009. Der Schatz im Kindergarten

Der Schatz im Kindergarten

 Es war acht Uhr an einem Montag Morgen. Anna-Lena und Patrik gingen gerade, wie viele andere Kinder auch, in den Kindergarten.
„Ich habe aber keine Lust heute da hin zu gehen.“, sagte Anna-Lena.
„Ich will auch nicht.“, pflichtete ihr Patrik bei. „Da ist es immer so langweilig und nie passiert mal was spannendes.“
Doch das ganze Murren half nichts. Die Mutter der beiden nahm die Zwillinge an die Hand und gemeinsam gingen sie durch die Tür.
Nach einem Wochenende hatten die beiden nie Lust hierher zu kommen. Doch wenn sie erst einmal angefangen hatten mit den anderen Kindern zu spielen kam der Spaß wie von alleine.
Einige andere Kinder waren schon da. Überall auf den Sitzbänken wurden Schuhe aus- und Puschen angezogen. Die einen taten dies alleine und einige mussten sich noch helfen lassen. Aber die Schlauesten ließen sich helfen, obwohl sie es schon lange selber machen konnten.
Anna-Lena und Patrik verabschiedeten sich bei ihrer Mutter mit einem dicken Kuss auf die Wange.
Kurz darauf verschwanden alle Kinder in ihren Gruppen. Da gab es die Bärengruppe, die Löwengruppe und die Tigerentengruppe. Die Zwillinge gingen in den Raum der Marienkäfergruppe. Dort gefiel es ihnen besonders gut, denn dort wartete jeden Morgen ihre Kindergartentante Doreen auf sie, die immer tolle Ideen im Kopf hatte, was man den ganzen Tag bis zum Mittag unternehmen konnte. Alle Kinder mochten sie sehr und nannten sie immer nur Reeni.
Die zehn Kinder setzten sich alle in einen Stuhlkreis, ohne dass man es ihnen sagen musste. Denn sie waren alle schon fünf Jahre alt. Seit den Sommerferien waren sie die Großen im Kindergarten, die im nächsten Jahr bereits in die Grundschule gehen durften. Also wollten sie zeigen, dass sie besser Bescheid wussten als die Neuen.
Die erste halbe Stunde machten sie ein paar Spiele im Kreis. Das machte immer sehr viel Spaß, denn Doreen hatte immer ein neues Spiel dabei. Da konnte es nie langweilig werden.
Aber danach wurde es wieder lauter, denn alle vier Gruppen trafen sich im großen Saal zum Frühstück. Alle Kinder packten ihre Butterbrotdosen aus und die Kindergartentanten verteilten große Becher mit Milch oder Kakao. Das war immer sehr lecker. Der Kakao schmeckte so richtig nach Schokolade. Die Zwillinge kauten an ihren Butterbroten, auf denen heute eine extra dicke Scheibe Käse lag.
Das Frühstück war das Zweitschönste am ganzen Tag. Es war richtig toll mit so vielen Kindern an einem Tisch zu sitzen. Man konnte seine Brote tauschen und es gab immer viel zu erzählen.
Tim erzählte schon seit einer Woche von seiner letzten Geburtstagsfeier. Robin träumte bereits von seiner Feier am nächsten Wochenende, zu der er jeden einlud. Anne hatte von ihrer Patentante eine neue Barbie Puppe geschenkt bekommen. Nils berichtete ganz aufgeregt von seinem ersten Spaziergang mit dem neuen Hund. Der war noch ganz klein, würde bald aber richtig groß werden. Dann hoffte Nils zum Geburtstag einen Hundesattel zum Reiten zu bekommen. Und Carsten war gestern beim Fahrrad fahren hingefallen und zeigte allen ganz stolz die dicke braune Kruste am Ellbogen und das bunte Pflaster am Zeigefinger.
Doch das schönste war das Programm nach dem Frühstück. Da gab es immer etwas Besonderes. Mal ging es zum Austoben in die Turnhalle oder es gab eine Bastelstunde. Es wurden Traumreisen gemacht, Lieder gesungen oder sie machten selber Musik mit selbst gebastelten Instrumenten. An anderen Tagen wurden Geschichten vorgelesen oder sie dachten sich zusammen selber welche aus. Wenn es warm genug und sonnig war fanden die Spiele draußen statt. Dort gab es einen riesigen Sandkasten und viele Spielgeräte, wie Klettergerüste, Schaukeln und Rutschen.
