058. Nino (Ninos Schneckengeschichten 1)

Nino

Nino sah sich um. Richtig gemütlich war es geworden. Endlich hatte er sein erstes eigenes Heim gefunden.
Schon lange hatte ihn der Wunsch gequält, sein Elternhaus zu verlassen, um auf eigenen Beinen zu leben. Doch lange hatte er es hinaus gezögert. Nun war er an seinem Ziel angekommen.
»Das ist doch eine feine Sache.«, sagte er sich.
»Jetzt habe ich zwei Häuser, die mir allein gehören.«
Zwei Häuser besitzt er? Die Frage stellst du dir jetzt zu Recht.
Nein, Nino war nicht so reich, dass er sich ein zweites Haus am Strand hätte leisten können.
Er hatte ein normales Haus, in dem er lebte und dazu ein ganz kleines Häuschen, in dem er sich jederzeit verkriechen konnte. Denn Nino war eine Schnecke.
»Dann will ich mich mal in der Gegend etwas umschauen. Ich will doch schließlich meine Nachbarn kennenlernen.«
Er bürstete sich noch einmal schnell über sein Haar, legte seinen bunten Schal um und verließ das Haus.
Ein sanfter Wind wehte durch die Baumwipfel. Einige braune Blätter fielen zu Boden. Der Herbst war gekommen.
Nino kam nur langsam vorwärts. Da er nur einen großen Fuß unter seinem Körper besaß, musste er ganz langsam den Weg entlang kriechen.
»Wenn das Laufen doch nur nicht so anstrengend wäre. Ich glaube, wenn der Winter erst einmal begonnen hat, verkrieche ich mich in meinem neuen Haus, mache den Kamin an und werde mich bis zum Frühling nicht mehr blicken lassen.«
Nach einiger Zeit war er am nächsten Grundstück angekommen. Eine kleine Fledermaus flatterte durch den Garten und schnippelte an den Pflanzen herum.
Nino klopfte vorsichtig an den Zaun und winkte.
»Hallo, ich bin Nino, der neue Nachbar. Ich bin gerade im Haus nebenan eingezogen und wollte mich gern vorstellen.«
Die Fledermaus flatterte heran.
»Hallo Nino. Ich bin Fräulein Fledermaus.«, stellte sie sich vor.
»Da hast du dir aber eine feine Gegend zum Leben ausgesucht. Hier wohnen nur nette Leute.«
Sie flog einmal im Bogen um die Schnecke herum und zeigte mit den Flügelspitzen in verschiedene Richtungen.
»Dort oben im Baum lebt der Bürgermeister. Er hat immer ein wachsames Auge auf alle Bürger der Stadt. Es soll uns schließlich gut gehen. Da hinten, unter dem Hügel wohnt er Maulwurf und gleich nebenan Frau Fuchs. Sie ist schon etwas älter und sieht nicht mehr so gut. Aber sie freut sich über jeden Besuch, den sie bekommt. Sie hat immer ein leckeres Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee übrig.«
Ninos Augen wurden immer größer, als er das alles hörte.
»Da habe ich ja noch eine Menge Leute zu besuchen. Das werde ich wohl nicht alles an einem Tag schaffen. Dafür bin ich einfach viel zu langsam.«
Er sprach noch eine Weile mit Fräulein Fledermaus, bevor es Zeit wurde, nach Hause zu kriechen.

Es war bereits dunkel, als Nino zu Hause ankam. Das Leben einer Schnecke war nicht sehr einfach.
»Wenn ich mich doch auch so schnell wie Fräulein Fledermaus bewegen könnte. Dann wäre vieles einfacher für mich.«
Er machte ein Feuer im Kamin an, wärmte sich daran und setzte sich in seinen großen Sessel.
»Wahrscheinlich werde ich den Rest meines Lebens in meinem Haus verbringen und mich langweilen, weil alle anderen Bewohner der Stadt viel zu schnell für mich sind.«
Während er noch eine Weile über das Schneckenleben grübelte, schlief er ein, ohne es zu bemerken.

