145. Weg mit der Sonne

Weg mit der Sonne

Florian saß in der Schule und hatte großen Mühen, sich vor der Sonne zu verstecken.
»Heute ist es ja mal wieder viel zu heiß.«, flüsterte er seiner Sitznachbarin Nina zu.
»Das stimmt gar nicht.«, flüsterte sie zurück.
»Bei dem Wetter kann ich wenigstens ins Freibad gehen und schön braun werden.«
Florian verdrehte die Augen. Er verstand die Mädchen überhaupt nicht.
Mittlerweile hatte er schon mehrere Blätter aus seinem Heft an das Fenster geklebt, aber die Sonne wanderte immer höher und ihre Sonnenstrahlen suchten sich ihren Weg in das Klassenzimmer. Schon seit Sonnenaufgang hatte Florian seine Sonnenbrille aufgesetzt. Noch vor einem Jahr beschwerten sich die Lehrer darüber, aber inzwischen hatten sie sich daran gewöhnt. Solange er noch von der Tafel abschreiben konnte und seine Noten nicht schlechter wurden, durfte er sich die Brille auf die Nase setzen.
Es klingelte. Der Unterricht war vorbei und die vielen Kinder strömten aus der Schule. Einer der Letzten war Florian. Er hatte sich eine große Mütze aufgesetzt und versteckte sich unter einem Sonnenschirm. Ein paar der Kinder tuschelten und kicherten, aber die meisten hatten sich an diesen komischen Anblick bereits gewöhnt.
»Wenn es doch bloß nicht immer so hell wäre.«, sagte Florian seinem Freund Nils.
»Man schwitzt die ganze Zeit, bekommt Sonnenbrände und muss Angst vor Hautkrebs haben, wenn man sich nicht richtig mit Sonnencreme einschmiert. Ich habe sogar gelesen, dass über Australien ein ganz großes Ozonloch ist und die gefährlichen Sonnenstrahlen bis zur Erde runter kommen. Da darf man erst recht nicht mehr in die Sonne.«
Nils kratze sich am Kopf.
»Was ist denn ein Ozonloch?«
Florian zuckte mit den Schultern.
»Ich hab keine Ahnung. Aber es klingt gefährlich. Wer weiß, vielleicht haben wir so etwas auch bei uns, haben es nur noch nicht entdeckt.«

Den Rest des Tages hatte Florian in seinem Zimmer verbracht. Die Sonnenbrille und seine große Mütze legte er erst ab, als er die Vorhänge zu zog und sich für das Bett fertig machte. Während er sich die Decke über den Kopf zog fuhr ihm noch ein letzter Gedanke durch den Kopf bevor er einschlief.
»Wie schön wär es doch, wenn es die Sonne gar nicht gäbe. Dann müsste ich mich nicht mehr vor ihr verstecken.«

