078. Der Zauberladen

Der Zauberladen

Max saß auf dem Spielplatz und langweilte sich. Er wollte sich eigentlich mit seinem besten Freund Tobias zum Spielen treffen. Aber der war gar nicht aufgetaucht.
»Und der will mein Freund sein.«, grummelte Max vor sich hin.
»Den will ich nie wieder treffen.«
Er saß auf der Bank, sein Fahrrad stand neben ihm. Max sah sich um. Irgendetwas stimmte nicht.
»Das ist ja komisch. Wo sind denn die anderen Kinder nur geblieben. Hier sind nur noch die Kleinen, die noch nicht ohne Mama her kommen dürfen. Aber nicht einer meiner Freunde ist da.«
Es war tatsächlich so. Bis auf ein paar wenige Kindergartenkinder war der Spielplatz leer. Nicht einmal die fiese Laura war zu sehen. Sonst konnte sie es doch gar nicht erwarten, Max ständig mit Sand zu bewerfen.
»Was da wohl hinter steckt?«
Max stand auf und setzte sich auf sein Rad. Er fuhr die Straße entlang und auch durch die ganze Siedlung. Aber es waren keine Kinder zu entdecken. Es war, als hätte sie der Erdboden verschluckt.
Nun wurde es ihm doch etwas mulmig. Schließlich war es warm und die Sonne schien. Und trotzdem war niemand mit dem Rad oder den Inlinern unterwegs. Es spielte auch niemand Fußball auf der Straße. Bis auf das Gezwitscher der Vögel war kein Laut zu hören.
Max fuhr zu Tobias. Als er vor dem Haus stand zögerte er nicht lange und klingelte. Nach ein paar Minuten war die Haustür noch immer verschlossen. Es war niemand zu Hause.
Er versuchte es bei vier weiteren Freunden. Doch auch dort blieben die Türen zu.
Max bekam nun Angst. Er setzte sich schnell wieder auf das Fahrrad und fuhr nach Hause. Ständig sah er sich während der Fahrt um. Er wollte nicht auch noch verschwinden, ohne dass es jemand bemerkte.
»Wenn so viele Leute verschwinden, dann muss die Polizei doch etwas unternehmen. Aber es ist kein einziger Streifenwagen zu sehen.«
Max sperrte sein Rad nicht in die Garage, sondern lies es achtlos auf den Rasen im Vorgarten fallen. Er ging ins Haus, warf die Tür hinter sich ins Schloss und rannte in sein Zimmer. Erst als er sich unter seiner Bettdecke etwas sicherer fühlte, dachte er weiter nach. Ihm kamen die irrsinnigsten Gedanken, was mit seinen Freunden und deren Eltern geschehen sein konnte.
»Vielleicht sind sie von Außerirdischen in ihren Raumschiffen entführt und müssen nun den Rest ihres Lebens auf einem fremden Planeten in irgendwelchen Zoos verbringen.«
Bei dieser gruseligen Vorstellung lief es ihm eiskalt den Rücken runter. Trotzdem wollte er wissen, was wirklich geschehen war.
Nach ein paar Minuten hatte er sich etwas beruhigt und traute sich die Treppe in den Flur hinab. Aber er sah sich immer wieder um, falls ihn doch jemand mitnehmen wollte.
Max ging zum Telefon und nahm den Hörer ab. Er wählte nun einen Nummer nach der anderen und hoffte, bald die Stimmen seiner Freunde hören zu können. Vielleicht waren sie inzwischen zu Hause angekommen.
Doch mit seiner Hoffnung hatte er leider Pech. Wo er auch anrief, erreichte er nur Anrufbeantworter. Niemand war an die Leitung zu bekommen.
»Wenn mir doch bloß jemand helfen könnte. Aber Mama und Papa sind noch arbeiten.«
Vielleicht sind sie das auch schon längst nicht mehr, sondern befinden sich ebenfalls auf der Reise durch das dunkle Weltall.
