046. Der alte Fisch und der Eisbär oder „Papa, warum haben Fisch kein Fell? (Papa erklärt die Welt 3)

Der alte Fisch und der Eisbär
oder »Papa, warum haben Fische kein Fell?«

 Am Samstag Nachmittag ging Papa angeln. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn Papa tat dies an jedem Samstag Nachmittag. Das war auch ganz praktisch, denn Mama machte zur gleichen Zeit Kaffeeklatsch mit ihren Freundinnen im Wohnzimmer.
An diesem Wochenende ging Papa allerdings nicht allein an den See. Seine kleine Tochter Sofie begleitete ihn. Sie war neugierig, denn sie hatte noch nie jemanden angeln sehen.
Schon den ganzen Weg zum See stellte sie viele Fragen, die Papa ganz geduldig beantwortete.
Als er am Ziel seine Angel auspackte und mit ihr den Haken ins Wasser lies, bat er seine Tochter still zu sein. Zu viel Krach und Lärm würde die Fische verscheuchen.
Und so saßen die Beiden Seite an Seite und blickten gespannt in das Wasser.
Nach einer Weile zog plötzlich etwas an der Leine. Papa sprang sofort auf und rollte die Schnur langsam auf, bis der Haken mit seiner Beute aus dem Wasser empor kam. Ein großer Fisch hin daran.
Sofie sah fasziniert zu, wie Papa den Fisch vorsichtig vom Haken löste und in einen gefüllten Wassereimer gab.
»Darf ich ihn mal anfassen?«, fragte Sofie.
Papa erlaubte es ihr. Also griff sie vorsichtig in das Wasser und fuhr mit einem Finger über den Fisch.
»Der fühlt sich aber komisch an.«
Papa lachte.
»Das liegt daran, dass der Fisch Schuppen hat.«
»Schuppen?«, fragte Sofie verwundert.
»Ich dachte, Schuppen hat man nur, wenn man sich die Haare nicht wäscht.«
Und schon wieder musste Papa lachen.
»Nein, bei Fischen ist das was anderes. Die Schuppen sind so etwas wie eine Fischhaut.«
Sofie dachte ein wenig darüber nach. Schließlich fragte sie: »Papa, warum haben Fische kein kuschelig weiches Fell wie andere Tiere?«
Papa musste nachdenken. Doch dann schien ihm etwas einzufallen.
»Mir fällt da eine Geschichte ein. Sie handelt von Fischen mit Fellen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal im großen weiten Meer ein Fisch. Er war nicht irgendein Fisch, sondern der älteste Fisch von allen.
Schon lange schwamm er nicht mehr mit seiner Familie durch das Meer. Dafür waren seine alten Flossen nicht mehr kräftig genug. Er blieb zu Hause und wartete darauf, dass seine Kinder und Enkelkinder zum Abendessen zurück kehrten.
Und was macht ein alter Fisch den ganzen Tag über? Er wartet nicht nur auf die anderen. Nein. Er putzt hin und wieder sein kuschelig weiches Fell und schwimmt in der näheren Umgebung spazieren.
Was? Fische haben gar kein Fell?
Heute mag das vielleicht so sein, aber damals hatten alle Fische ein dichtes weißes Fell.
Eines Morgens, der alte Fisch hatte gerade sein Fell putzt und gebürstet, machte er sich auf den Weg in eine nahe Flussmündung. Schon sehr lange war er nicht mehr dort gewesen. Als junger Fisch hatte er immer in der Strömung gespielt. Und nun war er neugierig, ob sich in den vielen Jahren etwas verändert hatte.
»Ein letztes Mal möchte ich den Fluss hinauf schwimmen, bevor ich dafür zu schwach bin.«, sagte er sich.
Es war ein hartes Stück Arbeit, gegen das schnell fließende Wasser zu schwimmen, aber die alten Flossen schafften den Weg.
Doch nach dieser Anstrengung musste der Fisch nahe an eines der beiden Ufer heran schwimmen, um sich auszuruhen.
Er musste lachen, denn er stellte sich vir, wie sehr seine Familie staunen würde, wenn sie wüssten, dass er diesen langen und schweren Weg geschafft hatte.
»Jetzt wird es aber Zeit, nach Hause zu schwimmen.«
In diesem Moment schoss plötzlich eine große Pranke mit scharfen Krallen in das Wasser und schnappte zu.
Der alte Fisch wusste nicht, wie ihm geschah. Da er aber gleich bemerkte, sich nicht mehr frei zappeln zu können, wehrte er sich nicht und lies sich aus dem Fluss ziehen. Kurz darauf landete er in einem mit Wasser gefüllten Eimer.
Trotz seines hohen Alters war der Fisch noch immer sehr neugierig und sah vorsichtig aus dem Eimer heraus.
Vor ihm saß ein seltsames Wesen. Es war riesig groß, besaß keine Flossen wie ein Fisch, sondern Beine wie die eines Tintenfisches, nur ohne Saugnäpfe. Aber es waren nicht acht, sondern nur vier Beine und im Maul hatte es lange spitze Zähne.
