018. Es war einmal …

Es war einmal…

Es war einmal, vor langer Zeit, ein Königreich. Dort lebten viele glückliche Menschen, denn niemand war arm und musste hungern. Das lag daran, dass der König seinem Volk befohlen hatte, dass jeder sich einen Bienenstock anschaffen sollte. Die darin lebenden Bienen sammelten nun Jahr für Jahr köstlichen Blütennektar und machten diesen zu Honig.
Es sollte auch nicht lange dauern, bis man, in jedem Lande der bekannten Welt, davon gehört hatte. Jeder wollte sich einen Topf dieses leckeren Honigs gönnen und kam in das Königreich gefahren. So kam viel Geld ins Land und allen Bewohnern ging es gut, denn sie wurden von Tag zu Tag wohlhabender. Ein schöneres Leben konnte man sich gar nicht vorstellen.
Doch leider gab es auch andere Leute, die sehr neidisch auf das Glück sind und denen es nur dann gut geht, wenn großes Unglück über das Land kommt. Dazu gehörten auch die Hexen, denen es erst dann gut ging, wenn sie jemandem das Leben so richtig vermiesen konnten.
Eine von ihnen war Morala. Sie hatte schon oft von den Reichtümern im Königreich gehört und ärgerte sich jedes Mal darüber. Deswegen hatte sie sich auf den Weg gemacht, um dort für Unfrieden, Streit und Unglück zu sorgen. Sie hatte sich auch schon sehr genau überlegt, wie sie das anstellen konnte.
Etwa zur gleichen Zeit gab es im Schloss eine große Besprechung zwischen dem König und den Imkern des Landes. Denn in diesem Jahr würde die Honigernte sehr schlecht ausfallen. Die Blüten auf den Wiesen wurden von Wespen, Hummeln und anderen Insekten so schnell geplündert, dass für die Bienenvölker nicht mehr viel übrig blieb.
Nun suchte man nach Lösungen, doch niemand wusste Rat. Aber es musste trotzdem schnell gehen, denn sonst wäre nicht genug Honig zum Verkaufen da, und es käme kein Geld mehr ins Land.
In diesem Moment klopfte es an den Schlosstoren und eine alte Frau bat darum, vor den König treten zu dürfen. Da es noch immer keine Aussicht auf Ideen gab, willigte der König ein.
Er setzte sich in den Thronsaal und empfing die Unbekannte. Er war es satt, ständig nur über Wespen und Hummeln zu hören. Daher erhoffte er sich nun etwas Ablenkung.
Die alte Frau wurde ihm als Morala, die weise Zauberin, vorgestellt, die alle Länder bereiste und jedem Herrscher ihre Dienste anbot.
Dem König leuchteten die Augen, als er das hörte und erklärte ihr sofort das Problem, womit sein Land gerade zu kämpfen hatte. Und er versprach ihr, alles zu tun, was sie verlangte, um diese Plage loszuwerden.
„Dann nennt mir euren Wunsch, Majestät, und ich werde ihn euch erfüllen.“, sagte Morala.
Der König überlegte nicht lange.
„Ich wünsche mir, dass endlich alle Insekten hier verschwinden und wir wieder unsere Ruhe haben.“
„Ich gewähre euch diesen Wunsch. Doch als Bezahlung verlange ich eure Tochter. Ich werde sie mit mir in mein Reich nehmen und nach meiner Lebensart erziehen und lehren.“
Dem König wurde heiß unter seiner Krone. Aber er hatte keine andere Wahl. Denn sonst würde man in seinem Land nie wieder Honig ernten können. Er schickte also seinen Diener los, der die kleine Prinzessin holte und übergab sie voller Trauer der Zauberin.
Morala drehte sich um und verlies den Thronsaal.
„Wenn ihr Morgen aufwacht wird es kein einziges Insekt mehr in eurem Königreich geben. Nie wieder. Seit euch dessen gewiss.“
So schnell, wie die alte Frau gekommen war, verschwand sie auch wieder. Und niemand wusste wohin sie ging und mit ihr die Tochter des Königs.

