149. Die Geisterkutsche

Die Geisterkutsche

»Pünktlich zur Geisterstunde«, erzählte Papa seinen beiden Kindern, »fährt sie durch die Straßen der Stadt. Die Geisterkutsche sucht seit hunderten von Jahren nach Mitfahrern. Doch jeder, der einstieg, blieb für immer verschwunden. Was aus ihnen wurde, weiß bis heute kein einziger Mensch.«
Flynn sah seinen Papa mit großen Augen an. Seine kleine Schweste Sarah hätte gerne vor Angst am ganzen Körper gezittert, traute sich das aber nicht.
»Und wo kann man die Kutsche sehen?«, fragte Flynn.
Doch Sarah wollte die Antwort gar nicht hören. »Lass das bloß sein. Sobald du sie siehst, verzaubert sie dich und du musst einsteigen, ob du willst oder nicht. Also denk lieber schnell an etwas anderes.«
Papa musste innerlich lachen. Seine beiden Kinder waren tatsächlich auf die alte Geschichte herein gefallen, die ihm schon sein Großvater erzählt hatte.
»Also haltet euch schön von den Fenstern fern und schlaft so tief wie möglich, wenn es zwölf Uhr in der Nacht schlägt, damit euch die Geisterkutsche nicht in ihren Bann zieht.«
Mit diesen Worten verabschiedete er sich aus dem Kinderzimmer, schaltete das Licht aus und verschwand im dunklen Flur des Hauses.
»Heute Nacht werden die zwei bestimmt nicht so schnell einschlafen.«
Er sah verstohlen auf einen Wandkalender. Es war die Nacht zum einunddreißigsten Oktober. Es war die Nacht vor Halloween. Sollte es wirklich Geister geben, würden sie alle in dieser einen Nacht aus ihren Verstecken kommen und die Menschen erschrecken.
»Aber Geister gibt es nicht.«, murmelte er vor sich hin.
»Morgen werde ich den Kindern die Wahrheit erzählen.«
Er ging hinab ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein und sah sich einen langweiligen Film an, bei der er nach nur wenigen Minuten im Sessel einschlief.

Flynn und Sarah lagen in ihren Betten und waren sich nicht sicher, ob sie die Wahrheit oder eine Gruselgeschichte gehört hatten.
»Gibt es wirklich Geister?«, fragte Sarah.
Ihr Bruder überlegte und nickte schließlich, bis ihm einfiel, dass ihn seine Schwester in dieser Dunkelheit unmöglich sehen konnte.
»Natürlich gibt es Geister. Ich habe schon oft welche gesehen. Sogar die Geisterkutsche kenne ich schon. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer es war, nicht in sie einzusteigen.«
Er kicherte leise, denn er wusste, dass Sarah sich nun noch mehr fürchten würde.
Sie erzählten sich noch einige Stunden Geschichten über Geister und Monster, bis sie schließlich die Schläge des Glockenturms hörten und mitzählten.
»Eins, zwei, drei, … zehn, elf, zwölf.«
Die beiden Kinder wurden still.
»Geisterstunde.«, flüsterte Flynn schließlich.
Nun bekam er es auch mit der Angst zu tun. Was wäre, wenn es die Geisterkusche nun doch geben würde. Der Kutscher wäre bestimmt nicht erfreut darüber, dass ein kleiner Junge seine Witze über ihn machen würde.
Ein leises Geräusch war plötzlich zu hören. Es wurde immer lauter und schien von der Straße zu kommen. Sarah stand vorsichtig auf und ging ans Fenster. Dort bekam sie große Augen.
»Komm schnell her. Da ist die Geisterkutsche. Ich kann sie genau sehen. Sie schaut so aus, wie Papa sie beschrieben hat.«
Flynn war nun steif vor Angst. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit, dass die Geschichte wahr wäre. Er zog leise die Decke über seinen Kopf und blieb ganz still.
Nach ein paar Minuten blieb die Kutsche vor dem Haus stehen.
»Hallo, kleines Mädchen. Komm herunter zu mir und fahre ein wenig in meiner Kutsche. Komm her.«
Sarah war erstaunt, dass der Kutscher sie hinter der Gardine sehen konnte. Trotzdem hatte sie keine Angst. Es schien ihr, als sei die Geschichte doch nur ein Märchen gewesen.
»So ein netter Geist entführt ganz bestimmt keine Kinder. Ich gehe jetzt runter und lasse mich einmal durch die Stadt fahren.«
Sie zog sich Schuhe und eine Jacke über und schlich sich nach draußen.
Nun hielt es Flynn unter seiner Decke nicht mehr aus. Er kam leise darunter hervor und kroch zum Fenster. Auf der Straße sah er, wie seine kleine Schwester mutig auf die weiß schimmernde Kutsche zuging.
»Oh nein. Sie wird einsteigen und für immer verschwinden. Und ich bin schuld daran, weil ich sie nicht aufgehalten habe.«
Nur zu gern wäre er ebenfalls auf die Straße gelaufen, um Sarah aufzuhalten. Aber dazu fehlte ihm einfach der Mut.

Sarah stand auf der Straße und besah sich die Kutsche ganz genau. Auf dem Bock saß niemand. Die Geisterpferde schienen selber genau zu wissen, wann sie laufen oder stehen sollten.
»Dann muss der Kutscher im Innern sitzen.«
Sie öffnete eine Tür, kletterte die Stufen hinauf und rief ganz laut ›Buh‹.
Der Geisterkutscher fuhr ins sich zusammen, als er das kleine Mädchen sah. Sofort zog er die Tür wieder zu, kletterte nach vorn und trieb die Pferde zu wildem Galopp an. Während die Kutsche um eine Hausecke verschwand, hörte Sarah noch ein paar ängstliche Worte durch die dunkle Nacht erklingen.
»Zu Hilfe, ein Mensch. Rettet mich. Nie hätte ich gedacht, dass es wirklich Menschen gibt. Haben mich denn alle guten Geister verlassen?«

Und seit dieser Zeit ist die Geschichte der Geisterkutsche nicht mehr die selbe. Nun erzählt man sich von dem kleinen Mädchen, vor dem sich alle Geister fürchten. Ob es der Wahrheit entspricht, weiß ich allerdings nicht.

(c) 2008, Marco Wittler

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