057. Die Flut (Ninas Briefe 11)

Die Flut

Hallo Steffi.

Heute ist ein ganz blöder Tag. Draußen regnet es, ohne aufzuhören. Und das geht jetzt schon eine ganze Woche lang so. Ich sitze dann nur hier in meinem Zimmer herum, langweile mich und schaue mir durch das Fenster meine neue Schaukel an, die Papa einen Tag, bevor der Regen kam, aufgestellt hat. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, endlich wieder schaukeln zu können, aber das wird ja nun doch nicht mehr werden.
Ich glaube sogar, es wird nie wieder aufhören. Der ganze Himmel ist grau, die Wolkendecke ist so dick, wie noch nie zuvor.
Da fällt mir gerade etwas ein. Das hätte ich fast vergessen, dabei wollte ich dir schon vor ein paar Tagen davon berichten.
Vor vier Tagen hatten wir einen richtigen Wolkenbruch, wie Mama sagte. Ich hab dann ganz schnell nach draußen geschaut. Aber alle Wolken waren in Ordnung. Nicht eine von ihnen war kaputt gegangen. Da muss Mama wohl nicht richtig hingesehen haben.
Das einzige, was ich sehen konnte, war der Regen. Und es goss in solchen Strömen, dass man hätte meinen können, im Himmel hätte jemand einen Stausee geöffnet. Es wollte gar nicht mehr aufhören.
Mama war schon etwas sauer, denn wir wollten am Nachmittag unserer Tante einen Besuch abstatten. Dummerweise ist Papas Auto gerade in der Werkstatt. Es braucht neues Öl. Wir sollten also bei dem Wetter zu Fuß laufen.
Tommy brüllte vor Freude. Er konnte es kaum erwarten. Dabei wusste ich genau, was er vor hatte. Er wollte mit seinen Gummistiefeln in jede Pfütze springen. Und das immer genau dann, wenn ich daneben wäre.
Der ist immer so fies zu mir. Er muss mich immer ärgern. Und Mama sagt immer nur, dass er halt noch ein kleiner Junge ist und ich ihn machen lassen soll.
Später wurde der Regen schwächer. Wir zogen uns also an. – Gummistiefel an die Füße, Regenmantel über den Körper. Ich sah aus wie ein Bonbon, von oben bis unten in rosa. Tommy fand das eklig, ich aber nicht. Das sieht richtig süß aus.
Wir gingen los.
Weil es an der Straße zu gefährlich ist und alle Autos immer Wasser verspritzen, entschied Mama, dass wir den Fußweg am Fluss nehmen sollten.
Und du kannst dir nicht vorstellen, was wir da sahen. Bisher dachte ich immer, dass es nur ein kleiner Plätscherbach ist. Doch nach dem großen Regen war er nun bis zum Rand mit Wasser voll. Da wäre ich freiwillig nicht mehr zum spielen rein gegangen. Da wäre ich bestimmt sofort drin ertrunken. Also ging ich weit genug davon entfernt den Weg entlang.
Mein kleiner nerviger Bruder hat natürlich genau das getan, was ich vorher befürchtet hatte. Er sprang wirklich in jede Pfütze. Mama schimpfte jedes Mal, aber das nützte gar nichts. Innerhalb weniger Minuten sah er aus, als hätte er im Schlamm gewühlt und gespielt. Er war dreckig von oben bis unten.
Nach der Hälfte des Weges passierte es dann plötzlich. Der Regen wurde stärker, viel stärker sogar. Wir konnten kaum noch etwas sehen. Mama entschied, dass wir warten sollten, bis es vorbei wäre. Zum Glück waren wir gerade bei einer kleinen Holzhütte, in der wir uns unterstellen konnten. So waren wir wenigstens vor dem Regen geschützt.
Aber irgendwann wurde mir ganz komisch im Bauch. Ich sah immer wieder zum Fluss hinüber, der ständig höher stieg. Das Wasser kam uns immer näher. Das machte mir ganz schön Angst. Aber Mama sagte immer, dass das Wasser noch nie über das Ufer gegangen wäre, jedenfalls so lange sie denken konnte.
Tommy gluckste schon vor Lachen. Er freute sich geradezu darauf, dass der Fluss doch alles überfluten würde.
Alles bloß das nicht.
Es regnete weiter. Es wollte einfach nicht aufhören. Mama hatte mittlerweile schon mit dem Handy bei Papa angerufen, aber der war nicht zu erreichen. Er hätte uns ohne Auto auch nicht helfen mit, mit aber auch nicht, denn der Weg war viel zu schmal, um darauf fahren zu können.
Noch immer stieg das Wasser. Es fehlte nicht mehr viel, bis es alles überschwemmen würde. Aber Mama machte uns trotzdem weiter Mut.
