033. Die Fliegerbrille

Die Fliegerbrille

 Elsa stand im Stall und machte ‚muh’. Das war aber auch normal so, denn Elsa war eine Kuh. Nein, nein, nicht irgendeine Kuh. Elsa war etwas Besonderes. Sie hatte ein braunes Fell und einen dicken weißen Flecken auf dem Bauch. Um ihren Hals flatterte stets ein langer roter Schal.
Der hält jeden Schnupfen und jede Erkältung fern.“, pflegte sie immer zu sagen, wenn sie jemand nach dem Ding fragte. Und auch wenn es niemand hören wollte, erzählte sie davon.
Wegen dem Schal kicherten und lachten die anderen Kühe immer heimlich hinter Elsas Rücken. Und jeden Tag tuschelten sie leise und dachten sie neue haarsträubende Geschichten aus, woher der Schal gekommen sein mochte und wofür er wirklich gut war.
Elsa wusste davon natürlich nichts. Sie war glücklich mit sich, ihrem Schal und der ganzen Welt. Morgens ging sie zum Gras fressen hinaus auf die Weide und kam abends wieder zurück in den Stall. So hätte es eigentlich für immer weiter gehen können, wenn nicht eines Tages plötzlich etwas passiert wäre.
Der Bauer kam, nach Beginn eine Platzregens, mit einem Fremden in den Stall gelaufen. So schnell hatten die Beiden wohl nicht mit Wasser von oben gerechnet.
Der Fremde war sehr seltsam gekleidet. Er trug eine dicke, gefütterte Lederjacke und eine große Brille auf der Stirn.
Er schimpfte über den Regen wie ein Rohrspatz, denn nun musste er seine ganzen Pläne verschieben. Er war richtig wütend, rannte hin und her und zertrat die herum liegenden Strohballen.
Doch nach einer halben Stunde hörte der Regen wieder auf und die Sonne blinzelte wieder ein wenig durch die dicke Wolkendecke hindurch.
Der Fremde hatte sich inzwischen wieder beruhigt. Nun konnte er wieder seinen Plänen nachgehen. Er wollte heute noch eine Runde über der Stadt fliegen. Er ging zur Stalltür und wollte auf den Hof hinaus, griff dabei an seinen Kopf und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Er fühlte über seinen ganzen Kopf , fasste sich an den Hals, aber er fand nicht, was er suchte.
Meine Fliegerbrille ist weg. Ohne die kann ich doch nicht fliegen.“
Er klang richtig verzweifelt.
Sofort begann er, das ganze Stroh im Stall zu durchwühlen. Der Bauer half im auch dabei. Aber die Brille war nicht mehr zu finden. Sie war wie vom Erdboden verschluckt. Die Flugpläne mussten also nun entgültig gestrichen werden. Traurig verlies er mit dem Bauern den Stall.
Elsa hatte das ganze Treiben mit großer Neugierde von ihrem Platz aus beobachtet. Der Fremde hatte eine Brille verloren, mit der man fliegen konnte, fliegen wie ein Vogel, über den Wolken schweben und im Slalom um die Häuserdächer herum. Das war eine traumhafte Vorstellung.
Elsa sah hinab zum Boden und schob etwas Stroh beiseite. Dort war sie hingefallen und sie war noch immer dort – die Fliegerbrille.
Vorsichtig nahm Elsa sie hoch und setzte sie sich vor die Augen. Dann stand sie auf und rief laut in den Stall: „Heute nacht werde ich die erste fliegende Kuh der Welt sein. Ich werde durch die Lüfte segeln, mit den Wolken um die Wette fliegen, alle Vögel überholen und mich schneller zu Boden stürzen als jeder Regentropfen.“
Die anderen Kühe begannen brüllend zu lachen. Sie konnten sich kaum auf den Beinen halten und stampften mit den Hufen auf dem Boden.
