053. Keine Angst im Keller

Keine Angst im Keller

Alina stand in der Küche und half ihrer Mama beim Backen eines Obstkuchens. Es war das erste Mal, dass sie helfen durfte, also gab sie sich auch besonders viel Mühe, alles richtig zu machen.
Sie hatten bereits zusammen den Teig angerührt. Es war lustig, die Rührmaschine in den Teig zu halten. Dabei waren ein paar Spritzer ganz weit durch die Küche geflogen.
Dann hatten sie alles in eine Form gefüllt und in den Ofen geschoben.
Nun war der gebackene Tortenboden fertig und kühlte ab.
Mama saß am Küchentisch und zerschnitt ein paar süße Früchte und erklärte ihrer Tochter, wie sie alle hießen und woher sie kamen.
»Hm, eigentlich fehlt da noch was drauf.«, überlegte Mama.
»Was meinst du, wenn wir da noch ein paar leckere Kirschen drauf verteilen?«
Alina freute sich, denn Kirschen aß sie am Liebsten.
»Ich muss jetzt erstmal hier weiter machen. Kannst du nicht eben in den Keller gehen und ein Glas Kirschen herauf holen?«
Alina lächelte nun gar nicht mehr.
In den Keller? Den dunklen Keller? Und dann auch noch ganz alleine?
Sie schüttelte den Kopf.
»Ich mag nicht allein in den Keller gehen. Da ist es immer so unheimlich und dunkel. Kann nicht Lukas gehen?«
»Im Keller ist doch nichts, was dir Angst machen kann. Das ist doch auch nur eine Etage wie alle anderen hier im Haus, nur dass sie unter der Erde ist. Und dein Bruder hat keine Zeit, der muss Hausaufgaben machen.«
Alina stand vom Stuhl auf und ging zur Treppe. Sie sah noch ein letztes Mal zur Küche, ob Mama nicht doch noch mit kommen wollte, aber die schnippelte schon wieder Obst klein.
Nun musste sie allein hinunter. Sie schaltete das Licht an und ging jede Stufe langsam und einzeln.
Stand stand sie vor der Kellertür. Sie atmete tief durch, machte die Augen zu und öffnete.
Sie hörte ein leises Knarzen, bekam Angst und lief wieder die Treppe hoch. Noch ehe sie in der Küche an kam, hörte sie Mamas Stimme.
»Das sind nur die Scharniere, Schatz. Da muss Papa heute Abend Öl drauf machen, dann quietschen die auch nicht mehr. Holst du schnell die Kirschen?«
Alina ging wieder vorsichtig nach unten.
Sie sah in jeden dunklen Winkel. Dann schaltete sie das Kellerlicht an und sah sich ein weiteres Mal um. Doch auch diesmal war nichts zu sehen.
Sie ging hinein, schlich jeden Schritt so leise wie es eben ging, öffnete den Vorratsraum, machte auch dort Licht.
Da standen sie. Da waren die Kirschen. Sie standen auf dem Regel an der gegenüber liegenden Wand.
»Mist, jetzt muss ich noch weiter rein. Wenn die bloß nicht so lecker wären.«
Sie nahm ein Glas der Kirschen, als plötzlich die Tür hinter ihr zu fiel.
Alina erschreckte sich, lies das Glas fallen, konnte es aber noch fangen, bevor es am Boden zerbrach. Dann lief sie los, öffnete die Tür und rannte die Treppe nach oben. Als sie sich ein letztes Mal umdrehte, hörte sie ein leises ›Buh‹, das ihr mehr Angst machte, als alles andere.
Sie stellte das Glas auf den Küchentisch.
»Ich geh da nie wieder alleine runter. Es war richtig schlimm.«
Sie erzählte, was sie alles erlebt hatte.
»Ach, mein Schatz. Das ist doch alles gar nicht so schlimm. Die Tür hat bestimmt der Wind zu geweht. Und das ›Buh‹ hast du dir bestimmt nur eingebildet. Im Keller gibt es keine Gespenster und keine Geister. Versprochen.«
Alina wollte das nicht so recht glauben.
Um sich abzulenken, half sie Mama nun, die Früchte auf dem Tortenboden zu verteilen. Die restlichen Kirschen durfte sie, als Belohnung für die Hilfe, ganz allein aufessen.
»Oh, nein.«, sagte Mama.
»Ich habe glatt vergessen, den Tortenguss mitzubringen. Kannst du noch mal in den Keller gehen? Nur ein letztes Mal.«
Alina seufzte.
»Aber Mama. Da ist es so gruselig. Ich trau mich nicht mehr.«
Mama überlegte.
»Weißt du was? Ich habe da eine Idee. Die hat mir Oma beigebracht, als ich so alt war wie du.«
Sie kramte im Küchenschrank herum und gab ihrer Tochter einen hölzernen Kochlöffel und einen großen Topfdeckel.
Alina stutzte.
»Glaubst du etwa, wenn ich mich als Ritter verkleide, dass dann die Monster und Gespenster mich nicht angreifen? Also ich tue das nicht.«
»Nein.«
Mama musste lachen.
»Aber damit kannst du sie erschrecken. Wenn du gleich in den Keller gehst und etwas hörst, dass dir Angst macht, dann gehst du auf das Geräusch zu und fängst dann ganz plötzlich an, ganz viel Krach zu machen. Dann erschreckt es sich und läuft bestimmt davon.«
Alina schnappte sich ihre neue Ausrüstung und ging erneut in den Keller.
Es war ihr wieder sehr ängstlich zumute. Sie sah überall nach, in allen Ecken, die sie von der Tür aus erblicken konnte. Aber da war nichts.
Sie ging zum Vorratsraum, öffnete dessen Tür und machte Licht. Doch diesmal ging sie nicht hinein, sondern versteckte sich hinter einer Flurecke.
Und dann war da auf einmal wieder ein Geräusch. Alina machte sich klein und lauschte.
Da flog plötzlich die Tür zum Vorratsraum zu, und ein lautes ›Buh‹ war im ganzen Keller zu hören.
Dann hörte sie nur noch, wie jemand fort ging.
Alina fasste sich ein Herz und schlich hinter her. Der oder das Unbekannte hatte sich hinter einem Vorhang versteckt. Also stellte sie sich neben diesem und fing an, kräftig mit dem Holzlöffel auf den Topfdeckel zu schlagen.
Im ganzen Keller war der Krach zu hören. Es war richtig laut.
Hinter dem Vorhang bewegte sich plötzlich etwas. Dann wurde er zur Seite gerissen und jemand sprang vor Schreck dahinter hervor.
Alina wollte ihren Augen nicht trauen. Es war Lukas, ihr großer Bruder. Er hatte sie die ganze im Keller erschreckt. Aber nun war er in seine eigene Falle getappt und hatte sich verraten.
Als er nach oben flüchtete, wartete bereits Mama auf ihn. Sie schimpfte mit ihm und verbot ihm, noch einmal so etwas gemeines zu machen, anstatt sich um seine Hausaufgaben zu kümmern.
Alina holte in der Zeit den Tortenguss und kam hinterher. Ganz stolz zeigte sie, dass sie nun nie wieder Angst vor dem Keller haben würde. Es war halt nur eine Etage wie alle anderen, die unter der Erde lag. Dort gab es keine Geister oder Monster. Oder vielleicht doch?
Als sie das Licht für die Treppe abschaltete, hörte sie noch ein leises Geräusch. Es klang fast wie ein Flüstern.

(c) 2007, Marco Wittler

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