»Ich muss etwas unternehmen. So kann das doch nicht weiter gehen. Ich werde die anderen suchen. Wenn es nötig ist, werde ich sie sogar befreien. Dann werde ich Astronaut bei der NASA und fliege dann mit einer Rakete hinterher.«
Max ging zur Haustür und verharrte dort eine Weile. Ihm zitterten die Knie. So ganz traute er sich noch nicht. Doch dann gab er sich einen Ruck, öffnete leise die Tür, blickte vorsichtig nach draußen und flitzte dann geduckt quer durch den ganzen Vorgarten. Neben seinem Fahrrad lies er sich fallen und sah sich erneut um. Es war ihm scheinbar niemand gefolgt. Also nahm er das Rad hoch, stieg auf und fuhr los.
Es ging die Straßen entlang, von links nach rechts, von vorn nach hinten und im Kreis. Die ganze Siedlung suchte er ab. Aber es waren nur ganz wenige Erwachsene zu sehen. Von den Kindern gab es aber weiterhin keine einzige Spur.
Max wurde traurig.
»Wie soll ich denn neue Freunde finden, wenn meine alten alle fort sind und mit ihnen alle anderen Kinder auch. Ich werde ganz einsam und allein sein.«
Er fing so sehr an zu weinen, dass er stehen bleiben musste, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen, sonst hätte er bald nichts mehr sehen können.
»Hier werde ich niemanden finden. Ich muss woanders hin.«
Er stand nun mit dem Fahrrad an der Hauptstraße. Bisher hatte er sich nie allein auf die andere Seite getraut. Seine Eltern hatten es ihm allerdings auch noch nie erlaubt. Aber jetzt galten andere Dinge.
Max blickte hin und her und fand, wonach er suchte. Der Zebrastreifen war nicht weit entfernt. Er fuhr ein Stück die Straße entlang, bis er sie sicher überqueren konnte.
Nun befand er sich in der Nachbarsiedlung. Hier wohnte Tante Manuela. Mit seinen Eltern besuchte er sie ab und zu zum Kuchen essen.
Plötzlich hörte Max ein Geräusch. Es klang, als würden viele Kinder in der Nähe sein. Doch dann war es auch schon wieder verklungen.
»Was war denn das? Habe ich mich getäuscht? Das muss ich unbedingt heraus finden.«
Max befuhr, wie schon in der eigenen Siedlung, nacheinander alle Straßen, bis er schließlich fand, wonach er suchte.
Er hatte sich nicht verhört. Von einem zum anderen Augenblick war ihm auch viel leichter um sein Herz, denn er hatte alle seine Freunde und deren Eltern gefunden. Sie waren nicht von Außerirdischen entführt worden.
»Außerirdische? So ein Quatsch. Die gibt es doch gar nicht. Ich habe aber auch eine Phantasie.«
Max stieg von Rad und ging näher. Er sah ein großen Schaufenster vor sich. Darüber hing ein Schild mit der Aufschrift ›Der Zauberladen‹.
Er öffnete die Eingangstür und trat ein. Und schon hörte er wieder viele laute Kinderstimmen.
»Was ist denn hier los?«
Alle Leute verstummten und drehten sich zu ihm um.
»Mensch, Max, da bist du ja. Hast du denn vergessen, dass heute der Tante Emma Laden hier eröffnet hat? Da haben wir uns doch schon seit Wochen drauf gefreut.«, sagte Tobias, der gerade an der Ladentheke stand und eine Tüte Gummibären kaufte.
»Ich und mein schlechtes Gedächtnis«, sagte Max. Jetzt fiel ihm alles wieder ein.
Nun ging auch er an die Theke.
»Eine Tüte Lakritzbonbons bitte.«

(c) 2008, Marco Wittler

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Liked this post? Follow this blog to get more. 

Schlagwörter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.