008. Hennes das Abenteurerschaf

Hennes, das kleine Abenteurerschaf

Frei nach Lukas 15, 4-7

Es war einmal ein kleines Schaf namens Hennes. Hennes stand tagein, tagaus mit den anderen Schafen auf der Weide und fraß gemütlich das Gras, welches um ihn herum wuchs und köstlich schmeckte. Am Morgen kamen sie zusammen hierher und am Abend gingen sie zurück in den Stall, wenn sie nicht sogar ab und zu die Nacht bei gutem Wetter unter dem klaren Sternenhimmel verbrachten. So war es gestern, so war es heute und morgen würde es genauso sein. Es war immer das Gleiche. Den Schafen machte dies nichts, denn sie hatten ihr Leben lang nichts anderes getan und würden für den Rest ihres Lebens auch nichts anderes tun.
Doch ein Schaf wollte sich nicht damit abfinden. Und das war Hennes. Hennes wollte mehr von der Welt sehen, noch mehr entdecken, als die Weiden, auf die sie vom Hirten und seinem kläffenden Hund immer getrieben wurden.
Hennes überlegte lange, wie er es anstellen konnte, sich heimlich fort zu stehlen, damit niemand merken konnte, dass er sich davon machte. Und so grübelte er mehrere Tage lang, denn Schafe denken immer über alles sehr lange und genau nach, damit auch klappt, was sie sich ausdenken.
Nach einer Weile hatte er endlich eine Idee, musste sich dann aber vorher noch ein paar weitere Tage ausruhen, denn sein Kopf rauchte aus den Ohren vom vielen Denken.
Aber dann war es endlich soweit. Der Tag des ersten Abenteuers war gekommen. Hennes war richtig aufgeregt, verriet aber niemandem etwas. Nicht einmal Manni, seinem besten Freund, mit dem er zusammen groß geworden war.
Als es langsam dunkel wurde und die Nacht herein brach, war die Gelegenheit da. Der Schafhirte hatte sich an einen Stein gesetzt und begann, an einer kleinen Flöte zu schnitzen. Sein Hund legte sich neben ihn und rollte sich, nachdem er noch einmal sein wachsames Auge über die Herde hatte schweifen lassen, zusammen und schlief ein.
Hennes sah sich schnell um. Alle schliefen, bis auf den Hirten, der ihm den Rücken zugekehrt hatte. Also setzte er sich in Bewegung. Es war gar nicht so einfach aus der Herde zu kommen. Überall lagen Schafe, teilweise ganz nah beieinander gekuschelt, um sich gegenseitig warm zu halten. Er musste immer wieder einen Umweg gehen, um nicht auf irgendwen zu treten. Aber dann war er an den Rand der Weide angekommen und verschwand heimlich durch den nächsten Busch in sein Abenteuer.

 Es war alles unheimlich aufregend. Hennes hatte zwar ein wenig Angst, aber er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen und ging tapfer weiter.
Es war nicht leicht, in der Dunkelheit den Weg zu finden. So manches Mal stand er mit den Füssen in einem Erdloch oder fand sich direkt vor einem Busch wieder, an dem es nicht mehr weiter ging. Daher suchte er sich einen solchen, der wie ein besonders sicheres Versteck aussah, kroch hinein, legte sich hin und schlief fast sofort ein.

 Am nächsten Morgen wachte Knut auf. Knut war der Schafhirte, und er war ein guter Schafhirte. Die Bewohner der Stadt vertrauten ihm gerne ihre Tiere an, denn sie wussten, dass Knut noch nie ein Schaf verloren gegangen oder abhanden gekommen war. Und darauf war er besonders stolz. Denn so mancher seiner Kollegen hatte bei der morgendlichen Schafzählung eines weniger gehabt als am Abend vorher. Doch niemals war Knut dies passiert. Er stand von seinem Schlafplatz auf, reckte und streckte sich und begann langsam seine Schafe zu zählen. Eins, zwei, drei, …, siebenundneunzig, achtundneunzig, neunundneunzig, hun…
Moment, dachte sich Knut. Nur neunundneunzig? Es waren doch genau hundert Schafe gewesen. Er zählte noch einmal und noch einmal. Doch immer wieder kam er auf dieselbe Zahl: Neunundneunzig. Ein Schaf war nicht mehr da. Es war weg.
Er lief ganz aufgeregt, aber mit wachsamem Auge durch seine Herde und sah sich jedes Tier genau an. Und dann wusste er, welches nicht mehr da war. Es war das kleine Schaf namens Hennes.
Er dachte schnell nach, was er nun machen konnte.