 In der folgenden Nacht wuchsen überall im Land riesige Wassermelonen aus dem Boden. Die Insekten wurden von ihrem süßen Duft angelockt und dann in das Innere der Früchte gesaugt. Kurz nach Sonnenaufgang summte kein Tier mehr durch die Luft. Mit einem lauten Knall verschwanden kurz darauf alle Melonen und das Königreich war die Plage los.
Die Imker freuten sich sehr. Überall wurde gefeiert. Auf dem Marktplatz der Hauptstadt, vor den Toren des Schlosses, spielte eine Musikkapelle Lieder über Bienen und leckeren Honig. Es wurden Spanferkel gegrillt und große Fässer Wein leer getrunken.
Doch schon einen weiteren Tag später war die gute Laune verflogen. Denn die Bienen waren nicht mehr da. Alle Bienenkörbe waren leer, nirgendwo flog eine von ihnen durch die Luft.
Zuerst wusste niemand was passiert war. Doch dann fiel es dem König wieder ein. Leichtsinnig und gutgläubig hatte er sich gewünscht, dass alle Insekten des Landes verschwinden sollten. Doch zu seinem Pech gehörten auch die Bienen dazu.
Nun hatte er alles verloren, seine kleine Tochter, die Bienen seiner Imker und das viele Geld, das aus anderen Ländern für den Honig bezahlt wurde. Denn ohne Honig konnte auch nichts mehr gekauft werden.
Da sich sein ganzes Volk auf diesen Handel spezialisiert hatte konnte niemand im ganzen Land einen anderen Beruf ausüben. Und so verarmte das Königreich sehr schnell über die nächsten Jahre und keiner war mehr glücklich.

 So verging eine lange Zeit, in der sich nichts an dieser Situation änderte. Jeder Versuch, neue Bienen anzusiedeln schlug fehl, denn sie wurden immer von einer über Nacht wachsenden Melone verschluckt und verschwanden dann mit ihr im Nichts.
Im ganzen Märchenland machte man sich mittlerweile Sorgen, denn es gab sonst nirgendwo so guten Honig. Dafür fanden sich aber immer mehr mutige Helden, die dem Spuk ein Ende bereiten wollten. Die einen versuchten in der Nacht die Melonen zu zerstören. Doch dann wuchs umso schneller eine neue an einer anderen Stelle.
Andere begaben sich auf die Suche nach der Hexe und des Königs Tochter. Der letzte, der es wagte, war ein kleiner Kater in tapferen Lederstiefeln, die ihn überall hin brachten. Doch auch er hatte keine Spur von den beiden entdecken können.
Der König hatte sogar eine Belohnung versprochen. Wer die Prinzessin und die Bienen befreien und die Hexe gefangen nehmen würde, bekäme seine Tochter zur Frau, das halbe Königreich in Besitz und eine große Schatztruhe, angefüllt mit dem letzten Gold des Landes.

 Eines Tages kam ein junger Mann in die Hauptstadt. Er sah sofort das Elend der Menschen und war sehr traurig darüber. Er hatte bereits von dem großen Unglück gehört, es sich aber nicht so schlimm vorgestellt. Daher lies er sich zum König führen, um ihm seine Dienste anzubieten.
Er stellte sich als Prinz Marco, aus edlem Hause, vor. Er hatte den königlichen Hof seines eigenen Landes verlassen, auf der Suche nach Abenteuern und einer hübschen Prinzessin, die ihn eines Tages heiraten würde.
Der König selber war es leid, immer wieder einem neuen Helden die gleichen Dinge zu erzählen und dann loszuschicken, nur um anschließend wieder enttäuscht zu werden. Daher kam er nicht selber, sondern lies sich durch einen Minister vertreten.
Dieser stattete den jungen Mann kurz darauf mit allem aus, was er für seine Suche brauchte. Nur ein Pferd konnten sie ihm nicht mehr bieten. Das letzte hatte der gestiefelte Kater bekommen und war nie damit zurück gekehrt.. Alles was sie ihm bieten konnten war ein Esel, den der Prinz aber nur zu gern annahm. Und so machten sich die beiden auf den langen Weg zu ihrem unbekannten Ziel.

