011. Die Indianer-Olympiade

Die Indianer-Olympiade

Artim stand vor seinem Tipi, dem Indianerzelt, auf dem Dorfplatz in der warmen Sommersonne. Er reckte und streckte seine Arme und Beine, denn er war gerade erst aufgestanden. Alle anderen schliefen noch tief und fest und so würde es noch eine Weile dauern bis es Frühstück gab. Aber das war ihm ganz recht so, denn er wollte vorher noch ein paar Runden um den nahe gelegenen See laufen und seine Kondition trainieren. Das war auch nötig, denn in ein paar Tagen war der letzte große Wettkampftag zwischen den Indianerstämmen.
Aus jedem Stamm wurde der stärkste und beste Krieger ausgewählt und entsandt, damit sie sich gegenseitig in Kraft, Mut, Geschick und Schlauheit messen konnten. Der Beste von ihnen kam zurück mit Ruhm und Ehre. Was aber noch viel wichtiger war, der Stamm des Gewinners brauchte ein Jahr lang keine Kriege mit anderen Indianern fürchten.
In den letzten Wochen waren schon viele Wettbewerbsteilnehmer ausgeschieden. Einer nach dem anderem musste aufgeben oder unterlag seinem Gegner. Zum Schluss waren nur noch zwei Krieger übrig geblieben. Es waren Artim von den Cheyenne und Jono von den Schwarzfußindianern.
Nun mag man sich fragen, warum das Volk von Jono so hieß, denn schwarze Füße hatten sie nur, wenn sie ohne Mokkasinns, den Indianerschuhen, vor dem Zelt herum gelaufen waren, wie alle anderen Menschen auch. Aber auch in dieser Geschichte wird es leider keine Antwort auf diese Frage geben, denn die Schwarzfußindianer wussten selber nicht, woher sie ihren Namen hatten.
Während Artim seine Runden um den See lief stand Jono ebenfalls bereit noch etwas zu trainieren. Er hatte einen langen dicken Ast vor sich liegen an dessen Enden jeweils ein schwerer, mit Sand gefüllter, Eimer gebunden war. Er wollte damit seine Muskeln aufbauen um fit genug zu sein.
Das Training der beiden war deshalb so unterschiedlich, weil sie noch nicht wussten, welche Aufgabe sie erwartete. Sie versuchten sich einfach so gut wie möglich vorzubereiten, um besser als der andere zu sein.
So ging es schon einige Zeit, und es würde auch noch ein paar Tage so weiter laufen.

Doch dann war es soweit. Die beiden Stämme trafen sich auf einem großen Platz zwischen den beiden Dörfern. Der letzte Wettkampf stand nun bevor. Ein großer Häuptling, er gehörte zu den Sioux, stand in der Mitte und bat um Ruhe. Er war heute der Schiedsrichter. Er öffnete eine Lederrolle und las die anstehende Aufgabe vor. Das Publikum war sehr gespannt, aber noch aufgeregter waren Artim und Jono.
Die beiden mussten etwas tun, was sehr viel Mut und Ideen erforderte. Sie sollten ein Fellbüschel des weißen Büffels besorgen.
Eine ehrfürchtige Stille legte sich über den Platz. Dies war so schwer, dass es noch nie jemand zuvor gewagt hatte. Denn der weiße Büffel durfte nicht getötet werden. Aber es war äußerst lebensmüde sich an ein lebendiges Exemplar dieser großen kräftigen Tiere heran zu wagen.
Aber es half nichts, davor Angst zu haben, denn dies war nun die letzte Wettkampfaufgabe. Artim und Jono machten sich auf den Weg in das Donnertal, denn dort waren die Büffel zuletzt gesehen worden. Wer zuerst das Fellbüschel zurück brachte würde dieses Jahr der beste Krieger werden.

