106. Eine Raupe im Rosenbeet

Eine Raupe im Rosenbeet

Es war Freitag Morgen um acht Uhr. Herr Meier saß am Küchentisch, trank seinen Kaffee und las gemütlich in der Zeitung. Das Frühstück hatte er bereits gegessen und er freute sich schon sehr auf die Arbeit in seinem Garten. Ein großer Rosenstock, um den herum noch viele kleinere Rosen wuchsen, war sein ganzer Stolz. An diesem Wochenende sollten sich die ersten Knospen öffnen und die Blüten in ihrer ganzen Pracht und Farbe leuchten.
»Ich gehe nachher nach draußen.«, sagte er seiner Frau, ohne hinter der Zeitung hervor zu schauen.
»Ich werde die alten Rosenblätter abschneiden und das Unkraut aus dem Boden zupfen. Ja, genau das werde ich machen.«
Frau Meier lächelte nur. Sie wusste nur zu gut, wie viel Freude ihr Mann an seinem Garten hatte, seit er Rentner geworden war.
»Dann kannst du doch auch gleich mal nach meinem Gemüsebeet schauen. Da ist bestimmt auch genug Unkraut gewachsen. Kannst du das nicht für mich erledigen?«, fragte sie schließlich.
»Das ist ganz unmöglich.«, kam die Antwort prompt.
»Du weißt doch, dass meine preisgekrönten Rosen viel Arbeit kosten und meine ganze Aufmerksam brauchen. Da werde ich den ganzen Tag dran arbeiten. Deine Möhren müssen einfach warten, bis ich fertig bin. Vielleicht finde ich am Montag noch etwas Zeit. Ansonsten musst du dich selber darum kümmern.«
Herr Meier legte die Zeitung beiseite, verschränkte die Arme vor der Brust und setzte eine ernste Miene auf.
Seine Frau musste bei diesem Anblick lachen.
»Dann kümmere du dich ruhig um deine Rosen. Wenn ich vom Friseur zurück bin, mache ich selber das Unkraut weg. Dafür klaue ich mir dann deine schönste Rosenblüte für meine Wohnzimmervase.«
Mit diesen Worten verschwand sie im Flur, noch ehe er etwas erwidern konnte. Sie zog sich eine Jacke über und verließ das Haus.
»Die soll bloß ihre Finger von meinen Rosen lassen.«, murmelte er vor sich hin.
»Da wird nicht eine einzige Blüte abgeschnitten. Immerhin kommen nächste Woche Sonntag die Wettbewerbspreisrichter. Ich will doch auch in diesem Jahr den ersten Platz gewinnen. Dafür muss der Rosenstock perfekt sein. Und weil wir Samstag abend für eine Woche weg fahren, bleibt mir nur noch dieses Wochenende, um alles fertig zu bekommen.«
Herr Meier trank den letzten Schluck Kaffee aus und ging in den Garten. Er hatte sich eine alte Strickjacke übergezogen und eine Arbeitshose. Nun war er mit einer rostigen Schere bewaffnet und wollte die braunen Blätter entfernen. Er nahm sich ein hölzernes Stühlchen, setzte sich vor sein Bett und begann mit seiner Arbeit.
Weit kam er allerdings nicht, denn schon nach wenigen Minuten traf ihn der Schlag. Er bekam einen riesigen Schrecken als er ein Tier entdeckte.
»Potzblitz, was ist denn das?«
Auf einem der Blätter saß eine kleine Raupe und fraß gemütlich vor sich hin.
»Dir werd ich helfen. Du kannst doch nicht einfach meine Rosen als Frühstück missbrauchen.«
Er nahm die Raupe wütend zwischen seine Finger und wollte sie gerade zerquetschen, als seine Frau in den Garten kam.
»Ich bekomme den Wagen nicht an. Kannst du mir mal helfen?«, rief sie. Doch dann sah sie das hochrote Gesicht ihres Mannes.
»Was ist denn mit dir passiert?«
Er hielt den Übeltäter in die Luft.
»Das hier ist passiert. Eine Raupe frisst meine Rosen auf. Ich werd sie zerquetschen, damit sie weiß, was sie angestellt hat.«
Frau Meier eilte schnell an das Bett und nahm ihm die Raupe ab.
»Aber du kannst doch nicht einfach so ein armes und wehrloses Geschöpf töten. Es hat dir doch gar nichts getan. Es liegt einfach in seiner Natur, dass es Blätter frisst. Oder hat die mal ein Hase gebissen, nur weil du abends einen Salat gegessen hast?«
Herr Meier lies den Kopf hängen und schüttelte ihn langsam hin und her.
»Dachte ich mir das doch. Dann darf auch diese kleine Raupe weiter leben.«
Sie brachte die Raupe an den Rand des Grundstücks und legte sie auf einem Löwenzahnblatt ab. Dann nahm sie ihrem Mann mit nach vorn auf die Straße, damit er das Auto starten konnte.
Den restlichen Tag verbrachte Herr Meier nun in besserer Laune. Es kamen ihm keine Tiere mehr in die Quere. Nach und nach sah der Rosenstock immer schöner aus.

