020. Hunger im Schlaraffenland

Hunger im Schlaraffenland

 Weit von hier entfernt gibt ein Land, in dem es jedem Menschen gut geht. Und diejenigen, die woanders leben, suchen danach, denn es ist sehr gut versteckt und auf keiner Landkarte eingezeichnet.
Das Schlaraffenland ist ein Paradies für jeden, der gerne und viel isst und dafür möglichst wenig arbeiten und sich bewegen will. Das Einzige was zu tun ist: Man muss sich unter einen Baum ins Gras legen und das Leben genießen.
Hier fließen Milch und Honig in den Bächen und Flüssen, köstlicher Wein sprudelt aus kühlen Felsquellen, süße Leckereien wachsen an jedem Busch und knusprige Brathähnchen fliegen durch die Luft. Wenn man den Mund öffnet, flattern sie einfach direkt hinein.
Es ist dort einfach alles essbar. Besser kann es einem Menschen gar nicht gehen. Allerdings muss man vorher den Weg ins Schlaraffenland finden. Und das ist gar nicht so einfach.
Ein paar Glückliche, die tatsächlich den Eingang gefunden hatten waren der Igel Benedikt, der Hase Fridolin und der kleine Mäuserich Frederick. Sie waren schon ein paar Wochen hier und ließen es sich richtig gut gehen. Das Leben war hier richtig herrlich. Alle drei lagen auf den Wiesen herum und aßen, was ihnen vor die Nase und den Mund kam. Ihre Bäuche waren mittlerweile schon kugelrund und dick geworden. Aber trotzdem wurden sie nicht satt und aßen immer weiter. Fridolin war nun auch so langsam wie ein Igel geworden, was ihm aber nichts ausmachte, denn im Schlaraffenland ist schnelles Bewegen, Arbeiten und jede Art von Anstrengung verboten. Wer sich nicht an diese Regel hält wird mit zwanzig großen Portionen Erdbeereis mit extra viel Sahne bestraft.
So hätte das Leben ewig weiter gehen können. Doch leider passierte etwas, wodurch die Gemütlichkeit empfindlich gestört wurde. Denn ein paar neue Leute hatten den Weg hierher gefunden. Es waren drei Mädchen, die Pudeldame Marie, das Flamingofräulein Anna und Petra Pony. Sie waren, wie alle Neuen hier, noch rank und schlank. Aber bei dem guten Essen würde sich das rasch ändern. Doch dann kam alles anders als es hätte sein dürfen.
Die drei Mädchen hatten schnell die Jungs entdeckt und mit ihnen die ersten Tage verbracht. So konnten sie ziemlich schnell alle wichtigen Regeln lernen. Außerdem ließen sie sich die Plätze mit dem besten und nahrhaftesten Essen zeigen.
Fridolin, Benedikt und Frederik führten sie nur zu gerne herum und zeigten ihnen alles, denn von neuen Leuten hört man neue Geschichten. Ansonsten unterhielten sich die drei Freunde nur noch übers Essen. Das wurde auf die Dauer immer schnell langweilig.

 Nachdem die Mädchen über alles Bescheid wussten, machten sie sich auf, um eine eigene Stelle zu finden, an der sie es sich gemütlich machen konnten. Jedenfalls erzählten sie das den Jungs. Aber in Wirklichkeit hatten sie ganz andere Dinge im Kopf. Denn schon ein paar Tage später passierten einige Veränderungen im Schlaraffenland.
Es fing bei den Flüssen an. Plötzlich versiegte der Strom von Milch und Hönig. Selbst der Wein sprudelte nicht mehr aus der Felsenquelle. Zuerst dachten sich die Jungs nichts dabei. Aber dann waren überall, wo sie auch nur hingucken konnten die Leckereien von den Büschen und Bäumen verschwunden. Zum Schluss fehlten ihnen sogar die Brathähnen. Fridolin lag unter seinem Baum im Schatten und öffnete seinen Mund. Aber nichts flatterte hinein.
Das konnte nicht mit rechten Dingen zu gehen, dachten sich die drei. Irgend etwas stimmte da nicht. Aber faul, wie sie mittlerweile waren, blieben sie liegen wo sie waren und warteten darauf, dass am nächsten Tag alles wieder so sein würde, wie es sein sollte.

