026. Das Sockenmonster (Ninas Briefe 3)

Das Sockenmonster

 Hallo Steffi!

 Heute muss ich dir etwas ganz unglaubliches berichten. Du wirst mich bestimmt wieder für völlig verrückt halten, aber das ist mir egal, weil es wirklich passiert ist und ich das nicht für mich behalten kann.

Also:
Gestern morgen hatte ich mich ziemlich geärgert. Als ich aufstand und mir meine Lieblingssöckchen anziehen wollte, du weißt schon, diese süßen rosafarbenen mit meinem Namen drauf, da war nur noch einer von ihnen da. Der andere fehlte völlig. Dabei waren sie auf jeden Fall noch zu zweit gewesen, als ich sie das letzte mal an hatte. Schließlich lasse ich ja nicht einen Fuß nackig, wenn ich raus gehe. Das sähe bestimmt auch nichtgerade sehr schick aus.
Ich lief also zu Mama runter und erzählte ihr, dass mir einer meiner Socken fehlen würde. Sie sagte mir dann, dass es ihr letzte Woche beim Waschen schon aufgefallen sei und auch nicht wüsste, wo das Ding hingekommen wäre. Und dann erzählte sie mir davon, dass sie daran glauben würde, dass in unserem Keller ein gefräßiges Sockenmonster leben würde, welches nach jeder Wäsche eine Socke verschwinden lies. Nur hatte sie es bisher weder gesehen, noch auf frischer Tat ertappt.
In diesem Moment habe ich sie angeschaut, als wäre sie verrückt, denn so eine komische Geschichte würde ihr doch niemand glauben. Und ich schon gar nicht. Ich habe mir gleich gedacht, dass es keine Sockenmonster geben würde, Mama nur selber nicht erklären konnte, warum ab und zu ein Söckchen verschwand.
Am liebsten wäre ich direkt in den Keller gelaufen, um die Waschmaschine zu untersuchen. Allerdings darf ich da nicht dran gehen. Also musste ich auf eine passende Gelegenheit warten, um unbemerkt in den Keller verschwinden zu können. Das Problem war nur, dass meine Eltern den ganzen Tag über nicht weg fuhren. Es war auch viel zu regnerisch draußen, so dass sie sich auch nicht im Garten beschäftigen konnten.
Bis zum Abend hatte ich gewartet, aber keine Chance gehabt. Irgendwann wurde es zu spät für mich und ich musste ins Bett gehen. Aber schlafen konnte ich trotzdem nicht. Ich lag noch eine ganze Weile wach und dachte die ganze Zeit an die Socken.
Weil es mir einfach keine Ruhe lies, wartete ich, bis alle in ihren Betten verschwunden waren. Dann stand ich leise auf, schnappte mir meine kleine Taschenlampe und schlich mich die Treppe runter in den Keller.
Ein wenig mulmig war mir schon zumute. Es war alles stockdunkel und gespenstisch ruhig. Nur aus dem Heizungsraum kamen ein paar leise Geräusche. Aber sonst war hier nichts außer mir selber.
Da fiel mir wieder die Geschichte mit dem Sockenmonster ein. Ob sie doch stimmen könnte? Ein wenig Angst machte mir das schon. Ich hatte versucht mir vorzustellen, wie es aussehen könnte, sofern es überhaupt eines gab. Es würde ein wenig kleiner sein als ich, schließlich musste es in die Waschmaschine passen, einen dicken Bauch, kräftige Arme und Beine und von Kopf bis Fuß von einem dichten, zotteligen Fell bewachsen. Als Farbe fiel mir dann ein leuchtendes Orange ein, vermischt mit ein paar hellen Tupfern, fast so wie euer Kater. Das Monster hätte bestimmt auch abstehende Ohren, um damit alles gut hören zu können, falls sich jemand, so wie ich, von Hinten heran schleicht. In seinem Mund jede Menge scharfe Zähne, denn so ein Söckchen war bestimmt schwer zu zerkauen.
Langsam näherte ich mich Schritt für Schritt der Waschküche. Da Mama heute Socken gewaschen hatte, müsste noch ein ganzer Korb voll hier unten stehen. Wenn ich das Glück hatte, jemanden zu erwischen, dann heute Nacht.
Ganz leise und vorsichtig öffnete ich die Tür, schlich mich hinein und schloss sie wieder hinter mir. Draußen hatte ich vorsichtshalber meine Taschenlampe abgeschaltet. Ich wollte einen möglichen Sockendieb auf frischer Tat ertappen.
