016. Die zwei Bären

Die zwei Bären

In einem tiefen Wald, auf einer Lichtung lebten zwei Bären. Der eine hieß Arno und der andere Jolanda, aber Arno sagte immer Joli. Die beiden wohnten direkt an einem kleinen See, jeder in seinem eigenen kleinen Haus. Sie verbrachten jede freie Minute zusammen.
Schon am frühen Morgen standen sie auf und besuchten sich gegenseitig, mal vor dem einen und mal vor dem anderen Haus. Sie spielten im Gras unter der warmen Sonne oder tollten im Wald herum. Sie kletterten auf Bäume und schwammen im See. Im Winter bauten sie gemeinsam Schneemänner und liefen Schlittschuh, denn dann war der See zugefroren.
Die beiden hatten viele Jahre lang eine schöne Zeit zusammen. Sie hatten nie daran gedacht, dass sich daran etwas ändern würde. Doch leider passiert es immer wieder, dass doch etwas geschieht, woran man nie denken würde.

 Eines Tages trieben sich ein paar Menschen im Wald herum. Sie sahen nicht sehr freundlich aus. In ihren Händen trugen sie große, schwere Gewehre und große Netze. Direkt hinter ihnen fuhr ein großes Fahrzeug, welches einen Käfig trug. Das waren Tierfänger, und sie waren auf der Jagd nach einem Bären.
Ein Zoo in der großen Stadt baute gerade ein neues Tiergehege und wollte seinen Besuchern demnächst einen echten wilden Bären präsentieren, doch war es nicht möglich irgendwo einen zu kaufen. Alle anderen Zoos wollten ihre Tiere behalten. Deswegen hatte man nun die Tierjäger beauftragt und losgeschickt, mit einem stattlichen Bären zurück zu kommen.
Arno und Joli ahnten von alledem nichts. Sie spielten zwischen den Bäumen verstecken. Joli war dran und begann zu zählen. Arno suchte sich schnell ein gutes Versteck. Er kletterte weit hinauf auf einen Baum und versteckte sich hinter den grünen Blättern. Schon war er fast nicht mehr zu sehen. Von so weit oben konnte er auch nicht mehr hören, wie seine Freundin unten zählte. Jetzt konnte er nur noch warten. Finden würde sie ihn hier oben, trotz der vielen Blätter sehr schnell, denn Joli hatte eine sehr gute Nase.
Doch heute schien das nicht so, denn Joli kam nicht den Baum hinauf. Sie rief nicht einmal. Arno wartete und wartete.
Als es langsam dunkler und kühler wurde, kletterte der kleine Bär wieder hinab auf den Boden und sah sich verwundert um. Joli war nicht da. Nicht zwischen den nahen Bäumen oder am See, auch nicht in seinem oder ihrem Haus. Alles rufen und suchen hatte keinen Sinn. Joli war verschwunden.
Nun musste Arno alleine am See leben, ohne zu wissen, was überhaupt passiert war. Denn während er auf dem Baum gesessen hatte, hatten die Menschen Joli gefunden und sofort mit dem Netz eingefangen. Der Zoo wartete schon auf sie.

 Es verging einige Zeit. Erst waren es ein paar Tage, dann ein paar Wochen und Monate. Schließlich waren mehrere Jahre vergangen. Arno lebte noch immer einsam am See. Jeden Tag stand er auf, schaute bei Joli im Haus vorbei, ob alles in Ordnung war, machte etwas sauber und stellte ein paar Blümchen auf den Tisch. Vielleicht würde sie ja heute wieder nach Hause kommen. Dann setzte er sich an das Ufer des Sees und angelte nach Fischen für das Abendessen.
Auch heute war es wieder so. Der kleine Bär stand auf, wusch sich im See und frühstückte lang und ausgiebig. Dann ging er gemütlich zur Wiese und pflückte ein paar Blumen. Er ging hinüber zu Jolis Haus, stellte sie in eine Vase und wischte ein wenig Staub von den Schränken und Regalen. Nun musste er nur noch wieder nach draußen gehen, um seine Angel zu holen. Doch diesmal kam alles anders. Denn draußen vor der Tür stand ein Bär, eine Bärin, um genau zu sein.
Er sah sie ziemlich misstrauisch an. Hier lebte er alleine und Fremde hatten hier nichts zu suchen. Doch dann fiel im dieser besondere Blick der Augen auf, wie sie ihn ansahen. Vor ihm stand Joli. Sie war endlich wieder nach Hause gekommen.
Die beiden fielen sich sofort in die Arme und freuten sich, sich endlich wieder zu sehen. Den ganzen Abend feierten sie, aßen zusammen Fisch und spielten Verstecken im Wald.
Am Abend beim Lagerfeuer erzählte Joli, was ihr in der Zwischenzeit passiert war.
Der Zoo hatte ein großes Gehege gebaut. Dort hatte man sie eingesperrt. Wohl gefühlt hatte sie sich dort nie. Dafür hatte sie große Sehnsucht nach Arno und dem Wald und dem See. Weil sie jeden Tag nur traurig herum saß und sonst nichts tat, interessierten sich die Zoobesucher irgendwann nicht mehr für das Bärengehege, denn ein fauler Bär ist viel zu langweilig.
So endete dieser Tag für die beiden Bären als der schönste in ihrem Leben. Bevor sie zu Bett gingen versprachen sie sich für immer Freunde zu bleiben, denn richtige Freunde kann nichts und niemand trennen.

(c) 2004, Marco Wittler

16 Die zwei Bären

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