050. Die Punkte des Marienkäfers

Die Punkte des Marienkäfers

 Anton flog über die bunte Blumenwiese. So weit seine Augen reichten sah er blühende Blumen. Es war ein buntes Farbenmeer.
»Ach, wie schön ist es doch, ein Marienkäfer zu sein.«, sagte er zu sich selbst.
Er genoss die wärmende Sonne, die auf ihn herab strahlte und freute sich des Lebens.
Von Zeit zu Zeit lies er sich auf einer Blume nieder, krabbelte tief in die Blüte hinein und schleckte den süßen Nektar in sich hinein, den er dort vor fand.
Er konnte sich kein schöneres Leben vorstellen.
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass es kein anderes Tier gibt, dem es so gut geht wie mir. Und kein anderes Tier auf der Welt hat so schöne Punkte auf dem Rücken.«
Jeden Tag holte er einen Lappen hervor, polierte seinen Panzer und zählte seine Punkte.
»Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Es sind genau sieben an der Zahl. Schließlich bin ich ja auch ein Siebenpunkt-Marienkäfer. Der schönste, den es auf der Welt gibt.«
Immer wieder traf er auf andere Käfer. Doch die meisten waren einfach nur braun gefärbt und sahen gar nicht schick aus. Doch ab und zu war auch ein anderer Marienkäfer dabei. Aber keiner hatte sieben schöne Punkte. Der eine hatte nur drei, ein weiterer konnte nur fünf vorweisen. Einer von ihnen war sogar ein so großer Angeber, dass er alle anderen mit seinen zwanzig Punkten nervte.
»Der ist ganz schon unverschämt mit seinen Punkten. Also ich würde mich ja nie so in den Vordergrund stellen und damit angeben. Aber soll er nur machen. Es weiß ja eh jeder auf der Wiese, dass ich der schönste Käfer von allen bin.«

Es war wieder ein schöner Nachmittag und Anton flog mit dem Wind um die Wette. Er lies sich in eine Blume plumpsen und wirbelte viel Blütenstaub auf. Das war so lustig, dass er unvorsichtig wurde.
Plötzlich rutschte er auf einem Nektartropfen aus, den er übersehen hatte und fiel auf den harten Boden.
Es war ihm nichts weiter passiert, alle sechs Beinchen waren in Ordnung, er hatte sich nichts gebrochen, aber der Schrecken saß ihm noch tief in den Knochen.
Anton rappelte sich wieder hoch und flog langsam nach Hause. Die Lust am Spielen war ihm nun vergangen. Er wollte nur noch in seinen gemütlichen Sessel, um sich zu erholen.

In seinem Wohnzimmer holte er zuerst den Putzlappen hervor. Dies tat er immer zuerst, so sehr war er daran gewöhnt.
»Jetzt muss ich mir erstmal den Dreck abputzen. Der Boden war ja unglaublich staubig. Da hätte ich niemals drauf fallen dürfen. Nur gut, dass mich keiner so gesehen hat. Das wäre mir sehr peinlich gewesen.«
Und schon fing er an, seinen Panzer zu polieren. Der Lappen wischte hoch und runter, von links nach rechts und im Kreis herum. Jedes einzelne Staubkörnchen musste weg. Schließlich glänzte Anton, so sehr, dass er sich beim Betrachten fast eine Sonnenbrille hätte aufsetzen müssen.
»So gefalle ich mir schon besser. Jetzt sieht man meine schönen Punkte auch wieder. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs,…«
Anton stuzte. Er überlegte kurz und begann erneut zu zählen.
»Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs,…«
Er überlegte wieder, begann von vorn. Doch jedes Mal kam er nur auf sechs Punkte.
»Aber warum nur sechs? Ich bin doch ein Siebenpunkt-Marienkäfer. Ich muss doch sieben Punkte haben. Da fehlt doch einer.«
Anton wurde nervös. Er begann das ganze Wohnzimmer zu durchsuchen, konnte aber nichts finden. Danach flitzte er durch die Küche, den Flur, das Bad, und sein Schlafzimmer. Nicht einmal im Keller wurde er fündig.
Er verzweifelte.
»Aber so kann ich mich doch nie wieder vor die Tür wagen. Die anderen Käfer werden mich auslachen und mit dem Finger auf mich zeigen. Sie werden sagen ›Schaut, da kommt der Käfer, der nicht auf seine Punkte aufpassen kann‹.«
Doch dann fiel ihm etwas ein. Er war doch am Nachmittag auf dem Blütennektar ausgerutscht und dabei zu Boden gefallen. Dort musste der Punkt noch immer liegen. Es konnte nur dort geschehen sein.
Er machte sich auf den Weg, gut in einen Mantel gehüllt, damit niemand sein Unglück sehen konnte.
Anton kam recht schnell zu seiner Unfallstelle, sah auch seinen Punkt am Boden liegen. Doch dieser wurde gerade von einem dicken Regenwurm gefressen, der danach sogleich wieder in der Erde verschwand.
»Oh nein. Ich Unglückseliger. Was soll ich denn jetzt nur machen? Ich werde nie wieder sieben schöne Punkte auf meinen Rücken haben.«
Er erhob sich wieder in die Luft und flog kreuz und quer über die Wiese. Dabei weinte er bittere Tränen.
Er merkte nicht einmal, wie weit er flog, den auf einmal knallte er gegen eine Glasscheibe und fiel auf die Fensterbank eines großen Hauses.
Sogleich öffnete sich das Fenster und ein großes Gesicht beugte sich über den kleinen Käfer.
»Na, was bist du denn für einer? Da habe ich doch richtig gehört, dass da etwas geklopft hat. Hast du dich verflogen und dabei das Fenster übersehen?«
Es war ein Menschenmädchen. Sie hatte große Augen und sah sich Anton ganz besorgt an. Aber dieser war noch zu benommen, um antworten zu können.
Also nahm sie ihn hoch und legte ihn vorsichtig auf ein weiches Taschentuch.
»Ruh dich hier ruhig aus, kleiner Käfer. Hier wird dir nichts passieren.«
Anton schloss also die Augen und schlief ein.

