044. Der Winter ist da (Ninas Briefe 9)

Der Winter ist da

 Liebe Steffi.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, was mir am letzten Wochenende passiert ist. Irgendwie kann ich es selbst gar nicht so richtig glauben. Deshalb möchte ich gerne wissen, was du darüber denkst.
In der Nacht von Freitag zu Samstag hat es zum ersten Mal gefroren. Die Wiese im Garten war fast weiß durch den ganzen Reif. Das sah schon richtig nach Winter aus. Und mittags fielen plötzlich ganz viele Blätter von den Bäumen. Da hatte ich sofort den Gedanken, dass es bis Weihnachten nicht mehr lange dauert.
Ich habe dann auch gleich überlegt, was ich dieses Jahr auf meinen Wunschzettel schreiben könnte.
Beim Essen sagte Mama: »Hui, sieht das draußen kalt aus. Hoffentlich macht euer Vater bald die Winterreifen ans Auto. Es sieht aus, als würde es bald Schnee geben.«
Schnee? Das wäre ja was. Dabei hat der November ja gerade erst angefangen. Da kann es doch noch nicht schneien. Schließlich ist ja jetzt noch Herbst. Aber Mama meinte, darauf sollte ich mich nicht verlassen.
Ausnahmsweise spielte ich den Nachmittag über mit Tommy. Keine von meinen Freundinnen hatte Zeit und draußen war es mir zu kalt.
Dummerweise holte er seine große Kiste mit den vielen Autos und Straßen heraus. Dabei hatte ich ihm was viel besseres vorgeschlagen. Immerhin habe ich eine neue Prinzessinnenbarbie von Oma geschenkt bekommen. Wir hätten so schön Hochzeit spielen können. Aber mein blöder Bruder musste ja unbedingt Autounfall spielen. Das war richtig langweilig, aber immer noch besser als herum zu sitzen.
Außerdem sagte Mama, dass ich ruhig mal mit Tommy spielen könnte. Er würde auch nicht beißen.
Das denkt sie. Aber ich weiß es viel besser. Er hat mich schon ein paar Mal gebissen, aber nie so fest, dass ich Mama die Stelle hätte zeigen können.
Als es dunkel wurde, sahen wir uns alle zusammen das Sandmännchen an. Sogar Papa saß mit uns auf dem Sofa. Normalerweise kommt er erst zu den Nachrichten dazu. Aber diesmal waren wir alle zusammen. Das war richtig schön. Hab mich auf Papas Bauch gekuschelt und dem Sandmännchen zugeschaut. Nur am Ende haben wir uns alle die Augen zugehalten. Schließlich darf ja kein Schlafsand in die Augen kommen. Sonst schläft man fast sofort ein.
Keine Sorge, Steffi. Ich glaube nicht an so etwas. Aber du weißt ja, der kleine Tommy glaubt alles, was man ihm erzählt. Also machen wir alle zusammen mit, damit mein Bruder keinen Schrecken bekommt.
Als ich in meinem Bett lag sah ich noch eine Weile aus dem Fenster. Da waren ganz viele Sterne und der Mond. Dadurch war es so hell, dass ich nicht einschlafen konnte. Würde ich an dieses Sandmännchen glauben, wie mein kleiner Bruder, hätte ich mich geärgert, die Augen zugehalten zu haben. Aber ich bin ja schon groß und weiß, dass das Sandmännchen nur ein Film ist.
Schade eigentlich.
Ich hab mich im Bett mal auf die eine, mal auf die andere Seite gelegt, mal links mal rechts, dann wieder auf dem Bauch oder Rücken. Ich hatte sogar kurz das Kissen auf dem Gesicht, bekam aber nicht genug Luft und lies es dann lieber bleiben.
Zu dumm, dass ich kein Rollo vor dem Fenster habe.
Also stand ich irgendwann wieder auf, setzte mich ans Fenster und sah hinaus.
Noch immer strahlte alles vom Himmel aus in mein Zimmer, aber nicht ganz so weit weg waren bereits dicke Wolken zu sehen. Also konnte ich darauf hoffen, doch noch schlafen zu können.
Ich legte mich also wieder hin und wartete geduldig. Ich hatte sogar angefangen, dir einen Brief zu schreiben, musste aber nach den ersten Sätzen aufhören, weil das Licht des Mondes doch nicht hell genug war. Ich hatte Angst, dass ich am nächsten Morgen meine Schrift selbst nicht mehr lesen könnte.
Irgendwann war der Himmel komplett mit Wolken verhangen. Es war richtig dunkel geworden. Schon freute ich mich auf meinen Schlaf und einen tollen Traum. Aber daraus wurde nichts.
Denn plötzlich hörte ich Schritte draußen im Garten.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wer zu so später Stunde noch nach den Blumen sehen wollte. Außerdem blühte eh nichts mehr. Aber vielleicht hatte Papa auch nicht schlafen können und trieb sich nun in seiner Bastelwerkstatt rum.
Ich stand wieder auf und schaute vorsichtig aus dem Fenster. Aber es war gar nicht Papa, sondern ein großer dicker Mann in einem langen weißen Wintermantel und einer großen dicken Fellmütze auf dem Kopf.