 Doch leider mussten sie auch diesmal auf etwas Essbares verzichten. Nun musste doch etwas unternommen werden, denn langsam wurden sie sehr hungrig. Also machte sich Frederik auf den Weg, zu sehen, was passiert war. Da er eine mutige Maus war, die einige Abenteuer bestanden hatte, war er genau der Richtige für diese Aufgabe.
Mühsam wanderte er durch das ganze Schlaraffenland, denn sein dicker Bauch hinderte ihn beim Laufen. Schnell gehen konnte er nicht. Er schlich eher.
Doch am Abend, als er zurück war, hatte er den anderen etwas zu erzählen. Irgend jemand hatte in den Bächen und Flüssen Dämme gebaut und die Weinquellen mit Korken verstopft. Die Brathähnchen steckten in Käfigen und alles andere war in riesigen Speisekammern weggesperrt. Und weil Frederik mit seinem dicken Bauch viel zu schwach war, hatte er nichts davon wieder so herrichten können, wie es war.

 Am zweiten Tag versuchten sie es zu Dritt. Jedenfalls hatten sie es sich so vorgenommen. Doch war Benedikt sofort zu faul zum Laufen und Fridolin und Frederik waren alleine zu schwach um etwas tun zu können.
Verflixt und zugenäht, dass ist zum aus der Haut fahren, dachten sich die drei. Irgendwie mussten sie doch an etwas Essbares kommen. Deswegen waren sie doch hergekommen.

 Nach ein paar Tagen, die drei Jungs hatten nur ein wenig am Gras der Wiesen geknabbert, hatten sie zwar immer noch großen Hunger, aber dafür waren ihre Bäuche ein ganzes Stück kleiner geworden. Nun konnten sie endlich tun, was zu tun war: endlich etwas zu Essen besorgen.
Sie machten sich auf den Weg. Doch schon bei den Käfigen, in denen die Brathähnchen gefangen waren, gab es die ersten Schwierigkeiten. Denn dort saßen die drei Mädchen und schauten die Jungs böse an.
„Ihr wollt doch wohl nicht schon wieder etwas Essen.“, sagte Petra Pony.
„Schaut euch doch nur einmal an, wie dick ihr geworden seit. Das sieht ja schlimm aus. Ihr könnt doch nicht immer nur faul im Gras herum liegen und gar nichts tun. Das ist doch völlig ungesund.“
Darin waren sich die drei Mädchen einig. Es musste einiges im Schlaraffenland getan werden. Doch darauf hatten die Jungs keine Lust. Ihnen gefiel es wie es vorher war.
Doch leider hatten Marie, Anna und Petra schon viel Schaden angerichtet. Sie hatten mit dem dicken König des Landes geredet und ihn davon überzeugt, dass es viel gesünder wäre, wenn man neben dem vielen Essen noch eine gehörige Menge Sport treiben würde, damit der Bauch nicht zu groß würde.
Daraufhin wurden sofort alle Regeln neu überarbeitet. Ab sofort wurde Sport im Schlaraffenland zur Pflicht. Mindestens drei Stunden am Tag sollte trainiert werden. Erst dann gab es etwas zu Essen.
Das war den Jungs zuviel So hatten sie sich das gemütliche Leben nicht vorgestellt.
„Wisst ihr was, ich werde das Schlaraffenland wieder verlassen. Wenn ich mich schon bewegen soll für mein Essen, dann suche ich mir ein schöneres Plätzchen aus.“
Frederik stemmte seine Hände in die Seiten und schaute grimmig auf Petra Pony.
„Außerdem wollte ich schon immer mal in einem Leuchtturm leben. Und da kann ich fast genauso faul leben wie hier.“
Benedikt und Fridolin stimmten ihm zu. Alle drei marschierten, ohne ein weiteres Wort zu sagen zum Ausgang und verließen das Land, in dem Milch und Honig fließen.
Schon bald wurden ihre Bäuche kleiner und kleiner, bis sie wieder völlig normal aussahen. Sie konnten sogar wieder normal gehen und laufen.
Immer schimpften sie über die drei Mädchen, dass sie soviel Unheil über das Schlaraffenland gebracht hatten. Aber in Wirklichkeit waren sie ihnen sehr dankbar, dass sie nun wieder richtig gut aussahen und alles machen konnten, denn so fühlten sie sich besser. Aber das erzählten sie niemanden und behielten es für sich.

(c) 2004, Marco Wittler

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