129. Die Leseratte oder „Papa, woher kommen die Geschichten?“ (Papa erklärt die Welt 21)

Die Leseratte
oder ›Papa, woher kommen die Geschichten?«

»So lebten der Prinz und seine hübsche Prinzessin glücklich bis an ihr Lebensende. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.«
»Das war aber ein schönes Märchen, Papa. Du kennst ganz schöne viele davon. Du hast mir noch kein einziges zwei Mal erzählt.«
Papa lächelte, als er vom Bett aufstand. Er zog seiner Tochter Sofie die Decke bis knapp unter das Kinn, wünschte ihr eine gute Nacht und wollte gerade das Zimmer verlassen, als ihr noch eine Frage einfiel.
»Papa, woher eigentlich die vielen Geschichten und Märchen? Die muss sich doch jemand ausgedacht haben.«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine wirklich gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom allerersten Märchenonkel der Welt. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Mäusefamilie. Sie lebten vor langer Zeit in der Scheune eines großen Bauernhofes. Tag für Tag streunten die Mäuse durch das Stroh und sammelten Getreidekörner, von denen sie sich ernähren konnten. Sehr oft träumten sie von großen Schlemmereien. Hin und wieder saßen sie auf der Fensterbank des Wohnhauses und sahen durch das die Glasscheibe in die Küche hinein. Jedes Mal, wenn die Bäuerin den Schrank öffnete wehte ein Duft von herzhaftem Käse nach draußen.
»Wenn wir doch nur ein einziges Mal in das Haus hinein gehen dürften. Aber ständig passen diese fiesen Katzen auf.«, träumte Mika vor sich hin.
»Ich habe vor ein paar Tagen eine dieser Mietzen gesehen. Die schauen sehr gefährlich aus mit ihren spitzen Zähnen.«, erwiderte Mischa.
Also beließen sie es bei ihren Träumen und sammelten weiterhin fleißig ihre Körner.
Eines Tages geschah ein großes Unglück. Während die kleinen Mäuse Nahrung sammelten, öffnete der Bauer die Scheunentore, um nach seinen Kühen zu sehen. Genau in diesem Moment schlichen sich zwei Katzen herein. Die Mäuse ahnten noch nichts von der drohenden Gefahr. Erst als der Bauer die Scheune wieder verließ, hörten sie ein lautes Fauchen.
»Du meine Güte.«, schrie Mischa. »Eine Katze ist hier drinnen. Wir müssen uns ganz schnell verstecken.«
Die kleinen Mäuse nahmen ihre Beine unter die Arme und rannten so schnell, wie sie nur konnten. Doch wo sollten sie sich verstecken? Im Stroh würden sie irgendwann von ihrem Jäger aufgespürt werden. Bis zu ihrer Wohnhöhle war es aber viel zu weit.
Sie sahen sich um und entdeckten ein Loch in einer nahen Wand.
»Dort sind wir sicher.«
Sie rannten los und kamen gerade noch rechtzeitig in Sicherheit.
»Das sind sogar zwei Katzen.«, keuchte Mika, als er vorsichtig nach draußen sah. »Hoffentlich verschwinden sie irgendwann.«
In diesem Moment hörten die Mäuse ein leises Lachen hinter sich. Sie drehten sich um und erblickten ein vertrautes Gesicht.
»Onkel Richard.«, riefen sie.
Sie stürmten auf eine ältere Ratte zu und freuten sich sehr, nicht allein sein zu müssen.
»Die beiden Katzen da draußen werden nicht so schnell aufgeben. Ich mich schon so oft vor ihnen verstecken müssen. Manchmal liegen sie sogar mehrere Tage auf der Lauer. Da kann einem der Magen schon mal richtig in den Kniekehlen hängen, wenn man Hunger bekommt.«
Mika bekam Angst.
»Was machen wir denn dann? Wir können doch nicht die ganze Zeit einfach nur hier herum sitzen.«
Plötzlich ertönte eine weitere, aber unbekannte Stimme.
»Ihr könnt auch einfach heraus kommen. Dann kommen wir hier alle pünktlich weg.«
Es war ein dicker Kater, der sich schon auf eine Mahlzeit freute.
»Wir könnten natürlich auch etwas ganz anderes machen.«, antwortete Onkel Richard völlig gelassen.
»Ich werde euch eine Geschichte erzählen. Ich kenne zwar keine, aber ich denke mir etwas aus. Dann bekommen wir keine Langeweile und denken wenigstens eine Zeit lang an etwas anderes. Wenn ihr wollt, könnt ihr mir dabei helfen.«
Eine Geschichte erfinden? Das war etwas ganz Neues. Davon hatten die kleinen Mäuse noch nie etwas gehört. Umso spannender fanden sie diese Idee.
Onkel Richard überlegte kurz und begann schließlich zu erzählen. Seine Geschichte handelte von einer kleinen Maus, die sich auf den Weg machte, um eines Tages als Matrose zur See zu fahren. Mika brachte ebenfalls seine Einfälle mit ein.
»Die Maus begegnet auf ihrer Reise bestimmt gefährlichen Seemonstern.«
»Aber die besiegt er und rettet eine Meerjungfrau.«, schlug Mischa vor.
Mit ihrer Geschichte verbrachten sie sehr viel Zeit. Sie bemerkten gar nicht, wie schnell die Stunden dahin zogen. Schon bald ging die Sonne unter und es wurde dunkel in der scheune. Schließlich kam die Seemaus zurück ans Land und heiratete die Meerjungfrau, welche sich in eine Maus verwandelt hatte.
»Das war eine spannende Geschichte.«, sagte Mika schließlich.
»Das müssen wir unbedingt öfters machen.«, bestätigte die Ratte.
In diesem Moment hörten sie wieder die Stimme des Katers.
»Nein, bitte nicht aufhören. Die Geschichte war so unglaublich schön. Ich will noch eine hören. Bitte, bitte.«
Nun mussten die Mäuse lachen. Sie hatten es tatsächlich geschafft, die beiden Katzen friedlich zu stimmen.
In den nächsten Wochen und Monaten saß Onkel Richard nun jeden Tag in seinem Wohnloch und schrieb eine neue Geschichte nach der anderen. In den Abendstunden, wenn es langsam dunkel wurde, las er sie den Mäusen und den Katzen vor.

»Ist das wirklich wahr?«, fragte Sofie.
»So wahr, wie ich hier vor dir stehe.«, sagte Papa.
»Eigentlich wollte ich dir ja nur eine Geschichte heute Abend vorlesen. Aber dann sind es doch zwei geworden.«
Sofie grinste über das ganze Gesicht.
»Aber Papa. Du hast mir doch nur einmal etwas vorgelesen. Die Geschichte von der Leseratte hast du mir doch aus dem Kopf erzählt.«
Gegen solche Argumente war Papa machtlos. Seine kleine Tochter hatte absolut Recht. Schließlich bildete sie sich aber trotzdem noch ein Urteil darüber, was sie gerade erst gehört hatte.
»Schön war die Geschichte ja, aber ich glaube dir davon kein einziges Wort. Du hast dir das bestimmt nur ausgedacht.«

(c) 2008, Marco Wittler

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