142. Der Suppenkasper

Der Suppenkasper

»Suppe essen ist doof.«, beschwerte sich Paul am Mittagstisch.
»Ich will Fischstäbchen essen oder Pommes. Aber das hier ist doch nur heißes Wasser mit ein wenig Gemüse. Das schmeckt nicht.«
Er ließ seinen Löffel klirrend auf den Boden fallen und schob den Teller weit von sich weg.
»Iss bitte auf. Vor heute Abend gibt es nichts mehr, erst recht keine Süßigkeiten.«, ermahnte ihn Mama.
Paul dachte nach. Er fühlte sich plötzlich hin und her gerissen. Keine Süßigkeiten? Den ganzen Tag nicht? Aber es war doch Samstag. Da bekam er sonst immer einen Riegel Schokolade.
»Ich brauche keine Süßigkeiten. Die kannst du behalten.«, antwortete er schließlich in einem trotzigen Tonfall.
Er stand auf, schob den Stuhl an den Tisch und verließ die Küche Richtung Kinderzimmer.
Mama wollte sofort hinterher und ihn zurück holen. Allerdings wurde sie von Oma gebremst.
»Lass den Jungen ruhig. Er weiß halt einfach noch nicht, was gut schmeckt. Aber das bekommen wir schon hin. Ich kümmere mich darum.«
Sie stand auf, räumte die Teller vom Tisch und begann zu spülen. Mama schnappte sich ein Tuch zum Abtrocknen und stellte sich mit an die Spüle. Doch auch das half nicht viel. Sie war noch immer sehr wütend.
»Nur zu gern würde ich jetzt ins Kinderzimmer gehen und laut mit ihm schimpfen.«
Aber Oma hielt sie ein weiteres Mal zurück.
»Glaubst du denn, dass ihm dann die Suppe besser schmecken würde?«
Mama schüttelte den Kopf und gab auf.

Am Sonntag Morgen stand Oma in der Küche und bereitete das Mittagessen vor. Sie saß am Küchentisch, hatte viele Zutaten auf ihm verteilt und putzte einen großen Berg Gemüse.
»Was gibt es denn heute?«, fragte Paul neugierig.
»Das wirst du schon sehen.«, antwortete Oma frech.
Paul verließ die Küche, nur um ein paar Sekunden später erneut aufzutauchen.
»Wirst du es mir jetzt verraten?«
»Nein.«, war die knappe Antwort.
Als er schließlich zum dritten Mal die Küche betrat, setzte er sich mit an den Tisch und holte einige Kartoffeln aus dem Vorratssack.
»Mir ist langweilig. Darf ich dir vielleicht helfen?«, fragte er.
Oma drückte ihm ein altes Schälmesser in die Hand und stellte eine leere Schüssel auf den Tisch.
»Du kannst die Kartoffeln schälen, wenn du magst. Aber sei bitte vorsichtig, damit du dich nicht schneidest. Sonst essen wir heute rote Kartoffeln.«
Sie mussten beide lachen.
Paul nahm das Messer in die rechte und die Kartoffel in die linke Hand. Ganz vorsichtig schnitt er hinein und entfernte die Schale. Zuerst war diese noch sehr dick, aber mit jedem weiteren Schnitt gelang es ihm besser.
Nach einer Weile unterbrach er sein Schweigen.
»Ich bin fertig. Was mache ich jetzt?«
Oma sah über den Tisch und entdeckte einen Bund Möhren, auf den sie sofort zeigte.
»Die kannst du auch noch schälen und dann auf einem Brett klein schneiden.«
Paul war nun Feuer und Flamme. Es war das erste Mal, dass er in der Küche helfen durfte. Hin und wieder stand er auch bei Opa in der Werkstatt und durfte beim Basteln helfen, aber in der Küche war das etwas ganz anderes.
Es dauerte gar nicht lange, bis die Möhren geschält waren. Nun flogen ihre einzelnen Stücke im hohen Bogen in eine weitere Schale.
»Du meine Güte, bist du schnell.«, sagte Oma erstaunt.
»Wenn du so weiter machst, sind wir ja im Nu fertig.«
Gemeinsam brachten sie alle Zutaten zum Herd und gaben sie in einen großen Topf, in dem schon heißes Wasser befand.
»Jetzt muss das alles noch eine Weile kochen, dann würzen wir  noch ein wenig und schon können wir essen.«
Paul nahm einen großen Holzlöffel zur Hand und rührte, als ginge es um sein Leben, denn so viel Spaß hatte er schon lange nicht mehr gehabt.
»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich darauf freue, mein erstes selbst gekochtes Essen futtern zu können. Wirst du mir vielleicht jetzt verraten, was es wird?«
Aber noch immer schüttelte Oma den Kopf. Schließlich bat sie ihren Enkel nach einer Weile, den Rest der Familie zum Mittagstisch zu holen.
Es dauerte gar nicht lange, bis sie alle auf ihren Plätzen saßen. Mama, Papa und die kleine Schwester Lisa. Oma stellte den großen Topf auf den Tisch, während Paul die tiefen Teller und Löffel verteilte.
»Was gibt es denn heute?«, fragte Mama.
Paul tauchte gerade eine große Kelle in den Topf und füllte anschließend Lisas Teller.
»Aber Mama, das sieht man doch. Es gibt leckere Suppe.«, sagte er.
Mama musste schmunzeln.
»Aber ich dachte, du magst keine Suppe.«, fragte sie.
Paul protestierte sofort.
»Das habe ich niemals gesagt. Suppe ist richtig lecker. Außerdem habe ich sie mit Omas Hilfe selber gekocht. Die muss einfach gut schmecken.«
Zum Schluss füllte er seinen eigenen Teller und begann zu essen.
»Oh ja, die ist mir wirklich gut gelungen.«
Es schmeckte ihm so gut, dass er gar nicht sah, wie Oma zu Mama herüber zwinkerte.

(c) 2008, Marco Wittler

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