041. Das Monster am See (Ninas Briefe 7)

Das Monster am See

 Hallo Steffi.

 Ich muss dir unbedingt etwas berichten, dass mir letztes Wochenende passiert ist. Du wirst mir das zwar bestimmt nicht glauben, aber es ist wirklich passiert. Ehrlich, das schwöre ich.
Am Freitag Nachmittag sind wir alle, also Mama, Papa, Tommy und ich, zu Tante Erika gefahren.
Also eigentlich ist es ja gar nicht meine Tante, sondern die von Mama. Aber das macht nichts, denn ich darf trotzdem Tante Erika zu ihr sagen, und ich habe sie auch richtig lieb.
Ich war gerade erst aus der Schule gekommen, da saß mein kleiner Bruder schon in seinem Kindersitz im Auto und streckte mir die Zunge raus. Der Kleine ist richtig unverschämt in letzter Zeit. Aber das werd ich ihm auch noch austreiben, verlass dich drauf. Ich habe da schon einige Ideen auf Lager.
Die Fahrt zu Tante Erika war langweilig. Tommy saß neben mir im Kindersitz und quälte mich entweder mit dem Piepen seines Gameboys oder durch sein Schnarchen, wenn er schlief.
Drei ganze Stunden waren wir unterwegs. Doch dann war ich ganz erstaunt, was es hier alles zu sehen gab. Ich war ja noch nie bei Tante Erika. Bisher war sie immer zu Weihnachten zu uns gekommen.
Und nun durfte ich mir endlich mal ihren See anschauen.
Nachdem ich Tante Erika gedrückt hatte, lief ich sofort zum Ufer und sah mich um. Es war atemberaubend. Ganz ruhig lag das Wasser da, es regte sich kein Lüftchen und alles war still.
Ein leichter Nebel schwebte über der Oberfläche und eine kleine Insel mit ein paar Bäumen lag in der Mitte des Sees. Und von irgendwo konnte ich das leise Singen eines Vogels hören. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie traumhaft schön es am See war. Am liebsten wäre ich sofort für immer dort geblieben. Aber ich muss ja leider in die Schule gehen, also blieb uns nur dieses Wochenende.
Tommy hatte sich bereits im Gästezimmer breit gemacht. Da stand ein großes Doppelbett, in dem wir zusammen schlafen sollten. Aber auf der einen Hälfte lag er mit seinem Gameboy und auf der anderen hatte er unsere Reisetasche ausgekippt.
Ich hatte das natürlich sofort Mama erzählt, aber die sagte nur, dass ich mich darüber nicht so aufregen sollte, immerhin hätten wir ja Urlaub, da müsse man alles einfach etwas lockerer sehen.
Die hat gut Reden. Sie muss ja auch nicht mit diesem Tommy zusammen zwei Nächte verbringen.
Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir mein Kinderzimmer zurück wünschte und mein eigenes Bett. Ich hatte Angst, dass mein kleiner Bruder die ganze Nacht durch nur pupsen und schnarchen würde. Aber dann wäre ich ausgezogen und hätte mich zwischen Mama und Papa im zweiten Gästezimmer breit gemacht.
Nach dem Abendbrot durfte ich noch ein wenig nach draussen. Also nahm ich mir eine Decke mit und setzte mich an das Ufer des Sees und las ein wenig in einem Buch. So eine Stille wie hier, habe ich vorher noch nie erlebt. Das war wirklich unglaublich. Es war nichts, aber auch gar nichts zu hören. Und nichts war da, um mich zu stören. Ich fühlte mich einfach pudelwohl und blieb, bis es zu dunkel wurde und Papa mich zurück ins Haus holte, obwohl ich gern noch dort geblieben wäre. Vielleicht hätte ich sogar dort geschlafen, aber Papa sagte, dass es viel zu gefährlich wäre.
Am Samstag erzählte und Tante Erika beim Frühstück, dass sie, als sie so alt war wie ich, von ihrem Großvater immer eine Geschichte erzählt bekam. Sie handelt von den Menschen, die früher am See lebten. Sie bestellten ihre Felder und hüteten die Schafe der Bauern. Eigentlich muss es ein wirklich schönes, aber hartes Leben gewesen sein.
Doch alle Menschen lebten in ständiger Angst vor einem Monster, welches seit Jahrhunderten am Grunde des Sees leben sollte. In besonders dunklen Nächten, wenn sich der Nebel über die Felder erhebt, soll es an die Oberfläche gekommen und und verwüstete alles Land um sich herum und nahm einen der Menschen mit sich.
Das ist ganz schön gruselig, oder?
Ich habe Tante Erika natürlich kein Wort geglaubt. Das Ganze war ja nur eine Geschichte, ein Märchen, um kleine Kinder wie Tommy zu erschrecken. Doch der lachte nur und nannte Tante Erika eine Lügnerin. Ich war da lieber vorsichtiger. Ich nickte nur und hoffte, dass mein kleiner Bruder Recht hatte. Jedenfalls nahm ich mir vor, abends nicht mehr so sorglos am Ufer zu sitzen, wenn sich langsam der Nebel über dem See bildete.
