036. Ein Tag ohne Fernsehen

Ein Tag ohne Fernsehen

„Papa, der Fernseher ist kaputt.“
Angi sprang ganz aufgeregt durch die Wohnung. „Was machen wir denn jetzt? Es kommt doch die Sendung mit der Maus. Die darf ich auf keinen Fall verpassen.“
„Was? Der Fernseher geht nicht mehr?“
Sogar Mama kam jetzt in das Wohnzimmer. „Das kann doch gar nicht sein. Der ging doch gestern abend noch. Und dabei kommt doch heute abend der schöne Liebesfilm, den ich auf keinen Fall verpassen darf.“
Niklas öffnete kurz die Tür seines Zimmers und lugte hervor. „Was ist los? Kein Fernsehen heute? Das hat es ja noch nie gegeben. Kann so ein Ding überhaupt kaputt gehen? Wie soll ich mir denn dann den neuen Actionfilm anschauen? Meine Freunde wollen doch morgen mit mir in der Schule darüber reden. Dann bin ich ja der totaler Aussenseiter, der alles verpasst hat. So ein Mist.“
Papa selber hatte noch gar nichts mit bekommen. Er kam gerade aus dem Keller hoch und schleppte die Wäsche ins Schlafzimmer.
Alle drei, seine Frau und die Kinder stürmten auf ihn ein.
„Du musst unbedingt den Fernseher reparieren. Wir können ja gar nichts mehr gucken. Was sollen wir denn jetzt nur machen?“
Papa schaute verdutzt in die Runde. „Wie? Was ist los? Der Fernseher geht nicht mehr?`Das kann doch gar nicht sein. Das muss ich mir erstmal anschauen.“
Er ging ins Wohnzimmer und drückte auf der Fernbedienung herum, aber es tat sich gar nichts. Er kniete sich auf den Boden und drückte direkt am Gerät auf allen Knöpfen herum. Aber der Fernseher bleib dunkel.
„Tatsächlich. Der ist kaputt. Da kann ich auch nichts machen. Und einen neuen kaufen geht heute auch nicht. Es ist ja Sonntag. Da sind alle Läden geschlossen. Da müssen wir wohl bis morgen ohne auskommen.“
Alle sahen enttäuscht drein. Sie hatten sich alle so auf das Programm gefreut.
„Dann müssen wir uns wohl was anderes überlegen, was wir heute machen.“
Mama stemmte ihre Arme in die Seiten. „Das kommt gar nicht in Frage. Ich wollte doch unbedingt wissen, ob Maria den hübschen Arzt heiratet oder doch diesen komischen Typen vom Land.“
Angi hatte sich aber schon etwas anderes überlegt. „Wir könnten doch zu Oma fahren. Die hat doch auch einen Fernseher. Über Besuch freut sie sich doch immer. Und wenn wir sie lieb fragen, hat sie bestimmt nichts dagegen, dass wir alle unsere Sendungen bei ihr gucken.“
„Nein. Das kommt gar nicht in die Tüte.“
Papa sah in die Runde.
„Wir können Oma doch nicht einfach so überfallen. Wenn wir sie besuchen, dann will sie mit und Kaffee trinken und Kuchen essen. Und vor allem will sie mit uns allen reden. Glaubt ihr im Ernst, dass sie es zulässt, dass ihr euch alle auf ihr Sofa verkrümelt und dort ungestört fern schauen könnt? Ganz bestimmt nicht.“
„Aber was machen wir denn dann?“
Niklas wurde schon langweilig. „Ich brauche Action heute. Sonst ist doch hier zu wenig los.“
„Wisst ihr was?“, fragte Papa die Anderen. „Wir werden heute mal was ganz Spannendes unternehmen. Ich weiss zwar noch nicht was, aber ich lasse mir was tolles einfallen. Nach dem Mittagessen geht es los.“
Die Anderen murrten leise vor sich hin, aber eine andere Wahl hatten sie auch nicht. Vielleicht würde der Nachmittag dann wenigstens nicht ganz so langweilig werden.

