088. Ein seltsames Geräusch (Ninos Schneckengeschichten 5)

Ein seltsames Geräusch

Nino stand vor dem Spiegel und rückte sein kleines Häuschen zurecht. Es saß noch nicht richtig auf seinem Rücken.
Nun magst du dich vielleicht fragen, warum Nino ein Haus auf seinem Rücken herum trug. Das lag daran, dass er eine Schnecke war.
Nino nahm eine Leine von der Wand und pfiff mit zwei Fingern im Mund durch sein großes Haus. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis Wuschel, sein kleiner Hund um die Ecke gelaufen kam und mit seiner Nase ein Skateboard vor sich her schob.
»Prima, Wuschel, dann kann es ja sofort los gehen.«
Nino kroch auf das Skateboard, legte Wuschel die Leine um und lies sich von ihm auf die Straße ziehen. Das war die schnellste Art, wie eine Schnecke vorwärts kommen konnte. Und das war ganz besonders wichtig, denn heute wollte sich Nino mit seinen Freunden treffen.
Auf einer großen Wiese vor der Stadt warteten sie schon. Fräulein Fledermaus hatte einen Kuchen gebacken und Herr Maulwurf einen großen Kasten voller Fruchtsaftflaschen.
»Juhu, dann wird das ja ein leckeres Picknick für uns vier.«
Nino holte aus seinem Häuschen zwei kleine Näpfe hervor, füllte sie mit Kuchen und Saft und stellte sie für Wuschel auf den Boden.
Die Sonne schien vom Himmel herab, die war warm und die Vögel zwitscherten um die Wette. Der perfekte Ort und die perfekte Zeit um sich mit seinen Freunden den Tag zu vertreiben.
Doch dann ertönte ein lautes Geräusch und störte das alles.
»Was war denn das?«
Nino sah sich um, konnte aber nicht erkennen, was er da gehört hatte. Stattdessen stieg ihm ein unangenehmer Geruch in die Nase.
»Es tut mir leid. Aber ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Das passiert mir seit ein paar Tagen immer wieder.«
Fräulein Fledermaus lief im Gesicht ganz rot an. Das Geräusch und der Geruch schien von ihr gekommen zu sein.
Herr Maulwurf hielt sich die Nase und konnte nur noch flüstern. »Was passiert denn mit dir?«
»Das war ein Pups. Und ich kann damit gar nicht mehr aufhören. Ständig hört und riecht man das. Ich hatte gehofft, dass es endlich aufgehört hat, aber das stimmt wohl leider nicht. Es tut mir leid.«
Fräulein Fledermaus packte ihre Sachen zusammen und flatterte traurig davon.
»Und das stinkt wirklich jedes Mal so schlimm?«, fragte Nino.
Herr Maulwurf nickte nur und sah der gemeinsamen Freundin hinterher.
Ein paar Tage später saßen Herr Maulwurf, Nino und Wuschel wieder auf der großen Wiese vor der Stadt. Der nahe Wald spendete kühlen Schatten und die Bienen summten ein lustiges Lied.
Das Picknick hätte fast nicht besser sein können. Aber trotzdem war die Laune der Schnecke nicht so gut wie sonst.
»Es ist wirklich schön mit euch hier draußen zu sitzen, aber wenn Fräulein Fledermaus nicht bei uns ist, sind wir einfach nicht komplett. Ich hoffe, dass es ihr bald wieder besser geht.«
Noch immer litt die Fledermaus unter den Blähungen, die ständig als stinkender Pups entwichen. Noch immer traute sie sich nicht vor die Haustür und ließ auch keine Freunde herein.
»Das kann ich euren Nasen doch nicht antun.«, sagte sie dann immer.
Nino griff ein weiteres Mal in ein Körbchen und holte eine dicke Scheibe frisches Brot daraus hervor, welche er mit einem duftenden Käse belegte.
»Das schmeckt unglaublich lecker.«
