056. Kapitän Augenklappe und seine Piraten

Kapitän Augenklappe und seine Piraten

Schon früh am Morgen ging die Sonne auf. Es war kein Wölkchen zu sehen, nur das Blau des Himmels. Einen Moment später konnte man auch schon das Krähen eines Hahnes hören. Allerdings war es gar kein Hahn, sondern ein Papagei. Und er saß auch nicht auf dem Misthaufen, sondern auf einer Stange aus purem Gold.
»Kikeriki!«, machte er zum zweiten Mal.
»Halt endlich deinen Schnabel, du dummer Vogel. Du bist kein Hahn. Also lass mich gefälligst weiter schlafen.«
Doch an Schlaf war nun nicht mehr zu denken. Kapitän Augenklappe musste aufstehen. Es war wieder Zeit zu arbeiten.
Er stand auf, zog sich seine schicke Uniform an und ging an Deck.
»Raus aus dem Kojen. Angetreten, faule Bande. Der Tag hat schon längst begonnen. Ihr verschwendet wertvolle Zeit. Wir haben heute viel zu tun.
Kurz darauf tauchten die ersten Matrosen auf. Aber waren es wirklich richtige Matrosen? Seltsam sahen sie alle aus. Sie trugen bunte Uniformen. Keine sah aus wie die andere. Jeder hatte große goldene Ringe im Ohr und manch einer von ihnen trug sogar eine Augenklappe. Einer hatte sogar ein Holzbein.
»Ihr glaubt wohl, dass ihr als Piraten tun und lassen könnt, was ihr wollt. Aber da irrt ihr euch. Es ist harte Arbeit. Wir müssen viel tun, um unser großes Ziel zu erreichen. Heute werden wir uns den Schatz holen, von dem Kapitän Rotbart in seinen Aufzeichnungen berichtet hat. Wir werden so reich werden, dass wir uns noch heute Abend zur Ruhe setzen können.«
Ein großer Jubel ging durch das Schiff. Jeder Mann freute sich seit Jahren nur auf diesen einen Augenblick. Und nun war er zum greifen nah.
»Aber trotzdem wird die Tagesordnung eingehalten. Also schrubbt das Deck und putzt die Segel. Ich will, dass das Schiff heute von oben bis unten glänzt, als wäre es ganz neu.«
Diesmal murrten die Piraten leise. Aber sie taten dies eigentlich nur aus Gewohnheit. Denn das Schiff musste jeden Tag geputzt werden. Kapitän Augenklappe wollte das sein Schiff genau so schick aussah, wie seine Uniform.
Während sie alle schrubbten und putzten, stand der Kapitän auf der Brücke und sah dem Schiff zu, wie es durch das endlose Meer fuhr. Der Steuermann achtete darauf, dass der Kurs stimmte und änderte von Zeit zu Zeit die Richtung.
»Steuermann, heute ist der große Tag endlich da. Wir werden so reich werden, dass du dir das in deinen bisherigen Träumen niemals vorstellen konntest. Ich bin ganz aufgeregt, wenn ich nur daran denke. Wenn alles so klappt, wie ich mir das alles gedacht habe, dann werde ich noch heute das Piratenleben an den Nagel hängen und in Rente gehen. Vielleicht lasse ich mich auf einem Bauernhof nieder und werde Schafe züchten.«
Sie sahen sich beide ernst an. Doch dann begannen sie beide an zu lachen.
»Im Leben nicht, Kapitän. Dazu seid ihr zu sehr Pirat. Ihr werdet erst aufhören, wenn ihr tot seid.«
»Wie recht du doch hast, mein Freund, wie recht du doch hast.«
Kapitän Augenklappe klopfte seinem Steuermann auf die Schulter und ging hinunter in seine Kajüte.
Er setzte sich an seinen großen Tisch, las in einem kleinen Buch. Es waren die Aufzeichnungen von Rotbart, dem berühmtesten Piraten aller sieben Weltmeere. Er war schon überall gewesen, hatte große Schlachten geschlagen, in allen bekannten Häfen vor Anker gelegen und die Herzen der schönsten Frauen gebrochen.
Er hatte in seinem Buch über einen unermesslichen Schatz berichtet, den er nun anderen Piraten hinterlassen hatte.
»Dieser Schatz wird bald uns gehören. Es darf uns nur keiner zuvor kommen.«
Augenklappe sah auf eine große Karte, die über den ganzen Tisch ging. Auf ihr waren alle Küsten aufgezeichnet und alle Hafenstädte.
»Bald sind wir da. Es ist nicht mehr weit. In wenigen Stunden werden wir Land sichten. Dann nehmen wir Rotbarts Erbe in Empfang. Wir werden berühmt. Die ganze Welt wird uns kennen, sie werden uns fürchten. Jeder wird Kapitän Augenklappes Namen wissen.«
Er lachte in sich hinein, bis er von draußen eine Stimme hörte.
»Land in Sicht. Da vorne ist Land in Sicht.«
Es war der Matrose im Ausguck. Er saß in einem Korb, der ganz oben am höchsten Masten angebracht war. Von dort aus konnte man alles viel früher erkennen.
Augenklappe stürmte an Deck und sah sich um.
»Bist du dir da auch ganz sicher?«
»Vollkommen Kapitän. Und ich kann den Rum der Hafenkneipen schon riechen.«
Alle lachten. Sie freuten sich darauf, endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben zu können. Und sie freuten sich auf etwas zu trinken.
Augenklappe hingegen dachte bereits an die eine oder andere Frau, die hier auf ihn warten würde.
»Das wird ein schöner Abend werden.«, sagte er zu sich selbst.
»Ich werde zu Madame Lulu gehen. Ich lasse mir von ihr die Füße und den Rücken mit einem duftenden Öl massieren. Und ihre Freundin Annabelle darf mir dann die Neuigkeiten der letzten Wochen erzählen. Das wird schön.«
Er musste grinsen.

