052. Großer schwarzer Stein am Himmel oder „Papa, warum ist die Sonne so warm?“ (Papa erklärt die Welt 4)

Großer schwarzer Stein am Himmel
oder »Papa, warum ist die Sonne so warm?«

Sofie lag im Garten in einem großen Liegestuhl und lies sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Es war ein richtig schöner und warmer Sommertag. Überall summten Bienen durch die Luft und sammelten Pollen und Nektar.
Papa saß vor einem Blumenbett und pflanzte ein paar Blumen in die Erde, die Mama vom Einkaufen mit gebracht hatte.
Sofie beobachtete ihn. Aber irgendwann wurde es ihr zu langweilig und schlenderte zu Papa.
»Du, Papa, mir ist es ganz schön warm in der Sonne. Kannst du nicht das Planschbecken aufstellen, damit ich meine Füße da drin baumeln lassen kann?«
Papa legte die Schaufel und die kleine Gießkanne beiseite und stand auf.
»Das ist eine gute Idee. Mir ist es auch schon viel zu warm Und ich brauche eine Pause.«
Er holte das Planschbecken aus dem kleinen Gartenhaus, blies es mit einer elektrischen Pumpe auf und lies anschließend Wasser hinein.
Sofie zog sich ihren Stuhl heran und steckte die Füße ins Wasser, noch bevor Papa fertig war.
»Los, Papa, hol dir einen Stuhl und mach mit. Das Wasser ist so schön kalt. Das macht richtig Spaß.«
Sie wackelte mit den Zehen und spritzte ab und zu mit den Füßen Wasser aus dem Becken.
Papa holte sich seinen Stuhl und kühlte sich ebenfalls ab.
Die Sonne stand sehr hoch am Himmel und stach Sofie ins Auge. Also zog sie ihre Mütze tiefer ins Gesicht.
»Papa, warum ist die Sonne eigentlich so warm?«
Papa musste nachdenken. Doch dann schien ihm etwas einzufallen.
»Mir fällt da eine Geschichte ein. Sie handelt von der Sonne. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine Zeit, in der die Sonne niemals schien. Oh, sie hing zwar schon am Himmel, aber sie war nur eine dunkle, schwarze Scheibe.
Auf der Erde freuten sich die Menschen über jedes kleine Feuer, denn es war den ganzen Tag so dunkel wie in der Nacht. Die Sterne leuchteten rund um die Uhr. Und es war immer kalt.
Die einzelnen Menschenstämme überfielen sich in regelmäßigen Abständen gegenseitig und raubten sich das Feuer und warme Felle, in die sie sich kleiden konnte.
Es war eine Zeit, in der Niemand glücklich war. Das Leben war hart und gefährlich.
In den besonders schlimmen Zeiten hatten die Menschen gar kein Feuer. Manchmal wurde es vom Regen gelöscht, vom starken Wind ausgeblasen oder man hatte vergessen, neues Holz nach zu legen.
Dann musste man immer auf ein Gewitter warten und hoffen, dass der Blitz in einen Baum einschlug, welche dann Feuer fing. Doch das konnte manchmal sehr lange dauern.
Eines Tages trafen sich alle Stämme der Gegend auf einer großen Wiese. Niemand von hatte Feuer und jeder schob dem anderen die Schuld dafür in die Schuhe. Es sollte einen großen Krieg geben.
Ein letztes Mal trafen sich die Häuptlinge in der Mitte des Platzes, in der Hoffnung, den Krieg abzuwenden. Doch niemand von ihnen wollte die Schuld auf sich nehmen.
Also zogen sie alle ihre Schwerter, kreuzten die Klingen und gingen zu ihren Stämmen zurück.
Stille legte sich über die Wiese. Alle Krieger warteten nun gespannt darauf, dass es bald los gehen würde. Alle beteten dafür, dass sie diesen Tag überleben würden.
Aber ein paar Sekunden, bevor sie los stürmen wollten trat ein Jüngling in die Mitte der Stämme. Er schwenkte einen langen Stock hin und her, an dessen Ende sich ein weißes Tuch befand. Es war das überall bekannte Friedenszeichen. Nun durfte niemand mit dem Kampf beginnen, bevor man den jungen Mann angehört hatte.
Voller Wut stürmten die Häuptlinge mit gezogenen Schwertern in die Mitte und bedrängten den Jüngling. Sie beschimpften ihn, bedrohten ihn und verlangten auf der Stelle eine Erklärung, warum er versuchte, den Krieg zu verhindern.
Doch der junge Mann, sein Name war Helios, drängte sie alle zurück.
»Schämt ihr euch denn nicht? Ihr seid nicht nur erwachsene Männer, ihr seid auch die Häuptlinge unserer Stämme. Ihr tragt die Verantwortung für alle Menschen hier. Sie vertrauen auf euch. Sie wollen von euch beschützt werden. Aber ihr schickt sie in einen sinnlosen Krieg. Sie sollen sich gegenseitig töten, nur weil ihr zu dickköpfig seit, euch endlich einig zu werden.«
Die Häuptlinge sagten nichts. Stattdessen sahen sie alle beschämt zu Boden.
»Das Feuer ist verloschen. Keiner von uns kann es erneut entfachen. Aber die Schuld daran tragen wir alle. Ständig stehlen wir uns das Feuer. An anderen Tagen verlöscht es, weil wir zu dumm sind, darauf aufzupassen.
Aber nun wird es endlich Zeit, dass wir uns gemeinsam eine Lösung ausdenken, dass wir gemeinsam unser Feuer behüten.«
Die Häuptlinge schüttelten alle den Kopf. Ein weiteres Mal wiesen sie alles von sich und fanden tausend Begründungen, warum die anderen Schuld waren.
Helios setzte sich und verlangte dies auch von den Häuptlingen.
»Ihr seid Narren und Dummköpfe. So kann es doch nicht für immer weiter gehen. Denn bisher war es doch immer so. Irgendwann waren alle Feuer verloschen und irgendwer wurde deswegen zum Sündenbock gemacht. Wollt ihr das denn nicht ändern? Gebt euren Leuten neue Hoffnung zeigt ihnen, dass es einen besseren Weg in die Zukunft gibt.«
Die Häuptlinge konnten nichts dagegen sagen, denn die Krieger um sie herum hatten jedes Wort gehört und waren nun guter Hoffnung, nicht mehr kämpfen zu müssen.
Einer der Häuptlinge ergriff nun das Wort, denn es brannte ihm eine große Frage auf dem Herzen.
»Aber wie soll diese neue Zukunft aussehen? Wir haben alle lange darüber nachgedacht, aber sind nie auf die richtige Lösung gekommen.«
Helios zog ein paar Zweige aus der Tasche und einen Faden. Er legte alles auf den Boden und begann dann, alles miteinander zu verbinden.
»Seht her. Dies hier ist alles, was wir brauchen. Wir brauchen viele Äste und Seile, aus denen wir eine Leiter bauen können.«
Er hatte nun ein kleines Modell dieser Leiter in der Hand. In die andere nahm er nun einen Stein.
»Dies hier soll der große schwarze Stein am Himmel sein. Ich werde die Leiter auf einen Berg stellen und an den Stein anlehnen. So kann ich zu ihm hinauf klettern. Ich werde dort oben viel Holz aufschichten und dann anzünden. Denn dann wird uns der große Stein immer Licht und Wärme spenden. Und schon ist unser Problem gelöst. Es muss nur hin und wieder jemand neues Holz hinauf schaffen.«
Die Häuptlinge trauten dieser Idee nicht über den Weg. Die umstehenden Krieger schienen aber begeistert zu sein.
Und so wurde die Idee umgesetzt.