Herr Maulwurf wollte wieder dazu nicken, doch dann hörten die beiden im Wald ein paar Äste knacken.
»Nanu, wer kommt uns denn da besuchen?«
Von Besuch konnte aber gar keine Rede sein, denn in diesem Moment sprangen drei Wölfe aus dem Dickicht hervor. Sie blieben kurz vor der Picknickdecke stehen, knurrten laut und zeigten ihre spitzen Reißzähne.
»Ich bin mal gespannt, ob ihr drei mir auch so gut schmeckt, wie euch das Käsebrot.«
Der Anführer der drei Raubtiere kam näher. Er schien großen Hunger zu haben.
Wuschel bekam große Angst, riss sich von seiner Leine los und lief ganz schnell zur Stadt zurück. Auch Herr Maulwurf flüchtete. Mit seinen Schaufelhänden grub er sich ein Loch und verschwand in wenigen Sekunden im Boden. Nur Nino kam nicht vom Fleck. Als Schnecke mit nur einem Fuß war er einfach zu langsam.
»Bitte fresst mich nicht. Ich schmecke auch gar nicht. Ich bin doch nur eine kleine arme Schnecke. In dem dunklem Wald gibt es doch bestimmt noch etwas, was euch besser schmecken wird.«
Aber das Bitten und Betteln half nichts. Die Wölfe machten noch einen weiteren Sprung und umringten Nino. Nun hatte er gar keinen Ausweg mehr. Er schloss die Augen und wartete auf den ersten Biss.
Doch dazu kam es nicht. Denn ein lauter Schrei unterbrach das Knurren der Bösewichter.
Im Sturzflug näherte sich Fräulein Fledermaus aus der Luft. Sie war allein unterwegs gewesen und hatte alles von oben mit angesehen.
»Was machst du denn hier? Willst du etwa auch noch gefressen werden? Flieg ganz schnell wieder weg, bevor es zu spät ist.«
Nino hätte seine Freundin am liebsten in die Luft geworfen, um sie zu retten, aber die kleine Fledermaus dachte nicht daran, ihn allein zu lassen.
»Auch wenn ich nur eine kleine Fledermaus bin, aber ich werde dich vor diesen Biestern retten. Pass genau auf.«
Sie kam Nino ganz nah und flüsterte ihm noch etwas ins Ohr. »Halt dir lieber die Nase zu.«
Nino befolgte ihren Rat. Kurz darauf konnte er es hören. Es war ein ganz lauter und großer Pups, der nun den Wölfen entgegen wehte.
Die drei waren davon so überrascht, dass ihnen der Gestank tief in die Nasen stieg.
»Pfui Spinne, wie das stinkt.«
Sie hielten sich sofort die Nasen zu und rannten davon.
Fräulein Fledermaus und Nino drückten sich und waren froh, den Angriff überlebt zu haben.

Am Abend fuhren Nino und Wuschel zum Haus von Fräulein Fledermaus. Obwohl sie sich heftig dagegen wehrte, betraten die beiden Besucher das Haus.
In diesem Moment wurde es Nino klar, warum seine Freundin unter den fiesen Blähungen litt. Denn in der Küche stapelten sich viele Dosen mit Bohnen.
»Hast du die etwa alle gegessen?«
Die Fledermaus nickte. »Die sind so unglaublich lecker. Ich habe sie vor einer Woche im Laden entdeckt und kann davon nicht genug bekommen. Ich esse sie zum Frühstück, zum Mittag und am Abend. Es gibt nichts besseres.«
Jetzt musste Nino lachen. Er hielt sich sogar den Bauch.
»Dann ist es auch kein Wunder, dass du ständig pupsen musst. Bohnen sind wirklich sehr lecker, aber du musst dir ein weises Sprichwort merken: Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen. Wenn du weniger von ihnen ist, verschwinden deine Beschwerden wieder.«
Nun wurde Fräulein Fledermaus rot im Gesicht und lächelte verlegen.
»Wenn ich das nur vorher gewusst hätte.«

(c) 2008, Marco Wittler

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