158. Weihnachten fällt aus

Weihnachten fällt aus

Nicht nur Spatzen pfiffen es bereits von den Dächern. Alle anderen Vögel hatten bereits mit eingestimmt. Die schlimmen Neuigkeiten ließen sich nicht mehr verheimlichen.
»Was? Das kann doch nicht wahr sein. Ich glaube dir kein einziges Wort.«
Jasmin wollte sich die Ohren zuhalten. Aber es war bereits zu spät. Denn sie hatte gehört, was ihr Bruder Christian erzählt hatte und nun noch einmal wiederholte.
»Aber wenn ich es dir doch sage. Weihnachten fällt dieses Jahr aus. Irgendwer hat den Weihnachtsmann entführt. Es werden also keine Geschenke unter den Bäumen liegen. In der Schule redet man von nichts anderem mehr.«
Nur zu gern hätte Jasmin angefangen zu weinen. Doch sie biss die Zähne zusammen und akzeptierte, was man ihr erzählte.
»Und ich habe mich doch so sehr auf mein neues Puppenhaus gefreut. Das ist richtig gemein. Wer macht denn sowas?«
Christian hatte darauf keine Antwort. Er zuckte nur mit den Schultern und verließ das Zimmer seiner Schwester.
»Weihnachten fällt wirklich aus?«, murmelte Jasmin vor sich hin.
»Dagegen muss doch unbedingt etwas unternommen werden.«

Am nächsten Tag hörte sie sich mit ihrer Freundin Emma in der großen Pause überall auf dem Schulhof um. Es wussten tatsächlich fast alle Kinder Bescheid. Aber nicht ein einziger Schüler konnte erklären, woher sie die Nachricht hatten oder wer den Weihnachtsmann entführt hatte.
»Wie sollen wir ihn denn dann jemals finden und befreien?«, maulten die Mädchen.
In diesem Moment hörten sie eine leise Stimme, die aus einem Gebüsch zu stammen schien. Neugierig gingen sie näher und schoben die Äste beiseite. Da entdeckten sie eine kleine Gestalt mit langen, spitzen Ohren und einem grünen Gewand.
Seid gegrüßt, ihr mutigen Menschenkinder. Habe ich es richtig verstanden, dass ihr den Weihnachtsmann befreien wollt?«
Jasmin und Emma nickten unsicher.
»Wer oder was bist du denn?«
Die kleine Gestalt kam ein paar Schritte näher und verbeugte sich.
»Entschuldigt bitte mein ungebührliches Benehmen. Mein Name ist Sternenlicht und ich bin eine Weihnachtselfe.«
Nun erhellten sich die Gesichter der beiden Mädchen. Sie waren offensichtlich der Rettung des Weihnachtsmanns ein Stück näher gekommen.
Sie baten die kleine Elfe im Busch noch ein wenig bis zum Schulschluss zu warten.
»Aber lasst euch nicht zu viel Zeit, denn jede einzelne Minute zählt.«

Ein paar Stunden später holten die Mädchen Sternenlicht aus dem Busch und gingen zu dritt die Straße entlang.
»Wir Elfen sind noch immer schockiert. Seit Urzeiten arbeiten wir nun schon für den Weihnachtsmann und noch nie ist etwas Vergleichbares geschehen. Wir waren gerade dabei den Geschenkesack zu füllen, als es in der Schlittenhalle plötzlich blitzte und undurchdringbarer Rauch aufstieg. Wir konnten die Hand nicht mehr vor Augen sehen. Nachdem wir dann aber Türen und Fenster zum Lüften geöffnet hatten, war der Weihnachtsmann verschwunden.«
Sternenlicht zog einen Brief aus der Tasche und übergab ihn den Mädchen.
»In diesem Jahr wird es kein Weihnachten und keinen Winter geben. Ihr könnt machen was ihr wollt. Aber so wird es geschehen. Der Weihnachtsmann wird erst im kommenden Sommer in die Freiheit zurückkehren.«
Jasmin hatte jedes Wort gelesen und war ebenfalls schockiert. So einen bösen Menschen konnte es doch unmöglich geben.
»Wir werden euch helfen.«, unterbrach Emma die Stille.
Sternenlicht war froh Hilfe gefunden zu haben und pfiff auf zwei Fingern. Nur ein paar Sekunden später landete neben ihnen ein großen Rentier auf der Straße.
»Das ist Rudolf. Er wird uns in Windeseile zum Nordpol bringen.«

