047a. Am Ende des Regenbogens oder: Die Regenbogenbiber (Teil 1)

Am Ende des Regenbogens
oder: die Regenbogenbiber

 Marvin lehnte sich gemütlich zurück. Sein bester Freund Fridolin tat es ihm gleich. Die beiden hatten den ganzen Tag draußen im See miteinander gespielt. Nun waren sie müde und ruhten sich aus.
»Meine Biberoma hat früher immer Geschichten erzählt, wenn ich von Spielen nach Hause kam. Sie kannte so viele Geschichten, dass sie eine vor dem Abendessen erzählen konnte und auch eine danach. Und sie hat in all den Jahren keine einzige davon zweimal erzählt.«
Fridolin war erstaunt. So eine tolle Oma hatte er nicht gehabt.
»Meine Oma wohnte an einem anderen See, ganz weit weg in einem fernen Land.«
Marvin sah seinen Freund mitfühlend an.
»Wenn meine Oma noch hier wäre, würde sie dir bestimmt auch eine Geschichte erzählen.«
»Was war die aufregendste Geschichte, die du je gehört hast?«, fragte Fridolin.
»Da muss ich gar nicht lange überlegen.«, antwortete Marvin.
»Es ist die Geschichte vom Regenbogen.«
Die Biberoma hatte erzählt, wenn es regnet und dabei auch die Sonne scheint, dann kann man am Himmel einen bunten Regenbogen sehen. Wer dann über ihn hinweg klettert, auf der anderen Seite herunter rutscht und schließlich am Ende ankommt, findet einen großen Topf voll Gold.
Als Fridolin das hörte, bekam er große Augen.
»Ein Topf voll Gold? Ich wüsste gar nicht, was ich als erstes kaufen sollte, so viele Wünsche fallen mir da ein. Meinst du, dass der Weg dort hin weit ist? Wir könnten uns ja auf die Suche machen und als reiche Biber wieder nach Hause kommen.«
Marvin lachte.
»Das ist ja eine feine Idee. Dass ich da selber nicht drauf gekommen bin.«
Noch bevor sie in ihre Betten krochen, packte jeder seinen Rucksack für eine lange Reise.
Als sie unter ihre Schlafdecken krochen, murmelten sie beide einen Satz vor sich hin:
»Hoffentlich beginnt es bald zu regnen.«

 Am nächsten Morgen war allerdings nicht eine Wolke am Himmel zu sehen.
»Dabei habe ich mir den Regen so sehr gewünscht.«, sagte Marvin.
»Ich auch, mein Freund, ich auch.«

 Auch am zweiten Tag schien die Sonne, am dritten Tag wieder. Der Sommer schien in diesem Jahr gar kein Ende nehmen zu wollen.
Die beiden Biber erinnerten sich noch gut daran, wie sehr es im letzten Sommer geregnet und wie sehr sie auf Sonnenschein gehofft hatten. Nun war alles umgekehrt.
Während alle Tiere der Gegend Spaß hatten, im See schwammen und viele Spiele spielten, saßen Marvin und Fridolin gelangweilt und mit Rucksäcken, Regenjacken und Gummistiefeln auf der Terrasse vor dem Haus und warteten auf Wolken.
»Wollen wir nicht auch ein wenig zum Schwimmen in den See gehen? Mir ist langweilig und auch viel zu warm hier.«
Aber Marvin lehnte ab.
»Und was machen wir, wenn sich plötzlich das Wetter ändert und der Regenbogen erscheint? Dann ist er bereits wieder verschwunden, bevor wir zurück sind und unsere Rucksäcke aufgesetzt haben. Wir bleiben hier.«

 Die Zeit verging wie im Flug und die Wochen zogen in das Land. Während sich langsam der Sommer verabschiedete, die Temperaturen kälter wurden, saßen die Biber noch immer vor dem Haus.
»Meinst du nicht, wir sollten bald Vorräte für den Winter sammeln, bevor der Winter kommt?«, fragte Fridolin.
»Aber gerade jetzt im Herbst regnet es oft und viel.«, antwortete Marvin.
»Wir dürfen den Regenbogen nicht verpassen, sonst werden wir nie zu reichen Bibern.«
Ein paar weitere Wochen später schien es tatsächlich bald so weit zu sein, denn am Horizont zogen die ersten Wolken auf.
Doch sehr schnell hatten sie den ganzen Himmel bedeckt und es begann zu regnen.
»Wo ist denn nun der Regenbogen?«, fragte Fridolin.
»Er ist nicht da, weil keine Sonne scheint.«, bekam er als Antwort.

Drei Tage regnete es ohne Pause. Die Biber saßen mittlerweile wieder im Haus und wärmten sich am Kaminfeuer, als plötzlich ein heller Lichtstrahl durch das Fenster schien.
Während noch dicke Tropfen vom Himmel fielen, riss die Wolkendecke auf und die Sonne kam zum Vorschein.
Marvin sprang auf und lief sofort zur Tür.
»Los, komm wieder zurück.«, sagte Fridolin.
»Du wirst ja doch keinen Regenbogen sehen. Ich glaube, deine Oma hat sich diese Geschichte einfach nur ausgedacht.«
Marvin hörte gar nicht zu. Er öffnete die Tür und lief nach draußen. Er bemerkte gar nicht, dass er seinen Regenmantel vergessen hatte. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sein Fell ganz nass war.
Doch dafür fand er hinter dem Haus, was er suchte.
»Da ist er. Da ist der Regenbogen. Ich habe den Regenbogen gefunden.«
Er rannte zurück ins Haus, um sich neue Sachen anzuziehen.
»Los, mach dich fertig. Der Regenbogen ist da, genau so, wie ich es dir gesagt hatte. Meine Oma hat also doch keine Märchen erzählt. Jetzt werden wir überall berühmt und reiche Leute.«
Es vergingen keine drei Minuten, bis die beiden zusammen wieder aus dem Haus kamen und dem Regenbogen entgegen gingen.
»Ich hoffe nur, dass es jetzt nicht so schnell vorbei ist mit dem Regen und der Sonne.«, sagte Fridolin.