 Bis zum Essen dauerte es noch eine Weile. Papa liess sich in der Zeit nicht mehr blicken. Er war wie vom Erdboden verschwunden. Erst als die Teller auf dem Tisch standen und die Nudeln vor sich hin dampften kam er zurück nach Hause.
„Wo bist du denn gewesen?“, fragte Mama.
Aber Papa schwieg. Er murmelte nur ein wenig, dass er noch etwas zu erledigen hatte. Mehr lies er sich aber nicht aus der Nase ziehen.
Nach dem Essen wurde Angi kribbelig. „Was machen wir denn jetzt? Hast du dir was überlegt? Ich bin schon richtig neugierig und aufgeregt.“
Papa grinste über das ganze Gesicht. „Erstmal möchte ich noch den Nachtisch geniessen. Dann erfährst du mehr.“
Es gab eine Runde leckeres Vanilleeis mit Schoko- und Erdbeersoße. Papa hatte eine besonders große Portion, mit der er sich besonders viel Zeit lies.
„Mensch Papa. Jetzt beeil dich. Wir sind doch schon längst fertig. Wir wollen doch wissen, was du mit uns vor hast.“
Niklas hielt es jetzt auch nicht mehr auf seinem Stuhl. Er sprang auf und ging in den Flur. Er wollte zeigen, dass er fertig war, zog sich seine Schuhe an und sah anschließend absichtlich alle paar Sekunden auf die Uhr.
„Es wird ja immer später. Wenn du jetzt nicht endlich fertig wirst, ist es bald schon dunkel draussen und wir können mit dem Abendessen abfangen.“
Papa räumte sein Eisschälchen beiseite und stand gemächlich auf.
„Na gut. Dann macht euch mal fertig. Wir können gleich los. Dann erzähl ich euch auch, was wir heute unternehmen.“
Er schlüpfte in seine Schuhe, schnappte sich seinen Schlüsselbund und ging nach draussen. Der Rest der Familie folgte ihm.
„Mensch, was ist denn das da hinten?“
Niklas bekam große Augen. Auf dem Dach von Mamas kleinem Auto stand eine große Holzkiste. Die gehörte dort doch gar nicht hin. Er lief zum Parkplatz und holte sie vorsichtig herunter. Er achtete genau darauf, keinen Kratzer in den Lack zu machen.
„Da muss was ganz großes drin sein. Die ist richtig schwer. Ich weiss aber nicht, wie sie aufgeht. Ich glaub, die muss zugenagelt sein.“
Papa griff unter seine Jacke und holte etwas heraus.
„Ich glaube, dafür habe ich genau das richtige dabei. Mit meinem Brecheisen habe ich noch jede Kiste aufbekommen.“
Er setzte das Werkzeug an, hebelte etwas an der Kiste herum, bis der der Deckel aufsprang.
Niklas sah in die Kiste hinein.
„Hier schaut mal. Da ist gar nichts großes drin. Nur jede Menge schwere Steine. Da muss uns jemand reingelegt haben.“
„Hm. Meinst du wirklich?“
Papa griff sich einen Stein, drehte ihn in der Hand ein paar Mal und besah sich ihn von allen Seiten.
„Du hast da was übersehen. Da sind jede Menge Buchstaben drauf.“
„Ui, das ist ja super. Rätselsteine. Darf ich mal schauen?“
Angi schob die anderen beiseite und griff in die Kiste.
„Ich bin doch in der Schule die Rätselprinzessin. Kein anderes Mädchen kann das so gut wie ich. Das ist bestimmt ein Kinderspiel für mich.“
Sie legte alle Steine auf den Boden und sortierte sie hin und her. Mama, Papa und Niklas sahen nur erstaunt zu, wie aus dem Durcheinander ein Text wurde.
„Ich glaub es ja nicht. Für meine Schwester bist du ja echt ziemlich schlau. Mein Kompliment.“
Niklas klopfte der Rätselprinzessin auf die Schulter.
„Ja klar, Bruder. Sowas mache ich doch jeden Tag. Die anderen bringen mir ja immer neue Rätsel mit. Die wollen endlich mal eins finden, dass ich nicht lösen kann. Aber bisher haben sie noch keins gefunden. Ich bin ihnen einfach zu schlau.“
Jetzt sah auch Mama genauer hin. „Genug gelobt. Ich will jetzt endlich wissen, was da auf den Steinen steht.“
Angi sah wieder auf ihr Steinpuzzle und begann zu lesen. Da war eine Botschaft auf den Steinen.
