077. Der Falke und die kleine Maus

Der Falke und die kleine Maus

Fridolin saß auf seinem Ausguck und blickte sich um. Unter ihm befand sich auf der einen Seite die kleine Stadt, auf der anderen Seite ein kleiner Wald und Felder.
Als waschechter Falke hatte Fridolin es sich im Turm einer Kirche gemütlich gemacht. Dort hatte er sein Nest und sah sich täglich nach seiner Beute um. Und so war es auch an diesem Tag. Es war warm, die Sonne schien und die Sicht war prächtig. Jetzt fehlte nur noch eine kleine Maus oder ein Kaninchen für das Mittagessen.
Aber man kann doch von so weit oben gar keine kleinen Tiere sehen, magst du jetzt vielleicht denken. Doch die Augen eines Falken sind sehr viel besser als die von Menschen.
Nun sah sich Fridolin also um. Aber er konnte nichts entdecken.
»Verdammt. Wenn meine Augen doch nicht so schlecht wären. Es ist unfair, dass die anderen Falken so viel besser sehen können als ich.«
Fridolin hüpfte in den Kirchturm zurück zu seinem Nest, kramte darin herum und holte eine Brille hervor, die er sich dann aufsetzte.
»So geht es schon viel besser.«
Als er wieder nach draußen sah, dauerte es nicht mehr lange, bis er entdeckte, was er suchte. Im benachbarten Feld lief eine kleine Maus hin und her und knabberte an ein paar herab gefallenen Getreidekörnern.
»Das wurde ja auch langsam mal Zeit. Mir hängt der Magen schon in den Kniekehlen.«
Fridolin sprang in die Tiefe, entfaltete seine Flügel und flatterte über das Feld. Dort hielt er inne, suchte noch einmal nach der Maus und stürzte sich zu Boden. Wie ein Pfeil schoss er durch die Luft. Er war für die Maus nicht zu hören und nicht zu sehen. Kurz bevor er auf dem Boden aufschlug, flog er einen Bogen und griff mit den Krallen seiner Füße nach der Maus.
Aber genau in diesem Moment passierte es. Fridolin rutschte die Brille von der Nase und er griff ins Leere.
Die kleine Maus war starr vor Schreck. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sich ein großer Vogel auf sie stürzen würde. Um ein Haar wäre sie gefressen worden. Doch nun hatte sie noch eine Chance erhalten. Sie nahm ihre Beine unter den Arm und flüchtete in ein kleines Erdloch. Dort würde sie sicher sein.
Keuchend hielt sie sich die Brust und wartete nun darauf, dass der Falke wieder verschwinden würde.
Aber Fridolin dachte gar nicht daran, zu seinem Ausguck zurück zu kehren. Selbst wenn er es gewollt hätte, wäre es ihm gar nicht möglich gewesen, denn ohne Brille konnte er den Weg nicht finden und würde gleich gegen das nächste Haus fliegen.
Nun hüpfte er verzweifelt hin und her. Er kniff die Augen eng zusammen und hoffte, seine Brille auf diese Art und Weise finden zu können. Aber es war aussichtslos.
»Oh nein. Wie konnte mir das nur passieren. Ich komme doch nie wieder weg von diesem Feld. Was soll ich denn jetzt machen?«
Die kleine Maus verzweifelte nun auch.
»Der wird nie wieder verschwinden?« sagte sie zu sich.
»Aber dann muss ich ja ewig in diesem Loch bleiben und werde hier verhungern. Das ist ja fast noch schlimmer als gefressen zu werden.«
Die kleine Maus überlegte sich nun, ob sie nicht doch noch heraus kommen sollte, um ihrem Leben ein schnelles Ende zu bereiten. Doch dann hörte sie noch etwas.
»Wenn ich doch bloß als Maulwurf geboren worden wäre. Dann wäre meine Blindheit nicht so schlimm. Aber ein Falke muss doch gut sehen können. Wo ist bloß diese Brille geblieben?«
Die Maus traute ihren Ohren nicht.
»Der Falke trägt eine Brille und hat sie verloren? Dann kann mir ja gar nichts mehr geschehen.«
