017. Zwei Seeleute

Zwei Seeleute

 Langsam glitt das Schiff durch das Meer, nach langer Reise mit Kurs zum Heimathafen. Der Wind blies beständig und trieb den Segler schnell voran. Noch einen Tag, und die Fahrt war vorüber.
Für viele Matrosen war dies die erste Fahrt. Sie alle waren froh, ihre Familien wiedersehen zu können – und doch war bei allen etwas Trauer in der Stimmung. Dies war zwar für viele die erste, aber für diese Mannschaft die letzte gemeinsame Reise. Denn schon morgen würden sie ihre Ausbildung beenden, dieses Schulschiff verlassen und jeder bei einem anderen Kapitän anheuern.
Nun saßen sie alle an Deck, denn der direkte Rückenwind ersparte ihnen die Manöver und sie konnten sich ausruhen. Immer wieder wurden alte Seemannslieder angestimmt, um die Langeweile zu vertreiben.
Zwei von den Seeleuten hatten es sich im Klüvernetz, das hängt ganz vorne über dem Wasser, gemütlich gemacht und redeten über die schöne gemeinsame Zeit und über die Zukunft.
Der eine war ein frischgebackener Matrose, der andere ein alter windgegerbter Seebär, dessen Aufgabe es war, sein Wissen an die Neuen weiter zu geben. Sie hatte viel zusammen erlebt: komplizierte Schiffsmanöver, Stürme, Flauten, Geschichten von Seeungeheuern. Und dann die gesammelten Erfahrungen des jüngeren: Fernweh, Seekrankheit, Heimweh. Doch nach dieser gemeinsamen Zeit fiel der Abschied wirklich schwer.
Doch auch diesmal, wie bei jeder scheidenden Crew, hatte der Alte ein paar tröstende Worte für seinen Freund:
„Es wird noch so viele Fahrten für dich geben, mein junger Freund. Du wirst mal bei dem einen und mal bei dem anderen Kapitän anheuern. Da gibt es soviel zu erleben, das kannst du dir jetzt noch gar nicht vorstellen. Und wenn wir uns dann eines Tages wieder treffen, in irgendeiner Hafenkneipe, dann erzählst du mir davon. Und denk immer daran, Gott gab uns Erinnerungen, damit wir uns auch in späteren Zeiten an unsere Abenteuer erfreuen und sie mit anderen teilen können.“
Aber da ihnen ja noch ein ganzer Tag blieb, fügte er noch etwas hinzu:
„Die Zeit ist unser Gefährte, der uns auf unseren Reisen begleitet und uns daran erinnert jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen. Also gehe sorgsam mit ihnen um, mein Freund.“
Und so segelten sie gemeinsam in den Sonnenuntergang, ihrem Heimathafen und der Zukunft entgegen.

(c) 1999, Marco Wittler

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