Den Mann hatte ich vorher noch nie gesehen. Und ich war mir auch sicher, dass er in unserem Garten nichts zu suchen hatte.
Also öffnete ich mein Fenster und rief ihm zu, dass er verschwinden sollte, sonst würde ich meinem Papa Bescheid sagen.
Der dicke Mann lachte aber nur und schaute mich ganz freundlich an.
»Hallo, Nina. Solltest du nicht schon längst unter deiner Decke liegen und schlafen? Mädchen in deinem Alter sollten nicht so spät noch wach sein.«
Jetzt war ich völlig verwirrt. Woher kannte er meinen Namen? War er vielleicht ein Freund von Mama und Papa, den ich noch nicht kannte?
»Wer sind sie?«, fragte ich.
»Ich bin der Winter.«, antwortete er.
»Hallo, Herr Winter. Was machen sie so spät in unserem Garten?«
Doch dann sagte er etwas, das ich einfach nicht glauben wollte.
»Ich heiße nicht Herr Winter, sondern ich bin der Winter.«
Fast wären mir meine Augen heraus gefallen, wenn das denn gehen würde. Dieser Mann erzählte wirklich komische Sachen. Wie kann man denn der Winter sein? Der Winter ist doch eine Jahreszeit und kein Mann.
Er schien mir wohl anzusehen, dass ich ihm nicht glaubte. Daher zog er etwas aus seiner Tasche, das wie ein langer Stab aussah.
»Sieh her, Nina. Ich bin tatsächlich der Winter.«
Er zielte mit dem Stab auf einen Baum. Dieser verlor augenblicklich alle Blätter und es begann, über ihm zu schneien.
»Wie machen sie das?«, fragte ich.
»Komm doch heraus und probiere es selbst aus.«
Ich lies mir das nicht zweimal sagen. Ich zog mir sofort meine Sachen über und schlich mich hinaus in den Garten.
Als ich die Tür öffnete stand der Winter bereits auf der Terasse und wartete auf mich.
»Nun zeige ich dir, dass ich die Wahrheit gesagt habe.«
Er zog wieder den Stab aus der Tasche und wirbelte damit in der Luft herum.
Es begann augenblicklich zu schneien. Der Winter begann zu lachen, wie mein kleiner Bruder Tommy, wenn er in der Bäckerei einen Lutscher geschenkt bekommt.
Der Winter tanzte auf der Terasse im Kreis und fing ein paar Flocken mit der Hand auf.
»Ich verstehe noch immer nicht, wie sie das machen.«, sagte ich schließlich.
»Dann probiere es einfach selbst aus.«
Er hörte auf zu tanzen und drückte mir seinen Stab in die Hand.
»Und nun ziel auf einen der Bäume und denke an ganz viel Schnee. Das ist schon alles.«
Ich tat es so, wie er es mir erklärt hatte. Und dann sah ich, wie die Krone des Baumes plötzlich voller Schnee war, als hätte es einen ganzen Tag darauf geschneit. Das sah traumhaft schön aus.
Ich zielte auf einen weiteren Baum und auf noch einen. Nach und nach verwandelte sich unser ganzer Garten in eine weiße Winterlandschaft.
»Das macht ja richtig Spaß«, sagte ich.
»Was meinst du wohl, warum ich das schon seit Urzeiten mache? Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen, als diesen.
Aber nun muss ich dich leider verlassen. Das ganze wartet nun auf den ersten Schnee. Da habe ich noch viel zu tun.«
Ich gab Winter seinen Stab zurück. Dann verabschiedeten wir uns voneinander und ich ging zurück in mein Zimmer. Vom Fenster aus winkte ich ihm ein letztes Mal zu, bevor er im dichten Schneegestöber verschwand.
Noch eine Weile sah ich den fallenden Flocken zu, bis ich müde wurde und mich zum Schlafen ins Bett legte.
Als ich am nächsten Morgen wach wurde, flitzte ich sofort zum Fenster und sah hinaus. Wo ich auch hin sah, es war weiß. Es hatte tatsächlich in der Nacht geschneit. Aber irgendwie wollte ich nicht so recht glauben, dass ich die Begegnung mit dem Winter wirklich erlebt hatte. Schließlich hätte es auch ein Traum sein können, oder?
Während ich mich zum Frühstück fertig machte, fand ich mich auch damit ab, dass der Winter tatsächlich nur eine Jahreszeit ist und ich alles nur geträumt hatte.
Doch als ich nach unten ging, sah ich im Flur meine Schuhe, die nun in einer kleinen Pfütze standen.
War ich vielleicht doch draußen gewesen und hatte mit ihnen etwas Schnee herein gebracht? War der Winter doch ein dicker Mann mit Mantel, Mütze und Stab?
Ich wusste nicht, was ich darüber denken sollte. Ich traute mich auch nicht, es Mama zu erzählen. Denn dann würde sie mit mir schimpfen, dass ich so spät noch draußen wahr.
Aber vielleicht weißt du ja eine Antwort darauf.

 Deine Nina.

 P.S.: Falls du einmal nachts wach bist, dann schau doch mal aus dem Fenster, wenn es anfängt zu schneien. Vielleicht siehst du dann auch den Winter.

(c) 2007, Marco Wittler

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