029. Bronti und der Drache

Bronti und der Drache

Vor langer Zeit, als die Menschen die Erde noch nicht für sich erobert hatten, lebten auf ihr die Dinosaurier. Ihr Leben war gar nicht so anders, als später das unsrige. Aber dafür sahen sie ganz anders aus. Vom Äußeren glichen sie den heutigen Eidechsen und Krokodilen, denn auch sie waren Reptilien. Es gab sie sogar in vielen verschiedenen Größen und Formen. Manche waren so klein, dass du sie ganz locker in einer Handtasche verstecken könntest, andere wiederum so riesig, dass sie so gerade eben in einer Turnhalle Platz fänden. Und weil die Haut von jedem eine ganz andere Farbe, als die seiner Artgenossen hatte, gab es keine zwei Dinos, die sich zum Verwechseln ähnlich sahen.
Auch, wenn es sich nun so anhört, als wäre ein Zusammenleben zwischen so verschiedenen Sauriern sehr schwierig und voller Probleme, funktionierte der Alltag viel besser als heute bei uns. Busse, Straßenbahnen und Züge gab es in unterschiedlichen Größen und neben riesigen Gebäuden, in denen zwei Dinos lebten, standen kleine Häuser, in denen gleich hundert andere Platz fanden. Nur auf den Straßen musste man aufpassen, dass man als Kleinsaurier nicht von einem Riesen versehentlich zertreten wurde.
Einer von diesen sehr großen Exemplaren war Bronti. Er hatte große Säulenfüße wie ein Elefant, einen sehr langen Hals wie eine Giraffe, einen dickeren Bauch als ihn jeder Eisbär jemals haben konnte und einen Schwanz der länger war als jede Schlange, die in dieser Stadt lebte. Na ja, jedenfalls würde er irgendwann einmal einer von den ganz großen werden, denn im Moment war er noch ein Kind, aber trotzdem schon viel größer als die anderen aus seiner Schulklasse.
Das war auch der Grund, warum Bronti keine Freunde hatte. Alle anderen gingen ihm aus dem Weg. Niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben. Die fiesesten unter ihnen beschimpften ihn sogar als dicken fetten Tollpatsch. Beim Sport war es immer am Schlimmsten. Niemand wollte ihn in seine Mannschaft wählen. Selbst für die Position des Torwartes nahm ihn niemand, weil alle dachten, dass er alle Bälle beim Fangen sofort zum Platzen bringen würde. Und so verbrachte er jeden Tag ganz traurig und alleine.
Eines Tages war die ganze Stadt in heller Aufregung. Im nahen Wald hatte jemand einen Drachen gesehen. Nun muss man aber wissen, dass jeder Drachen kannte. Sie sahen riesig aus, hatten lange scharfe Zähne, zwei große Flügel auf dem Rücken. Aber kein einziger Saurier hatte jemals einen zu Gesicht bekommen. Man kannte sie nur aus Legenden und Geschichten, aber selbst die schlauesten Wissenschaftler und Forscher trauten sich nicht zu sagen, dass es keine Drachen gab. Es hätte ja doch einmal einer vorbei kommen und das Gegenteil beweisen können. Und nun schien es tatsächlich so weit zu sein. Es konnte nur noch wenige Tage dauern, bis das Ungetüm durch die Strassen wüten würde.
König Raptor lies sofort alle Wachtposten an der Mauer verdoppeln und versetzte seine Soldaten in Alarmbereitschaft. Der Drache sollte es erst gar nicht bis hinter die Stadtmauer schaffen. Doch das war leichter gesagt, als getan, denn schon am nächsten Morgen war es so weit.
Unter lautem Gebrüll und in einem heißen Flammenmeer gebadet, kam das Monstrum aus dem Wald. Die Wachtposten und Soldaten packte die Angst und sie alle Liefen nach Hause und versteckten sich unter ihren Betten. Nun war die Stadt schutzlos.