Vorsichtig sah sie aus ihrem Versteck hervor und erblickte den großen Vogel. Noch immer traute sie der Sache nicht. Vielleicht würde er ja auch nur lügen, um sie aus dem Loch zu locken.
Doch dann sah sie etwas zwischen den Getreidehalmen glitzern.
»Da ist ja die Brille.«, flüsterte sie.
Und nun kam auch Fridolin seiner Brille näher. Sehen konnte er sie trotzdem nicht.
Und plötzlich knackte und klirrte etwas.
»Oh nein.«
Fridolin sah nach unten und hob seine Füße an. Darunter lag seine Brille. Vorsichtig nahm er sie hoch, musste aber feststellen, dass er das Glas zertreten hatte. Sie war kaputt und nicht mehr zu gebrauchen.
»Ich bin doch wirklich ein großer Pechvogel. Das war meine einzige Brille und eine neue werde ich nicht bekommen. Ich bin verloren und werde den Rest meines Lebens auf dem Erdboden verbringen müssen. Ich werde nicht einmal etwas zu fressen finden und verhungern.«
Er weinte dicke Tränen, die nun mit den Glasscherben in der Sonne glitzerten.
Die Maus hatte plötzlich großes Mitleid mit dem großen Vogel. Sie kam aus ihrem Versteck heraus und näherte sich langsam.
»Hallo.«, sagte sie.
»Hallo? Wer ist denn da?«, fragte Fridolin ängstlich.
»Ich kann dich nicht sehen. Wer bist du? Willst du mir etwas antun oder mich fressen?«
Die kleine Maus lachte nun.
»Nein, ganz bestimmt nicht. Dazu bin ich auch viel zu klein. Aber bis vor ein paar Minuten wolltest du mich noch fressen. Ich bin nur eine kleine Maus.«
Fridolin wollte aufatmen. Eine kleine Maus konnte ihm nicht gefährlich werden. Aber trotzdem war es ihm sehr peinlich, so hilflos vor seiner Beute zu sitzen.
»Was soll ich denn jetzt machen? Ich sehe so schlecht, dass ich wohl nie wieder Mäuse fangen werde. Und irgendwann wird eine hungrige Katze hier vorbei kommen und mich in Stücke reissen.«
Die kleine Maus dachte nach. Obwohl sie als Mittagessen verplant war, wollte sie dem Falken nun aus seiner Situation heraus helfen.
»Ich habe da eine Idee.«
Sie lief über das Feld und sammelte einige Getreidekörner auf.
»Probier diese Körner. Sie sind wirklich lecker und machen ordentlich satt. Davon kannst du dich doch ernähren.«
Fridolin wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Nur sehr zögerlich pickte er die Körner auf.
In diesem Moment bekam der Falke ganz große Augen.
»Das ist ja kolossal. Ich habe gar nicht gewusst, dass die so lecker sind. Die schmecken ja noch viel besser als Fleisch. Wenn ich das vorher gewusst hätte. Ich werde nie wieder etwas anderes fressen.«
Die kleine Maus hatte aber noch eine zweite Idee im Kopf. Schließlich konnte der Falke ja nicht hier am Boden bleiben. Für ein Mauseloch im Boden war er auch zu groß. Er gehörte in die Luft und zurück auf seinen Kirchturm.
Daher kletterte sie flink auf den Rücken des Vogels.
»Ich kann für dich durch die Gegend schauen und dir sagen, was ich sehe. Ich kann dich durch die Luft begleiten, damit du wieder nach Hause kommst und nicht gegen ein Haus fliegst.«
Fridolin war begeistert von dieser Idee. Er begann sofort mit den Flügeln zu schlagen und hob ab.
Die kleine Maus achtete auf die Richtung und geleitete den großen Vogel sicher zurück auf den Kirchturm.
Fridolin war glücklich, wieder zu Hause zu sein. Er nahm die Maus vorsichtig von seinem Rücken und setzte sie in sein Nest.
»Von nun an wollen wir beide dicke Freunde sein. Du darfst bei mir wohnen und musst nie wieder Angst vor Katzen und anderen Raubtieren haben. Und gemeinsam werden wir jetzt jeden Tag leckere Körner fressen.«
Der Falke und die Maus freuten sich und drückten sich gegenseitig.

(c) 2008, Marco Wittler

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