 Sehr weit kamen sie herum, viele Länder durchreisten sie, und überall befragten sie die Menschen, die sie trafen, nach der Hexe und erhielten mal mehr und mal weniger hilfreiche Antworten.
Viele von ihnen kannten Morala, aber die meisten hatten zu viel Angst etwas zu sagen. Sie fürchteten sich vor einer grausamen Strafe.
Doch nach und nach hatte Marco eine Vorstellung davon, wo sich die Hexe aufhalten musste. Er ritt auf seinem Esel Richtung Norden in das Land des ewigen Schnees, wo es immer kalt war und schneite.
Es dauerte auch nicht lange, bis sie die ersten Schneeflocken sahen. Von nun an mussten sie sehr vorsichtig sein, um nicht sofort von Morala entdeckt zu werden. Der Prinz nutzte eine Herde Rentiere als Versteck, die zufällig in die gleiche Richtung wanderte. Dadurch kamen sie zwar langsamer, dafür aber sicherer, an ihr Ziel.

 Ein paar Tage später standen sie vor einem großen Schloss. Im Gegensatz zur eisigen Landschaft, die sie durchquert hatten, war es von grünen Wiesen und Wäldern umgeben. Es war sogar so warm wie an einem schönen Frühlingstag. Jetzt waren sie endlich angekommen. Marco band den Esel an einem Baum fest und schlich leise über die Zugbrücke in das große Gebäude.
Er war noch nicht sehr weit gekommen, als ihn jemand ansprach und er selber vor Schreck zusammen zuckte.
Auf einer kleinen Bank im Schatten saß eine hübsche junge Frau. Sie hatte lange schwarze Haare, rehbraune Augen und trug ein Kleid aus den edelsten und teuersten Stoffen. Wenn sich der Prinz nicht sicher gewesen wäre, dass hier eine Hexe hausen würde, hätte er sie fast für eine Prinzessin gehalten.
„Nun?“, sagte sie. „Willst du nicht antworten, weißt du nicht wer du bist oder bist du etwa stumm?“
„Ich … ich …“
Der Prinz bekam kein Wort heraus. Jetzt war er so lange und weit gereist, nur um sofort entdeckt zu werden. Er hielt sich für unendlich dumm. Er dachte sich, dass er nur mit einer wirklich guten Idee noch eine Chance haben würde zu überleben. Da ihm aber keine einfiel musste er Zeit schinden.
„Sagt mir erst einmal, wer ihr seid.“
Die Frau lächelte ihn an. Es war ein Lächeln, welches das Herz eines jeden Menschen erwärmt hätte.
„Ihr seid zwar sehr unhöflich, da ihr der Gast seid und nicht ich, aber ich werde eurem Wunsch trotzdem entsprechen. Ich bin die Herrin dieses Schlosses, Königin des Eisigen Landes, Zauberin des Nordens und Hüterin der Bienen.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Und ich bin ganz alleine.“
Nun sah sie sehr traurig aus.
Marco wusste nicht sofort, was er sagen sollte. „Aber du bist doch die Hexe Morala. Du hast so viele Länder und Menschen unglücklich gemacht. Wunderst du dich da über deine Einsamkeit?“
„Wenn ich Morala wäre, dann hätte ich dich nicht unbescholten über die Zugbrücke kommen lassen, sondern hätte dich von einem Windstoß in den Wassergraben wehen lassen, wie sie es mit vielen anderen vor dir getan hat. Niemand war schnell genug wieder dort heraus. Sie wurden alle von den Krokodilen gefressen.
Aber nun ist meine Stiefmutter tot. Ich bin hier alleine und kann nicht fort, weil ich die vielen Bienenvölker behüten muss. Das ist die Aufgabe, die sie mir gegeben hat. Ständig werden es mehr. Ich weiß nicht woher und weswegen sie kommen. Aber ich bin trotzdem für sie verantwortlich. Außerdem wüsste ich nicht, wo ich hingehen könnte. Dies ist mein Heim, und ich habe sonst niemanden mehr.“
Langsam begriff der Prinz, wen er vor sich hatte. Es war die entführte Prinzessin, die er gesucht hatte. Nun hatte er sie endlich gefunden.
Er nahm sie an die Hand, setzte sich mit ihr zusammen auf eine Bank unter einem großen Baum und erzählte ihr, woher sie selber kam und weswegen er gekommen war. Er berichtete ihr von den Bienen, dem guten Honig und wie schlecht es den Menschen ihres Volkes ging.
Das alles machte die Prinzessin sehr traurig. Sie hatte nie gewusst wie viel Unheil ihre Stiefmutter über die Menschen gebracht hatte. In ihrer Gegenwart war sie immer sehr nett und zuvorkommend gewesen und hatte alles nur erdenkliche gemacht, um sie glücklich zu machen.
Aber nun hatte die Prinzessin eine Idee. Sie entschloss sich mit dem Prinzen zurück zu reisen in das Land ihres Vaters. In den vielen Jahren im Land des Ewigen Schnees hatte sie von Morala alles gelernt, was eine richtige Zauberin wissen musste. Doch war sie stets ein guter Mensch geblieben und hatte nie etwas von der Verbittertheit der alten Hexe mitbekommen.
Nun hatte sie die Möglichkeit, die bösen Taten rückgängig zu machen.
Die beiden sattelten den Esel und machten sich auf den Weg zurück in die Heimat.