Der Drache ging Schritt für Schritt durch die langen Straßen. Immer wieder brüllte er umher um den Dinos Angst zu machen. Seine langen, scharfen Zähne glänzten bedrohlich. In der aufgehenden Sonne und mit seinem Feuer brannte er ein paar leer stehende Holzhütten nieder. Niemand traute sich, sich ihm in den Weg zu stellen. Jeder hatte Angst um sein Leben. Und so passierte es, dass das Ungetüm ungehindert bis in die Saurierschule kommen konnte.
Die Kinder und Lehrer hatten noch gar nichts von der drohenden Gefahr mitbekommen und waren sehr überrascht und erschreckt, als die brennende Eingangstür mit einem lauten Krachen aufflog und der Drache hinein stürmte.
Alle hatten große Angst, denn keiner wusste, was nun passieren würde.
Der Eindringling jedoch wusste genau, was er tat. Er schnappte sich eine ganze Schulklasse samt Lehrer und trieb sie vor sich her, direkt in die große Schwimmhalle hinein. Dort nahm er sie als Geiseln und verlangte die Tochter des Königs zur Frau, sonst würde er alle gefangenen Kinder auffressen.
Die kleine Prinzessin Stego erschrak, als sie davon erfuhr. Sie wollte auf keinen Fall einen so feurigen Ehemann haben. Genauso dachte auch der König. Doch blieb ihm keine andere Wahl, als sein geliebtes Töchterchen gegen das Leben der vielen Kinder einzutauschen.
Während die jedoch auf dem Weg zur Schule waren, passierte etwas völlig Unvorhergesehenes und der Schwimmhalle.
Einer von den Gefangenen war Bronti. Er hatte nicht ganz so viel Angst vor dem Drachen, denn er wurde auch hier die ganze Zeit von seinen Mitschülern geärgert und beschimpft. Sie sagten, dass er bestimmt der erste wäre, der gefressen würde, weil er so dich und fett wäre, genau das Richtige für einen hungrigen Drachen. Aber Bronti wollte nicht als Frühstück enden. Deswegen versteckte er sich ganz oben auf dem Sprungturm, als das Monstrum gerade aus dem Fenster sah, um nach der Prinzessin Ausschau zu halten.
Als er sich dann wieder umdrehte, brüllte er ganz laut, weil seine zukünftige Braut noch immer nicht da war und er nun stattdessen das erste Kind fressen wollte. Er lies seine riesigen Zähne aufblitzen und packte sich einen kleinen Saurier, der vor ihm am Boden saß und weinte.
Doch kurz bevor dieser gefressen wurde, packte Bronti all seinen Mut zusammen und machte einen Hüpfer nach unten. Mit einem kräftigen Bauchklatscher landete er im Schwimmbecken. Dabei spritzte so viel Wasser hoch, dass alle Dinos und auch der Drache nass wurden.
Die Saurier mussten sich nur das Wasser abschütteln, doch das Ungetüm hatte es viel schlimmer getroffen. Denn auf einmal ging sein Feuer nicht mehr an. Es war durch Brontis Idee gelöscht worden. Als Nächstes fielen ihm seine vielen Zähne heraus, welche gar nicht wirklich echt gewesen waren. Dahinter kamen zwei ganz kleine Saurier zum Vorschein, die ein nassen Päckchen Streichhölzer in den Händen hielten. Es war alles nur ein ganz gemeiner Trick gewesen. Zum Schluss fielen noch die durchweichten Flügel vom Rücken, die nur aus Pappe bestanden.
Nun konnte jeder sehen, wer sich da verkleidet hatte. Es war ein uralter Tyrannosaurus Rex, ein alter Mann, den sie alle kannten und der immer nur schlimme Sachen im Kopf hatte. Doch diesmal war es wirklich sehr böse gewesen.
Der König, der mittlerweile auch eingetroffen war, lies den Übeltäter sofort festnehmen und einsperren. Die Prinzessin war so glücklich, dass sie nun nicht mehr heiraten brauchte, dass sie Bronti als Helden des Landes bezeichnete und ihm einen dicken Kuss auf die Wange gab.
Und Bronti selber brauchte sich nun nicht mehr darum kümmern, von allen beschimpft oder ausgelacht zu werden. Von nun an war er ein Held und alle anderen in der Schule wollten seine Freunde sein.

 (c) 2005, Marco Wittler

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