159. Glühwürmchen

Glühwürmchen

Die Tage waren kürzer geworden. Die Anzeige auf dem Thermometer  fiel und eine unüberschaubare Menge Schnee hatte sich auf die Erde gelegt. Überall auf dem Boden glitzerte das Licht von Mond und Sternen.
Weihnachten stand vor der Tür und alle Menschen bereiteten sich fieberhaft darauf vor. Die letzten Geschenke wurden verpackt und Häuser festlich geschmückt. Auch ein großer Weihnachtsbaum durfte in keiner einzigen Stube fehlen.
Das war im nahen Dorf so und in der Schule für Hexen und Zauberer nicht anders. Doch hier war alles etwas anders.
Der Schuldirektor, ein alter Zauberer mit langem Bart stand in der großen Eingangshalle und überwachte die Arbeiten des Hausmeisters. Dieser hatte nämlich gerade ein paar grüne Zweige unter der Decke angebracht und stemmte nun eine ziemlich große Tanne in einen Baumständer.
»Noch ein kleines Stück zurück. Nein, jetzt wieder etwas nach links. Ja, genau. Das ist perfekt.«
Der Baum stand und wurde festgeschraubt. Nun würde er während der Feiertage alle Schüler erfreuen.
»Aber was lasse ich mir denn in diesem Jahr einfallen, um ihn richtig zur Geltung zu bringen?«, fragte sich der Direktor.
Er braucht schon einen ganz besonderen Schmuck, damit er sich von den Bäumen der Dorfbewohner abhebt. Schließlich sind wir doch eine Zauberschule.«
Er zog sich seinen dicken Mantel an und begab sich in den Wald. Dort sah er sich überall um. Doch die letzten Pilze des Herbstes und ein paar alte Moose waren alles, was er fand.
»Also damit kann ich nun wirklich nichts anfangen.«
Doch in diesem Moment wurde er auf ein kleines Loch in einem Baum aufmerksam, in dem es seltsam leuchtete. Er ging vorsichtig näher und sah hinein.
»Du meine Güte, das ist ja ein ganzer Schwarm Glühwürmchen. Das ist genau das, wonach ich gesucht habe.«
Er holt mit der Hand ein Glühwürmchen nach dem anderen aus dem Loch und verstaute sie in einer kleinen Holzkiste, die er zuvor aus seiner großen Tasche genommen hatte.
»Wenn ich die kleinen Tierchen in gläserne Kugeln steckte, werden sie den Baum in ein herrliches Licht eintauchen. Die Schüler werden begeistert sein.«
Mit seinem Fund machte er sich schon nach ein paar Minuten auf den Heimweg.

Zurück in seinem Büro zauberte sich der Direktor eine große Kiste mit gläsernen Kugeln. In jede dieser Kugeln sperrte er nun jeweils einen der kleinen Leuchtkäfer.
Am Abend rief er alle Schüler in die Eingangshalle. Jeder sollte sich beteiligen und den Baum schmücken.
»Zuerst kommt das Lametta an die Äste, danach die Strohsterne und Engelsfiguren. Ganz zum Schluss hängt ihr die leuchtenden Kugeln an den Baum.«
Die Schüler sahen in die Kiste und bekamen große Augen. Sie konnten es nicht glauben, aber in jeder einzelnen Kugel war ein kleines Glühwürmchen gefangen.
Der Schulsprecher nahm eine von ihnen und trat vor den Direktor.
»Es tut mir leid, aber wir können diese Tiere unmöglich so an unseren Baum hängen. Es sind lebende Wesen und sie sind bestimmt nicht glücklich darüber, dass sie nun eine lange Zeit in einer Glaskugel verbringen müssen.«
Darüber hatte der Direktor gar nicht nachgedacht.
»Du hast natürlich Recht, mein Junge. Jetzt habe ich ein richtig schlechtes Gewissen. Was machen wir denn nun? Wir brauchen doch eine festliche Beleuchtung für unseren Baum.«
Doch die Schüler hatten bereits eine Idee. Sie schraubten die vielen Kugeln auf und ließen die Glühwürmchen frei. Zum Dank flogen die kleinen Käfer nun in den Baum hinein, verteilten sich auf den Ästen und leuchteten um die Wette.
»Sie wollen den ganzen Winter über hier in der warmen Schule verbringen. Es gefällt den Glühwürmchen hier viel besser als im kalten Wald. Sie möchten allerdings nie wieder eingesperrt werden.«, sagte der Schulsprecher.
»Dafür werde ich höchstpersönlich sorgen.«, versprach der Direktor.
Nun leuchtete der Weihnachtsbaum so schön und hell, wie er es in keinem anderen Jahr zuvor getan hatte. Und alle paar Minuten flogen die kleinen Tierchen um die Baum herum und ließen sich an einem neuen Platz nieder.

(c) 2008, Marco Wittler

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