125. Echte Freunde

Echte Freunde

Lukas saß auf dem Spielplatz und sah den anderen Kindern beim Spielen zu. Er selber war vor ein paar Minuten von der Schaukel gefallen und ließ sich nun von seiner Mutter ein dickes Pflaster auf das blutende Knie kleben. Die Tränen waren getrocknet und der große Riss in der Hose war nicht weiter schlimm. Da würde Oma schon einen bunten Flicken aufnähen.
Und nun sah er den anderen Kinder beim Spielen zu. Während die Schmerzen nur langsam nachließen.
»Warum muss das bloß so weh tun? Ich würde so gern wieder auf die Rutsche klettern. Aber ich hab Angst, dass Sand in die Wunde kommt. Das schmerzt dann bestimmt noch mehr.«
Seine Mutter wuschelte ihm durch sein lockiges Haar.
»Das macht doch nichts. Du wartest halt bis Morgen. Dann ist alles wieder in Ordnung. Deine Freunde werden das schon verstehen.«
Lukas nickte. Dann verabschiedete er sich von den anderen Kindern und ging nach Hause. Nun war der Nachmittag nicht mehr ganz so schön. Er saß allein in seinem Zimmer und fand nicht die rechte Lust, mit seinen Bauklötzen zu Spielen. Es fehlten einfach die anderen Jungs. Aber er wollte ihnen auch nicht einfach nur dabei zuschauen, wie sie ohne ihn Spaß hatten.

Am nächsten Morgen waren alle Kinder wieder in der Grundschule. Die erste Stunde hatte noch nicht begonnen. Also sie alle noch ein wenig Zeit, über den gestrigen Tag zu reden. Lukas Freunde hatten nur ein kurzes Hallo gesagt und einen flüchtigen Blick auf das Pflaster geworfen, bevor sie sich in eine andere Ecke des Raumes verzogen.
»Was ist denn mit denen los?«, fragte sich Lukas.
In diesem Moment kam eines der Mädchen auf ihn zu und nahm ihn mit auf den Flur.
»Die mögen dich ganz plötzlich nicht mehr.«, sagte Miriam.
»Sie sind sauer, weil du gestern nicht weiter mit ihnen gespielt hast. Sie fanden das ziemlich unfair, nur weil du ein wenig geblutet hast.«
Miriam war am gestrigen Tag ebenfalls auf dem Spielplatz gewesen und hatte alles genau mitbekommen.
»Den meisten war es ja eigentlich egal. Ein paar fanden es sogar in Ordnung, dass du gegangen bist. Aber dein bester Freund Tom war stinkesauer. Er wollte es einfach nicht verstehen. Deswegen hat er alle anderen auf seine Seite gebracht und nur noch schlecht über dich geredet.«
Lukas wusste gar nicht, was er sagen sollte. Bisher hatte er mit den Mädchen nie viel zu tun gehabt. Meist ärgerte er sie sogar mit seinen Freunden. Und nun stand eine von ihnen auf seiner Seite und erzählte, was die anderen über ihn dachten.
Und nun bekam er kein vernünftiges Wort mehr heraus. Er war schockiert. So eine Gemeinheit hatte er von seinem besten Freund nicht erwartet.
Lukas erinnerte sich in diesem Moment zurück, als er das letzte Mal hingefallen war. Er hatte sich das ganze Knie aufgeschlagen und war nicht sofort nach Hause gelaufen, um die Wunde zu reinigen. Wegen dieser Unachtsamkeit hatte sie sich schließlich entzündet. Er musste damit zum Arzt und sich behandeln lassen.
»Ihr Sohn hatte noch einmal Glück im Unglück. Wären sie später zu mir gekommen, wäre vielleicht eine richtig schlimme Blutvergiftung daraus geworden.«, hatte der Arzt damals gemahnt. Seit diesem Erlebnis hatte sich Lukas geschworen jede Wunde ordentlich verheilen zu lassen, bevor er weiter Spielen ging.
Seinem besten Freund Tom hatte das alles miterlebt. Also wusste er genau, warum Lukas nun Angst bei Verletzungen hatte. Und trotzdem zeigte er nur Unverständnis. Das war mehr als gemein.
»Danke, dass du mir das erzählt hast. Du hast was gut bei mir.« Er drückte Miriam die Hand, bevor er wieder die Klasse betrat.
Alle sahen ihn plötzlich an. Die meisten von ihnen sahen nicht sehr fröhlich aus.
»Na, du kleine Memme.«, sagte auf einmal jemand zu ihm.
»Du Angsthase.«, rief ein anderer.
»Wenn ich die jetzt haue, läufst du dann auch sofort zu Mama?«, ärgerte ihn Tom.
Alle Kinder lachten und klopften Tom auf die Schulter. In ihren Augen war er nun richtig cool. Sie fühlten sich alle im Recht. Tom war der arme Junge, der von seinem besten Freund im Stick gelassen wurde. Und das nur wegen ein paar kleinen Tropfen Blut. Von Lukas Angst wussten hier allerdings nur die Wenigsten. Es war ihnen aber auch egal. Sie hatten dafür jemanden, auf dem sie herum hacken konnten.
Endlich begann die Schulstunde, der Lehrer kam herein und Lukas hatte seine Ruhe. Doch in jeder Pause ging es wieder von vorn los.

