122. Alles Käse oder „Papa, warum verschwindet der Mond?“ (Papa erklärt die Welt 18)

Alles Käse
oder »Papa, warum verschwindet der Mond?«

Sofie saß in ihrem Zimmer auf dem Bett und blätterte in einem Buch mit Kindergeschichten. Mit den vielen Buchstaben konnte sie zwar noch nichts anfangen, weil sie erst im nächsten Jahr zur Schule gehen würde, aber dafür waren die bunten Bilder umso schöner anzusehen.
In diesem Moment kam Papa herein.
»Was machst du denn da? Ich dachte, du hättest dich schon längst in deine Decke eingerollt. Nun aber los.«
Er grinste und nahm sich das Buch.
»Soll ich dir noch eine Geschichte vorlesen?«, fragte er.
Sofie schüttelte den Kopf, stand auf und setzte sich auf ihr kleines Sofa unter dem Fenster.
»Da steht nicht drin, was ich mich gerade frage.«
Papa runzelte die Stirn,setzte sich ebenfalls auf das Sofa und zog seine Tochter auf den Schoß.
»Was beschäftigt dich denn? Verrätst du es mir?«
Sofie zog die Gardine zur Seite und zeigte mit dem Finger nach draußen.
»Schau doch mal. Da hängt der Mond am Himmel. Aber irgendwie sieht er kleiner aus als gestern und die die Tage davor. Papa, warum verschwindet eigentlich der Mond? Macht er Diät?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Mond und einer großen Menge Tiere. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein alter Bauer. Schon am frühen Morgen stand er auf und brachte seine Kühe auf die Weide, damit sie frisches Gras fressen konnten. War das Wetter einmal nicht so gut, blieben seine Tiere im Stall und wurden gefüttert. Doch damit war die Arbeit noch lange nicht getan. Denn ab der Mittagszeit mussten die Kühe gemolken werden.
Der Bauer bekam von seiner Herde viel mehr Milch als er trinken konnte. Daher nahm er einen großen Teil davon und machte ihn zu einem Käse, der so lecker war, dass sich die Menschen der ganzen Stadt danach die Finger leckten.
Eines Tages holte der Bauer seinen Sohn zu sich, um mit ihm zu reden.
»Mein Sohn, es ist an der Zeit, dass ich mich zur Ruhe setze. Ich werde mit jedem Tag älter und gebrechlicher. Die Arbeit fällt mir immer schwerer. Von nun an sollst du diesen Hof bewirtschaften. Du bist alt genug und hast viel von mir gelernt. Ich glaube, dass es dir wohl gelingen wird.«
Der Sohn war überrascht. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, wie es ohne seinen Vater sein würde. Von nun an war er kein einfacher Knecht mehr.
Der alte Bauer und seine Frau packten ihre Sachen und zogen in eine kleine Wohnung in der Stadt. Dort mussten sie nicht mehr so lange Wege gehen und das Leben war etwas gemütlicher.
Der Sohn gab sich von nun an besonders große Mühe. Er stellte einen neuen Knecht ein und machte sich als neuer Bauer an die Arbeit. Am frühen Morgen trieb er die Kühe auf die Weide, am Mittag melkte er sich und am Nachmittag machte er aus der Milch Käse für die Menschen in der Stadt. Schon als kleiner Junge hatte er dabei immer zugesehen und nun machte er alles auf die gleiche Weise nach.
Am Abend saß er schließlich gemütlich in einem großen Sessel vor dem Kamin und las in der Zeitung.
»Ein guter und angesehener Bauer werde ich eines Tages sein, wie mein Herr Vater. Er war mir ein guter Lehrer und ich ihm hoffentlich ein noch besserer Schüler.«
Nach ein paar wenigen Wochen passierte allerdings etwas. Der neue Bauer ging in den Keller hinab, um den fertigen Käse für den Verkauf hervor zu holen. Doch da traf ihn der Schrecken. Nicht einen einzigen Käse würden ihm die Menschen aus der Stadt abkaufen, denn sie waren alle angebissen. Kleine Mäusezähne hatten sich in die gelben Laiber gegraben.
»Na wartet, ihr kleinen bösen Nager. Wenn ich euch erwische, geht es euch an den Kragen.«
Wütend fuhr er in die Stadt und kaufte so viele Mausefallen, wie er nur bekommen konnte. Diese stellte er im Keller auf, so dicht aneinander, wie es eben ging.
»Ihr kommt mir nicht mehr an meinen Käse.«
Der Bauer ging zu Bett und schlief bis zum nächsten Morgen.

Als der Hahn krähte war die Sonne gerade dabei über den Horizont zu klettern. Sie gähnte leise und schickte dann ihre Sonnenstrahlen über das Land.
Der Bauer kam aus dem Bett, zog sich seine Sachen über und ging erwartungsvoll in den Keller. Doch was der dort sah, war nicht das, was er sich erhofft hatte. Alle Mausefallen waren zu gefallen. Aber nicht eine einzige Maus saß darin fest. Dafür waren die neuen Käselaiber angefressen.
»Das kann doch gar nicht wahr sein? Wie ist denn das möglich?«
Der Bauer war verwirrt. So etwas hatte er noch nie erlebt. Waren die Mäuse etwa so schlau, dass sie die Fallen umgingen? Ein Antwort hatte er freilich nicht zur Hand. Daher versuchte er es in der nächsten Nacht mit einem großen Kater, den er sich beim Nachbarn ausgeborgt hatte.