Ich wartete also mucksmäuschenstill ein paar Minuten und lauschte in die Dunkelheit hinein. Ab und zu konnte ich tatsächlich leise Geräusche hören. Irgendwas war mit mir zusammen hier im Raum.
Jetzt bekam ich doch richtige Angst. Ich konnte ja nichts sehen, hoffte aber das es dem, was immer es sein mochte, ebenfalls so erging. Am liebsten hätte ich meine Taschenlampe sofort angeknipst, aber dachte mir, dass es besser wäre, wenn ich erst einmal genau wüsste, wo dieses Ding war. Also versuchte ich weiter ruhig zu bleiben, drehte meinen Kopf hin und her und lauschte.
Da war das Geräusch wieder. Es kam ungefähr aus der Richtung, wo die Waschmaschine stand. Vorsichtig ging ich einen Schritt näher, hob meine Lampe und knipste sie an. Aber zu meinem Erstaunen sah ich nichts weiter, als die Maschine und den Wäschekorb. Ich war richtig verblüfft, aber auch enttäuscht. Das konnte doch nicht sein. Schließlich hatte ich doch etwas gehört.
Ich sah mich genau um, schaute in jede kleine Ecke und Nische, bis mein Blick wieder auf den Wäschekorb fiel. Er war gefüllt mit vielen bunten Socken von uns allen. Und da war auch wieder ein Geräusch. Es kam direkt aus der Wäsche.
Ich hob vorsichtig ein paar Söckchen hoch und sah plötzlich etwas Felliges. Ich erschrak. Aber da nichts Schlimmes passierte, machte ich kurz darauf weiter. Was dann da zum Vorschein kam überraschte mich dann doch sehr. Dort war kein Monster, sondern mein kleines Kaninchen Schnupsi. Es guckte mich aus seinen Knopfaugen an und schnuffelte mit seiner kleinen Nase so vor sich hin.
Irgendwie war das doch sehr komisch. Wie konnte mein Mümmelmann alleine von seinem Käfig hierher kommen?
Ich sah mich noch ein wenig um, fand aber sonst nichts weiter. Also schnappte ich mir mein Kaninchen und brachte es zurück ins Wohnzimmer. Als ich es gerade in seinen Käfig setzen wollte fiel mir auf, dass dieser gar nicht offen war. Konnte Schnupsi selber seinen Stall öffnen und wieder verschließen? Das war alles wirklich sehr seltsam. Ich überlegte, ob ich am Nachmittag vielleicht vergessen hatte ihn hinein zu setzen. Aber eine Antwort fand ich nicht.
Ich öffnete also das Türchen und hob das kleine Holzhäuschen im Innern hoch. Mein kleines Fellknäuel sollte direkt in sein weiches Bettchen. Doch dann erschrak ich und hätte es beinahe fallen lassen. Denn dort im Heu lag mein rosa Söckchen.
War mein Kaninchen vielleicht das Sockenmonster? Ich schnappte mir die Socke, machte schnell hinter Schnupsi die Käfigtür zu, lief mit einem sehr mulmigen Gefühl zurück in mein Zimmer und versteckte mich unter meiner Decke.
Was das nun alles zu bedeuten hat, habe ich noch nicht heraus gefunden. Aber ich habe mich heute einfach nicht getraut, es Mama zu erzählen. Vielleicht weißt du ja Rat oder kennst dich besser mit Kaninchen aus als ich.

Schreibe mir bitte bald. Ich erwarte deinen Brief schon sehnlichst.

 Deine Nina!

P.S.: Da du ja auch ein Kaninchen hast, wollte ich fragen, ob bei euch auch ständig Socken verschwinden und ob du dieser Sache schon einmal auf den Grund gegangen bist.

(c) 2005, Marco Wittler

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2 thoughts on “026. Das Sockenmonster (Ninas Briefe 3)

  1. Hallo Marco,
    wie immer ist das hier eine schöne Geschichte… die Sockenmonster kennt doch jeder 🙂
    Wir konnten unseres mit Sockenklammern vertreiben – wenn Socken im Paar auftreten haben die Monster einfach Angst.

    Liebe Grüße,
    Annika

    • Hallo Annika.

      Von Sockenklammern hab ich noch nie was gehört. Wie sehen die aus und klappern die dann nicht zu sehr in der Maschine?

      Lieben Gruß,
      der Marco

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