nach, wie er das Problem lösen könnte. Hoppitt half ihm dabei so gut er konnte. Als sie endlich fertig waren gingen sie zum Ältestenrat der Wichtel. Dieser war normalerweise für solche Probleme zuständig.
Am frühen Morgen versammelte sich das ganze Volk auf dem Marktplatz. Der Rat, Wickett und Hoppitt traten auf einen großen Balkon hinaus und verkündeten ihre Entscheidung.
Sie hatten während der nächtlichen Diskussion die „Wichtel AG“ gegründet. Diese sollte in Zukunft alles regeln was mit der Welt der Menschen zu tun hatte. Als oberster Regelhüter war Wickett ausgesucht worden, der nun ein ernstes Gesicht machte und die ersten Regeln vortrug.
Er hatte entschieden, dass es allen Wichteln verboten wurde, in den nächsten einhundert Jahren an die Erdoberfläche zu klettern. Die Menschen sollten die Wichtel in dieser Zeit vergessen oder sie nur noch als kleine Erinnerung im Kopf behalten, als ein Fabelwesen, welches jeder kennt, aber nie jemand zu Gesicht bekommen hatte.
Zuerst machte sie Empörung breit, denn die Wichtel wollten ihre neue Aufgabe nicht wieder aufgeben. Der erste Tag war zwar nicht erfolgreich gewesen, aber immerhin nicht so langweilig wie die Arbeit in den Edelsteinstollen.
Doch auch dafür hatte Wickett bereits einen Plan. In den nächsten einhundert Jahren sollten sich die Wichtel Methoden überlegen, wie sie den Menschen eine kleine Freude bereiten konnten um ihnen das Leben ein wenig zu verschönern. Und bis dahin konnte sich Wickett zusammen mit seinem Freund Hoppitt einige Ideen zurecht legen, damit jeder Wichtel zu den Menschen gehen konnte ohne entdeckt zu werden und ein riesiges Chaos zu verbreiten.
Mit dieser Lösung waren alle zufrieden. Seitdem geht es in der Welt der Wichtel viel fröhlicher zu. Und auch die Menschen erfreuen sich nun regelmäßig an Kleinigkeiten, von denen sie meist nicht wissen, wem sie sie zu verdanken haben. In diesen Fällen schieben sie den Verdienst irgendwelchen Fabelwesen zu. Dann ist oft die Rede von Elfen oder gutmütigen Geistern. In Köln nennt man sie sogar Heinzelmänner.
Nur die wenigsten von uns wissen noch von den wirklichen Überbringern, den Wichteln, die unter unseren Städten und Dörfern leben und mit ihren Ideen an einem schöneren und fröhlicheren Leben für sich und uns arbeiten.

(c) 2004, Marco Wittler

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