027. Der verschwundene Schuh

Der verschwundene Schuh

Mitten im Wald lag ein großes Haus. Es war zwar nicht sehr hoch, dafür aber lang und breit. Wenn man mal davor steht und durch die Fenster ins Innere schaut, sieht man einen sehr langen Gang in der Mitte, von dem aus viele Räume nach links und nach rechts gehen.
Das war ja auch soweit noch nicht sehr verwunderlich, aber dafür die einzelnen Zimmer. Schon die Türen verrieten Seltsames. Auf der einen stand ‚Turnschuhe’ geschrieben, auf einer anderen ‚Regenstiefel’ und ‚Wanderschuhe’. So ging das den ganzen Flur entlang.
Jetzt hätte man meinen können, man wäre in einem Schuhladen gelandet oder im Wohnhaus einer Frau, die sehr gerne Schuhe kauft. Aber all diese Vermutungen waren völlig falsch, denn hier hauste Max.
Max war kein Schuhverkäufer und erst recht keine Frau. Max war ein Tausendfüßler. Und wieder jeder andere auch, brauchte er ordentliche Schuhe. Doch leider bestand das Problem darin, dass er von jeder Sorte eintausend Stück brauchte, also fünfhundert Paare und nicht nur eines, wie wir.
Und da so viele Schuhe nicht mehr in einen Schuhschrank passen oder unter die Treppe, gab es hier extra Räume dafür, einen für Sandalen, einen für Winterschuhe und auch für die guten Lederschuhe. Dazu dann noch jede Menge mehr.
Nur ein paar ganz wenige Zimmer waren für etwas anderes gedacht. In einem schlief Max, ein zweites beherbergte den Fernseher. Dann waren da noch die Küche und die Toilette.
Es war gerade früh am Morgen und der Tausendfüßler wurde von den ersten warmen Sonnenstrahlen geweckt. Es war ein richtig schöner Sommertag. Die Vögel trällerten ein Lied und schon bald machten sich seine Nachbarn, für eine Abkühlung, auf den Weg zum Badesee.
„Das ist eine gute Idee, das werde ich auch machen.“, sagte sich Max.
Nachdem er ausgiebig gefrühstückt hatte betrat er das Zimmer für die Pantoffeln. Der Reihe nach, Paar für Paar, zog er sie alle aus und sortierte sie in den Regalen sorgfältig und ordentlich ein. Denn jeder Schuh passte nur an einem bestimmten Fuß.
Als er fertig war, ging er in den nächsten Raum. Dort befanden sich die Wanderschuhe, denn für eine Wanderung zum Badesee waren sie genau richtig.
Inzwischen war es bereits Mittag geworden, denn eintausend Pantoffeln ausziehen dauert schon recht lange. Du kannst das ja einmal ausprobieren, indem du deine fünfhundert Mal an- und wieder ausziehst.
Nun begann Max damit seine Schuhe wieder einzukleiden, einmal links, einmal rechts, einmal links, einmal rechts und so weiter, bis er hinten angekommen war.
Aber, ach du Schreck. Was war das? Der letzte Fuß blieb nackig, denn der letzte Schuh fehlte. So ein Ärger.
Der Tausendfüßler lief mehrfach im Kreis und suchte auf und unter allen Regalen, aber es war nichts zu finden. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die neunhundertneunundneunzig Schuhe wieder auszuziehen.
Währenddessen schaute er immer wieder aus dem Fenster. Immer mehr Leute gingen sich im Kühlen Nass erfrischen. Nur er war noch nicht soweit.
Er verließ den Raum wieder und ging in den nächsten. Wenn die Wanderschuhe nicht da waren, mussten halt andere her. Er versuchte es mit seinen Sandalen, denn im Sommer war es ja warm genug dafür.
Und wieder wurde ein Fuß nach dem anderen angekleidet, einmal links, einmal rechts und auch mal umgekehrt.
Als Max dann endlich fertig war, verließ er mit seinem gepackten Rucksack und seiner Badehose das Haus. Allerdings musste er erstaunt feststellen, dass ihn das An- und Ausziehen seiner Schuhe so viel Zeit gekostet hatte, dass es mittlerweile schon Abend geworden war. Die Sonne war gerade hinter dem Horizont verschwunden und schon bald würde es ganz dunkel sein.
Und da fiel sein Blick auf einen Gegenstand, der auf der Fußmatte lag. Es war sein fehlender Wanderschuh. Nun fiel ihm wieder ein, dass er ihn am Tag zuvor hier ausgezogen hatte, weil ihn ein kleines Steinchen unter seinem Fuß gestört hatte.
Der Tausendfüßler packte sich den Schuh und brachte ihn zurück an dessen Platz. Dann zog er sich die Sandalen wieder aus, denn zum Baden war es zu bald zu dunkel.
Doch dann dachte er sich, dass es für etwas anderes vielleicht nicht zu spät wäre. Also zog er sich die eintausend Wanderschuhe wieder an.
Als Max diesmal vor die Tür ging, war es tiefe Nacht und die Sterne schimmerten am Himmel. Es war eindeutig die richtige Zeit für eine Nachtwanderung, denn nur jetzt konnte man die schönen Sternbilder genießen.
Der Tausendfüßler ging los und hatte so viel Spaß wie schon lange nicht mehr bei einem Fußmarsch.
Noch lange sollte er an diesen verrückten Tag zurück denken und ihn als den schönsten seines Lebens in Erinnerung behalten.

(c) 2005, Marco Wittler

Max

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