143. Flugverbot

Flugverbot

Drago stieß bei seinem Sturzflug durch die Wolkendecke und sah nun plötzlich den Erdboden unter sich. Er sauste in einer kreisenden Bewegung immer tiefer, machte Purzelbäume und Loopings. Erst kurz vor dem Boden zog er wieder hoch und flog erneut in die Wolken hinein.
Nur einen Augenblick später sauste Ador aus ihnen hinaus. Schnell wie ein Pfeil raste er auf einen Wald zu, zwischen dessen Bäumen er nun verschwand und nicht mehr auftauchte.
Drago sah vorsichtig aus den Wolken hervor.
»Ador? Wo bist du denn? Wie soll ich dich jemals fangen, wenn du dich immer versteckst.«
Langsam kam er hervor und ließ sich zur Erde nieder. Sein Kopf wandte sich in alle Richtungen, um den Freund doch noch aufzuspüren.
»Dieser Adler spielt ständig mit fiesen Tricks. Das ist so unfair. Ich hätte ihm schon längst die Freundschaft gekündigt, wenn mir unser Spiel nicht so viel Spaß machen würde.«
Nachdem er den Wald hinter sich gelassen hatte, flog er auf ein Gebirge zu.
Auf diesen Moment hatte Ador nur gewartet. Fast lautlos breitete er seine Schwingen aus und schwang sich zurück in die Lüfte. Er kam seinem Freund immer näher und zwickte ihn schließlich in den Schwanz.
»Du bist und bleibst ein ziemlich langsamer und unaufmerksamer Drache. Ich habe schon wieder gewonnen.«
Drago ärgerte sich. Schon wieder war er in die Falle getappt.
»Aber dann muss ich dich ja noch einmal suchen und fangen.«
Ador nickte.
»Na gut. Das ist aber das letzte Mal für heute. Und dieses Mal ist der Wald tabu. Keine Verstecke mehr.«
Der Adler nickte erneut, hatte aber schon eine neue Schandtat im Kopf.
Drago ließ sich auf einer kleinen Waldlichtung nieder, schloss die Augen und begann zu zählen, während Ador in den Wolken verschwand.
»…, neunundneunzig, einhundert. Ich komme!«
Der Drache  begann mit den Flügeln zu schlagen und verlor kurz darauf den Boden unter den Füßen. Er hob ab und flog in die Wolken hinein.
»Jetzt bist du dran. Sobald du hier raus kommst werde ich dich jagen, bis du nicht mehr kannst.«
Das ließ sich der Adler natürlich zweimal sagen. Er legte die Flügel eng an seinen Körper und sauste wieder wie ein Pfeil Richtung Erde und auf ein kleines Dorf zu.
»Was hat er denn nun wieder vor?«, fragte sich Drago und nahm die Verfolgung auf.
Zuerst sah es sehr gut für den Drachen aus. Er holte Meter um Meter auf. Schon wähnte er sich als Gewinner. Doch dann wurden alle seine Hoffnungen zerstört, als er ein Schild sah.
›Über diesem Dorf gilt ein Drachenflugverbot‹, stand dort in großen roten Buchstaben zu lesen.
»Oh nein, das darf doch nicht wahr sein. Wie soll ich denn dann den Adler fangen?«
Drago erinnerte sich an die letzte Drachensitzung, in der über die neuen Flugverbotszonen diskutiert worden war. Die Menschen fühlten sich vor allem in der Nacht durch den Lärm schlagender Flügel gestört. Aus diesem Grund waren die neuen Schilder aufgestellt worden. Wenn sich ein Drache nicht daran hielt, konnte er damit rechnen, von der Polizei einen Strafzettel zu bekommen.
»Das ist schon wieder unfair.«, rief Drago dem Adler hinterher und machte sich auf den Weg um das Dorf herum.
Ador hatte es sich allerdings auf dem Kirchendach gemütlich gemacht und konnte nun nicht mehr gefangen werden.
»Das nennt man Intelligenz. Ich bin halt viel schlauer aus du.«, rief er seinem Freund noch nach.
Drago war sauer. Wieder einmal hatte die Falle zugeschnappt.
»Wenn ich ihn jetzt nicht einfangen kann, muss ich heute den Abwasch machen. Das lasse ich auf keinen Fall zu. Aber wie stelle ich das nur an?«
Während er seine Kreise um das Dorf zog, entdeckte er einen Mann mit einer großen Leiter, der sich gerade einem der schilder näherte. Er stellte seine Leiter, kletterte daran hinauf und schraubte das Schild ab.
»Was machst du da?«, fragte Drago neugierig.
»Ich entferne die Flugverbotsschilder.«, kam sofort als Antwort.
»Der König unseres Nachbarlandes kommt Morgen zu Besuch und bringt seine drei Hausdrachen mit. Unser Bürgermeister hat daher entschieden, dass für eine Woche das Flugverbot aufgehoben wird.«
»Das klingt ja sehr interessant.«, murmelte der Drache vor sich hin.
Er setzte sich auf einen kleinen Hügel in der Nähe und wartete darauf, bis alle Schilder entfernt worden waren.
»Nun bist du dran.«, sagte er leise, während er wieder mit den Flügel zu flattern begann.
Er flog ganz dicht über den Boden entlang und achtete ganz genau darauf, dass er vom Kirchdach aus nicht gesehen werden konnte. Als er in der Mitte der Dorfes ankam, flog er einen Kreis um das Gotteshaus herum und schwang sich dann von hinten zum Dach empor.
Lautlos landete er hinter dem Adler und packte ihn schließlich mit seinen großen Pranken.
»Jetzt habe ich dich doch noch erwischt. Du hast verloren und musst heute Abend den Abwasch machen. Endlich darf ich auch einmal die Füße hoch legen.«
Schon wollte sich Ador beschweren.
»Aber du darfst hier doch gar nicht fliegen. Du hast die Regeln gebrochen.«
Drago schüttelte den Kopf und holte eine Zeitung hervor, die er ein paar Minuten zuvor bei seinem Anflug an einem Kiosk mitgenommen hatte. Auf der Titelseite war in großen Buchstaben zu lesen, dass das Flugverbot für Drachen mit sofortiger Wirkung für eine Woche aufgehoben sei.
»Du meine Güte. Ich sollte vielleicht öfters meinen Schnabel in die Zeitung stecken.«, bedauerte sich der Adler selber und bereitete sich gedanklich vor, das Geschirr zu spülen.

(c) 2008, Marco Wittler

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