 Fünf Tage waren nun schon vergangen. Die beiden Biber liefen noch immer dem Regenbogen hinterher. Am Tage sahen sie ihn vor sich, in der Nacht mussten sie Pausen einlegen, da dann die Sonne nicht mehr schien.
Noch immer prasselten dicke Tropfen vom Himmel. Die Wolken hatten den gleichen Weg, wie die Biber eingeschlagen.
»Irgendwie habe ich da komische Gefühl, dass wir dem Regenbogen nicht näher gekommen sind.«, sagte Fridolin.
Aber Marvin antwortete nur: »So ein Quatsch. Wir sind fünf Tage gelaufen. Natürlich sind wir jetzt näher an im dran. Sonst wären wir doch die ganze Zeit an der selben Stelle geblieben.«
Fridolin bekam langsam Zweifel. Irgendwas stimmte da nicht. Der Regenbogen war wohl sehr weit weg, aber hätte doch nach so einer langen Wanderung wenigstens etwas größer werden müssen.

 Nach insgesamt zehn Tagen waren sie bereits durch vier Städte gekommen. Überall fragten sie nach dem Weg oder einer Abkürzung zum Regenbogen. Aber niemand konnte helfen. Stattdessen erzählten ihnen die Leute viele Geschichten über den Regenbogen. Jeder kannte eine andere. Es schien von ihnen unendlich viele zu geben. Aber danach suchten die Biber nicht. Den beiden ging es doch um den Topf voll Gold.

Immer weiter folgten sie dem Regenbogen. Sie wanderten den Wolken und dem Loch, durch das die Sonne schien, hinterher. Immer weiter entfernten sie sich von ihrer Heimat und kamen schließlich in ein fremdes Land.
Marvin stand vor einem großen Schild. Er las Fridolin vor, was darauf stand.
»Willkommen im Regenbogenland. Hier wird der Regenbogen geboren und hier findet er sein Grab.«
Sie bekamen beide große Augen.
»Dann sind wir endlich am Ziel angekommen. Weiter kann der Regenbogen nicht mehr gehen. Hier werden wir endlich das Gold finden und reiche Biber werden.«
Schon dachten beide darüber nach, was sie mit ihrem Reichtum alles kaufen würden. Sie träumten von großen Baumhäusern, einem eigenen Badesee und einer Weltreise durch alle Länder der Erde. Außerdem wollten sie das größte Festessen aller Zeiten erleben.
Aber vorher mussten sie zum Regenbogen gelangen, was aber gar nicht so einfach war, denn noch immer schienen sie ihm nicht einen Meter näher gekommen zu sein.

 Eines Tages kamen sie in eine Stadt. Den Einwohnern war genau anzusehen, dass sie im Regenbogenland lebten, denn ihre Kleidung war so bunt und leuchtend wie der Regenbogen selbst.
»Schau dir das an, Fridolin. Es sieht aus, als trüge jeder von ihnen einen Teil des Regenbogens am Körper. Diese Leute müssen einfach wissen, wie wir an unser Ziel gelangen.«
Die Biber begannen jeden, den sie auf der Straße trafen, zu fragen, wie sie den Weg zum Regenbogen finden könnten. Sie gingen durch Einkaufsläden, über Wochenmärkte, durch Gasthäuser, Kneipen und Spelunken. Ein Antwort erhielten sie allerdings nicht. Stattdessen wurden sie oft ausgelacht oder bekamen neue Geschichten über den Regenbogen erzählt.

Weiter ging es durch das Regenbogenland. Die Biber zogen von Stadt zu Stadt. Aber es schien niemand zu wissen, wie man zum Regenbogen gelangen konnte.
»Ich glaube mittlerweile, dass es niemand wirklich weiß.«, sagte Marvin niedergeschlagen.
»Vielleicht ist der Topf voll Gold am Ende des Regenbogens auch nur eines von vielen Märchen. Und Märchen haben wir ja nun schon so viele gehört. Ich glaube sogar, dass ich nun mehr kenne, als meine alte Biberoma.«
Fridolin stimmte ihm zu. Er hatte schon vor einigen Wochen begonnen, alle Geschichten, die sie gehört hatten, in ein dickes Buch zu schreiben, um keine einzige von ihnen zu vergessen.
»Wenn das so weiter geht, brauche ich bald ein neues Buch.«, sagte er.
»Vielleicht fällt mir aber auch vom vielen Schreiben einfach die Hand ab. Was meinst du?«
Marvin verdrehte die Augen.
»Erzähl nicht so einen Blödsinn. Du weißt doch ganz genau, dass so etwas nicht passieren kann. Mit diesen Schauergeschichten könntest du glatt viele Kinder erschrecken.«

(c) 2007, Marco Wittler

Fortsetzung folgt in Teil 2.

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