Was würde heute wohl dran sein? Die Kinder räumten ihr Geschirr in die Küche und sammelten sich wieder vor ihren Gruppenräumen. Die Tür der Marienkäfer war noch zu, doch konnte man sehr komische Geräusche von drinnen hören. Ein paar Bälle fielen aus den Regalen, eine Stiftebox wurde umgeschmissen. Nach ein paar Sekunden wurde es wieder still. Alle Kinder sahen sich verwundert an.
Dann fasste Patrik sich ein Herz. „Ich schaue da jetzt rein.“
„Nein lass das. Wer weiß, was da drinnen los ist.“ Anna-Lena war zu ängstlich um wissen zu wollen was los war.
„Das ist mir egal. Ich will wissen was da drinnen passiert.“
Ganz langsam legte Patrik seine Hand auf die Klinke, traute sich aber nicht die Tür zu öffnen. Er sah sich um. Alle anderen Kinder schauten ihn an. Sie schienen nur darauf zu warten, dass er die Klinke herunter drücken würde.
Also gab es nun auch kein Zurück mehr, denn sonst würden ihn alle einen Feigling nennen, auch wenn sie sich selber nicht trauen würden.
„Was macht ihr denn da?“, erklang eine Stimme.
Alle Kinder drehten ihre Köpfe herum.
„Ihr wisst doch, dass ihr nicht alleine in den Raum dürft, bevor ich da bin.“
Doreen stemmte die Arme in die Seiten und tat so, als wäre sie etwas sauer. Doch dann fing sie an zu grinsen. „Na ja, ihr ward ja noch nicht drin. Und jetzt bin ich ja auch da. Also hinein mit euch.“
Patrik öffnete nur zögerlich die Tür. Er wusste ja immer noch nicht, was sich dahinter befand. Als sie endlich etwas sehen konnten und sich anscheinend niemand im Raum befand drängten sich alle Kinder hinein um zu erfahren, was wohl passiert war.
Überall lag das Spielzeug auf dem Boden. Fast nichts war noch an seinem Platz. Es sah aus wie bei Tobias im Zimmer, wenn er drei Tage lang nicht aufgeräumt hatte.
Doreen schlug die Hände vor den Mund. „Was ist denn hier passiert?“, fragte sie sich.
Alle sahen sich um. Nichts deutete darauf hin, dass der Übeltäter, der dies angerichtet hatte, sich noch im Raum befand. Ein paar der Kinder fingen an Reeni beim Aufräumen zu helfen. Aber Patrik war zu neugierig. Er sah sich überall um. Mal schaute er in die eine, mal in die andere Ecke.
Plötzlich fiel ihm das offene Fenster auf. Dort musste jemand hinein und nach dem Krach ganz schnell wieder hinaus geklettert sein. Und auf der Fensterbank lag etwas.
Patrik ging näher heran um es sich anzusehen. Es war eine Rolle aus Papier. Drum herum war ein rotes Band gebunden, damit sie sich nicht alleine öffnen konnte.
Vorsichtig und langsam streifte er das Band ab und rollte das Papier auseinander. Er erkannte sofort was es war. Es war eine Karte. Auf ihr waren mehrere Plätze des Kindergartens aufgemalt. Es waren keine Wörter, sondern nur Bilder darauf, so dass er alles genau erkennen konnte.
„Was hast du denn da gefunden?“ Anna-Lena stand hinter ihm und war neugierig geworden.
„Zeig ich dir nicht.“, war die knappe Antwort. Patrik wollte ihr jetzt noch nicht erzählen, was er da gefunden hatte. Doch hatte er nicht daran gedacht, wie seine Schwester darauf reagieren würde. Sie lief nämlich direkt zur Kindergartentante und beschwerte sich laut darüber.
Doreen blickte kurz hoch und kam zum Fenster. „Was hast du denn da gefunden?“
Patrik sah sie an und hielt ihr die Karte hin, welche sie sich genau ansah.
„Diese Karte kenne ich. Die hat hier schon jahrelang herum gelegen. Ich hab immer gedacht, dass die mal von einem Kindergartenkind gemalt wurde. Aber offensichtlich schien sich diesmal jemand ganz anderes dafür interessiert zu haben. Aber um ehrlich zu sein habe ich sie mir selber nie so richtig angesehen. Was ist das wohl für eine Karte?“