 Die Sonne kroch langsam über den Horizont und hangelte sich zu ihrem Platz am Himmel hoch. Es war schon recht hell als Hennes wach wurde. Er hatte nicht gut geschlafen. Der Boden unter dem Busch war hart. Hier wuchs kein weiches Gras. Und dessen Dornen piekten überall durch sein dickes Fell hindurch. Da war es doch schöner mit anderen Schafen in der Nacht zu kuscheln.
Er kroch langsam auf den Weg hinaus. Es war Frühstückszeit und er bekam gleich Hunger und Durst. Aber hier gab es keine Wiese mit leckerem Gras und keinen Bach zum Trinken. Also setzte er hungrig seine Wanderung fort. Doch fand er nirgends eine Weide und auch kein Wasser.
Irgendwann hing sein leerer Magen in seinen Kniekehlen und er dachte darüber nach, wie schön es wäre, wenn er jetzt mit den anderen Schafen auf der großen grünen Wiese stehen könnte. Da machte er kehrt und lief zurück. Er war zu dem Entschluss gekommen, dass er fürs erste genug Abenteuer erlebt hatte.
Doch fiel ihm der richtige Weg nicht mehr ein. In der letzten Nacht war er fast völlig blind durch die Gegend geirrt und hatte sich nichts als Wegweiser merken können.

 Knut fasste sich einen Entschluss. Er musste das Schaf wieder finden. Er dachte daran, was die anderen Hirten sagen würden, wenn er ohne dieses Schaf wieder kommen würde. Aber das war ihm eigentlich egal. Das war ihm nicht wichtig. Er machte sich viel mehr Sorgen, ob es Hennes gut ging, oder ob ihm was passiert war. Denn er hatte jedes seiner Schafe lieb. Und er wollte keines von ihnen aufgeben und sie den Gefahren, die überall lauerten, schutzlos überlassen. Er befahl seinem Hund gut über die Herde zu wachen. Auch wenn dieser ganz allein auf neunundneunzig Tiere aufpassen sollte, traute er sich, sie hier für eine Zeit allein zu lassen, denn wenn sie hier zusammen waren, konnte ihnen nicht soviel passieren, wie dem Schaf, dass nun allein war. Er hatte sie genauso lieb wie das einzelne, aber nun musste er sich auf die Suche machen.

 Hennes hatte das Gefühl, fast zu verhungern, so schlecht fühlte er sich. Er hatte noch immer den Weg nach Hause oder etwas Essbares gefunden. Mittlerweile hatte er sich so sehr verlaufen, dass er auf einem Berg angekommen war. Dort oben hatten sich einige Steine unter seinen Füssen gelockert, und er war mit ihnen abgerutscht auf einen kleinen Felsvorsprung direkt darunter. Es war ihm nichts passiert, aber nun konnte er nicht vor und nicht zurück. Er saß völlig fest.
Von dort aus schaute er über das weite Tal, das vor ihm lag. Überall konnte er saftige Weiden und blaue, glänzende Bäche sprudeln sehen. Davon bekam er noch mehr Hunger und war richtig traurig, jemals weg gegangen zu sein von seiner Herde und seinem Schafhirten, der immer auf ihn aufgepasst hatte.
Da fing er leise an zu wimmern und zu weinen und eine kleine Träne kullerte seine Wange herab, als plötzlich etwas nach im Griff. Zuerst bekam er Angst, große Angst sogar. Am liebsten wäre er sofort weg gelaufen, aber dann wäre er in den Abgrund gestürzt. Dann griff eine zweite Hand nach ihm, und er wurde hoch gezogen. Er strampelte wie wild mit den Füßen, konnte sich aber trotzdem nicht wehren oder losreißen.
Als er wieder festen Boden unter sich spüren konnte, drehte er sich schnell um und sah vor sich den Hirten sitzen. Er hatte eine kleine Träne, die aus seinem Auge kullerte. Knut war gekommen, um ihn nach Hause zu holen.
Der Schafhirte nahm das Tier und drückte es an sich. Er war überglücklich seinen Hennes gefunden zu haben. Dann stand er auf und nahm ihn auf seine Schulter und trug ihn den ganzen Weg bis zur Weide wieder zurück.
Hennes selber war auch überglücklich wieder zu Hause zu sein. Endlich konnte er Gras fressen, aus dem Bach trinken, bei seinen Freunden, den anderen Schafen sein und sich sicher sein, dass Schafhirt Knut immer bei ihm war, um auf ihn aufzupassen.
Knut selber hingegen freute sich so sehr, dass er die Herde heute schon etwas früher zurück ins Tal zum Dorf brachte. Er verteilte sie alle auf ihre Ställe bei ihren Bauern und ging dann zu den anderen Hirten und erzählte ihnen alles, was er heute erlebt hatte. Sie freuten sich mit ihm, dass er Hennes wieder gefunden hatte und feierten zusammen ein kleines Fest um dies zu feiern.

(c) 2003, Marco Wittler

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