131. Papa schreibt ein Buch

Papa schreibt ein Buch

»Papa, liest du uns noch eine Geschichte vor?«, bettelten Anna und Lisa.
»Aber nur eine, dann wird es Zeit, dass ihr schlaft. Wenn ich auf meine Uhr schaue, muss ich feststellen, dass es schon ziemlich spät geworden ist.«, war die Antwort.
»Während ich ein Buch aussuche, könnt ihr euch ja schon umziehen und ins Bett legen.«
Er ging gemütlich die Treppe nach unten und sah im Wohnzimmer durch das Bücherregal. Schließlich fand er, wonach er suchte. ›Meine Lieblingsgeschichten‹, hieß es. Daraus las Papa besonders gern vor. Als er schließlich wieder im Kinderzimmer seiner beiden Töchter stand, lagen diese unter ihren Decken und warteten gespannt, was sie nun zu hören bekommen würden. Papa setzte sich auf den Boden, blätterte ein wenig in den Seiten und begann zu lesen.
»Es war einmal eine junge und hübsche Prinzessin, die von einem riesigen Drachen entführt worden war.«
»Aber nein, Papa.«, beschwerte sich Anna.
»Die Geschichte kennen wir doch schon.«, fügte Lisa hinzu.
Papa zeufzte, klappte das Buch wieder zu und begab sich erneut nach unten, um ein weiteres Buch zu holen.
»Vielleicht sollte ich euch nicht ganz so oft aus meinem Lieblingsbuch vorlesen.«
Dieses Mal war er besser vorbereitet. Er hatte gleich fünf Bücher unter dem Arm und hielt sich nacheinander über seinen Kopf.
»Welches davon soll ich euch vorlesen?«
Die Mädchen sahen sich die bunten Einbände ziemlich genau an, waren sich dann aber einig, dass dort nichts Neues drin stehen konnte.
»Die hast du uns vor ein paar Monaten auch schon vorgelesen.«
Papa seufzte ein weiteres Mal und entschloss sich, seinen beiden Töchtern eine ganz alte Geschichte von seiner Oma zu erzählen.
Es dauerte ein wenig, bis er wieder genau wusste, worum es ging. Ein paar Mal stotterte er und verlor den Faden. Zumindest erinnerte er sich noch an den Schluss. Am Ende waren alle glücklich und zufrieden.
»Schön war die Geschichte ja. Aber es war ganz schön schwer, dir zuzuhören.«, sagte Lisa.
»Du kannst Geschichten viel besser lesen als erzählen, Papa. Vielleicht solltest du einfach vorher alles aufschreiben. Dann vergisst du auch nicht mehr, wie es weiter geht.«, schlug Anna vor.
Die drei wünschten sich gegenseitig eine gute Nacht. Dann schaltete Papa das Licht aus und begab sich ebenfalls ins Bett.
»Ich soll neue Geschichten aufschreiben? Das ist doch eine prima Idee. Gleich Morgen Nachtmittag werde ich damit beginnen.«
Während er schlief, träumte er von einem ganz dicken Buch. Viele Drachen, Prinzessinnen, Hexen und Zauberer kamen darin vor. Die einen waren freundlich, die anderen böse. Trotzdem fand jede Geschichte ein gutes Ende, dank dem tapferen Prinzen, der sich alle Gefahren mutig in den Weg stellte.

