124. Das Leben unter dem Eis oder „Papa, warum fressen Eisbären keine Pinguine?“ (Papa erklärt die Welt 19)

Das Leben unter dem Eis
oder ›Papa, warum fressen Eisbären keine Pinguine?‹

Draußen war es bitter kalt. Der Winter hatte das Land fest in seinem Griff und wollte noch lange nicht wieder locker lassen. Mit jedem Tag sanken die Temperaturen weiter und unzählige Schneeflocken ließen den die weiße Pracht vor den Türen der Häuser dicker werden. Die Erwachsenen Fluchten täglich vor sich hin, wenn sie die Gehwege frei schieben und ihre Autos ausbuddeln mussten.
Die Kinder der Stadt freuten sich dafür umso mehr. Jeden Tag wurden größere Schneemänner gebaut. Es war fast schon zu einer Meisterschaft geworden. Wer noch etwas Zeit übrig hatte, holte den Schlitten aus dem Keller, raste die verschneiten Wiesen herab oder beteiligte sich an einer der vielen Schneeballschlachten, die überall stattfanden.
Der Winter hatte sich mit all seiner Pracht über die Welt gelegt und machte es sich nun richtig gemütlich.
Es war spät geworden. Nach und nach verschwanden die Kinder in ihren Häusern und wärmten sich anschließend im heißen Badewasser wieder auf.
Sofie war nur eines der vielen Kinder, die davon unheimlich begeistert waren. Nach dem Mittagessen verschwand sie mit ihren Freundinnen im Schnee und kam erst zurück, wenn es langsam dunkel wurde. So war es auch an diesem Tag.
Sie hatte sich nach dem Bad ihr Nachthemd angezogen und war kurz davor, sich ins Bett zu legen, als Papa noch mit einer heißen Schokolade mit Schlagsahne herein kam.
»Hier, die kannst du trinken, während ich dir noch eine Geschichte vorlese.«
Er trat an ein Regal und zog ein Buch hervor. Damit setzte er sich auf das Bett und begann zu blättern.
»Was darf es denn heute sein?«
Sofie dachte angestrengt nach, aber eigentlich hatte sie heute ausnahmsweise gar keine Lust, aus dem Buch etwas vorgelesen zu bekommen.
»Kannst du mir nicht lieber eine Frage beantworten?«, fragte sie.
Papa legte das Buch fort.
»Was brennt dir denn auf der Seele?«
»Im Kindergarten hat mir heute einer der Jungs eine Frage gestellt. Weil ich keine Antwort wusste, lachte er mich aus und lies mich einfach stehen. Und nun grübel ich schon den ganzen Tag darüber nach.«, berichtete Sofie.
Papa nahm sie in den Arm und drückte sie.
»Du hast ja fiese Jungs in deinem Kindergarten. Vielleicht sollte ich mal mit ihm reden.«
»Papa, warum fressen Eisbären keine Pinguine?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem dicken Eisbären und einer Horde Pinguine. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein großer und dicker Eisbär. Wie alle anderen Eisbären lebte auch er am Nordpol. Das ganze Jahr über herrschte eisige Kälte, überall lag Schnee und für ein halbe Jahr lang wollte die Sonne nicht scheinen. Es blieb also eine ganz schön lange Zeit dunkel.
»Oh, man, ich habe ich einen großen Hunger. Ich könnte ein ganzes Pferd verputzen, wenn es hier welche gäbe. Aber, egal wohin ich ich auch schaue, es gibt nur Eis und Schnee. Davon kann ein Eisbär doch nicht richtig satt werden.«
Der Name des Bären war Bruno. Er konnte ein ziemlich brummiger Geselle sein, wenn sein Magen zu knurren begann. Und das tat er praktisch immer, denn Bruno war viel zu faul, sich etwas zum Fressen zu fangen. Er wartete lieber ab, bis ein anderer Bär sich die Arbeit machte. Danach war es ziemlich leicht diesen zu vertreiben. Schließlich war Bruno der größte Bär in der ganzen Umgebung. Doch heute hatte er einfach kein Glück. Er war allein.
»Da werde ich wohl doch noch auf die Jagd gehen müssen. Hoffentlich sieht mich niemand. Das könnte glatt meinen guten Ruf zerstören.«
Mit größter Mühe und unter unglaublicher Anstrengung grub er mit seinen Pranken ein Loch in das Eis, bis das Wasser unter ihm frei war. Vorsichtig sah er hinein in hielt nach Fischen Ausschau. Es waren aber keine zu sehen.
»Das kann doch nicht wahr sein. Wo ist dein mein Mittagessen geblieben?«
Bruno ging einige hundert Meter weiter, buddelte ein neues Loch und spähte erneut hinein. Aber zum zweiten Mal war nichts zu sehen.
»Da war doch glatt jemand schneller als ich. Wenn ich denjenigen erwische, gibt es ordentlich einen auf die Mütze. Das hier ist doch mein Revier.«
Der Eisbär war sauer und obendrein wurde er immer hungriger.
»Ich brauche was zum Futtern!«, brüllte er über das Eis.
In diesem Moment wurde er auf einen kleinen schwarzen Fleck am Horizont aufmerksam. Bruno war nicht nur neugierig, was sich dort in seinem Revier befand, sondern vermutete sofort, dass es sich um den Fischdieb handelte. Mit einer großen Wut im Bauch lief er direkt auf diesen Punkt zu.
Es kam dem Bären wie eine Ewigkeit vor, als er an seinem Ziel ankam. Vor ihm saß ein kleines Tier im Schnee und buddelte ein Loch durch das Eis.
»Was bist du denn für ein komischer Vogel?«, fragte Bruno.
Es war tatsächlich ein kleiner Vogel, den er vor sich sah. Er trug einen schicken schwarzen Frack und darunter ein sauberes, weißes Hemd.
»Ich bin ein Pinguin. Und nun verschwinde, du störst mich bei der Arbeit. Ich muss noch Fische für meine Sippe fangen.«
Ein Pinguin? Von so einem Vogel hatte Bruno bis heute noch nie etwas gehört.
»Was auch immer du bist, du stiehlst mir mein Mittagessen. Es gibt keinen Fisch mehr, also werde ich dich auffressen. So einfach ist das. Und nun halt still.«
Der Vogel erschrak. Er wollte schnellstens davon fliegen, hatte aber vergessen, dass Pinguine gar nicht fliegen können. So landete er alles andere als elegant auf seinem Bauch und direkt vor den Füße des Eisbären.
In diesem Moment kam ihm eine Idee. Er nahm allen Mut zusammen und pickte mit seiner Schnabelspitze in die Pranken des Bären.
»Au, verdammt. Lass das sein. Au, bitte nicht. Ich brauche meine Füße noch. Au.«
Bruno wich ein paar Schritte zurück, um die Lage wieder unter seine Kontrolle zu bekommen. So schwierig hatte er sich seine Mahlzeit gar nicht vorgestellt. Er wartete einen Moment und sprang dann ganz plötzlich mit weit aufgerissenem Maul vorwärts.
Und schon wieder spürte er die spitzen Stiche. Allerdings in allen vier Pfoten gleichzeitig. Wie konnte das nur sein? Als er sich umsah, entdeckte er eine ganze Horde Pinguine, die ihn attackierte.
»Hey, Leute, so geht das nicht. Ich bin hier der Bär und ihr seid das Futter. Also macht es mir nicht so schwer.«
Die Pinguine wollten aber nicht hören und vertrieben schließlich den Bären. Dann verschwanden sie wieder in ihren Verstecken im Schnee.
Bruno hatte nun die Nase voll und suchte das Weite. Irgendwo anders würde er auch etwas zu futtern bekommen. Enttäuscht trottete er über den Schnee und war schon bald nicht mehr zu sehen.

