093. Der verlorene Ring (Ninas Briefe 16)

Der verlorene Ring

Hallo Steffi.

Ich kann es noch gar nicht so richtig glauben. Deine Eltern haben dir wirklich ein Pony zum Geburtstag geschenkt? Das ist so unfair, denn mein Papa lässt sich einfach nicht dazu überreden. Er hat immer eine andere Ausrede, warum ein Pony für uns nicht in Frage kommt. Hoffentlich lässt du mich dann mal reiten, wenn ich dich das nächste Mal besuche.
Aber jetzt etwas ganz anderes. Meinem Papa ist diese Woche etwas unglaublich Peinliches passiert.
Am letzten Wochenende hatte er angefangen, alle Büsche und Bäume zu schneiden. Ab und zu muss man das machen, damit sie besser wachsen. Ob das wirklich stimmt, weiß ich nicht. Papa behauptete es jedenfalls.
Er fing schon recht früh mit der Arbeit an. Als ich aufstand und nach draußen sah, hatte er schon ein paar Büsche fertig. Dafür lag dann ein großer Haufen Grünzeug auf dem Rasen.
Nach dem Frühstück wollte ich ihm unbedingt helfen. Tommi stürmte natürlich gleich hinter mir her und stürzte sich in den Haufen.
»Ich will auch helfen.«, brüllte er durch den Garten.
Ständig will er immer das Gleiche machen wie ich. Der schleimt sich doch nur bei Papa ein. Eigene Ideen hat er aber nie.
Um jeden Streit zu vermeiden, ging ich auf meinen kleinen Bruder ein.
»Ja sicher kannst du helfen. Ich weiß auch schon wie.«
Ich lief zurück ins Wohnzimmer, holte Tommis Bastelschere und gab ihm den Auftrag, die Grashalme am Rand der Wiese zu schneiden.
Ob du es glaubst oder nicht, aber er machte sich sofort an die Arbeit. Er lässt sich halt viel zu schnell veräppeln.
Jetzt konnte ich ungestört helfen. Ich zog mir ein Paar Arbeitshandschuhe über und brachte mit Papa zusammen das Grünzeug nach vorne an die Straße. Dort luden wir alles in unseren kleinen Anhänger.
Nach etwa einer halben Stunde war der Anhänger voll. Ich hüpfte ins Auto und schnallte mich in meinem Kindersitz an. Papa startete den Motor und fuhr mit mir zur Kompostierungsanlage in der Stadt.
Die Fahrt dauerte nur ein paar Minuten. Wir suchten uns einen freien Platz und warfen unser Grünzeug in einen riesigen Container.
»Na los, Papa. Lass uns ganz schnell die nächste Ladung holen. Das hat richtig Spaß gemacht.«
»Da bin ich aber überrascht. Sonst drückst du dich doch immer, wenn du Mama in der Küche helfen sollst.«
»Geschirr spülen ist auch nicht so lustig.«
In diesem Moment verstummte Papa und hielt seine rechte Hand nach oben.
»Oh, nein. Das darf doch nicht wahr sein.«
Ich wusste erst gar nicht, was los war, bis er mir sagte, dass sein Ehering verschwunden sei. Er musste ihm von der Hand gerutscht sein.
»Der liegt jetzt irgendwo im Container. Da wird die Mama aber sauer sein.«
Sofort fiel mir ein, dass in drei Tagen Hochzeitstag sein würde. Jedes Jahr nimmt Mama dann die beiden Ringe und bringt sie zum Reinigen in einen Schmuckladen.
»Wir müssen ihn unbedingt finden!«, rief Papa, als er hastig aus dem Auto sprang. Er kletterte in den Container und begann zu suchen.
Viel konnte ich nicht sehen. Aber immer wieder flogen Blätter und Äste über den Rand nach draußen. Ich musste richtig aufpassen, dass ich nicht getroffen wurde. Die Suche dauerte bestimmt zwei Stunden. Der Ring blieb allerdings verschwunden. Mit einem ganz schlechten Gewissen fuhr Papa mit mir nach Hause. Unterwegs bat er mich noch darum, niemandem von seinem Pech zu erzählen.

Die nächsten Tage waren richtig schlimm. Ständig versteckte Papa seine Hand in der Hosentasche. Er aß auch nur noch mit links. Mama wurde immer misstrauischer. Sie vermutete schon, dass er sich im Garten die Hand verletzt hätte.
Nun rückte der Hochzeitstag immer näher. Mama freute sich riesig auf den Besuch im Schmuckladen. Papas Laune wurde allerdings mit jeder Stunde schlechter. Er fuhr jeden Tag nach seinem Feierabend durch die umliegenden Städte. Er suchte verzweifelt in allen Schmuckläden nach einem Ring, der genau so aussah wie sein verlorener. Finden konnte er leider nichts. Selbst im Internet wurde er nicht fündig. Es war zum aus der Haut fahren.

Heute morgen war es dann so weit. Der Hochzeitstag.
Mama wartete schon beim Frühstück auf den Ring. Sie konnte es wohl kaum erwarten. Also musste Papa nun beichten, was geschehen war.
Mama hörte sich ganz ruhig und gelassen alles an und unterbrach ihn kein einziges Mal. Hin und wieder durfte ich auch etwas sagen, weil ich ja alles mitbekommen hatte.
Nachdem Papa fertig war, stand Mama auf, kam zu ihm und legte ein kleines Kästchen auf den Tisch.
»Was ist das?«, fragte Papa.
»Aufmachen!«, befahl Mama.
Papa öffnete vorsichtig den Deckel. Darunter kam sein verlorener Ring zum Vorschein.
»Aber …«. Mehr konnte er gar nicht sagen.
Mama lächelte vor Freude. Ihre Überraschung war gelungen.
»Wie immer hast du deine Arbeitshandschuhe im Auto liegen lassen. Tommi hat Vorgestern damit gespielt und darin deinen Ring gefunden. Er gab ihn mir und so konnte ich bereits gestern in den Schmuckladen gehen.«
Sie drückte Papa einen dicken Kuss auf die Wange.
»Alles Gute zum Hochzeitstag, mein Schatz.«
Du hättest mal sehen sollen, wie erleichtert der Papa war.

Das war es dann auch wieder für dieses Mal. Ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief.

Deine Nina.

P.S.: Ich gebe es ja nur ungern zu, aber manchmal sind kleine Brüder doch ganz gut zu gebrauchen.

(c) 2008, Marco Wittler

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