Als Papa am nächsten Tag von der Arbeit kam, setzte er sich gleich im Arbeitszimmer an seinen Computer. Vom Fenster aus konnte er seinen Töchtern beim Spielen zuschauen.
»So, ihr zwei Engelchen. Heute Abend dürft ihr die erste Geschichte aus meinem ersten eigenen Buch hören. Ich bin schon sehr gespannt, wie sie euch gefällt.«
Er zog sich die Tastatur bis kurz vor seinem Bauch, legte die Finger auf die Tasten und wollte mit dem Tippen beginnen. Doch genau in diesem Moment waren alle Geschichten aus seinem Kopf verschwunden.
»Was ist denn nun los? Heute Nacht hatte ich doch noch so viele Ideen.«, wunderte er sich.
Er strengte sich an, dachte viel nach und ließ seinen Kopf rauchen. Schließlich kam ihm dann doch noch eine kleine Idee. Er begann sofort zu tippen, doch bevor der erste Satz fertig war, hörte er draußen ein Kind weinen.
Er sah hoch. Im Garten war Lisa von der Schaukel gefallen und hielt sich die Hände ans Knie. Sofort lief Papa nach draußen.
»Was ist denn passiert? Ist alles in Ordnung?«
Er hoch sich seine Tochter auf den Schoß und betrachtete fachmännisch das Knie.
»Das ist halb so schlimm wie es aussieht. Ich mache dir schnell ein großes buntes Pflaster drauf, dann geht’s auch ganz schnell besser.«
In nur wenigen Minuten war die Wunde verarztet. Die Mädchen spielten weiter und Papa setzte sich wieder an den Computer. Schon wieder war die Idee aus seinem Kopf verschwunden.
»Das kann doch nicht wahr sein.«, fluchte er
Wieder dachte er nach. Es dauerte ein paar Minuten, dann konnte er weiter tippen. Den ersten Satz beendete er, den zweiten auch, doch dann folgte die nächste Unterbrechung. Diesmal war es Anna, die er von draußen weinen hörte.
»Was ist passiert? Brauchst du auch ein Pflaster?«
Anna schüttelte den Kopf und zeigte mit dem Finger auf den Gartenteich. Ihr Lieblingsball war hinein gefallen und trieb nun auf der Oberfläche.
»Kein Problem. Ich hole ihn dir sofort wieder raus.«, sagte Papa.
Er kniete sich an den Teichrand und versuchte den Ball mit den Fingerspitzen zu erreichen. Allerdings war sein Arm viel zu kurz. Er machte sich noch ein wenig länger, verlor dann aber sein Gleichgewicht und viel kopfüber ins Wasser.
Die Mädchen trauten sich nicht zu lachen, obwohl sie es gern getan hätten. Papa reichte Anna nun den Ball an und verschwand im Badezimmer unter der Dusche.
Hier konnte er entspannen. Hier war es ruhig, bis auf das Plätschern der Wassertropfen. Mit einem Mal kamen auch die vielen Ideen zurück. Papa drehte die Dusche ab, wickelte sich in ein großes Handtuch und lief zu seinem Computer. Doch bevor er sich setzen konnte, sah er Anna und Lisa erneut am Teich stehen. Sie angelten nun selber nach dem Ball, der ein weiteres Mal auf dem Wasser gelandet war.
Papa ahnte schon, dass das nicht gut ausgehen würde. Er lief zur Gartentür, um seine Töchter aufzuhalten. Allerdings waren seine Füße noch immer nass von der Dusche. Er rutschte auf den glatten Fliesen aus und fiel unsanft auf seinem Hintern.
»Au!«, rief er laut.
Anna und Lisa schauten hoch und kamen sofort zum Haus gelaufen.
»Papa, ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Lisa.
Papa schüttelte den Kopf und wischte sich eine Träne von der Wange.
»Ich bin hingefallen. Das schmerzt ganz schön.«
Sofort lief Anna ins Bad, holte ein Pflaster und klebte es ihm auf den Po.
»Das wird schon wieder.«, sagte sie ernst.
»Bald wird es nicht mehr weh tun. Dann kannst du wieder mit in den Garten kommen und mit uns spielen.«
Papa konnte nur etwas schief lächeln.
»Ach, der Schmerz ist gar nicht so schlimm. Es ist etwas ganz anderes.«, erklärte er.
»Ich wollte ein paar Geschichten für euch zwei aufschreiben. Aber ständig kommt mir etwas dazwischen und dann vergesse ich meine Ideen. So wird das einfach nichts.«
Nun mussten die Mädchen lachen.
»Aber Papa, das ist doch gar nicht so schlimm.«, sagte Anna.
»Wir können dir doch auch dabei helfen.«, fügte Lisa hinzu.
Kurz darauf saßen sie zu dritt vor dem Computer. Die beiden Mädchen dachten sich viele schöne Ideen aus, während Papa sie alle mit der Tastatur tippte. Am Abend konnte er dann seinen Töchtern eine ganz neue Geschichte vorlesen.

(c) 2008, Marco Wittler

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2 thoughts on “131. Papa schreibt ein Buch

  1. Bei uns ist es genau umgekehrt, Töchterchen wünscht sich immer spontan, zur Situation passende Geschichten. Eine ziemliche Herausforderung!
    Aber ich werde mal deine Geschichten durchstöbern, denn abends wird natürlich vorgelesen und da haben wir unsere Bücher schon mehrmals durch!
    Lg
    Barbara

    • Vielen Dank fürs Stöbern. 🙂
      Falls dein Töchterchen mal was Bestimmtes hören möchte, lass es jch wissen. Ich schreib euch was.

      Lieben Gruß,
      Der Marco

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