068. Auf der Autobahn (Ninas Briefe 12)

Auf der Autobahn

Hallo Steffi.

Heute war ein ganz aufregender Tag, obwohl es zuerst danach aussah, als würde er einer der langweiligsten meines ganzen Lebens werden.
Da nun endlich die Ferien begonnen haben, kündigte Papa gestern an, dann wir zu Oma fahren würden. Doch das Problem an der Sache ist, dass sie ziemlich weit weg wohnt und wir dann mindestens sechs Stunden im Auto sitzen müssen, bis wir endlich angekommen sind. Und es gibt nichts langweiligeres als Autofahren.
Wenn ich in meinem Kindersitz angeschnallt bin, kann ich ja nichts machen. Ich sehe nur rechts die Autos, die Papa überholt und links diejenigen, die an uns vorbei flitzen. Letztere sind natürlich wesentlich mehr, weil Papa immer so langsam fährt.
Hinten ist nie etwas zu sehen, da ist die Rückenlehne im Weg. Und nach vorne darf ich auch nicht schauen, denn wenn mein Kopf in die Mitte rutscht, sieht Papa nichts mehr in seinem Rückspiegel. Dann gibt es immer Ärger.
Zuerst hatte ich Mama angebettelt, dieses eine Mal zu Tante Lina gehen zu dürfen. Aber die war nicht da. Sie war schon zwei Tage vorher zu Oma gefahren. Wie gemein.
Morgens um acht Uhr gab es Frühstück. Bis dahin mussten wir im Bad fertig sein und alle Sachen gepackt haben, die am Abend zuvor noch nicht im Koffer waren.
Kurz vor der Abfahrt spülte Mama noch schnell und ich trocknete ab, während Tommy faul war und sich vor den Fernseher setzte.
Aber pünktlich um neun Uhr saßen wir im Auto. Mama kontrollierte noch einmal, ob wir richtig angeschnallt waren. Dann startete Papa den Motor und fuhr los.
Wir waren noch nicht ganz auf der Straße, da brüllte Tommy schon los.
»Ich muss aber noch einmal Pipi machen.«
Mama schaute nach hinten und verdrehte die Augen, während Papa den Rückwärtsgang einlegte und noch einmal einparkte.
Ganze zehn Minuten mussten wir warten, bis es weiter ging. Aber bevor wir aus der Stadt heraus waren, quengelte Tommy schon wieder.
»Wie weit ist es denn noch? Wann sind wir denn da? Mir ist langweilig. Ich habe keine Lust mehr im Auto zu sitzen.«
Jetzt verdrehte ich die Augen. Jedes Mal das Gleiche. Der Kleine ist einfach eine totale Nervensäge.
Ich sagte nichts dazu, aber insgeheim war auch mir schon längst langweilig. Mama hatte zwar daran gedacht, für mich ein Buch mitzunehmen, aber sie hatte vergessen es auf die Rückbank zu legen. Stattdessen ruhte es ganz tief in einem der drei Koffer.
Irgendwann, nachdem wir schon eine ganze Weile gefahren waren, etwa zehn Minuten nach der Abfahrt, kam Tommy auf die Idee, wir könnten Autos zählen. Es ist sein Lieblingsspiel, aber er hat immer ganz krumme Regeln dabei, damit er nicht verlieren kann.
»Ich zähle alle deutschen Autos und du nur die amerikanischen.«
Ich lehnte ab. Das macht mir eh nie Spaß. Und mit so gemeinen Regeln erst recht nicht.
»Na gut.«, sagte Tommy plötzlich.
»Dann spielen wir das umgekehrt. Ich zähle amerikanische Autos und du die deutschen. Wer zuerst bei zwanzig angekommen ist, hat gewonnen.«
Das gefiel mir schon besser. Ich begann also laut zählen.
»Eins, zwei, drei, …«
In diesem Moment wurde ich ganz laut übertönt, denn Tommi schrie plötzlich: »Zwanzig!«
