115. Wilde Sterne oder „Papa, was macht die Sonne, wenn sie nachts nicht scheint?“ (Papa erklärt die Welt 16)

Wilde Sterne
oder »Papa, was macht die Sonne wenn sie nachts nicht scheint?

»Es wird Zeit ins Bett zu gehen, mein Schatz. Schau mal nach draußen, die Sonne ist auch schon untergegangen.«
Papa war ins Zimmer gekommen und war bereits dabei, die Rollade herunter zu lassen. Sofie hatte sich bereits ihren Schlafanzug angezogen, saß aber noch auf dem Boden und spielte mit einem kleinen Püppchen.
»Ach Papa. Es macht doch gerade so viel Spaß. Kann ich nicht noch ein paar Minuten wach bleiben?«
Aber Papa schüttelte den Kopf.
»Du weißt doch, was wir abgemacht haben. Wenn du immer pünktlich ins Bett gehst, bekommen wir zwei keinen Streit.«
Er hob seine Tochter hoch, legte sie ins Bett und deckte sie zu.
»Und du hast es doch auch vorhin noch sehen können. Sogar die Sonne ist schon unter gegangen. Die hält sich immer an ihre Zeiten.«
Sofie grübelte. Einen Moment später erhellte sich ihr Blick.
»Papa, was macht eigentlich die Sonne, wenn sie nachts nicht scheint?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von der Sonne. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine Zeit, in der es am Himmel drunter und drüber ging. Die Sterne waren jung und wild. Sie flitzten durch die Gegend, leuchteten mal hier und mal da und fügten sich zum Spaß zu den lustigsten Sternzeichen zusammen, nur um sie kurz darauf wieder auseinander zu nehmen.
Die Menschen auf der Erde waren gerade dabei ihre ersten Seefahrten zu unternehmen und ärgerten sich in jeder Nacht, dass sie nicht wussten, wo sie hin segelten, da sie sich nicht nach den Sternen richten konnten. Es war ein totales Chaos.
Einen kleinen Bären, einen großen Wagen oder Waage, Steinbock, Jungfrau und all die anderen Sternbilder gab es noch nicht, nur ein paar wilde Lichtpunkte, die sich in der Nacht austobten.
Eines Tages, als die Sonne hoch am Himmel stand, blickte sie auf die Erde herab und sah den Schiffen bei ihren Fahrten zu. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend waren sie unterwegs. Doch als es langsam dunkel wurde und sie hinter dem Horizont verschwinden wollte, fuhren die Schiffe allesamt zurück in die Häfen.
»Das ist aber seltsam. Warum fahren sie denn alle wieder nach Hause?«, wunderte sich die Sonne.
»Wenn sie jeden Abend in den Häfen verbringen, dann können sie aber keine weiten Reisen unternehmen und fremde Länder besuchen. Außerdem weiß doch jedes Kind, dass manche Fischarten in der Nacht viel besser zu fangen sind.«
Sie grübelte und dachte nach, aber eine Erklärung fand sie nicht.
»Irgendwas stimmt da nicht. Und das will ich heraus finden.«
Wie an jedem Abend ging sie unter und nahm das Tageslicht mit sich.
Ohne, dass es jemand bemerkte, sah sich die Sonne in ihrem Kleiderschrank um und entdeckte ein altes Karnevalskostüm. Sie verkleidete sich ganz flink als Mond und stieg kurz darauf in dieser Gestalt zum Himmel hoch.
Als sie dann sah, was dort vor sich ging, stockte ihr der Atem. Die unzähligen Sterne trieben wieder ihr böses Spiel, flitzten hin und her und verwirrten die Menschen auf der Erde.
»Jetzt ist aber damit Schluss.«, entschied sich die Sonne.
»Eurem bunten Treiben werde ich ein Ende setzen.«
Sie verschwand wieder hinter dem Horizont und holte eine große Kiste mit Seilen hervor.
Bei ihrer nächsten Wanderung als Mond schnappte sie sich jeden Stern einzeln und band ihn am Himmel fest.
Als sie fertig war, war es schon fast früher Morgen Sie besah sich ihre Arbeit und war sehr zufrieden damit.
»So, und jetzt ist endgültig Schluss mit der Spielerei. Ihr werdet die Menschen nun nicht mehr ärgern können.«
Die verschwand wieder hinter dem Horizont, zog das Kostüm aus und ging ein paar Minuten später als strahlende Sonne auf.
Von nun an tauschte sie fast jeden Tag ihre Rolle. Mal als Sonne, mal als Mond, durchstreift sie nun den Himmel. Am Tage wärmt und beleuchtet sie die Erde und in der Nacht achtet sie darauf, dass sich kein Stern von seinem Seil löst und durch die Nacht flitzt.

Sofie war nun doch müde geworden und gähnte laut, während sie sich die Decke bis unter die Nase zog. Papa küsste noch einmal auf die Stirn, schaltete das Licht aus und verließ das Zimmer. Gerade, als der die Tür hinter sich geschlossen hatte, hörte er noch einmal die Stimme seiner kleinen Tochter.
»Ich glaube dir kein einziges Wort. Aber schön war die Geschichte trotzdem.«
Papa konnte sich vorstellen, wie Sofie jetzt über das ganze Gesicht grinste. Zufrieden ging er nun auch zu Bett.

(c) 2008, Marco Wittler

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