Der nächste Tag wartete mit einer Überraschung auf.
Die Sonne war gerade erst hinter dem Horizont erschienen und kletterte nun mühsam an den vielen Wolken zum Himmel hinauf, da klopfte es plötzlich an der Tür.
Nino schreckte aus seinem Schlaf hoch und rieb sich die Augen.
»Nanu, wer mag denn das sein?«
Er sah verwirrt auf seine Wanduhr.
»Es ist doch noch so früh am Morgen. Da wird sich bestimmt jemand in der Hausnummer geirrt haben.«
Er stand auf, kroch zur Tür und öffnete.
Vor ihm stand ein großer Uhu in einem schicken Anzug und einem Zylinderhut auf dem Kopf.
»Hallo Nino.«, sagte er.
»Ich bin der Bürgermeister und wollte mich bei dir vorstellen.«
Er nahm den Hut ab und kam herein, ohne Nino um Erlaubnis zu bitten.
»Ich hatte gestern Abend noch ein Gespräch mit Fräulein Fledermaus. Sie ist die gute Seele unserer Stadt und sieht sofort, wenn jemand Probleme hat. Sie erzählte mir, dass du nur sehr langsam vorwärts kommst. Das hat sie etwas traurig gemacht. Also hatte sie eine famose Idee.«
Wie auf ein Stichwort flatterte plötzlich etwas durch die Tür.
»Hallo Nino. Bist du schon ausgeschlafen? Geht es dir gut?«, rief es.
Es war Fräulein Fledermaus, wie Nino nun erkannte. Sie landete direkt vor seinem Schneckenfuß und wedelte mit einem großen Paket hin und her.
»Schau mal, was ich hier für dich habe. Alle Leute aus der Stadt haben zusammen gelegt und dir ein Geschenk gekauft. Los, pack es schnell aus.«
Sie übergab es Nino, der es sich nicht zweimal sagen lies und sofort das Geschenkpapier auf riss.
»Das ist ja ein Skateboard. Wofür soll das sein? Ich habe doch nur einen Fuß. Ich kann doch gar keinen Schwung holen.«
Nun war es wieder der Bürgermeister, der das Wort ergriff.
»Mein lieber Nino. Dieses Skateboard soll dich immer ganz schnell von einem Ort zum anderen bringen. Es hat ganz tolle Rollen und fliegt fast über die Straßen und Wege.«
Nino war noch nicht von dieser Sache überzeugt. Wie sollte er denn auch Schwung holen?
Doch da erschien ein weiterer Gast in der Tür. Es war Herr Maulwurf.
»Guten Morgen, Nachbar. Ich dachte, ich schau mal kurz vorbei und bring dir ein Willkommensgeschenk. Ich denke, ich habe genau das richtige für dich, wenn ich mir das hier so ansehe.«
Er zog an einer Leine, an deren Ende ein kleiner Hund lief. Dieser bellte und lief gleich schwanzwedelnd auf Nino zu.
»Das ist Wuschel. Den hat meine Hündin vor ein paar Wochen bekommen. Ich dachte mir, dass du vielleicht noch einen kleinen kuscheligen Mitbewohner gebrauchen kannst. Und ich bin mir sogar sicher, dass es ihm jede Menge Spaß machen wird, die auf deinem neuen Skateboard durch die Gegen zu ziehen.«
Jetzt musste Nino grinsen. Seine neuen Nachbarn waren wirklich ganz liebe und nette Leute. Er konnte sich keinen anderen Ort denken, an dem er lieben leben würde.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich danke euch sehr, dass ihr so an mich gedacht habt. Und ich verspreche euch, dass Wuschel und ich euch regelmäßig besuchen werden. Nun bin ich ja auch dazu in der Lage.«
Alle freuten sich mit Nino.
»Und wisst ihr was? Jetzt wollen wir erst einmal alle zusammen in Ruhe frühstücken.«
Nino kroch gemächlich in die Küche und trug, zusammen mit Fräulein Fledermaus frische Ofenbrötchen und mehrere Töpfe mit Marmelade und Honig in das Esszimmer.

(c) 2007, Marco Wittler

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