Die vielen Krieger begannen gleich mit der Arbeit. Sie sammelten viel Holz für das Feuer und starke Äste für die Leiter. Die Frauen der Stämme flochten Seile. Nach nur wenigen Tagen konnten sie mit dem Bau beginnen. Doch sollte es fünfzig Tage dauern, bis sie fertig waren.
Helios war sehr stolz auf seine Idee und das Werk der Menschen, die ihm geholfen hatten. Es war eine Arbeit gewesen, die alle Stämme zusammen gebracht hatte. Sie hatten die Kriege und Auseinandersetzungen vergessen. Nirgendwo wurde etwas gestohlen. Man lebte in Frieden zusammen.
Schließlich kam der große Tag. Sie stellten die Leiter auf dem höchsten Berg der Umgebung auf und lehnten ihr oberes Ende an den großen Stein im Himmel.
Helios stieg mit ein paar kräftigen Männern hinauf und schichtete das gesammelte Holz zu einem großen Haufen auf.
»Es ist vollbracht, liebe Freunde. Nun wird es, das Feuer zu entfachen. Geht geschwind nach unten und bringt mir das Feuer vom letzten Gewitter.«
Es war gerade einmal fünf Tage her, als es kräftig gedonnert und geblitzt hatte. Seitdem verfügten die Menschen wieder über ein Feuer. Diesmal hatten es sich alle Stämme geteilt und auch gemeinsam darauf acht gegeben, dass es nicht wieder aus ging. Nun sollte es bald in den Himmel gebracht werden, um die ganze Erde zu beleuchten.
Ein Krieger kletterte kurz darauf mit einer Fackel in den Himmel und übergab sie Helios.
»Danke, mein Freund. Und nun geh wieder zurück zu den anderen. Ich möchte nicht, dass irgendwem hier oben etwas passiert.«
Er spazierte mit der Fackel ein wenig über den Stein im Himmel. Er dachte noch einmal darüber nach, was er alles erreicht hatte, dass die Menschen Frieden gefunden hatten und nun nur noch auf Wärme und Licht hofften.
»Es ist geschafft. Bald werdet ihr das große Wunder erleben.«
Er stieß mit dem Fuß die große Leiter um, damit niemand auf die Idee kam, ihm zu folgen. Es sollte niemand hier oben zu Schaden kommen.

