019. Einmal zum Mond und zurück

Einmal zum Mond und zurück

Es war Zeit für das Abendessen. Tim saß bereits am Tisch, wartete aber noch auf seinen Papa. Aber der lies sich wie immer Zeit. Er war noch in der Garage und bastelte an einem alten Auto. Irgendwann sollte es mal blitzblank aussehen und wieder über die Straßen rollen. Aber das würde wohl noch einige Zeit dauern, denn im Moment bestand es nur aus Einzelteilen.
Die Küchentür öffnete sich und Tim drehte sich um.
„Papa, wie siehst du denn aus? Du bist ja ganz schmutzig. Ich muss mich vor dem Essen doch auch immer waschen. Dann musst du das auch.“
Also ging Papa erst einmal ins Bad , wusch sich und zog sich saubere Sachen an.
In der Zwischenzeit holte Tim die Wurst aus dem Kühlschrank und das Brot aus dem Brotkasten. Mit Tellern und Tassen deckte er den Tisch. Nur die Messer lies er im Schrank, denn die durfte er noch nicht benutzen. Das war Papas Aufgabe.
Und der kam nun frisch gewaschen in die Küche und setzte sich auf seinen Platz.
Wie jeden Abend goss er sich eine große Tasse Milch ein, trank sie in einem Zug leer, wischte sich den breiten Milchbart aus dem Gesicht und lehnte sich hinüber zum Schrank, um ein Buttermesser herauszuholen.
Er griff sich zwei Scheiben Brot. Die erste machte er für Tim fertig, mit ganz dünn Butter und einer Scheibe Kochschinken. Die zweite war für ihn selber.
Während Tim ein großes Stück von seiner Schnitte abbiss, sah Papa sich auf dem Tisch um.
„Wo ist denn der Käse geblieben?“, wunderte er sich.
Tim zuckte mit den Schultern, hüpfte vom Stuhl und ging zum Kühlschrank.
„Ich habe vergessen ihn herauszuholen.“
Als der Junge durch die Kühlfächer guckte, konnte er aber nichts finden.
„Der Käse ist alle. Wir haben heute morgen den letzten Rest gegessen.“
„Na, so was.“, sagte Papa. „Dann muss ich heute ja Wurst essen und Morgen auch. Denn dann ist Sonntag. Da sind alle Läden geschlossen.“
Während die beiden still ihre Brote aßen, schaute Tim aus dem Fenster und sah gerade den Mond aufgehen, dessen rundes Gesicht über den Wald leuchtete und sich im See spiegelte. Unzählige Sterne funkelten am Himmel und schienen den Mond zu begrüßen.
„Da oben müsste man wohnen.“
„Wo denn?“, fragte Papa.
„Na, da oben, auf dem Mond. Die Anna-Lena hat gesagt, dass der ganze Mond aus Käse gemacht ist. Jedenfalls behauptet das ihr Papa. Und der muss es wissen. Der hat auch schon einmal was von einem Butterberg erzählt.“
Aber Tims Papa zuckte nur mit den Schultern.
„Davon habe ich noch nie was gehört. Außerdem gibt es keine Möglichkeit dort hin zu kommen. Der Mond ist zu hoch und zu weit weg. Wir müssen halt bis Montag warten, bis wir wieder Käsebrote machen können.“

 Nach dem Essen war es Zeit zu Bett zu gehen. Tim wusch sich im Bad, putzte sich die Zähne und ging in sein Zimmer. Dort zog er sich seinen Schlafanzug an und legte sich hin. Er schlief sofort ein.
Papa hingegen bastelte noch ein wenig an seinem Auto in der Garage.

 Mitten in der Nacht zupfte etwas an der Bettdecke. Dann wurde Tim auch noch leicht an der Schulter angestupst. Er wurde wach und öffnete seine verschlafenen Augen. Vor ihm stand sein Papa. Er hatte noch immer seine Sachen und sogar mittlerweile eine Jacke angezogen. Auf seinem Rücken hatte er sich einen Rucksack geschnallt.
„Aufstehen, Tim. Wir machen eine kleine Spritztour. Ich habe das Auto fertig und jetzt fahren wir los und besorgen uns doch noch etwas Käse.“
Tim wischte sich über die Augen, zog sich im Halbschlaf an und trottete in die Garage hinunter.
Das Auto war tatsächlich fertig geworden. Alles war zusammen geschraubt, knallig rot lackiert und blitzblank poliert. Bei diesem Anblick war der Junge sofort hellwach. Er hüpfte in seinen Kindersitz, schnallte sich an und wartete darauf, dass es losgehen würde.
Wo bekommt man wohl so tief in der Nacht noch Käse, überlegte er sich. Aber dann stieg Papa ein und startete den Motor.
Und schon ging es los. Sie fuhren die lange Straße entlang, die aus der Stadt führte, bis sie zur Autobahn kamen. Von da an konnten sie einiges Schneller fahren. Der Wind pfiff richtig an den Fenstern vorbei.
„Wie weit müssen wir denn fahren?“, fragte Tim.
„Eine Weile wird es schon dauern. Aber bestimmt wird es nicht langweilig.“, war die kurze Antwort.
Ein paar Kilometer später wurde das Auto noch schneller, denn Papa gab jetzt richtig Gas.
„Da kommt unsere Ausfahrt. Da müssen wir ordentlich Anlauf nehmen, denn sonst schaffen wir die Steigung nicht.“
Tim sah sich um. Nirgendwo war ein Berg zu sehen. Hier war doch alles flach. Das war sehr komisch. Noch seltsamer war das nächste Schild. Darauf stand:

Noch 500 Meter bis zur Milchstraße.

