105. Der Prinz ohne Herz

Der Prinz ohne Herz

Es war einmal ein junger Prinz, der seinen Eltern viele Sorgen machte. Vom Morgen bis zum Abend saß er nur in seiner kleinen Kammer und starrte lustlos vor sich hin. Er hatte einfach keinen Spaß an seinem Leben.
Der König lies alle Ärzte seines Reiches und die der umliegenden Länder zu sich kommen. Sie alle untersuchten den Prinzen nach und nach, aber kein einziger von ihnen konnte eine Krankheit feststellen. Es schien, als wäre er kerngesund.
Nur ganz selten verließ der Prinz sein Gemach. In ganz besonders dunklen Nächten, wenn der Mond nicht am Himmel stand und dichte Wolken über die Welt zogen, setzte er sich auf sein Pferd und jagte durch die Straßen und über die Felder. Er gab seinem Reittier kräftig die Sporen und nahm auf nichts Rücksicht. Wer in einer solchen Nacht unterwegs war, musste um sein Leben fürchten. Mit grimmiger Miene im Gesicht ritt er rastlos durch das Land.
Niemand wusste sich mehr einen Rat. Doch was konnte nun unternommen werden? Der Prinz hatte keine Geschwister und würde eines Tages zum König gekrönt werden. Dann würde es dem Volk nicht mehr so gut gehen, fürchtete jeder.

Eines Tages kam eine alte Frau am Schloss vorbei. Sie hörte das Wehklagen des Königs und bat, vor ihn gebracht zu werden, um ihm zu helfen.
Zuerst war der König erzürnt. Wie konnte eine einfache Bäuerin es wagen, mit ihm sprechen zu wollen. Doch dann besann er sich eines Besseren und lies sie in den Thronsaal führen.
»Was wollt ihr von mir, Mütterchen?«, fragte er gelangweilt.
Sie räusperte sich und versuchte ihren krummen Rücken zu strecken, um nicht so klein zu wirken.
»Ich habe von der Not gehört, die eure Majestät tagein und tagaus quält. Ich würde mit gerne ein Bild von eurer Lage machen. Vielleicht weiß eine alte Frau, die weit herum gekommen ist, ein Mittelchen, um euch zu helfen.«
Der König lachte laut. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er gerade von einer Bäuerin Hilfe erwarten konnte. Sehr gern hätte er sie von den Wachen sofort zurück auf die Straße werfen lassen. Aber die Königin war anderer Meinung. Sie wollte jede Chance nutzen, den armen Prinzen zu heilen.
»Bringt die Alte zum Prinzen. Sie bekommt eine Stunde Zeit, bevor sie aus dem Schloss geworfen wird.«, gab der König den Befehl.
Der Prinz saß wie immer in seiner kleinen Kammer. In ihr standen nur ein ungemütliches Bett, ein Schemel und ein alter Tisch. Die Wände waren grau und schmucklos. Mehr wollte der Prinz nicht um sich haben.
Die alte Frau schritt langsam durch die Tür, saß sich um und lies sich schließlich auf dem Bett nieder. Sie bat den Prinzen, sich zu ihr setzen. Nur widerwillig kam er ihrer Bitte nach.
Sie sah ihm tief in die Augen, berührte mit den Händen seine Wangen und roch an ihm. Mehr tat sie nicht.
Nach ein paar Minuten seufzte sie, stand wieder auf und verließ das Zimmer, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Sie hatte alles gesehen, was ihr wichtig war.
Der König war erbost und hatte das Gefühl herein gelegt worden zu sein. Er schickte seine Wachen und lies die Frau festnehmen.
»Werft sie in den tiefsten und schmutzigsten Kerker, den wir haben. Ich lasse mich doch von dieser Alten nicht veralbern und meine kostbare Zeit verschwenden.«
Die Frau wehrte sich nicht. Doch bevor jemand Hand an sie legen konnte redete sie auf den König ein.
»Was habt ihr denn von mir erwartet? Sollte ich eurem Sohn Blut abnehmen, Zaubersprüche murmeln oder ihn aufschneiden?«
Sie machte eine kleine Pause, um über ihre weiteren Worte nachzudenken, ehe sie weiter sprach.
»Er leidet unter einem Fluch. Er wurde zu Beginn seines Lebens von einem bösen Wesen verhext. In seiner Brust schlägt kein Herz. Er besitzt nämlich keines. Er hat keinerlei Gefühle für seine Umwelt und den Menschen und Tieren, die darin leben. Er wird euch niemals ein guter Nachfolger werden können, wenn ihr diesen Bann nicht brecht.«
Der König war schockiert. Mit allem hatte er gerechnet, damit aber nicht.
»Aber wie können wir ihm helfen? Er braucht doch ein Herz.«
Die alte Frau bewegte sich weiter auf das Ausgangstor zu. Als sie durch die Türen schritt gab sie der Königin eine Empfehlung.
»Eurer Mann ist töricht und dumm. Er sieht nur die Amtsgeschäfte. Ihr aber seht euer leidendes Kind. Darum bitte ich euch, schickt den Prinzen fort von hier. Er soll durch die Berge reisen und im dahinter liegenden Wald nach Aurelia suchen. Sie wird ihm helfen. Aber sein Pferd soll er im Stall zurück lassen. Er muss den beschwerlichen Weg zu Fuß zurück legen.«
Noch ehe jemand Protest einlegen konnte, war die Frau verschwunden.