»Da siehst du mal, was Pinguine doch für schlaue Tiere sind. Hättest du gedacht, dass sie mit einem ausgewachsenen Eisbären zurecht kommen?«
Sofie schüttelte mit dem Kopf. Das hätte sie tatsächlich nicht. Doch dann fiel ihr plötzlich etwas ein.
»Mensch, Papa, die Geschichte war zwar lustig, aber ich glaube dir trotzdem kein einziges Wort davon. Dafür weiß ich jetzt aber die richtige Antwort auf die Frage.«
Papa machte ein erstaunt abwartendes Gesicht.
»Dann erzähl doch mal.«
»Vor ein paar Monaten waren wir doch im Zoo und haben dort ganz viele verschiedene Tiere gesehen. Da waren auch Eisbären und Pinguine dabei. Der Zooführer hat uns doch erzählt, dass Eisbären nur am Nordpol und Pinguine nur am Südpol leben. Also können sie sich niemals über den Weg laufen. Wenn ein Eisbär einen Pinguin frisst, dann geschieht das nur im Zoo.«
Sie setzte eine triumphierende Miene auf, während sie Papa aus dem Zimmer schob, das Licht abschaltete und sich zum Schlafen ins Bett legte.
»Ich bin halt ein schlaues Mädchen und lasse mir nicht einfach einen Bären aufbinden.«

(c) 2008, Marco Wittler

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