Die beiden Indianer zogen los und gingen auf verschiedenen Wegen, um nicht vom anderen beobachtet werden zu können. Am Abend, die Sonne war bereits verschwunden und der Mond schien silbern vom Himmel herab, waren beide am ihrem Ziel angekommen.
Vor ihnen lag das Donnertal. Und in der Mitte lag die große Herde und schlief. Der weiße Büffel lag in ihrem Zentrum, umgeben von allen anderen Tieren. Er schien sogar ein ganzes Stück größer als die anderen zu sein.
Während Artim auf der einen Talseite an einem Plan arbeitete, stieg Jono von der anderen herab und schlich auf die Büffel zu. An seinem Gürtel blitzte das scharfe Messer im Mondlicht auf.
Artim sah es sofort und wusste, dass er verlieren würde, wenn er noch länger warten würde. Aber er gab nicht so schnell auf. Und schlich ebenfalls den Berg hinab.
Jono hingegen war bereits angekommen. Er kniete sich nieder und zog sein Messer heraus. Vorsichtig schnitt er eine Lock aus dem weißen Fell. Aber in seiner Aufregung war er zu unvorsichtig. Er verletzte die Haut des Büffels leicht. Ein paar kleine Blutstropfen flossen auf seine Hand und das gewaltige Tier erwachte.
Es stand schnell auf und brüllte laut. Davon wurden alle anderen Büffel wach und setzten sich sofort in Bewegung. In einer unglaublichen Geschwindigkeit verließen sie das Tal und verschwanden in der Dunkelheit.
Artim konnte sich gerade noch auf einen Baum retten, sonst wäre er von der Herde überrannt worden.

Nachdem die Tiere fort waren kletterte er zurück zum Boden. Erst dort fiel ihm Jono wieder ein. Er musste der Grund für das schnelle Aufbrechen der Büffel gewesen sein. Also musste er auch noch irgendwo in der Nähe sein. Und dieser Gedanke war genau richtig.
An der Stelle wo der weiße Büffel geschlafen hatte lag nun Jono. Die Tiere hatten ihm bei ihrer Flucht sehr schwere Verletzungen zugefügt. Er hatte überall blaue Flecken, blutende Wunden und ein gebrochenes Bein.
Artim sah ihn sich genau an. Sein Kampfgegner sah sehr schlecht aus. Aber in seinen Händen hielt er noch immer sein Messer und das Fellbüschel.
Artim dachte nicht lange nach, sondern griff einfach zu.

Am nächsten Tag warteten die beiden Stämme auf die erhoffte Rückkehr ihrer beiden Krieger. Das Donnertal war nicht weit entfernt. Wenn es einer der beiden geschafft hatte, dann sollte er bald zurück sein.
Und so war es dann auch. Weit entfernt war eine Gestalt am Horizont zu sehen. Sie schien nur sehr langsam vorwärts zu kommen, da sie offenbar am Ende ihrer Kräfte war. Aber noch konnte niemand erkennen, wer es war und was passiert war. Zu Hilfe eilen durfte auch niemand, da dies gegen die Regeln verstoßen hätte. Der Krieger musste alleine zurück kommen.
Einige Zeit später konnten die wartenden Indianer sehen was dort vor sich ging. Es war nicht ein einzelner Mann, der sich dort zurück kämpfte. Es war Artim, der sich den Weg entlang schleppte und an seinen Schultern hing Jono. Artim hatte ihn nicht einfach liegen lassen, sondern half ihm zurück nach Hause, denn sonst wäre er an Ort und Stelle gestorben.
Nun kamen sie gemeinsam im Ziel an und beide hielten einen Teil des weißen Fells in ihrer Hand.
So war etwas passiert, was es noch nie zuvor gegeben hatte. Der Schiedsrichter wusste erst nicht was er tun sollte, entschied sich dann aber dafür, dass es in diesem Jahr zwei Gewinner gab.
Alle Anwesenden waren nun ratlos. Das hatten sie nicht erwartet. Immerhin war es Artim, der zurückgelaufen war, aber Jono hatte das Fell erbeutet.
Aber es gab eine Lösung, denn die beiden Krieger hatten sich auf dem Rückweg bereits etwas überlegt.
Bei einem langen Gespräch unter Kriegern und Häuptlingen saßen sie alle zusammen, bis man sich geeinigt hatte. Denn Artim und Jono hatten gemerkt, dass man gemeinsam viel stärker war, als sich alleine durchzuschlagen.
Und so beschlossen die Häuptlinge, die Kriege zwischen allen Stämmen zu beenden und fortan in Frieden zu leben. Denn nur so konnten sie sich gegenseitig helfen und gemeinsam leben.

(c) 2004, Marco Wittler

11 Die Indianer Olympiade

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