150. Das Geisterschloss

Das Geisterschloss

Anna stapfte einer Gruppe Kindern hinterher. Sie war mit ihrer Schulklasse zu Besuch auf einem alten Schloss in der Nachbarstadt. Es war ein Tagesausflug.
»Wenn es doch bloß nicht so langweilig wäre. Überall stehen nur alte Möbel und rostige Ritterrüstungen herum. Da ist ja sogar die Schule noch interessanter.«
Sie maulte bei jeder Gelegenheit herum, egal, ob die anderen etwas davon hören wollten oder nicht.
Nico, der Musterschüler, schien von der Führung sehr begeistert zu sein. Er hörte der älteren Dame mit dem Zeigestock gebannt zu und saugte jedes Wort in sich auf. Außerdem nutzte er jede Möglichkeit, um zusätzlich Fragen zu stellen.
»Stimmt es, dass es hier im Schloss spukt?«
Die alte Dame schüttelte den Kopf. Und wollte mit ihrem Vortrag fortfahren, wurde aber erneut unterbrochen.
»Ich habe davon im Internet gelesen. Es soll hier richtige Geister geben.«
Die Dame drehte sich zu Nico um und sah ihn grimmig an.
»Hör mir mal zu, Junger Mann. Ich arbeite schon seit dreißig Jahren in diesem Schloss. In der ganzen Zeit habe ich nicht ein einziges Gespenst gesehen. Also hör mit dem Quatsch auf.«
Nico war enttäuscht. Nur zu gern hätte er einen echten Geist zu Gesicht bekommen. Aber da musste er wohl ein anderes Schloss besuchen.
»Aber jedes Schloss hat doch ein eigenes Gespenst.«, murrte er leise vor sich hin.
Anna verdrehte die Augen, als sie das hörte.
»Der benimmt sich ja wie ein nörgeliges Baby. Wenn der wirklich einem Geist begegnet, macht er sich garantiert in die Hose.«
Die Schulklasse ging weiter von Raum zu Raum. Ein etwas lauteres Gelächter konnten sich die Kinder nicht mehr verkneifen, als sie ein Schlafgemach betraten.
»Das muss ja ein Kinderzimmer gewesen sein.«, ertönte es aus der einen Ecke.
»Schliefen die etwa alle in Kinderbetten?«, sprach eine weitere Stimme.
Die ältere Dame wurde zornig.
»Das sind normale Betten aus dem Mittelalter. Die Menschen waren damals etwas kleiner als heute. Also macht euch nicht darüber lustig.«
Die Kinder verstummten wieder und folgten ihr in den nächsten Raum. Wieder neue Rüstungen und alte Kleider der Frauen aus einer anderen Zeit.

Während die Kinder weiter durch das Schloss gingen, wurde es draußen immer dunkler. Anna sah auf ihre Armbanduhr und wunderte sich.
»Es ist doch erst elf Uhr am Morgen. Wie kann denn da schon wieder die Sonne untergehen? Das gibt es doch gar nicht.«
Frau Stein, die Lehrerin, hatte Anna gehört und bat die Kinder durch eines der Fenster nach draußen zu schauen.
»In etwa einer halben Stunde ist es draußen stockdunkel. In der Zeitung stand, dass wir heute eine Sonnenfinsternis erleben dürfen.«
Schon öfters hatten die Kinder im Unterricht gehört, dass sich bei diesem Ereignis der Mond zwischen Sonne und Erde schiebt. Sein Schatten verdunkelt dabei einen Teil der Erde.

Eine halbe Stunde später war es dann so weit. Die Schulklasse sah am Himmel nur noch einen hellen Strahlenkranz, der um den Mond herum leuchtete. Dazu ein paar weiße Tupfer, die Sterne.
Keines der Kinder sagte etwas. Sie waren viel zu begeistert, um etwas sagen zu können.
In diesem Moment wurde es auch im Schloss finster. Die Lampen in allen Räumen schalteten sich ab. Von einem Augenblick zum anderen war die Hand vor Augen nicht mehr zu sehen.
»Es ist alles in Ordnung, Kinder. Da ist nur eine Sicherung ausgefallen. Bleibt bitte wo ihr seid, damit ihr euch nicht verletzt oder ihr etwas versehentlich kaputt macht.«, sagte Frau Stein.
Schon war ein erstes Wimmern von ein paar ängstlichen Mädchen zu hören, während zwei Jungs Geistergeräusche machten.
Die Lehrerin herrschte die Jungs an und bestand darauf, dass sie ihre Münder hielten.
»Schämt euch. Das ist alles andere als nett von euch.«
Doch dann lief es ihr ebenfalls kalt den Rücken hinunter, denn durch einen der Durchgänge zwischen den Räumen schimmerte plötzlich ein leichter Lichterschein, der immer näher kam. Es waren nicht einmal Schritte zu hören.
»Ein Geist, da ist ein Geist.«, schrie Nico vor lauter Panik und versteckte sich hinter einer Gruppe anderer Kinder.
Frau Stein war sich nicht sicher, was sie dort sah. Sie traute der ganzen Sache nicht.
»Schaut nach, ob euer Sitznachbar aus dem Bus bei euch ist.«, verlangte sie von ihrer Klasse.
Schon nach wenigen Sekunden stellte sich heraus, dass Anna nicht mehr da war. Frau Stein stand wütend auf und ging auf das falsche Gespenst zu, welches nun ganz deutlich als dunkelblau leuchtendes Bettlaken zu erkennen war.
Sie griff nach dem Laken und zog daran. Doch darunter war nichts. Der Stoff fiel auf dem Boden in sich zusammen.
Die Kinder fingen an zu kreischen und wollten so schnell wie möglich aus dem Schloss heraus. Die rannten wie wild durch die Dunkelheit und suchten verzweifelt nach einem Ausgang.
Und in diesem Moment begannen die Lampen wieder zu leuchten. Der Spuk war  vorbei.
An einer der Türen stand die ältere Dame. Ihre Hand lag auf einem der Lichtschalter, den sie gerade betätigt hatte. Neben ihr stand Anna. Beide grinsten über das ganze Gesicht.
»Danke, Tante Berta.«, sagte sich freudestrahlend.
»Der Trick mit dem schwebenden Bettlaken am Haken funktioniert immer wieder. Ich wusste doch gleich, dass auch meine Klasse darauf herein fällt.«

(c) 2008, Marco Wittler

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