Am nächsten Tag wollte er seinen Augen nicht trauen. Lautes Gejaule war aus dem Keller zu hören. Als der Bauer die Treppe herab gestiegen war sah er einen verängstigten Kater, der in einer der Mausefallen saß und mit seinen Barthaaren am Gitter festgebunden war. Sofort befreite er das Tier und brachte es zum Nachbarn zurück.
»Dieser verdammten Brut werde ich es zeigen. Heute Nacht lege ich mich selber auf die Lauer.«, sprach er.
Glück hatte er allerdings immer noch keins. Denn noch bevor die erste Maus aus ihrem Versteck kam, war der Bauer bereits eingeschlafen.

Es half alles nichts. Kein Einfall und keine Idee war gut genug, um die kleinen Plagegeister loszuwerden.
Doch plötzlich erinnerte sich der Bauer an seinen Vater. Er war nie so schlimm von den Mäusen geärgert worden. Aber woran lag das bloß?
Der Bauer machte sich auf den Weg in die Stadt und suchte die Wohnung seiner Eltern auf. Dort kam er auch sofort auf sein Problem zu sprechen.
»Vater, ich leide an einer großen Mäuseplage. Kaum hattet ihr den Hof verlassen, kamen diese Biester aus ihren Verstecken und übernahmen den Käsekeller. Jeden Morgen, wenn ich hinein schaue, sind die Laiber angefressen. Die kauft mir doch niemand mehr ab. Was soll ich denn nur machen?«
Der Vater lachte, nahm dann aber seinen Sohn bei der Hand.
»Ich werde mit dir zurück zum Hof kommen. Dort zeige ich dir, wie ich über die vielen Jahre mit den Mäusen fertig geworden bin.«

Einige Stunden später standen sie zu zweit im Käsekeller. Der Vater sah mit einem Blick, wie schlimm der Schaden mittlerweile geworden war.
»Es ist allerhöchste Zeit, dass ich gekommen bin. Wenn wir jetzt nicht bald handeln, werden hier so viele Mäuse leben, dass auch ich nicht mehr helfen kann.«
Aus einem Schrank holte er eine besonders große Käseform hervor und befüllte sie.
»Dieser ganz besondere Käse ist die Leibspeise deiner ungebetenen Gäste. Es ist der Mäusekäse. Es dauert nur wenige Tage bis er reif ist.«
So geschah es dann auch. Nur drei Tage später war der Laib fest geworden. Der alte Bauer holte ihn hervor und beschriftete ihn mit großen Buchstaben:

Der beste Mäusekäse der Welt.

Am Abend band er ihn an ein Seil und wartete auf die Dunkelheit. Als die ersten Sterne zum Himmel hinauf zogen, band er das Seil zu einem Lasso, schwang es hoch in die Lüfte und band es so an einen der Sterne. Mit einem kräftigen Ruck wurde nun der Käse in den Himmel gezogen. Dort oben leuchtete er nun über das Land und sein verführerischer Duft war über weite Strecken zu riechen.
Kurz darauf hörte man das leise Getrappel vieler kleiner Pfötchen. Die Mäuse aus dem Keller kamen die Treppe herauf gelaufen. Sie wurden vom Mäusekäse angelockt und liefen ihm hinterher.
Der junge Bauer konnte noch immer nicht glauben, was er dort sah.
»Was geschieht dort?«
»Es ist ganz einfach mein Sohn. Die Mäuse lassen sie nicht ganz vertreiben. Aber wenn man ihnen einen kleinen teil abgibt, verschwinden sie für einen Monat. Sie laufen dem Käse nach, bis er schließlich an den Bergen hängen bleibt. Dort fressen sie sich an ihm satt, bis er verschwunden ist. Danach kommen sie wieder. So hat es schon mein Vater gemacht, dessen Vater und alle unsere Vorfahren vor ihnen auch.«
Zufrieden setzten sich die beiden Männer auf eine Bank vor dem Haus und sahen zu, wie die Mäuse verschwanden.

Sofie sah noch immer nach draußen und beobachtete den Mond, wie er am Himmel entlang zog.
»Und er ist jetzt auf dem Weg zu den Bergen und die Mäuse laufen ihm alle nach?«
Papa nickte und packte das Buch mit den Kindergeschichten in ein Regal.
Sofie schien nachzudenken, während sie aufstand und langsam in ihr Bett ging. Als Papa sie schließlich zudeckte begann sie zu lachen.
»Der alte Bauer war ja ein richtig schlauer Kerl.«
Sie zog die Decke bis kurz unter die Nase. Kurz bevor Papa die Tür hinter sich schloss, war sie sich aber endlich sicher, was sie von dieser Geschichte zu halten hatte.
»Das hast du wirklich schön erzählt, Papa. Aber trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort.«
Sie kicherte noch ein Weilchen, während Papa grinsend das Zimmer verlies.

(c) 2008, Marco Wittler

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