Aber war die nicht irgendwo am Himmel?
Nicht weit vor ihnen leuchtete es hell. Da waren mehr Sterne als anderswo. Und darauf fuhren sie direkt zu.
Das Auto ruckelte kurz und schon ging es aufwärts. Die Autobahn und die Lichter der Stadt blieben unter ihnen zurück und wurden rasch kleiner, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Jetzt waren sie tatsächlich auf der Milchstraße, die sich weit in den Himmel erstreckte.
Das Auto fuhr an leuchteten Sternen vorbei, überholte so manchen Kometen und lies ein paar Milchtransporter hinter sich zurück, die damit beschäftigt waren, ein paar Schlaglöcher auszubessern. Tims Mund und seine Augen waren weit offen und er konnte nur noch staunen.
„Wo fahren wir denn überhaupt hin?“
„Dorthin, wo es mitten in der Nacht noch Käse gibt.“
Papa zeigte mit dem Finger auf den Mond, auf den sie zufuhren.
Langsam wurde das Mondgesicht größer und man konnte einige Krater sehen. Bald mussten sie da sein. Mittlerweile war die Erde hinter ihnen schon sehr klein geworden. Aber langweilig wurde es unterwegs nicht, denn es gab so vieles zu sehen. Hin und wieder flog sogar ein Raumschiff an ihnen vorbei.
Bei der Ausfahrt zum Mond bogen sie wieder ab und parkten ein paar Meter weiter das Auto vor einem kleinen Krater. Sie waren am Ziel angekommen. Tims Papa schnallte sich den Rucksack wieder um und beide stiegen sie aus.
Von hier aus hatte man einen herrlichen Ausblick auf die Erde. Sie hing nun wie eine blaugrüne Scheibe am Himmel. Sie sah aus, wie ein Mond.
Tim fasste Papa an der Hand. Es war ihm doch etwas unheimlich hier. Niemand anderes war zu sehen. Es gab auch keine Tiere und Pflanzen, nur jede Menge Krater im Boden und einige Gebirge am Horizont.
Sie gingen los und sahen sich um. Hin und wieder steckten kleine Schilder im Boden, die Papa vorlas:

Tilsiter, Emmentaler, Edamer, Harzer.

Beim Parmesan hielten sie sich angestrengt die Nase zu.
„Hier sind wir richtig. Dort steht Gouda auf dem Schild.“
Tim staunte. Der Mond bestand tatsächlich aus Käse. Man konnte es riechen und sogar schmecken, wenn man ein Stück probierte.
Papa holte ein Messer aus dem Rucksack, schnitt mehrere Stücke aus dem Boden und füllte damit den Rucksack.
„So, das wird wohl reichen. Jetzt wird es Zeit, nach Hause zu fahren.“
Sie gingen zurück und stiegen wieder in das Auto. Doch diesmal wollte es nicht anspringen. Es gab keinen Ton von sich. Ein Blick unter die Motorhaube verriet Papa, dass die Batterien leer waren.
So konnten sie unmöglich zurück kommen. Aber hier auf dem Mond konnten sie auch nicht bleiben, denn ohne Brot schmeckte der beste Käse nicht. Also mussten sie auf Rettung warten.

 Nach etwa einer halben Stunde flog ein silbrig glänzendes Raumschiff vorbei. Richtig schick sah es aus. Papa winkte sofort, um zu zeigen, dass sie Hilfe brauchten, worauf es auch gleich neben ihnen landete.
Mit einem leisen Zischen öffnete sich eine Luke und jemand sprang heraus. Er war eindeutig von einem anderen Planeten gekommen. Er sah etwas anders aus als ein Mensch. Seine Haut war blau, die Haare weiß und die Ohren fast doppelt so groß wie bei Papa.
Der Außerirdische lächelte und bot ihnen an, sie abzuschleppen. Er war gerade auf dem Weg zum Mars, da lag die Erde auf seiner Reiseroute.
Der Rückflug war sehr viel schneller. Aber trotzdem schlief Tim unterwegs sofort ein, so müde hatte ihn die Fahrt gemacht. Außerdem war es auch schon sehr spät. So lange Nächte war er nicht gewohnt.
Zuhause angekommen bedankte sich Papa für die Hilfe. Er brachte Tim ins Bett und schob anschließend das Auto zurück in die Garage.

 Als Tim am nächsten Morgen wach wurde konnte er sich noch an alles erinnern, die Reise zum Mond, den vielen Käse und an den netten Mann vom anderen Stern. Das war ein komischer Traum gewesen. Aber wenn es darin leckeren Käse gab, war es auf jeden Fall ein guter und schöner Traum.
Er stand auf, zog sich an und machte sich im Bad fertig.
Als er kurz darauf den Aufschnitt für das Frühstück aus dem Kühlschrank holen wollte, staunte er nicht schlecht. Denn darin war ein großer Haufen Käse, der am Abend vorher noch nicht da war.
Konnte man vielleicht doch mit dem Auto über die Milchstraße zum Mond fahren?
In diesem Moment kam Papa grinsend in die Küche, wünschte einen guten Morgen und begann, wie jeden Tag, die Brote zu schmieren, eine Schnitte für Tim und eine für ihn selber.
Er sagte nichts zu dem Käse oder was in der letzten Nacht passiert war. Nachdem Tim aber fragte guckte, zwinkerte er ihm ganz kurz zu.

(c) 2004, Marco Wittler

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