Dieses Wesen sah gefährlich aus. Aber dennoch bekam der alte Fisch keine Angst, denn dieses Tier zitterte am ganzen Körper.
Und dann begann es zu sprechen.
»Wer bist du? – Was bist du? – Kann man dich fressen?
Wir Eisbären sind nämlich schrecklich hungrig und immer auf der Suche nach etwas zu Fressen.«
Der Fisch bekam nun doch Angst. Es war zwar alt, wollte aber dennoch nicht in einem Kochtopf landen.
»Ich bin nur ein alter dürrer Fisch.«, sagte er.
»An mir ist nichts mehr dran, womit du deinen Hunger stillen könntest. Ich bin nur noch Fell und Gräten.«
Der Eisbär betrachtete seine Beute genau, zitterte aber weiter.
»So etwas wie dich habe ich noch nie gefangen. Und ich fange nie sehr viel, weil es mir immer viel zu kalt ist, um mich zu bewegen. Alle anderen Tiere, die ich kenne, haben ein Fell oder eine dicke Haut. Nur wir Eisbären müssen das ganze Leben lang frieren. Deswegen sind wir auch ständig krank und sterben früh.«
Der Fisch sah sich um. Der Boden war weiß und vom Himmel fiel Schnee. Über dem Wasser musste es schrecklich kalt sein.
»Bei uns im Wasser ist es nicht so kalt. Warum lebst du nicht auch bei uns im Meer?«
Der Eisbär machte ein trauriges Gesicht.
»Ich kann unter Wasser nicht atmen. Außerdem wird im Wasser meine Haut ganz schrumpelig. Dabei schwimme ich doch so gern.«
Der alte Fisch dachte kurz nach, bis ihm eine Idee kam.
»Du tust mir sehr leid, Eisbär. Deswegen möchte ich dir helfen. Bitt lass mich wieder frei und wirf mich in den Fluss zurück. Als Dank werde ich bis morgen wieder zu dir zurück kehren. Dann wird sich dein Leben bestimmt für immer verändern. Euch Eisbären wird es dann besser gehen.«
Der Eisbär blickte den Fisch misstrauisch an, kam der Bitte aber schließlich nach.
»Ich hoffe, du hältst dein Versprechen auch. Sonst hab ich kein neues Leben und auch nichts zu Fressen heute.«
Der Fisch nickte und schwamm den Fluss hinab, zurück in das weite, endlose Meer.
Als er wieder zu Hause bei seiner Familie ankam, berichtete er sofort, was er erlebt hatte und wie sehr ihm der frierende Eisbär Leid tat.
»Wir müssen ihm unbedingt helfen.«, rief er.
Ein paar seiner Söhne glaubten nicht an die Ehrlichkeit des Eisbären.
»Der wartet bestimmt nur darauf, dass er uns alle zusammen fressen kann. Er hat dich freigelassen, damit du uns zu ihm lockst. Wenn wir ihm dann helfen, brauchen wir bald selber Hilfe.«
Aber die meisten Fische hatten genug Mitleid. Also schwammen sie alle gemeinsam am nächsten Tag den Fluss hinauf, bis sie auf den Eisbären trafen.
Der hatte inzwischen seine ganze Familie zum Fluss geholt. Es waren alle Eisbären gekommen, und sie saßen nun dort und zitterten gemeinsam.
Nun sah die große Fischfamilie zum ersten Mal, wie schlecht es den Bären tatsächlich erging. Da begannen sie zu bereden was nun getan werden konnte.
Schließlich schwamm der alte Fisch nahe an das Ufer heran und streckte seinen Kopf aus dem Wasser.
»Wir werden euch helfen. Hier im Wasser ist es viel wärmer, as da draußen bei euch in der kalten Luft. Bei euch wird das Wasser sogar zu Eis. Ihr habt ein Fell viel nötiger als wir. Wir werden auf unser Fell eher verzichten können, als ihr.«
Alle Fische streiften ihr Fell ab. Und so bekamen die Eisbären ihr erstes eigenes Fell.
Die Fische hingegen entdeckten, dass sich unter dem Fell eine schuppige Haut befand, die ebenfalls vor der Wasserkälte schützte. Außerdem konnten sie nun noch viel schneller schwimmen, als jemals zuvor, denn nun störten die Fellhaare nicht mehr.
Seit diesem Tag musste kein Eisbär mehr frieren. Und fellige Fische hat man auch nie mehr gesehen.

 Sofie rollte mit den Augen.
»Aber Papa, die Geschichte glaubt dir doch kein Mensch.«
Papa lachte.
»Meinst du nicht? Aber hast du vielleicht eine andere Erklärung, warum ein Fisch kein Fell mehr hat?«
Sofie überlegte, aber ihr fiel auch keine bessere Antwort ein.
»Na siehst du.«
Nun griff Papa in den Wassereimer und holte den Fisch hervor.
»Weisst du was? Wir lassen ihn wieder frei. Er ist so ein schöner Fisch. Den können wir doch nicht einfach einfangen und kochen.«
Er ließ den Fisch zurück ins Wasser gleiten, packte seine Angel ein und nahm Sofie an die Hand.
Gemeinsam gingen sie nun wieder nach Hause, denn Mamas Kaffeeklatsch war nun auch schon längst vorbei.

(c) 2007, Marco Wittler

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