Helios steckte die Fackel in den Boden und legte seinen Beutel daneben, den er die ganze Zeit am Körper getragen hatte. Er öffnete ihn und holte ein Buch daraus hervor. Es war groß und dick, weil es sehr viele Seiten hatte.
Es war das Buch eines großen Magiers, der vor langer Zeit gelebt hatte. Er hatte es kurz vor seinem Tod an seinen Sohn weitergegeben und dieser wiederum an seinen Sohn. So war es über viele Generationen gegangen, bis es schließlich in die Hände von Helios gelangte.
Und der junge Bursche war nach so langer Zeit, der erste, der sich wirklich die Mühe machte, darin zu lesen und viele Zaubereien zu erlernen. Dadurch war er selbst zu einem Magier geworden.
Er hatte nie darüber gesprochen, hatte auch niemals für andere gezaubert. Zu groß war seine Angst gewesen, dass er von den Menschen ausgenutzt oder ausgestoßen wurde.
Doch nun war es an der Zeit. Es war Zeit, diese besondere Begabung zu nutzen, um den Menschen das zu geben, worum sie sonst ständig kämpften. Er wollte ihnen Licht und Wärme schenken.
Er stand auf, schlug eine Seite des Buches auf und begann, einige Zaubersprüche in einer fremden Sprache vor sich hin zu murmeln. Nach jedem Satz zerbrach er einen Ast des Holzes, dass er mit auf den schwarzen Stein im Himmel mitgebracht hatte.
Als der letzte Ast zerbrach, geschah plötzlich etwas.
Helios verlor den Boden unter den Füßen. Er begann zu schweben. Fast hätte er das Buch verloren. Doch nun hielt er es fest im Arm und steckte es vorsichtig zurück in seinen Beutel.
Der Jüngling schwebte höher und höher. Er lies den schwarzen Stein hinter sich und flog weg. Weit weg trieb es ihn, immer weiter in den Himmel hinein, bis die Erde unter ihm fast nicht mehr zu sehen war.

Die Menschen auf der Erde wurden misstrauisch. Sie hatten die Leiter fallen sehen und konnten sich denken, dass Helios sie an der Nase herum geführt hatte, denn noch immer brannte kein Feuer auf dem schwarzen Stein.
Schon wollten sie die Leiter erneut aufstellen und nachsehen, als plötzlich eine gewaltige Lichtwelle über sie hinweg flutete. Die Sterne verschwanden und der schwarze Himmel färbte sich hellblau. Nicht einmal der schwarze Stein war noch zu sehen.
Stattdessen sahen sie am Himmel etwas Neues. Dort war nun eine große helle Scheibe. Sie brachte viel Licht und noch viel mehr Wärme.
Es dauerte nicht lange, bis die ersten Krieger in ihren dicken Tierfellen zu schwitzen begannen und Teile ihrer Kleidung ablegen mussten.
Am Abend, als die helle Scheibe hinter dem Horizont verschwunden war und es dunkler und kühler wurde, kamen die Häuptlinge wieder zusammen. Sie wollten über das Wunder reden.
In diesem Moment tauchte der schwarze Stein wieder am Himmel auf. Doch diesmal reflektierte er das Licht der hellen Scheibe.
»Schaut zum Himmel hinauf. Selbst der schwarze Stein leuchtet voll Freude. Er ist nun nicht mehr allein. Und er wird uns in den dunklen Nächten noch so viel Licht spenden, dass wir genug sehen können.«
Sie gaben dem schwarzen Stein einen neuen Namen. Sie nannten ihn Mond.
»Wir müssen auch der hellen Scheibe einen Namen geben. Doch welcher ist wirklich angemessen für so etwas Wunderbares?«
Sie überlegten nicht lange, denn sie wussten bereits, welcher Name als einziger in Frage kommen würde.
»Wir nennen sie Helios. Der Junge hat mehr gehalten, als er uns versprochen hat. Darum soll sie seinen Namen tragen.«
Die Häuptlinge waren sich alle einig.
Von nun an lebten die Stämme in Frieden. Es gab keine Kriege und niemand musste das Feuer des anderen stehlen.

Helios schwebte im Himmel. Er blickte auf die Erde herab und sah, was sich dort unten tat. Er stellte mit Freude fest, dass die Menschen nun in Frieden zusammen lebten. Er hatte geschafft, was er ihnen versprochen hatte.
Sein Herz hatte sich für die Menschen geöffnet. Es strahlte so viel Licht und Wärme aus, dass es die Erde für immer veränderte.

Sofie sah Papa an.
»Du erzählst mir doch bestimmt nicht die Wahrheit, oder?«
Papa musste lachen.
»Natürlich ist das die Wahrheit. Oder was meinst du wohl, warum die Sonne sonst so heiß ist?«
Sofie dachte nach. Sie fand keine bessere Erklärung. Immerhin war die Sonne wirklich sehr hell und heiß.
»Aber warum hat dieser Mann einen so komischen Namen? Helios heißt doch kein Mensch.«
Papa grinste.
»Helios ist ein uraltes Wort. Es kommt aus einer anderen Sprache und heißt Sonne.«
Mit einem Lachen sagte Sofie schließlich: »Ich glaube dir kein Wort, Papa.«

(c) 2007, Marco Wittler

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