081. Kleine Geister haben Angst im Dunkeln (Tommis Tagebuch 1)

Kleine Geister haben Angst im Dunkeln

Hallo liebes Tagebuch.

Bisher kennen wir uns noch nicht. Das liegt aber daran, dass du noch ganz neu bist und ich nun zum ersten Mal etwas in dich hinein schreibe. Darum stelle ich mich erst einmal vor.
Ich bin der Tommi. Ja ich weiß, Jungs schreiben eigentlich keine Tagebücher. Das weiß ich auch. Schließlich machen sich die anderen Jungs immer über die Mädchen lustig, die ein Tagebuch besitzen.
Aber irgendwem möchte ich gerne schreiben, was ich alles erlebe, denn meine große Schwester Nina schickt regelmäßig Briefe an ihre Freundin Steffi und berichtet ihr alles, was hier geschieht. Und ich wette, dass sie dann immer über mich lästert. Aber das habe ich noch nicht heraus gefunden.
Und weil noch keiner meiner Freunde weggezogen ist und sie alle Schreiben doof finden, habe ich nun dich – mein erstes eigenes Tagebuch. Du kannst mir zwar nicht antworten, aber vielleicht finde ich es später einmal ganz lustig zu lesen, was ich hier so alles geschrieben habe.
Und jetzt geht es auch richtig los.

Gestern war ein ziemlich verrückter Tag. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie verrückt der war. Irgendwie kann ich selber kaum glauben, dass es wirklich so geschehen ist.
Alles begann, als ich morgens aufstand und nach dem Frühstück in den Garten ging, um mein Fahrrad zu putzen. Du musst wissen, dass gestern Samstag war und ich nicht zur Schule gehen musste. Und da Papa samstags immer sein Auto säubert, mache ich das auch so mit meinem Fahrrad.
Ich stand also im Garten auf der Wiese und und lies den Wischlappen über meinen Drahtesel flitzen. Das Wasser im Putzeimer war schon richtig dreckig, so sehr habe ich mich angestrengt. Überall blitzte und glitzerte das Metall des Rahmens. Fast hätte ich eine Sonnenbrille tragen müssen, um nicht blind zu werden. Aber es ging so gerade eben noch gut.
Verrat es bitte nicht weiter, aber ich habe die ganze Zeit ein Lied vor mich hin gesungen, das ich noch aus dem Kindergarten kenne. Wenn das die anderen Jungs aus der Schule wüssten, würden sie mich ganz bestimmt auslachen.
Hin und wieder sah ich auch zum Himmel hinauf. Ich schaue mir nämlich sehr gerne die Wolken an und überlege mir lustige Sachen, die sie darstellen könnten. Gestern war sogar eine große Ritterburg dabei, die von einem grausamen Dinosaurier angegriffen wurde. Das hättest du mal sehen sollen.
In genau diesem Augenblick hörte ich etwas. Da summte jemand zu meinem Lied.
Ich wurde ganz schnell still. Hatte mich etwa meine Schwester erwischt und machte sich nun über mich lustig? Mir war das sofort sehr peinlich. Und richtig sauer wurde ich auch. Am liebsten hätte ich sie verhauen. Aber das hat Mama mir verboten. Außerdem ist Nina ein ganzes Stück größer und stärker als ich. Gegen die komme ich ja gar nicht an.
Ich legte den Putzlappen beiseite und sah mich um. Ich stand auf, lief im Garten umher und sah überall nach. Aber sie war nirgendwo zu sehen. Bis ich schließlich einen Schatten hinter dem Dachbodenfenster vorbei huschen sah.
Also hatte sie mich doch gesehen.
Ich lief sofort ins Haus und zum Dachboden. Zum Glück hatte Papa vor ein paar Wochen eine richtige Treppe eingebaut, sonst hätte ich gar nicht so weit nach oben gehen dürfen. Die alte Klapptreppe war einfach und gefährlich für mich.
Als ich unter dem Dach an kam, war dort nichts. Na gut, die vielen Sachen, die Mama hier oben verstaute lagen überall, aber Nina war nicht zu sehen.
»Komm sofort raus. Ich habe die gesehen.«, rief ich. Aber eine Antwort bekam ich nicht.
Ich zog alle Kisten vor und sah in jede Ecke. Aber hier war niemand.
»Das ist ja komisch.«, sagte ich noch zu mir selber.
Ich lief wieder nach unten und ging zu Mama. Die sagte mir, dass Nina mit ihren Freundinnen unterwegs war. Sie konnte mich gar nicht beobachtet haben. Und jemand anderes hatte das Haus nicht betreten. Dabei war ich mir so sicher jemanden da oben gesehen zu haben. Das war alles sehr seltsam.
Ich ging also wieder in den Garten und putzte das Fahrrad weiter. Doch diesmal hielt ich meinen Mund und schaute alle paar Minuten heimlich zum Dachboden hinauf. Vielleicht würde ich ja doch noch jemanden entdecken. Aber leider passierte nichts mehr.