Das konnte doch gar nicht sein. Wir hatten gerade angefangen und so viele Amerikaner konnten doch gar nicht unterwegs sein. Aber dann sah ich mich um und entdeckte etwas sehr gemeines. Vor der roten Ampel, die uns zum Stehenbleiben zwang, standen auch zwei große Lastwagen, die jeweils zehn amerikanische Autos geladen hatten. So ein Pech kann aber auch nur ich haben.
Verärgert drehte ich mich um, schloss meine Augen und hörte nicht mehr auf die quakende Stimme meines kleines Bruders, der sich bestimmt eine halbe Stunde lang daran erfreute, gegen mich gewonnen zu haben.
Irgendwann schlief ich dann auch ein.
Als ich später wieder erwachte, hörte ich ein lautes Hupkonzert. Ich wusste erst nicht, wo ich war, spürte dann aber recht schnell den Sicherheitsgurt meines Sitzes und wusste es gleich wieder. Wir waren auf der Fahrt zu Oma. Ich seufzte und öffnete vorsichtig die Augen.
Es war inzwischen dunkel geworden. Die Sonne war nicht mehr zu sehen, dafür jede Menge Sterne am Himmel und noch mehr Scheinwerfer und Rücklichter der Autos.
Aber wir fuhren nur noch ganz langsam. Wir saßen in einem Stau fest.
Plötzlich fiel mir etwas ein. Wie lange waren wir denn schon im Stau? So lange konnten wir doch unmöglich zu Oma unterwegs sein, dass es schon Abend geworden war.
Ich lehnte mich etwas nach vorne und sah zwischen den vorderen Autositzen hindurch.
»Papa, warum sind wir denn noch immer nicht da? Es ist doch schon dunkel geworden. Ist der Stau so lang?«
Papa lachte und auch Mama musste sich das Grinsen verkneifen.«
»Mensch, Nina.«, sagte Papa.
»Du machst ja komische Witze heute. Wir sind doch schon längst auf der Rückfahrt.«
Rückfahrt? Wie konnte denn das sein? Wir waren doch noch gar nicht angekommen.
»Du hast so fest in deinem Sitz geschlafen.«, fügte Mama hinzu.
»Wir haben dich einfach nicht wach bekommen. Also ließen wir dich weiter schlafen.«
Sie hatten alle bei Oma zusammen Kuchen gegessen, Kaffee und Kakao getrunken. Aus der Übernachtung, die eigentlich geplant war, wurde nichts mehr. Tante Lina hatte ihren Freund mitgebracht. Und zu unserem Pech war auch noch Onkel Fritz mit seiner Familie aufgetaucht. Daher waren wir nun wieder auf dem Weg nach Hause.
»Dabei habe ich mich doch so auf Oma gefreut.«
Mir lief ein Tränchen die Wange herunter.
»Und Oma hat sich auch auf die gefreut. Aber sie konnte dich nur schlafend im Auto sehen.«
So traurig, wie ich war, machte ich meine Augen wieder zu und schlief erneut ein.

Irgendetwas rüttelte an meiner Schulter. Aber ich wollte doch gar nicht aufwachen. Es war doch gerade so gemütlich und warm. Doch da rüttelte und schüttelte es schon wieder.
»Nina, wach auf. Du musst aussteigen. Wir sind da.«
»Aber ich will nicht aussteigen. Ich habe doch eh schon Oma verpasst.«
Da hörte ich ein paar lachende Stimmen neben mir.
»So so, du hast mich also verpasst?«
Ich traute meinen Ohren nicht. Ich riss die Augen auf und sah mich um. Da stand Oma neben mir und lächelte mich an.
»Was ist denn mit dir los, Nina?«, fragte Mama.
Ich zuckte nur mit den Schultern und stieg ganz verschlafen aus.
Da hatte ich wohl einen ganz verrückten Traum gehabt.

Damit ist mein Brief auch schon zu Ende. Ich hoffe bald von dir zu hören oder zu lesen. Bis bald.

Deine Nina.

P.S.: Wenn ich in Zukunft im Auto unterwegs bin, werde ich alles tun, um nicht einzuschlafen. So einen komischen Traum möchte ich nicht noch einmal erleben.

(c) 2008, Marco Wittler

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