Wer diese geheime Kiste gefunden und das schwere Rätsel gelöst hat, ist es wert, auf die Suche nach meinem Schatz zu gehen. Vor langer Zeit habe ich ihn an einem geheimen Ort versteckt. Dieser Ort ist so geheim, dass niemand dort hin finden wird, ohne mein Rätsel gelöst zu haben.
„Ui, das ist so spannend. Wir können einen Schatz finden.“
„Angi, sei ruhig und lies endlich weiter.“, sagte Niklas.
Einfach ist es allerdings nicht. Und beschwerlich wird es auch, den Schatz zu finden. Es darf ja nicht zu einfach werden. Geht in den Keller und sucht nach dem nächsten Hinweis.
„Na sowas. Das war es schon. Ich hätte es mir einfacher vorgestellt. Was machen wir denn jetzt?“
„Mensch Papa.“, rief Niklas. „Wir gehen natürlich runter in den Keller und suchen weiter. Weißt du denn gar nichts?“
Die Kinder liefen los, die Eltern etwas langsamer hinter ihnen her. Eine ganze halbe Stunde mussten sie suchen, ehe sie etwas fanden.
Hinter einem Stapel alter Autoreifen lag ein kleiner Baumwollsack. Er war gefüllt mit vielen Steinen.
„Na los, Rätselschwester. Jetzt bist du wieder dran. Aber beeil dich, ich will wissen, wo der Schatz ist.“
Angi gab ihr Bestes. In Rekordzeit bastelte sie das nächste Steinrätsel zusammen.
Nur wahre Rätselkönige und große Schatzsucher würden in der Lage sein, so weit meinen Spuren zu folgen. Doch noch seit ihr nicht am Ziel, es geht noch weiter. Schaut euch in der Garage um.
„Oh man, Papa. Hol schnell deine Schlüssel raus. Wir müssen jetzt deine Garage durchsuchen. Bei der Menge Kram müssen wir da bestimmt ganz lange rumwühlen.“
Die Suche gestaltete sich recht lange. Das nächste Steinrätsel lag diesmal in der hintersten Ecke. Sie verwies die Schatzsucher in das nahe gelegene Wäldchen. Dort fanden sie den nächsten Hinweis in einem hohlen Baum. Aber der Schatz war nicht da. Stattdessen sollten sie nun wieder zurück zur Straße.Hinter einem großen Müllcontainer lag ein weiteres Säckchen mit Steinen. Und diese schickten die ganze Familie ein paar Straßen weiter. Im Vorgarten von Oma fanden sie dann wieder einen Hinweis.
Nachdem Angi auch diesen sortiert hatte, sollten sie hinter das Haus gehen. Dort würden sie endlich finden, wonach sie nun schon einige Stunden gesucht hatten. Laut Papas Uhr war es nun nämlich schon fünf Uhr.
„Papa, mir knurrt langsam der Magen. Ich brauche was zu essen.“
Niklas hielt sich die Hand auf den Bauch.
„Wir sind dem Schatz jetzt bestimmt schon ganz nahe. Das kann ich spüren.“
Als sie im Garten ankamen schauten sie alle erstaunt – bis auf Papa. Er grinste nur.
Mitten auf dem Rasen stand ein großer Tisch. Und auf ihm war viel zu Essen aufgetischt. Da waren leckere Salate, Brote, viel zu trinken und auf dem Grill lagen saftige Würstchen.
„Tja, scheint so, als hätten wir unseren Schatz gefunden. Der größte Schatz ist nämlich unsere Oma, weil sie sich so um uns kümmert und immer für etwas leckeres zu essen sorgt.“
Niklas klopfte seinem Papa auf die Schulter.
„Also da muss ich dir wirklich recht geben. Aber ohne meine schlaue Schwester und meinem Papa der eine richtig coole Schatzsuche gemacht hat, wär das ein richtig langweiliger Tag geworden.“
Alle waren sich einig, dass dieser Tag viel schöner war, als ein normaler Sonntag vor dem Fernseher.
„Ach ja.“, sagte Papa, als er sich eine Wurst vom Grill schnappte.
„Wenn wir zu Hause sind, müsst ihr mal den Stecker vom Fernseher wieder in die Steckdose stecken. Dann geht er bestimmt wieder.“
Er grinste und alle anderen mussten laut lachen.

(c) 2007, Marco Wittler

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