132. Immer die großen Jungs (Tommis Tagebuch 7)

Immer die großen Jungs

Hallo liebes Tagebuch. Ich bin es der Tommi.
Es war gestern ein unglaublicher Tag. Wie du weißt, haben meine Freunde und ich schon seit ein paar Wochen Probleme mit den großen Jungs in unserer Straße. Sie ärgern uns, wann immer sie uns über den Weg laufen. Keiner von uns ist vor ihnen sicher. Wir wussten gar nicht mehr, was wir machen sollten. Wir trafen uns nur noch heimlich zum Spielen bei einem von uns im Kinderzimmer, denn nicht einmal in unseren Gärten waren wir vor denen sicher. Nur zu gern würden wir es unseren Eltern erzählen, aber wir trauten uns bisher nicht. Die großen Jungs drohten uns immer eine Tracht Prügel an.
Gestern war es dann leider doch so weit. Wir waren alle zum Kindergeburtstag bei Christian eingeladen. Der wohnt zwei Straßen weiter und weiß nichts von unserem Problem. Wir freuten uns alle schon sehr, endlich mal wieder einen Nachmittag in einem Garten spielen zu können, ohne Ärger zu bekommen. Allerdings folgten uns die großen Jungs, was wir nicht wussten.
Um fünfzehn Uhr ging es los. Christians Mutter hatte ganz viel Kuchen gebacken und Kakao gekocht. Das war richtig lecker. Trotzdem hielten wir es nicht lange auf unseren Stühlen aus. Wir hatten alle die kleine Ritterburg im Auge, die sein Vater extra für uns aus Holzresten gebaut hatte.
Nach dem Essen kam ein Clown zu uns und bastelte für jeden von uns Schwerter, Helme und Schilde aus Luftballons. Damit waren wir zu richtigen Rittern geworden. Wir kämpften gegeneinander, zuerst jeder gegen jeden und später in zwei Mannschaften. Mal verteidigten wir die Burg, mal wollten wir sie erobern. Das hat riesig viel Spaß gemacht.
Aber unsere Freude am Spiel war ziemlich schnell vorbei.
»Was macht ihr denn da für einen Babykram? Seid nicht schon zu alt dafür?«, ertönte plötzlich eine Stimme.
Hinter dem Zaun stand Stefan. Er ist der Anführer der großen Jungs und der Fieseste von allen. Mit ihm hat sich noch niemand angelegt.
»Vielleicht sollten wir mal zu euch rüber kommen und euch mit unseren Stöcken verhauen. Die sind wenigstens nicht so langweilig wie eure blöden Luftballons.«
Wir bekamen es mit der Angst zu tun. Sie waren uns gefolgt und wollten uns den schönen Nachmittag verderben.
»Wer sind die?«, fragte Christian.
»Das sind die großen Jungs, die uns jeden Tag ärgern. Wir wissen gar nicht, was wir noch machen sollen. Sie sind viel stärker als wir.«
Nun bekam Christian auch Angst. Wir zogen uns in die Burg zurück, um Kriegsrat zu halten. Jedenfalls wollten wir es so machen. Allerdings fiel keinem von uns etwas ein.
»Wir können sie nicht angreifen und auch nicht vertreiben.«, sagte Michi.
»Die werden sich für alles Rächen, was wir ihnen antun.«, fügte Basti hinzu.
Es war wie verhext. Wir wussten nicht mehr ein noch aus. Wir konnten doch nicht den Rest des Tages in undserem Versteck verbringen.
»Und das alles an meinem Geburtstag.«, maulte Christian zu Recht.
Im Garten war es still geworden. Irgendwann sprachen wir nicht mehr miteinander. Niemand wollte eine dumme Idee vorschlagen.
»Was ist denn mit euch los?«, fragte plötzlich Christians Vater, der von oben in die Burg hinein sah.
Wir erklärten ihm, was geschehen war. Er kam zu uns herein und setzte sich in unseren Kreis. Nun überlegten wir gemeinsam an einer Lösung.
»Ich glaube, ich habe da eine Idee.«, sagte er schließlich.
»Ich habe vom Clown noch eine Tüte mit Luftballons geschenkt bekommen. Vielleicht reichen die ja aus, um die großen Jungs für immer zu vertreiben.«
Zuerst wollten wir das gar nicht glauben. Aber dann zählte er auf, was ihm alles eingefallen war.
Wir gingen zusammen ins Haus und fingen an zu basteln.

Eine Stunde später war es dann so weit. Wir würden Stefan und seine Freunde austricksen. Mit Mühe und Not rollte Christians Vater auf einer Schubkarre zwei schwere Hanteln in den Garten. Er schaffte es kaum, sie auf den Rasen zu legen. Doch dann kam Michi und hob sie beide hoch, als würden sie nur aus Luft bestehen. Eine hielt er mit der linken Hand in die Luft, die andere mit der rechten.
Stefan wären fast die Augen aus dem Kopf gefallen, so überrascht war er. Damit hatte er bestimmt nicht gerechnet.
»Da hat sich ja das Krafttraining richtig gelohnt.«, lobte Christian.
Wir klatschten anerkennend mit den Händen und reichten dann die Hanteln einzeln im Kreis herum. Jeder von uns vollbrachte nun kleine Kunststücke. Wir bewiesen den großen Jungs, dass es nicht klug wäre, sich mit uns anzulegen. Schließlich zogen wir unsere Jacken aus und zeigten ihnen die neuen Muskeln, die wir mittlerweile bekommen hatten.
Nun hielt es Stefan nicht mehr aus.
»Das kann doch alles nicht wahr sein. Das ist unfair. Ihr könnt doch nicht auf einmal so stark sein.«, brüllte er uns an.
Langsam gingen wir auf den Zaun zu und schauten ihn grimmig an. Die großen Jungs bekamen es mit der Angst zu tun und liefen schnell weg. Stefan war nun allein und völlig verzweifelt.
»Lasst mich bloß in Ruhe. Ich habe euch doch gar nichts getan. Wenn mich einer von euch schlägt, werde ich das sofort meiner Mutter erzählen.«
Und schon drehte er sich um und rannte seinen Freunden nach.
Jetzt konnten wir endlich durchatmen. Sie großen Jungs waren auf unseren Trick herein gefallen. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass unsere Hanteln nur Luftballons an Besenstielen waren. Das gleiche galt auch für unsere Muskeln. Die bestanden auch nur aus Luft. Nun konnten wir endlich wieder um die Burg im Garten kämpfen, ohne weiter gestört zu werden.
Als wir dann heute Morgen alle zusammen zur Schule gingen, begegneten wir wieder Stefan und seinen Freunden. Als sie uns sahen, wechselten sie sofort die Straßenseite und taten so, als hätten sie uns nicht gesehen.

So einen aufregenden Tag habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Endlich sind wir die großen Jungs los.

Bis bald, dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler

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