Während sie darüber nachdachte setzte sie sich auf den Boden und alle Kinder platzierten sich um sie herum, so dass jeder auf die nun am Boden liegende Karte schauen konnte.
Auf einmal machte der kleine Daniel große Augen. „Das ist bestimmt eine Piratenschatzkarte.“
„Piraten gibt es hier doch gar nicht.“. Anna-Lena legte sofort Protest ein. „Hier ist doch gar kein Wasser wo sie mit ihrem Piratenschiff fahren können.“
Daniel war sich aber viel zu sicher, um sich von seinem Einfall abbringen zu lassen. „Aber hier ist eine Schatzkiste aufgemalt.“
Alle beugten sich staunend über die Karte. Daniel hatte tatsächlich Recht.
Doreen dachte immer noch angestrengt nach. „Na gut. Wenn das eine richtige Schatzkarte ist, dann muss auch irgendwo ein Schatz versteckt sein. Da sollten wir uns lieber mal schnell auf die Suche machen, bevor noch einmal jemand versucht, die Karte zu klauen.“
Sie stand wieder auf und drückte Patrik die Karte in die Hand. „Und du nimmst die Karte und sagst uns wo wir lang gehen müssen. Schließlich hast du die Karte gefunden.“
Patrik war richtig stolz eine so wichtige Aufgabe erfüllen zu dürfen. Er warf einen Blick auf die Karte und war dann entschlossen den Schatz zu finden. „Wir müssen nach draußen auf die andere Seite des Fensters.“
Alle schauten auf die Karte. Da war alles genau aufgezeichnet. Sie mussten einer Linie folgen, die zum Eingangstor verlief. Dort machte sie eine scharfe Kurve nach rechts und führte die Gruppe direkt auf den Sandkasten zu. Dort fanden sie eine zweite Karte.
Die war etwas schwieriger zu lesen und zu befolgen. Sie mussten einmal um den ganzen Kindergarten herum laufen. Und dann musste Reeni helfen, denn sie sollten zwanzig Schritte vorwärts laufen. Keines der Kinder wollte sich dabei verzählen, sonst würden sie den Schatz nie finden. Und außerdem kennen alle Kindergartentanten die Zahlen von eins bis zwanzig.
Kurz darauf standen sie wieder im Sandkasten. Direkt vor ihren Füßen lagen zehn kleine Schaufeln.
„Tja, ich glaube jetzt müssen wir hier im Sand buddeln.“ Patrik rieb sich am Kinn wie er das immer bei seinem Papa sah, wenn der über schwierige Sachen nachdenken musste.
Also griffen sich alle Kinder eine Schaufel und fingen an im Sand zu graben. Es dauerte gar nicht lange bis eine große alte Holzkiste zum Vorschein kam. Sie war unglaublich schwer, deswegen musste Doreen sie aus dem Loch heben.
Mittlerweile waren auch die Kinder der anderen drei Gruppen neugierig nach draußen gekommen. Sie hatten sich alle um den Sandkasten gestellt und schauten zu, was wohl als nächstes passieren würde und was sich in der Kiste befand.
Patrik und Anna-Lena hoben gemeinsam den Deckel hoch. Und in der Kiste fanden sie einen richtigen Schatz. Es waren unzählige goldene Taler da drin, die nun im Sonnenlicht funkelten. Es war nur noch ein allgemeines ‚Wow’ zu hören.
„Hey, das sind ja Schokotaler.“, sagte Anna-Lena erstaunt.
Reeni kam hinzu und nahm die schwere Kiste hoch. „Und wie es aussieht möchte ich wetten, dass da für jeden von euch drei Stück drin sind.“
Alle Kinder jubelten laut auf, denn alle wollten einen Schokoladentaler haben.

 Nach einer Weile waren alle Taler verteilt und Stille herrschte im Kindergarten, weil alle mit Naschen beschäftigt waren. Bis auf Patrik, der seine drei als Andenken aufhob und Doreen, die die Karten und die Schatzkiste für das nächste Abenteuer in einem Schrank verstaute.
Ja, im Kindergarten kann man noch richtig was erleben.

(c) 2004, Marco Wittler

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