157. Der echte Weihnachtsmann

Der echte Weihnachtsmann

»Schau Mama, da ist der Weihnachtsmann.«
Leon verdrehte sich in seinem Kindersitz und versuchte das gefundene Objekt so lange wie möglich im Auge zu behalten.
»Aber warum hängt er denn dort zum Fenster raus? Er muss doch heute Nacht mein Geschenk unter den Baum legen.«
»Aber nein, mein Schatz. Das ist nicht der echte Weihnachtsmann. Das ist nur eine Figur, die jemand aus Spaß an sein Fenster gehängt hat.«
Leon war verwirrt. Ein falscher Weihnachtsmann? Er sah sich um und entdeckte noch fünf weitere dicke Männer in roten Mänteln.
»Und die sind auch alle nicht echt?«
Mama schüttelte den Kopf.
»Hoffentlich sieht der richtige Weihnachtsmann diese Puppen nicht, sonst wird er bestimmt sauer und bringt diesen Leuten keine Geschenke.«
Mama fuhr indes auf einen Parkplatz vor dem Einkaufszentrum und schaltete den Motor ab. Sie half Leon aus dem Kindersitz und gemeinsam gingen sie einkaufen.
Aus allen Ecken ertönte laute Weihnachtsmusik und in jedem Regal lagen Geschenke, bunte Baumkugeln, Lametta und noch vieles mehr. Doch in der Mitte des riesigen Gebäudes stand eine mehrere Meter hohe Tanne, die von oben bis unten geschmückt war.
»Da passen aber bestimmt ganz viele Geschenke drunter. Wollen wir den nicht in unser Wohnzimmer stellen?«, fragte Leon.
»Dann bekomme ich dieses Jahr extra große Geschenke.«
Doch eine Antwort wartete er nicht mehr ab, denn plötzlich entdeckte er jemanden. Vor dem Baum saß ein dicker Mann mit weißem Bart und rotem Mantel.
»Schau, da ist der richtige Weihnachtsmann. Der kann nur richtig sein. Er lebt und bewegt sich.«
Leon lief hin und sah zu, wie sich ein Kind nach dem anderen auf den Schoß des Weihnachtsmanns setzte. Daneben stand ein großes Schild.
»Was steht denn dort?«
Mama ging mit ihm ein paar Schritte näher und las laut vor, was dort stand.
»Lass dich mit dem Weihnachtsmann fotografieren. Je Foto nur fünf Euro.«
Leon war verwundert.
»Hat denn der Weihnachtsmann so viel Zeit? Er muss sich doch darum kümmern, dass alle Geschenke rechtzeitig in seinem Schlitten verstaut sind. Wie will er das denn noch schaffen?«
Mama schüttelte nur den Kopf.
»Das ist nicht der echte Weihnachtsmann. Das ist nur ein Angestellter der Kaufhauses.«
Leon war enttäuscht. Er konnte es gar nicht glauben, dass es so viele falsche Weihnachtsmänner auf der Welt gab.

Am späten Nachmittag ging es noch einmal in den Kindergarten. Die Ferien hatten zwar schon begonnen, aber für die Weihnachtsfeier öffneten die Kindergartentanten noch einmal die Türen.
Es wurde viel gespielt, gesungen und gelacht, bis kurz vor dem Abend noch jemand in den Raum trat.
»Der Weihnachtsmann ist da.«, riefen die vielen Kinder durcheinander und freuten sich riesig.
»Der ist doch bestimmt auch nicht echt, oder?«
Leon drehte sich fragend zu Mama um. Mittlerweile hatte er die Nase voll. Für seinen Geschmack gab es viel zu viele falsche Weihnachtsmänner.
»Kann es vielleicht sein, dass es überhaupt keinen richtigen Weihnachtsmann gibt?«, drängte sich ein Verdacht in seinen Kopf.
Doch diesmal schüttelte Mama ganz überzeugt den Kopf.
»Es gibt ihn schon, aber er würde bestimmt nicht bei einer Weihnachtsfeier auftauchen, denn dann hätte er gar keine Zeit mehr, um sich um die vielen Geschenke zu kümmern.«
Leon war sich nicht sicher, ob er das wirklich glauben sollte. Aber behielt er für sich.

Spät in der Nacht lag Leon noch immer wach im Bett und dachte über den Tag und die vielen falschen Weihnachtsmänner nach.
»Das ist so gemein, dass wir Kinder überall hereingelegt werden. Ich glaube nicht, dass es den Weihnachtsmann wirklich gibt.«
In diesem Moment hörte er ein Rumpeln auf dem Dach, wenige Moment später eine Etage tiefer im Wohnzimmer.
»Was ist denn da los? Ist jemand bei uns eingebrochen?«
Er holte sein Spielzeugschwert aus dem Schrank und schlich sich die Treppe hinunter.
Als er leise die Wohnzimmertür öffnete, sah er einen großen dicken Mann mit weißem Bart. Er war in einem roten Mantel gekleidet, legte ein paar hübsch verpackte Pakete unter den Weihnachtsbaum und ging zum Kamin. Bevor er darin verschwand, drehte er sich noch einmal um und lächelte.
»Hallo Leon. Wie du siehst, gibt es mich doch. Aber weil ich so unendlich viel zu erledigen habe, gibt es überall auf der Welt meine Stellvertreter. Die kannst du immer wieder sehen. Aber trifft man nur in einer Nacht im ganzen Jahr. Und nun schlaf gut und freu dich auf Morgen früh.«
Der Weihnachtsmann zwinkerte, kletterte den Kamin hinauf und verschwand.
Leon legte sich überglücklich ins Bett und schlief ganz schnell ein.

(c) 2008, Marco Wittler

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