Aber schließlich passierte es dann doch. Mit einem Mal hörten wir ein ganz komisches Geräusch. Durch den Flussdamm kamen die ersten Tropfen, dann floss Wasser aus ein paar Rissen, bis er schließlich und ganz viel Wasser auf uns zu strömte.
Ich begann zu schreiben, Tommy jubelte. Mama sprang aus der Hütte, schnappte sich meinen Bruder und half ihm, auf das Hüttendach zu klettern. Anschließend sollte ich hinterher. Doch dazu kam es nicht mehr. Die Welle war ganz schnell heran und riss mich mit.
Mama konnte sich gerade noch fest halten, hatte mich aber nicht mehr erwischt.
Jetzt bekam ich Panik. Ich hatte große Angst zu ertrinken. Ich konnte nicht sehen, wo es mich hin trieb, bis ich plötzlich merkte, dass ich in den nahen Fischteich gespült wurde und unterging.
Ich kniff ganz fest die Augen zu und versuchte irgendwie wieder an die Oberfläche zu kommen, aber ich wusste nicht mehr wo oben und unten waren. Und langsam ging mir die Luft aus.
Und dann wurde ich plötzlich von zwei kräftigen Händen gepackt. Zuerst dachte ich, dass ich doch schon fast oben war und mich jemand retten würde, aber dann sah ich etwas, dass ich vorher noch gesehen hatte.
Vor mir war ein Mann im Wasser. Aber er sah ganz anders aus. Irgendwie war er ein Mensch, aber auch irgendwie nicht. Er hatte keine Beine, stattdessen eine lange Fischflosse. Bisher kannte ich Meermenschen nur aus dem Fernsehen und ich wusste, dass sie auch nur im Meer und im Ozean lebten, wenn es sie denn überhaupt gab. Und nun hatte ich einen vor mir, einen richtig echten.
Er nahm mich mit sich und gab mir zu verstehen, dass mir nichts passieren würde.
Wir schwammen etwas tiefer und verschwanden unter einer gläsernen Kuppel. Darunter war genug Luft, um atmen zu können.
Er setzte mich auf einen Stein und sah mich neugierig an.
»Was bist du?«, fragte er mich.
Ich sagte, ich wäre ein Mensch und käme vom Land. Er sah mich allerdings ganz ungläubig an.
»Ich muss dir wohl glauben, kleines Mädchen, schließlich hast du keine Floss wie ich.«
Er stellte sich mir vor. Sein Name war Arton. Er war ein Seemensch, verwandt mit den Meermenschen. Allerdings lebten er und seine Leute in unserem Fischteich. Es hatte sie nur noch nie jemand gesehen, weil sie zu viel Angst hatten zur Oberfläche zu schwimmen.
Ich erzählte ihm, dass wir Menschen nur an der Luft leben können und wir im Wasser ertrinken müssen.
Da bekam er plötzlich ein trauriges Gesicht. Er hatte sich gefreut, neue Freunde zu finden. Denn im See war es immer so langweilig. Es gab keine Geschichten zu erzählen, die nicht jeder von ihnen schon längst gehört hatte und keine neuen Spiele.
»Ich hab da eine Idee.«, sagte ich ihm.
»Wenn das Wetter wieder besser ist und mir meine Eltern erlauben, im See schwimmen zu gehen, dann komme ich zurück und wir werden ein paar Spiele spielen.«
Das freute den Seemenschen sehr. Da nahm er mich in den Arm, drückte mich an sich und brachte mich sofort zurück ans Ufer.
Ich krabbelte aus dem Wasser und setzte mich unter einen Baum. Von der Anstrengung musste ich mich erstmal erholen.
In dem Moment kamen auch schon Mama und Tommy angelaufen. Die Welle war vorüber gerollt und man konnte wieder über die Wiese laufen.
Sie nahm mich sofort in die Arme und war so froh, dass es mir gut ging. Sie hatte unheimlich viel Angst um mich gehabt.
Wir gingen schnell nach Hause, um die nassen gegen trockene Sachen zu tauschen.
Von meinem neuen Freund erzählte ich natürlich nichts. Tommy wäre dann viel zu eifersüchtig und Mama würde mir kein einziges Wort glauben.
Und sobald das Wetter wieder schön ist, gehe ich zum See baden. Mal schauen, was ich dann für tolle Spiele mit Arton machen werde.

Deine Nina.

P.S.: Wenn du bald zu mir kommst, dann nehme ich dich mit zum Baden. Du wirst Arton bestimmt mögen.

(c) 2007, Marco Wittler

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