069. Wo bleibt der Schnee

Wo bleibt der Schnee?

Anna wurde wach. Sie schlug die Augen auf und sah sich um. Doch da war nichts. Um sie herum war es stockdunkel. Sie tastete sich zum Nachtschränkchen vor, schaltete die kleine Lampe an und warf einen Blick aus schmalen Augenschlitzen auf den Wecker. Es war gerade acht Uhr morgens.
»Zeit zum Aufstehen, würde ich sagen.«
Sie hüpfte vom Bett, zog sich die Pantoffeln über und schlurfte ins Bad. Wie an jedem Morgen vergaß sie, die Rollläden hochzuziehen.
Sie putzte sich die Zähne, wusch sich und zog dann in ihrem Zimmer an.
»Heute werde ich Schlitten fahren. Das steht fest.«
Am Abend vorher hatte es angefangen, leicht zu schneien. Bis zum Abendessen war bereits eine leichte Schicht überall auf dem Boden liegen geblieben. Es hatte wie Puderzucker ausgesehen.
Anna ging die Treppe hinunter. Da fiel ihr Blick das erste Mal auf eines der Fenster. Und damit war ihre gute Laune verflogen.
»Was ist das denn? Das darf doch einfach nicht wahr sein.«
Sie ließ ihre Schultern fallen und setzte sich auf eine der Treppenstufen.
»Das finde ich richtig gemein.«
Mama, die alles mit angehört hatte, kam aus der Küche und sah sich um.
»Was ist denn los, mein Schatz? Warum bist du denn so traurig?«
Anna seufzte und zeigte mit dem Finger nach draußen.
»Schau dir das doch mal an. Ich wollte doch heute Schlitten fahren, bis es dunkel wird. Aber das kann ich ja jetzt wohl vergessen.«
Mama drehte sich um und sah ebenfalls nach draußen. Anna hatte Recht. Das Schlittenfahren würde wohl ausfallen müssen. Die Wiesen waren grün und auch auf den Häusern war nicht eine Schneeflocke zu sehen.
Das Thermometer zeigte mittlerweile fünf Grad über Null an.
»Da ist wohl noch heute Nacht alles wieder weg getaut. Aber vielleicht liegt ja nächstes Wochenende Schnee.«
Anna stand auf und ging verärgert in die Küche.
»Das glaubst du doch selber nicht. Du hast doch selber noch vor ein paar Tagen gesagt, dass es schon seit Jahren keinen richtigen Winter mehr gegeben hätte und der Klimawandel daran schuld wäre. Wie soll ich mich denn da noch auf das Schlittenfahren freuen können, wenn doch eh nichts vom Himmel kommt?«
Was Anna da sagte stimmte. Schon seit einigen Jahren war es im Winter immer viel zu warm. Nur selten fielen ein paar Schneeflocken zum Boden und tauten dann auch schnell wieder weg. Aber meist regnete es einfach nur.
»Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wie viel Spaß es macht mit einem Schlitten die Hügel runter zu fahren. Das ist einfach viel zu lange her. Das ist richtig unfair. Meine Cousine Andrea wohnt in den Bergen. Die kann jeden Tag im Schnee spielen. Aber hier bei uns bleibt es immer grün.«
Völlig appetitlos aß sie ihre Frühstücksbrote und verschwand dann wieder in ihr Zimmer.
Zuerst wollte sie sie Rollläden gar nicht hochziehen. Aber dann tat sie es doch. Sie setzte sich an das Fenster und starrte nach draußen.
Am Himmel hingen dicke graue Wolken. Es war eigentlich das perfekte Wetter für Schnee, wenn es zu warm gewesen wäre. Statt kleiner Flocken fiel feiner Regen herab.
»Ich will doch nur mit dem Schlitten fahren.«
Auf einmal öffnete sich die Tür des kleinen Gartenhäuschens, das hinter dem Teich stand. Opa kam daraus hervor. Er hatte einen Kasten in der Hand, den er nun ins Haus brachte.
»Was hat Opa denn da bloß vor?«
Anna dachte nach, ihr fiel aber nichts ein. Doch dafür war die Neugierde so groß, dass sie aufstand und in Opas kleine Kellerwohnung ging.
»Hallo Opa.«, sagte Anna.
»Hallo, kleine Dame.«, antwortete Opa.
»Was treibt dich denn hier her? Kann ich etwas für dich tun?«
Anna Augen klebten sofort an dem Kasten fest, der noch immer fest verschlossen war.
Opa grinste.