Am nächsten Morgen kam Florians Mutter in das Kinderzimmer.
»Flo, wo bleibst du denn? Du musst doch zur Schule. Du verschläfst doch sonst nicht. Was ist denn plötzlich los mit dir?«
Florian rieb sich verschlafen die Augen und gähnte laut. Er konnte es gar nicht glauben. Er hatte tatsächlich verschlafen. Schon vor zwanzig Minuten hatte er aufstehen wollen.
Er sah zum Fenster. Es war stockdunkel draußen. Durch den Vorhang kam kein Licht herein.
»Mama, bist du sicher, dass ich verschlafen habe? Es ist doch noch dunkel draußen.«
Seine Mutter sah ihn verwirrt an.
»Noch dunkel? Ich weiß nicht, wovon du redest. Steh jetzt endlich auf, du Witzbold.«
Florian stand auf, zog sich an und machte sich im Bad zurecht. Zum Frühstücken blieb keine Zeit mehr, sonst würde er den Bus verpassen. Er packte sich also seine Brote ein und wollte gerade das Haus verlassen, als ihn seine Mutter zurück hielt.
»Willst du wirklich so auf die Straße gehen?«
Er sah an sich herunter, konnte aber nichts sehen, was nicht in Ordnung war. Daraufhin warf ihm seine Mutter eine Winterjacke und die passenden dicken Schuhe zu. Verwirrt zog Florian die Sachen an und öffnete die Tür.
Ein eiskalter Wind wehte ihm entgegen. Überall lag meterhoch Schnee.
»Was ist denn hier passiert? Schnee fällt doch gar nicht im Sommer.«
»Sommer?«, fragte seine Mutter. »Was ist das?«
Florian verstand die Welt nicht mehr und bahnte sich einen Weg durch den fallenden Schnee. Ein paar Meter weiter stand bereits der Bus. An seiner Vorderseite hatte er einen großen Schneepflug angebracht. Anders käme er bei diesem Wetter auch gar nicht durch die Straßen.
In der Schule fühlte sich Florian wohl. Sie waren zwar wegen des Wetters alle eine Stunde zu spät angekommen, dafür musste er aber keine Sonnenbrille tragen. Es blieb den ganzen Vormittag über dunkel. Selbst, als er zur Mittagszeit nach Hause zurück kehrte, ging die Sonne nicht auf.
»Sollte sich mein Wunsch vielleicht erfüllt haben?«
Er betrat das Haus und zog sich die Winterkleidung aus. Eigentlich gefiel ihm die neue Dunkelheit sehr gut. Das einzige Problem waren seine kalten Füße. Doch die würden bald wieder warm werden.
»Komm gleich in die Küche. Das Essen wird sonst kalt.«, rief seine Mutter.
Florian kam der Bitte nach und setzte sich an seinen Platz. Sein Teller war schon gefüllt. Darauf lagen ein Steak, ein Schnitzel und eine große Frikadelle.
»So viel Fleisch? Wo ist denn das Gemüse? Du weißt doch wie gern ich das esse.«, beschwerte er sich.
»Gemüse? Was soll das denn sein? Davon habe ich ja noch nie gehört.«, antwortete seine Mutter.
Da viel Florian ein, was er noch vor ein paar Tagen in der Schule gelernt hatte. Ohne Sonne konnten keine Pflanzen wachsen. Also gab es jetzt wohl keine mehr. Unter dem dicken Schnee hatten sie eh keinen Platz zu wachsen.
»Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen. Wenigstens muss ich keine Angst mehr vor einem Sonnenbrand haben.«

Nachdem die Hausaufgaben erledigt waren, schnappte sich Florian das Telefon und rief seinen Freund Nils an.
»Hast du Lust zu mir zu kommen? Wir können ein wenig zusammen spielen.«
»Bist du verrückt geworden?«, war die Antwort.
»Meine Eltern sind nicht da. Es kann mich keiner zu  dir bringen. Und bei der langen Strecke bis zu dir frieren mir bestimmt ein paar Zehen ab. Du weißt doch, dass mir das schon zwei Mal passiert ist.«
Konnte es wirklich so kalt werden, wenn es keine Sonne gab? Nils wohnte doch nur einen Kilometer entfernt.
Enttäuscht legte Florian auf und rief bei Michi an. Doch der konnte auch nicht vorbei kommen.
»Auf unserem Auto und der Auffahrt liegt schon wieder einen Meter hoch Schnee. Wenn mein Papa das alles weg geschaufelt hat, ist es schon Abend. Tut mir leid.«
Florian war enttäuscht und langweilte sich den Rest des Tages.
Als er sich sehr früh ins Bett legte dachte er noch einmal über den ganzen Tag nach.
»Eigentlich ist die Sonne doch eine gute Sache. So, wie es jetzt ist, gefällt es mir ganz und gar nicht. Es ist zu kalt, man muss überall Licht machen und meine Freunde sehe ich auch nur noch in der Schule. Hätte ich mir bloß nie gewünscht, dass die Sonne verschwindet.«

Der nächste Morgen war wieder ganz anders. Noch bevor der Wecker klingelte wurde Florian von den ersten Sonnenstrahlen geweckt.
»Oh, wie herrlich. Die Sonne scheint.«
Er machte sich fertig und verließ schon bald das Haus. Noch bevor er den Schulbus betrat blieb er an den Mülltonnen stehen, dachte kurz nach und warf schließlich seine Sonnenbrille und die große Mütze weg.
»Die brauche ich nicht mehr. Es gibt doch nichts Schöneres als die Sonne.«

(c) 2008, Marco Wittler

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