Der Nachmittag ging dann sehr schnell vorbei. Wir fuhren in ein Museum in der Stadt und sahen uns einige alte Werkzeuge und andere Dinge an, mit denen die Menschen in dieser Gegend früher gearbeitet und gelebt hatten. Das war nicht so spannend, wie es sich anhört, aber zu langweilig war es auch wieder nicht.
Papa und Tommy waren nicht mit uns gefahren. Ein Museum ist nichts für richtige Jungs, hatten sie gesagt. Also war es ein richtiger Mädchentag, nur Tante Erika, Mama und ich. Das war richtig schön. Zum Schluss bekam ich von Mama noch ein riesiges Eis, welches ich ausnahmsweise mal im Auto schlecken durfte.
Beim Abendessen freute ich mich jedenfalls bereits wieder auf mein Buch, meine Decke und das Ufer des Sees. Ich konnte es kaum erwarten, wieder meine Ruhe zu haben. Auch wenn Tommy den Nachmittag über weit weg von mir war, war ich schon wieder von ihm genervt.
Eine Viertelstunde später waren wir fertig und ich ging raus. Es war noch richtig warm und die Sonne verschwand gerade hinter den Baumkronen. Also hatte ich noch etwas Zeit, ein paar Seiten in meinem Buch zu lesen. Ich war schließlich sehr gespannt, ob Prinz Edelmut seine geliebte Prinzessin Rosenherz aus den Fängen des bösen Drachen Feuerkugel würde befreien können. Also das Buch werde ich dir sofort schicken, wenn ich es zu Ende gelesen habe. Du wirst es bestimmt mögen, da bin ich mir sicher.
Als es langsam dunkel und kühl wurde, stieg wieder der Nebel auf. Kurz darauf konnte ich die kleine Insel in der Mitte des Sees nicht mehr erkennen und ich bekam etwas Angst.
Die Geschichte vom Frühstück kam mir wieder in den Kopf. Ich hoffte, dass jeden Moment Papa aus dem Haus kommen würde, um mich abzuholen. Allein traute ich mich schon nicht mehr. Ich wollte mich keinen Zentimeter bewegen.
Also starrte ich hinaus auf den See und achtete auf jede kleine Bewegung.
Und dann war da plötzlich etwas. Ganz kurz sah ich einen Schatten, der durch das stille Wasser glitt. Und dann wieder. Schließlich kam etwas Großes immer weiter auf mich zu und ich hörte Geräusche, die nur ein riesiges Monster machen konnte.
Sofort sprang ich auf und lief schreiend ins Haus. Dort kam mir Mama entgegen und nahm mich in die Arme.
Ich erzählte ihr, was ich gerade gesehen und gehört hatte. Also ging sie langsam und leise mit mir zurück zum See, um nach dem Rechten zu schauen, denn an Monster glaubte sie nicht.
Und da hörten wir plötzlich wieder ein Geräusch. Doch diesmal war es kein Monsterheulen, sondern lautes Gelächter.
Und am Ufer sahen wir Papa und Tommy, die ein kleines Segelboot an Land zogen. Das war wohl der Schatten gewesen, den ich gesehen hatte. Und die Geräusche waren aus einem kleinen CD-Spieler gekommen, den Tommy in einer Hand hielt.
Ich war richtig sauer, dass die beiden mich so herein gelegt hatten. Aber auch Mama fand das alles nicht lustig und schimpfte mit den Beiden. Das war auch nur gerecht.
Nach der verdienten Standpauke gingen wir zurück ins Haus. Ich sah mich noch einmal um, denn am nächsten Abend würde ich bereits wieder zu Hause in unserem eigenen Haus ein. Und da war wieder etwas. Ich sah erneut einen Schatten, und er war so riesig, dass er höher war als alle Bäume am See. Als er ein tiefes, brummiges Geräusch von sich gab, bemerkten es auch die anderen. Sie sahen sich kurz um, erschraken, und dann liefen wir ganz schnell zu Tante Erika, als es ganz plötzlich anfing, wie aus Eimern zu regnen.
Wir sahen nicht noch einmal nach draussen. Wir wollten auch gar nicht wissen, was da draussen vor sich ging. Doch als ich am nächsten Morgen wieder vor die Haustür ging, waren die Felder um uns herum platt und eine Äste der Bäume abgebrochen.
Ich weiss, dass sich das alles anhört, als hätte ich es mir ausgedacht, aber ich schwöre dir, dass jedes einzelne Wort wahr ist und wir es so erlebt haben.

 Ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Und wenn du mich wieder besuchen kommst, dann kannst du mir helfen, Tommy herein zu legen. Das wird dann die Rache für seinen Streich am See.

 Deine Nina.

 P.S.: Wenn du mal über ein Wochenende Urlaub an einem See machst und der liegt zufällig bei Tante Erika hinterm Haus, dann pass gut auf dich auf und berichte mir, was du in der Dunkelheit im Nebel gesehen und gehört hast.

(c) 2007, Marco Wittler

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