»Ich verstehe schon. Du hast mich wohl gerade damit durch den Garten gehen sehen und willst nun wissen, was darin steckt. Habe ich nicht Recht?«
Anna nickte eifrig.
»Dann setz dich auf das Sofa. Ich werde dir zeigen, was ich darin versteckt habe.«
Als beide saßen, steckte Opa einen Schlüssel in den Kasten und öffnete langsam den Deckel. Darunter kam ein großer Stapel alter Fotos zum Vorschein.
»Was sind denn das für Bilder?«
»Die sind alle aus meiner Jugendzeit. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht mehr angesehen. Und da mir etwas langweilig war und nichts Interessantes im Fernsehen läuft, fiel mir wieder ein, dass ich mir die alten Fotos anschauen könnte.«
Gemeinsam blätterten sie Bilder durch. Opa konnte zu fast jedem eine kleine Geschichte erzählen.
Manchmal waren nur ein paar Blumen und Bäume darauf zu sehen. Auf anderen schöne Aufnahmen aus Urlauben, die Opa am Meer und in den Bergen verbracht hatte.
Aber die meisten zeigten eine hübsche junge Frau.
»Wer ist denn das? Die Frau habe ich noch nie gesehen.«
Opa strich mit der Hand über das Gesicht der Frau.
»Da hast du aber Unrecht. Das ist doch deine Großmutter. So hat sie früher ausgesehen. Und wenn mich nicht alles täuscht, siehst du ihr sogar sehr ähnlich.«
Anna wurde rot im Gesicht. Sie hatte nicht gedacht, dass die Ähnlichkeit zwischen ihr und Oma so groß waren. Bisher hatte sie nur gewusst, dass sie beide den gleichen Vornamen hatten.
»Ich hätte sie so gerne kennengelernt.«
Annas Großmutter war bereits seit einigen Jahren tot. Das Mädchen konnte sich nicht mehr an Oma erinnern.
Opa schniefte kurz und holte dann neue Fotos hervor.
Es zeigte nun ein paar Leute, die einen riesigen Schneemann gebaut hatten.
»Was ist denn das? Ein richtiger Schneemann? So einen großen habe ich ja noch nie gesehen. Dafür hat es noch nie genug Schnee gegeben.«
Opa drehte das Bild um und sah auf das Datum.
»Das ist ja auch schon fast sechzig Jahre her. Damals fiel jedes Jahr so viel Schnee, dass er fast den ganzen Winter über liegen blieb. Und er wurde richtig hoch. Da sind wir täglich mit dem Schlitten gefahren. Aber mittlerweile ist es wohl zu warm dafür.«
Nun schniefte Anna kurz. Sie nahm Opa das Bild aus der Hand und legte es zurück in den Kasten.
»Du hast es richtig gut, Opa. Du kannst dich wenigstens noch daran erinnern, dass es mal genug Schnee zum Spielen gegeben hat. Ich kenne das alles nur davon, dass mir das Mama, Papa und du erzählt haben.«
In diesem Moment rief Mama die Treppe herunter.
»Das Mittagessen ist fertig. Kommt ihr zwei nach oben?«
Anna schreckte auf.
»Ist es wirklich schon so spät? Haben wir uns so lange die Fotos angesehen?«
Sie warf schnell einen Blick auf die Wanduhr. Es war tatsächlich schon ein Uhr am Mittag.
Opa und Anna räumten die restlichen Fotos zurück in den Kasten und gingen langsam die Treppe hoch.
Und plötzlich kam ein erstauntes Geräusch aus Annas Mund.
»Was ist denn das? Woher kommt das denn auf einmal?«
Sie lief schnell an das Fenster im Flur, denn sie konnte es noch gar nicht glauben. Draußen war alles weiß. Während sie bei Opa im Keller gesessen hatte, waren die Temperaturen gefallen und dadurch wurden aus den Regentropfen dicke Schneeflocken.
»Ich kann es noch gar nicht glauben. Dann kann ich ja spätestens morgen früh wirklich mit dem Schlitten fahren, oder?«
Opa nickte.
Anna war überglücklich und konnte es gar nicht abwarten, nach dem Essen in den Garten gehen zu dürfen.
Kaum war der Nachtisch verputzt, lief sie zusammen mit Papa in den Garten und baute mit ihm einen großen Schneemann.
Opa stand hinter der Tür zum Garten und schoss ein Foto davon.

(c) 2008, Marco Wittler

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