Ein paar Stunden später, nur wenige Minuten, bevor sie im Hafen eintrafen, hissten sie ihre Piratenflagge. Sie war schwarz und trug darauf einen grinsenden Totenschädel und zwei gekreuzte Knochen.
Als die Mannschaft das Schiff im Hafen fest machte, wurden sie von keinem der Menschen an Land beachtet. Jeder ging einfach weiter, als wäre ein normales Handelsschiff eingelaufen.
Der Kapitän wurde sauer und brüllte sofort herum.
»Was ist mit euch Landratten los? Fürchtet ihr euch nicht? Ich bin Augenklappe, der Pirat. Ich bin der gefürchtetste Mann der sieben Weltmeere. In mehr als zwanzig Ländern sucht man nach mir und will mich an den Galgen bringen.«
Die Menschen lachten ein wenig und gingen weiter ihren Geschäften nach.
Augenklappe räusperte sich, zog seine schicke Uniform zurecht und ging mit fünf seiner Männer an Land. Sein Ziel war ein großes Gebäude in der Mitte der Stadt.
Als er an kam, zog er seinen Säbel hervor. Die anderen Piraten taten es ihm nach. Dann stürmten sie unter lautem Gebrüll durch die Eingangstür.
In der Vorhalle saß ein genervt aussehender Mann hinter einem Schreibtisch. In ruhiger Gelassenheit nahm er seine Brille ab und wartete, bis sich der Lärm gelegt hatte.
»Wer sind sie?«, fragte er.
»Ich bin Kapitän Augenklappe und das hier sind meine getreuen Gefolgsleute. Ich bin der Schrecken der sieben Weltmeere und es gibt keinen schlimmeren Piraten als mich.«
Der Mann winkte ab.
»Ja, das haben die anderen zwanzig Mann vor ihnen auch schon gesagt. Wir werden sehen, wer von ihnen recht hat.«
Der Mann machte einen Haken auf einer Liste und wies den Kapitän an, weiter zu gehen.
»Ich hab vermerkt, dass sie angekommen sind. Gehen sie bitte durch die Tür dort, stellen sie sich hinten an und warten sie, bis sie dran sind.«
Augenklappe zog wieder seine Uniform zurecht und ging mit seinen Männern los.

Es dauerte ganze drei Stunden, bis die Piraten wieder zurück auf ihrem Schiff waren.
»Wie ist es gelaufen, Kapitän? Hat es geklappt? Haben sie das Erbe Rotbarts bekommen und werden wir nun alle reich und berühmt?«
Der Steuermann war vor Neugierde nicht mehr zu halten.
»Nun ja.«, sagte Augenklappe.
»Es war ein hartes Stück Arbeit. Wir waren nicht die einzigen, die sich auf den Weg gemacht hatten. Wir mussten gegen die Piraten von zwanzig anderen Schiffen kämpfen. Aber am Ende haben wir gesiegt. Nur wir werden Rotbart auf seinem Weg folgen.«
Großer Jubel war auf dem Schiff zu hören. Die Piraten waren außer sich vor Freude. Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht. So viele Jahre hatten sie hart dafür gearbeitet. Aber am Ende hatte es sich doch gelohnt.

Ein paar Minuten später kam jemand an Bord. Es war der Mann, der noch vor ein paar Stunden hinter einem großen Schreibtisch gesessen hat.
»Kapitän Augenklappe? Der Theaterdirektor hat mich beauftragt, die Vertragspapiere zu ihnen zu bringen. Er lässt ihnen ausrichten, dass er keine andere Schauspielgruppe gesehen hat, die so viel Talent besäße, wie ihre. Er ist sich sicher, dass sie und ihre Leute die Rollen des Kapitäns Rotbart und seiner Männer auf der Bühne hervorragend spielen werden. Ich darf ihnen gratulieren.«
Augenklappe schüttelte dem Mann die Hand und nahm die Papiere entgegen.
Sie hatten es geschafft. Vor zwei Jahren ging die Meldung durch die Welt, dass der berühmte Schauspieler Rotbart in den Ruhestand gehen wollte und man nach einem Nachfolger suchte, der bei den großen Theaterfestspielen die Rolle des größten Piraten übernehmen sollte. Zwei ganze Jahre hatten Augenklappe und seine Leute dafür geübt, hatten sich schicke Uniformen besorgt und waren Tag für Tag mit einem Schiff gesegelt.
Von nun an würden sie in die große weite Welt reisen und auf den größten Bühnen auftreten. Sie hatten es tatsächlich geschafft.

(c) 2007, Marco Wittler

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