Als sie ankamen, ging die Prinzessin sofort an die Arbeit. Sie vertrieb die Samen der räuberischen Wassermelonen aus dem Boden des Landes und zauberte alle Bienenvölker hierher zurück. Nun konnten die Imker sie wieder ansiedeln. Die Bienen produzierten sogar noch besseren Honig als jemals zuvor, da sie in den vielen Jahren sehr gut gepflegt und behütet wurden.
Das Königreich erstrahlte sehr schnell wieder im alten Reichtum und Glanz und das Glück kehrte wieder zurück.
Der König hingegen hielt sein Versprechen. Nachdem er die freudige Nachricht erhalten hatte, dass der Prinz mit seiner befreiten Tochter zurück gekehrt war, lies er beide empfangen. Er richtete ein großes Bankett aus und veranstaltete ein Festmahl, an das man sich noch in vielen Jahren zufrieden erinnern würde.
Marco bekam, was man ihm versprochen hatte. Die Hälfte des Königreiches wurde ihm geschenkt. Er erhielt die große Schatztruhe, mit deren Inhalt er sich ein eigenes prunkvolles Schloss bauen konnte.
Einige Tage später heiratete er auch die Prinzessin, die überglücklich war, einen so tapferen Mann bekommen zu haben.
Sie selber sorgte mit ihrer Zauberkraft von da an, dass es ihrem Volk gut ging und keinen weiteren Schaden von bösen Hexen zu befürchten hatte.

 Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sich noch immer glücklich zusammen und umsorgen ihre zahlreichen Bienenvölker.

(c) 2004, Marco Wittler

18 Es war einmal

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3 thoughts on “018. Es war einmal …

  1. Hallo Prinz Marco 😉
    die Geschichte ist wirklich gut gelungen. Sie ist spannend und hat ein schönes Happyend. Ich finde es toll was du machst, mir würde die Kreativität fehlen so viele abwechslungsreiche Geschichten zu schreiben.
    Liebe Grüße,
    Wibke

    • Hallo Wibke.
      Vielen Dank für das Lob. Es muss nicht unbedingt jeder Geschichten schreiben. Ich bin der Überzeugung, dass jeder Mensch kreativ ist und für irgendwas ein großes Talent oder eine Leidenschaft besitzt. Die Kunst ist nur, dieses in sich zu finden und raus zu lassen.

      Lieben Gruß,
      der Marco

      • Ja, das stimmt Marco.
        Ich zeichne lieber, schreiben tu ich zwar auch gern, aber eher mehr über Geschehenes, ich kann mir keine Geschichten ausdenken 🙂
        Danke dass du viele kleine Kinder glücklich machst!

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