Ein paar Stunden später wurde er wieder wach, sah sich um und bekam plötzlich Angst. Er wurde sich wieder bewusst, wo er sich befand. Er war im Zimmer eines Mädchens. Und Menschen, so hatte sein Großvater immer erzählt, wären die gefährlichsten Lebewesen, die es gab.
Und da war sie auch schon wieder.
»Na, kleiner Käfer, geht es dir jetzt besser? So lange, wie du geschlafen hast, musst du ja ganz schön fest gegen das Fenster gekracht sein.«
Anton war verwundert. Er hatte erwartet, gefressen oder zerquetscht zu werden. Aber dieses Mädchen machte nichts davon. Stattdessen sorgte sie sich um ihn.
»Ich bin traurig, sehr traurig sogar. Und ich wäre froh, wenn du mich zerquetschen würdest, damit mein schlimmes Leben endlich vorbei wäre.«
Das Mädchen sah ihn verwundert an.
»Aber ich kann dir doch nicht weh tun. So etwas macht man nicht. Das ist böse.«
Sie nahm Anton auf ihren Finger und besah ihn sich näher.
»Und ich weiß nicht einmal, warum du zerquetscht werden willst.«
Anton seufzte und schluckte einen dicken Kloß im Hals herunter.
»Dann will ich es dir erzählen, auch wenn es mir schwer fällt und unglaublich peinlich ist.«
Er berichtete von dem schönen Nachmittag, von seinem Flug über die Blumenwiese, dem Unfall und dem Verlust seines siebten Punktes.
Das Mädchen drehte den kleinen Käfer herum, streifte den Mantel weg und begann zu zählen.
»Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Du hast Recht. Da sind tatsächlich nur sechs Punkte.«
Sie setzte Anton wieder auf das weiche Taschentuch.
»Du armer kleiner Marienkäfer. Du tust mir sehr leid. Jetzt weiß ich auch warum du so traurig bist.«
Anton wischte sich eine Träne aus dem Gesicht, während das Mädchen nachzudenken schien.
»Ich glaube, ich habe da eine Idee. Vertrau mir und schließ deine Augen. Ich habe eine Überraschung für dich.«
Der Marienkäfer schloss also seine Augen und wartete ab. Er spürte, wie ihn ein Finger berührte. Er hatte Angst, wagte aber nicht, die Augen zu öffnen.
Ein paar Sekunden später war es vorbei.
»So, nun darfst du wieder gucken.«
Anton öffnete die Augen wieder und sah sich um.
»Was ist jetzt passiert? Warum durfte ich nichts sehen?«
Das Mädchen lachte und holte einen kleinen Spiegel hervor.
»Hier. Schau mal da rein. Dann wirst du Bauklötze staunen.«
Anton sah hinein und traute seinen Augen nicht.
»Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Es sind wieder sieben Punkte auf meinem Rücken. Aber wo kommt denn der siebte Punkt her? Den hab ich doch verloren. Wo hast du den denn her?«
Das Mädchen zeigte mit ihrem Finger auf ihre Nase.
»Guck mal hier. Ich hab so viele Sommersprossen im Gesicht, da fällt es gar nicht weiter auf, wenn da eine fehlt. Also hab ich dir einfach eine davon geschenkt. Dann musst du nicht mehr traurig sein und kannst dich wieder bei deinen Freunden blicken lassen.«
Anton war außer sich vor Freude. Am liebsten hätte er das Mädchen an sich gedrückt, so dankbar war er. Doch dafür war er zu klein.
Er flog eine Runde durch das Zimmer und bedankte sich so auf seine Weise.
Als er schließlich vor dem offenen Fenster schwebte, winkte er noch einmal zum Abschied und sagte: »Ich werde dich und deine Großzügigkeit niemals vergessen, das verspreche ich dir.«
Dann flog er zurück nach Hause und polierte seinen neuen siebten Punkt.
Von nun war er beim Spielen viel vorsichtiger und zählte bei jedem Sturz seine Punkte. Aber er hatte nie wieder einen verloren.

(c) 2007, Marco Wittler

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