Elsa war beleidigt. Sie hob die Brille hoch in die Luft, damit alle sie sehen konnten.
Ich habe die Fliegerbrille. Wenn der Mensch damit fliegen kann, dann kann ich es erstrecht. Ich bin Elsa die Fliegerkuh.“
Wieder wurde nur gelacht.
Traurig legte sich Elsa hin und wartete darauf, einzuschlafen. Wenigstens in der Nacht konnte sich niemand über sie lustig machen. Aber sie würde es den anderen schon zeigen, dass sie fliegen konnte.
Mitten in der Nacht wurde Elsa wach. Alle anderen Kühe schliefen tief und fest. Der perfekte Augenblick für den ersten Flugversuch. Jetzt konnte wenigstens niemand lachen, falls es nicht funktionierte.
Sie verlies leise den Stall und stellte sich in der Mitte des Hofes auf. Sie rückte die Fliegerbrille zurecht und wartete darauf, vom Boden abzuheben. Aber es geschah nichts.
Na los. Flieg schon. Ich will nach oben zu den Sternen.“
Und plötzlich passierte etwas. Einer kleiner Lichtblitz erstrahlte aus der Brille und traf Elsas langen roten Schal.
Der Schal erhob sich in die Luft und begann sich zu drehen, wie bei einem Hubschrauber. Einen kurzen Augenblick später verlor Elsa den Boden unter den Füssen und schwebte in den Himmel hinauf. Sie flog Slalom zwischen den Hausdächern der Stadt, sauste eine enge Kurve um den Kirchturm, lies einen Schwarm Fledermäuse hinter sich und tauchte immer wieder in die Wolken ein. Es war die aufregenste Nacht ihres Lebens. Doch nach einer Stunde wurde sie müde und kehrte zum Stall zurück. Es war Zeit zum Schlafen. Aber bei der Landung geschah ihr ein Missgeschick.
Elsa rutschte die Brille vom Kopf und viel durch einen Gullideckel in die Kanalisation. Es gab ein dumpfes ‚Plumps’, dann war sie für immer verloren. Aus der Traum vom Fliegen. Zum Glück hatte Elsa wenigstens einmal die Welt von oben sehen können.
Sie schlich zurück in den Stall und schlief kurz darauf schnell ein.
Am nächsten Morgen musste Elsa allen erzählen, was sie in der Nacht erlebt hatte. Doch auch diesmal fingen wieder alle Kühe an zu lachen. Niemand wollte ihr glauben. Beweisen konnte sie es den anderen aber auch nicht, da sie die Fliegerbrille verloren hatte.
Eine ältere Kuh behauptete sogar, dass es alles bestimmt nur ein verrückter Traum gewesen wäre. Und Elsa glaubte das nun auch schon.
Traurig legte sie sich hin und vergrub ihren Kopf im Stroh, damit niemand ihre Tränen sehen konnte.
In diesem Moment kam der Bauer herein. Vor sich schob er eine große Schubkarre in den Stall und unter seinem Arm klemmte die Tageszeitung. Als er stolperte rutschte eine Zeitungsseite heraus und fiel auf den Boden.
Als die Kühe sahen, was auf der Seite geschrieben stand, verstummten sie sofort und verkrochen sich auf ihren Plätzen. In großen Buchstaben war zu lesen: ‚Scherz oder verrückte Wahrheit? – Fliegende Kühe in der Nacht gesichtet.’
Darunter war ein großes Bild einer Kuh mit rotem Schal, die gerade um den Kirchturm sauste.
Elsa schien vor Stolz noch ein ganzes Stück zu wachsen. Sie schnappte sich schnell die Seite und hängte sie sich als Erinnerung an diese Nacht an die Wand.
Von nun an wagte keine Kuh, sie noch einmal auszulachen. Und überall auf der Welt in allen Bauernhöfen wurde die Geschichte von er fliegenden Kuh Elsa erzählt.

(c) 2006, Marco Wittler02a

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