Nach dem Mittagessen machte ich mit Papa eine Fahrradtour durch den Wald. Das hat richtig Spaß gemacht. Jetzt lohnt es sich auch richtig, nächsten Samstag mein Fahrrad neu zu putzen. Da freue ich mich schon drauf.

Die seltsamsten Dinge passierten allerdings gestern Abend. Und davon berichte ich dir jetzt.
Nachdem Mama mir eine Gute Nacht Geschichte über eine Schnecke erzählt hatte, die einer Spinne das Laufen beibrachte, machte sie das Licht aus, schloss die Tür hinter sich und ging nach unten ins Wohnzimmer.
Ich war noch gar nicht so richtig müde und blieb deswegen noch eine Weile wach. Der Kassettenrekorder dudelte neben meinem Bett und spielte mir ein paar Schlaflieder vor, die so langweilig waren, dass ich dann doch recht schnell einschlief.
Allerdings wurde ich ganz spät in der Nacht wieder wach, weil ich Geräusche hörte.
Zuerst dachte ich, es wäre schon früh am Morgen. Ich stand auf und zog das Rollo nach oben, aber es blieb dunkel.
»Das ist ja wirklich komisch. Wer läuft denn um diese Zeit durch das Haus?«
Nina konnte es nicht sein, denn sie war über Nacht bei ihrer Freundin geblieben. Mama und Papa hatten ihr Schlafzimmer in der unteren Etage. Es konnte also niemand hier oben im Flur sein.
Ganz mutig kletterte ich aus dem Bett, öffnete leise die Tür und sah nach draußen. Sehen konnte ich allerdings nichts. Ich verließ mein Zimmer, schlich auf Zehenspitzen hin und her und blickte in jede Richtung, aber es gab nichts zu entdecken.
Doch dann war da wieder ein Geräusch. Es kam vom Dachboden. Zuerst hatte ich etwas Angst, wie du dir bestimmt gut vorstellen würdest. Dir als Tagebuch hätten bestimmt auch die Seiten gezittert.
Als ich die letzte Stufe betreten hatte setzte ich mich auf den Boden und wartete ab. Sehen konnte ich noch immer nichts. Aber dafür war es auch viel zu dunkel.
Doch dann hörte ich jemanden weinen. Weinen? Auf unserem Dachboden? Aber wer konnte das denn sein?
Ich kroch langsam vorwärts und entdeckte schließlich jemanden – eigentlich etwas – hinter einer Kiste.
Es war etwa so groß wie ich, hatte keine Beine, war dafür weiß und durchsichtig.
»Was bist du denn?«, fragte ich erstaunt.
Das Wesen erschrak und zuckte zusammen. Es sah mich an und verkroch in die hinterste Ecke.
»Ich bin nur ein kleiner Geist. Bitte lass mich in Ruhe. Ich habe eh schon viel zu viel Angst.«
Das konnte ich gar nicht glauben. Wir hatten einen richtig echten Geist auf dem Dachboden. Das war der Wahnsinn.
Ich setzte mich zum Geist und sah ihn mir genauer an. Doch dieser verkroch sich hinter seinen Händen.
»Warum hast du denn so viel Angst? Hier oben kann dir doch nichts gefährlich werden.«, fragte ich.
Der Geist war mittlerweile so ängstlich, dass er nicht mehr wusste, wo er hin sollte. Also erzählte er mir alles.
»Es ist so dunkel hier oben. Und ich bin ganz allein. Die anderen Geister sind unterwegs und vertreiben sich draußen die Zeit. Nur ich traue mich nicht von hier weg. Ich weiß ja gar nicht, was mir im Dunkeln alles passieren könnte. Und hier oben auf dem Dachboden ist es auch nicht besser. Ich habe Angst, dass ständig ein Mensch hier auftauchen könnte. Denn die anderen sagen immer, dass Menschen sehr gefährlich sind und Geister fressen.«
Jetzt musste ich mir das Lachen verkneifen. Zum Glück war es dunkel genug, damit der Geist mein Grinsen nicht sehen konnte.
Ich versuchte ihm beruhigend auf die Schulter zu klopfen, aber dann musste ich feststellen, dass man Geister nicht berühren kann. Meine Hand ging durch ihn hindurch.
»Weißt du was?«, sagte ich.
»Menschen sind gar nicht so gefährlich, wie du denkst. Ich habe auch noch nie davon gehört, dass sie Geister fressen. Es ist sogar so, dass Menschen extreme Angst vor Geistern haben.«
Der kleine Geist wollte mir zuerst nicht glauben. Aber schließlich wurde er langsam ruhiger.
»Und die haben wirklich Angst vor mir? Das ist ja eine lustige Sache. Wenn ich das gewusst hätte. Dann muss ich mir ja keine Sorgen mehr machen.«
Schließlich verabschiedeten wir uns voneinander und versprachen uns, öfters zusammen Zeit zu verbringen.

So, liebes Tagebuch. Jetzt weißt du, was gestern los gewesen ist. Bitte verrate es niemandem, es soll mich ja keiner auslachen.

Bis morgen.

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