Sie waren schon fast an ihrem Ziel angekommen. Überall war es weiß. Meterdick lag der Schnee auf dem Boden und begrub alles unter sich. Nur die Spitzen der höchsten Bäume waren noch zu sehen.
»Was ist denn das dort drüben?«, fragte Emma.
»Das ist der Wohnsitz des Winters.«, antwortete Sternenlicht.
»Er ist der direkte Nachbar des Weihnachtsmanns.«
Jasmin besah sich dieses Fleckchen Erde und wunderte sich. Der gesamte Nordpol war vereist Nur dort, wo der Winter lebte, war es grün. Dort blühten Blumen und es schien warm zu sein.
»Ich dachte, der Winter mag es richtig eisig kalt.«
»Oh nein.«, begann Sternenlicht ihre Erklärung.
»Es ist seine Arbeit, die Welt mit Schnee und Eis zu bedecken. Aber er mag es lieber richtig warm. Deswegen ist auch der Sommer sein bester Freund.«
Emma dachte darüber nach, bis ihr eine Idee in den Kopf kam.
»Wir sollten dort landen und dem Winter einen Besuch abstatten. Ich wette, er weiß etwas über die Entführung.«
Rudolf drehte ab und landete wenige Augenblicke später im saftigen Gras, welches er sofort zu fressen begann.
»Verschwindet hier, ihr dummen Kinder und nehmt euren gefräßigen Elch mit, bevor ihr etwas auf den Hintern bekommt. Das hier ist ein englischer Zuchtrasen. Er ist sehr teuer und nicht als Mahlzeit gedacht. Da steckt sehr viel Arbeit drin.«
Ein Mann mit langem Bart und weißem Mantel kam ihnen entgegen gerannt.
»Das ist der Winter. Er ist ein ziemlich schlecht gelaunter Geselle. Man will gar nicht glauben, dass der Weihnachtsmann sein Bruder ist.«
»Sein Bruder?«, fragten die Mädchen gleichzeitig im Chor.
»Nun wird mir einiges klar.«
Jasmin drehte sich zum Rentier um.
»Lieber Rudolf, bitte fliege zum Nordpol weiter und komme mit allen Rentieren hierher zurück, die du finden kannst. Es ist so viel saftiges Gras hier, dass ihr alle mehr als satt werden könnt.«
Das Rentier hob sofort ab und flog davon.
Der Winter stand inzwischen nach Atem ringend vor den Mädchen und blickte zornig drein.
»Wie könnt ihr es wagen, einfach meinen schönen Rasen zu schädigen. Die Hufe eures Elches haben tiefe Löcher hinterlassen.«
»Rudolf ist kein Elch, sondern ein Rentier.«, verbesserte Emma.
»Und sie sagen uns jetzt, wo wir den Weihnachtsmann finden. Er hat noch viel zu tun in den nächsten Tagen.«
Der Winter schüttelte nur den Kopf.
»Ich weiß gar nicht wovon ihr da überhaupt redet. Ich habe meinen Bruder schon lange nicht mehr gesehen. Also macht, dass ihr verschwindet.«
Plötzlich landete eine ganze Herde fliegender Rentiere auf dem Rasen und begann, jeden Halm einzeln zu fressen.
»Du meine Güte, was soll denn das? Ihr könnt doch nicht einfach meinen Rasen zerstören. Elf Jahre habe ich ihn gepflegt, damit er so gut aussieht.«
Jasmin stellte sich dem Winter in den Weg.
»Wo ist der Weihnachtsmann? Wenn sie uns nicht helfen, werden unsere Rentiere den kompletten Rasen auffressen. Sie haben nämlich sehr großen Hunger.«
Verzweifelt sah der Winter zwischen den Mädchen und der Rentierherde hin und her. Schließlich gab er auf und setzte sich hin.
»Er ist in meinem Haus und schläft tief und fest. Ich habe ihn zu meinem Geburtstag eingeladen und habe ihm ein Schlafmittel gegeben. Ich wollte nicht, dass er seine Arbeit erledigt. Denn wenn er erst einmal unterwegs ist und Geschenke verteilt, dann muss ich ebenfalls um die Erde reisen und es überall schneien lassen. Dabei ist mir das viel zu kalt. Ich kann Kälte überhaupt nicht leiden.«
Emma lief zum Haus und weckte den Weihnachtsmann. Jasmin setzte sich neben den Winter, legte ihre Hand auf seine und tröstete ihn.
»Das tut mir Leid. Aber gibt es da denn keine andere Lösung? Die Kinder auf der ganzen Welt warten doch sehnsüchtig auf ihre Geschenke.«
Der Winter zuckte nur mit den Schultern.
»Vielleicht kann ich euch weiter helfen.«
Emma kam mit zwei Männern aus dem Haus. Der eine war der Weihnachtsmann, der andere war der Sommer. Und letzterer schien eine wirklich gute Idee zu haben.
»Ich habe meine Arbeit für dieses Jahr bereits erledigt und habe nun Urlaub. Und es war schon immer mein größter Wunsch, einen Skikurs in den Bergen zu machen. Der Winter bleibt einfach hier auf seiner Wiese und ich übernehme dieses Mal seine Arbeit.«
Mit dieser Lösng waren alle einverstanden. Die Rentiere flogen zurück zum Nordpol. Es wurde Zeit, vor den Schlitten gespannt zu werden. Der Sommer holte seine Ski aus dem Keller während der Winter die Schäden an seinem Rasen begutachtete und mit einer kleinen Gießkanne hin und her lief.
Der Weihnachtsmann bedankte sich bei seinen beiden Retterinnen und brachte sie zurück nach Hause.

(c) 2008, Marco Wittler

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