Am nächsten Morgen stand der Prinz vor den Toren. Er hatte ein Bündel mit Vorräten über der Schulter hängen. Doch statt sich von seinen Eltern zu verabschieden, drehte er sich wortlos um und verließ seine Heimat. Ohne ein schlagendes Herz war ihm das einfach egal.
Gleichgültig und mit grimmiger Miene im Gesicht marschierte er nun durch die Berge, um in den fernen Wald zu gelangen. Ganze vierzig Tage sollte seine Reise dauern, bis er an einer kleinen verfallenen Hütte ankam.
Als sich die Eingangstür öffnete, glaubte der Prinz, seinen Augen nicht zu glauben. Die Alte Frau, die er bereits im Schloss getroffen hatte, kam zu ihm heraus.
»Na, hast du es endlich geschafft, zu mir zu kommen? Das wurde ja auch Zeit.«
Sie hielt sich nicht lange mit Begrüßungen auf, sondern zählte ihm eine Menge Dinge auf, die er nun zu erledigen hatte.
»Du wirst das nächste ganze Jahr bei mir verbringen und Zeigen, dass du es wert bist, ein Herz zu besitzen. Du musst alles tun, was ich von dir verlange. Von nun an bist du kein Prinz mehr, sondern ein einfacher Helfer.«
Der Prinz nickte nur. Er besaß kein Herz und sagte kein böses Wort. Innerlich war er allerdings wütend, so ausgenutzt zu werden.
In den nächsten Monaten bekam er sehr viel zu tun. Er musste Holz hacken, Reisig sammeln und die vielen Löcher im Dach der Hütte flicken, damit es nicht mehr hinein regnen konnte.
In der Nacht schlief er bei den Schafen im Stall. Am Tage trieb er sie auf einen Berg hinauf.
Nach einem ganzen Jahr hatte sich der Prinz an seine Arbeit gewöhnt. Er meckerte nicht und der Ärger war aus ihm verschwunden. Er hatte ein paar Freunde unter anderen Schafhirten gefunden und traf sich regelmäßig mit ihnen. Er war ein Mensch wie jeder andere auch.
Eines Abends setzte sich die alte Frau mit ihm zusammen auf eine Bank vor dem Haus.
»Deine Zeit bei mir ist nun vorbei. Du warst mir jeden Tag eine große Hilfe. Du hast dir viel Mühe gegeben und warst ein wirklich guter Mensch. Und nun sollst du deine Belohnung bekommen.«
Sie legte ihre Hand auf seine Brust. In diesem Moment spürte er einen stechenden Schmerz in sich.
»Das ist dein neues Herz. Das ist mein Geschenk an dich.«
Der Prinz stand auf und spürte es in sich. Er begann zu weinen. Zum ersten Mal in seinem Leben kullerten Tränen an seinem Gesicht herab, so sehr freute er sich.
Er wollte sich bei der alten Frau bedanken. Aber da war sie bereits verschwunden.
Der Prinz verabschiedete sich still und machte sich auf den langen Rückweg in seine Heimat.
Ein paar Jahre später, als sein Vater starb, wurde er zum König gekrönt und regierte sein Land mit unglaublich viel Liebe.

(c) 2008, Marco Wittler

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