Völlig niedergeschlagen kam Lukas mittags nach Hause. Am liebsten hätte er geweint, traute es sich aber nicht. Das hätten die anderen Kinder gleich wieder ausgenutzt, um ihn weiter zu hänseln. Erst als er die Haustür hinter sich verschlossen hatte, warf er seinen Schulranzen in die Ecke, hockte sich in eine dunkle Ecke und ließ die Tränen heraus.
Seine Mutter hatte es natürlich sofort mitbekommen und versuchte ihn zu trösten. Aber die Enttäuschung saß einfach viel zu tief.
»Er war doch immer mein bester Freund und weiß ganz genau, wovor ich Angst habe. Warum macht er das denn bloß? Ich habe ihm doch gar nichts getan.«
Seine Mutter drückte ihn fest an sich.
»Er war halt auch enttäuscht, dass du gegangen bist. Er hatte sich darauf gefreut, mit dir den ganzen Nachmittag zu spielen. Das kann ich schon verstehen. Aber seine fiese Reaktion ist nicht in Ordnung. Dafür kennt ihr euch schon viel zu lange. Vielleicht ist er doch nie dein wirklich bester Freund gewesen, denn beste Freunde hauen sich nicht gegenseitig in die Pfanne.«
Lukas hörte auf zu weinen, wischte sich das Gesicht trocken und hob seinen Ranzen wieder auf.
»Du hast Recht. Ich brauche Tom nicht. Es gibt noch andere Kinder, die meine Freunde sein können. Ich werde schon jemand anderen finden.«
Mit erhobenem Kopf setzte er sich an den Mittagstisch und begann zu essen.

Zwei Stunden später klingelte es an der Tür. Lukas hörte es zwar, kümmerte sich aber nicht weiter darum. Das musste der Freund seiner großen Schwester sein, der jeden Tag vorbei kam. Doch dann seine Mutter nach ihm.
»Da stehen drei Mädchen vor der Tür und fragen nach dir.«
Lukas war verwundert. Mädchen? Was konnten die denn wollen? Hatten sie sich in der Adresse geirrt?
Doch dann erkannte er Miriam wieder.
»Hallo Lukas. Hast du Lust mit mir und meinen Freundinnen Lisa und Nina Fahrrad zu fahren?«
Lukas wurde ganz rot im Gesicht und stotterte vor sich hin.
»Aber wie kommt ihr denn darauf, mich dazu einzuladen?«
Nun war es Miriam, die etwas schüchtern reagierte.
»Wir haben mitbekommen, was Tom mit dir gestern auf dem Spielplatz und heute Morgen in der Schule gemacht hat. Das war mehr als gemein. Und da dachten wir, dass wir dich vielleicht aufmuntern könnten. Schließlich ist Tom auch nicht sehr nett zu uns.«
Die vier Kinder schwiegen sich an. Doch dann kam Lukas Mutter aus der Küche.
»Lukas wird gern etwas mit euch unternehmen. Er traut sich nur nicht, es auch zu sagen. Und da ihr ja alle vom gleichen Jungen geärgert werdet, könntet ihr ja auch alle zusammen Freunde werden.«
Sie sprach das aus, was die Kinder dachten. Schon wurde es wieder angenehmer und Lukas holte sein Fahrrad aus dem Schuppen.
»Ich kenne eine ganz tolle Strecke.«, sagte er.
»Die werde ich euch zeigen.«
Und schon flitzten Lukas mit den drei Mädchen davon. Auf ihrem Weg kamen sie am Spielplatz vorbei. Tom stand auf der Rutsche und schimpfte gerade mit einem anderen Kind. Doch als er Lukas mit seinen neuen Freundinnen sah fiel ihm die Kinnlade herunter und er wusste nicht, was er davon halten sollte.

(c) 2008, Marco Wittler

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