Am Samstag Nachmittag saß Herr Meier wieder im Garten. Er kümmerte sich nun um die restlichen Rosen in seinem Bett. Es sollte alles perfekt aussehen. Er jätete Unkraut, zupfte braune Blätter ab und steckte hin und wieder ein Düngerstäbchen in den Boden.
»Ihr sollt ja auch morgen richtig schick aussehen, wenn die Rosenjury an die Tür klopft. Wir wollen doch wieder den ersten Preis bekommen.«
Nach und nach füllte sich der Eimer mit Pflanzenresten. Als er voll war, stand Herr Meier auf und brachte alles zum Komposter. Als er das Grünzeug hinein werfen wollte, erschrak er.
»Was ist denn das? Das darf doch nicht war sein. Woher kommt denn dieses Ungeheuer?«
Wieder lief er vor Wut rot im Gesicht an. Im Eimer saß eine kleine Raupe und krabbelte hin und her. Er lies alles Fallen und lief zum Bett zurück. Mit dem ersten Blick entdeckte er noch weitere Übeltäter.
»Das gibt es nicht. Was mache ich denn jetzt?«
Er überlegte bereits, ob er sie alle mit dem Gartenschlauch wegspülen und ertränken sollte, doch dann bestand auch die Gefahr, dass die frischen Rosenblüten fleckig und braun werden würden.
»Das ist die größte Katastrophe, die die Welt je gesehen hat. Meine Rosen sehen bald löchrig wie ein schweizer Käse aus und die anderen Züchter werden über mich lachen und mit dem Finger auf mich zeigen.«
Frau Meier hatte gehört, was im Garten vor sich ging und kam nach draußen.
»Was ist denn hier los? Ist was nicht in Ordnung?«
Ihr Mann war gar nicht mehr in Lage zu sprechen. Er zeigte nur noch auf die unzähligen Raupen.
»Ach, mein Lieber. Das ist doch gar nicht schlimm. Das sind doch nur Raupen.«
Sie nahm ihren Mann an die Hand und zog ihn zum Haus.
»Du gehst jetzt erstmal in die Küche, setzt dich hin und trinkst einen Kaffee. Danach wird es dir bestimmt besser gehen. Während du dich wieder beruhigst, kümmere ich mich um die Raupen.«
Herr Meier wollte zuerst nicht, doch dann gab er nach und ging ins Haus. Seine Frau bückte sich und besah sich den Schaden. Doch so schlimm sah es noch gar nicht aus.
Ganz vorsichtig wollte sie nun die Raupen von den Blättern nehmen und an eine andere Stelle des Gartens tragen. Doch dann sah sie etwas Erstaunliches. Mit den Raupen veränderten sich.
»Na, wenn das mal nicht eine große Überraschung wird.«, sagte sie und lies die Tiere auf den Rosen sitzen.

Eine Woche später kamen die beiden ganz spät in der Nacht nach Hause. Herr Meier war ganz nervös.
»Hoffentlich ist alles mit meinen Rosen in Ordnung. Ich habe die ganze Zeit im Urlaub daran denken müssen, dass sie nicht mehr da sind und der Garten von dicken Raupen überquillt. Morgen Vormittag kommen doch die Wettbewerbsrichter.«
Frau Meier schmunzelte. Sie wusste nur zu genau, was morgen geschehen würde. Doch darüber schwieg sie.

Am nächsten Morgen lief Herr Meier sofort nach dem Frühstück in den Garten und sah nach dem Rechten. Die Rosen standen noch alle. Doch bei genauerem Hinsehen entdeckte er sofort ein paar lästige Tiere.
»Du meine Güte. Die Raupen sind immer noch da. Ich dachte, du hättest dich darum gekümmert? Was soll ich denn jetzt machen? Wenn die Richter löchrige Blätter sehen ist alles aus.«, schimpfte er.
»Jetzt muss alles ganz schnell gehen.«
Er wollte gerade die Tierchen entfernen, als es an der Tür klingelte. Die Wettbewerbsrichter waren bereits da und wollten sofort die Rosen sehen.
Herr Meier war verzweifelt und wusste nicht, was er machen sollte. Nun musste er mit Raupen verseuchte Pflanzen vorzeigen. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Er schloss die Augen, lies sich von seiner Frau in den Garten führen und entschuldigte sich bei allen Anwesenden im Voraus.
»Es tut mir wirklich leid, meine Herren. Aber in diesem Jahr haben wir eine Ungezieferplage erleben müssen. Sie werden leider nicht das vorfinden, was sie erwarten.«
Aber als sie gemeinsam in den Garten kamen erlebten sie eine große Überraschung.
»Gute Güte, was ist denn das? So einen farbenfrohen Rosenbusch haben wir bisher noch nirgendwo gesehen. Wie haben sie denn das geschafft?«
Herr Meier öffnete langsam seine Augen und wollte nicht glauben, was er nun sah. Sein Rosenbusch leuchtete in allen vorstellbaren Farben. Die Raupen hatten sich während des Urlaubs verpuppt. Und aus den Puppen waren in den letzten Minuten wunderschöne Schmetterlinge geschlüpft, die nun alle um den Strauch herum flogen oder auf ihm saßen.
»Also dafür haben sie auf jeden Fall den ersten Preis verdient. Damit kann kein anderer Züchter konkurrieren.«, war das Urteil der Wettbewerbsrichter.

Nachdem der Besuch wieder verschwunden war, sah Herr Meier noch einmal durch ein Fenster nach draußen in den Garten und dachte ein wenig nach.
»Es ist doch unglaublich, welche Wunder die Natur für uns parat hält. Und ich dummer Kerl hätte beinahe alles kaputt gemacht.«

(c) 2008, Marco Wittler

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